CARMEN – London, Royal Opera House Covent Garden

von George Bizet (1838-1875), Opéra comique in 4 Akten, Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy, UA: 3. März 1875 Paris, Opéra-comique (Salle Favart)

Regie: Francesca Zambello , Bühne und Kostüme: Tanya McCallin, Lichtdesign: Paule Constable, Choreographie: Arthur Pita

Dirigent: Bertrand de Billy, Orchester des Royal Opera House

Solisten: Elena Maximova (Carmen), Bryan Hymel (Don José), Alexander Vinogradov (Escamillo), Nicole Car (Micaëla), Vlada Borovko (Frasquita), Michèle Losier (Mercédès), Grant Doyle (Dancaire), Timothy Robinson (Remendado), Nicolas Courjal (Zuniga), Samuel Dale Johnson (Moralès)

Besuchte Aufführung: 19. Oktober 2015 (Premiere)

London CarmenKurzinhalt

Don José ist in die Zigeunerin Carmen verliebt. Doch diese ist ein Freigeist und will sich keinem Mann unterwerfen. Bei einem Streit verletzt Carmen eine Arbeiterin und soll verhaftet werden. Doch als sie mit Don José eine gemeinsame Liebesnacht für ihre Freiheit verspricht, läßt er sie fliehen. Für diese Pflichtverletzung muß er zwei Monate Gefängnisstrafe absitzen. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, werden die beiden ein Liebespaar. Nach kurzer Zeit aber verläßt Carmen Don José wieder, denn sie hat sich in den Torero Escamillo verliebt. Noch immer besessen von Carmen fleht Don José sie an, zu ihm zurückzukommen. Als diese ihn erneut abweist ersticht er sie.

Aufführung

Ein Hof vor den Toren der Stadt, eingerahmt von zwei Hausfassaden im Hazienda-Stil, zeigt den Schauplatz. Die Kostüme sind an die spanische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts angelehnt: die reicheren Damen tragen aufwendig drapierte Mantillen, die Zigeunerinnen Korsagen und Taftröcke in Erdtönen, die Soldaten dunkelblaue Militärwesten mit goldener Knopfreihe. Präsentiert wird dieses Stimmungsbild wie eine historische Miniaturabbildung in allen Facetten: über das Einreiten Escamillos auf einem echten schwarzen Roß bis hin zur Choreographie eines wilden Flamenco-Tanzes.

Sänger und Orchester

Schon zur Ouvertüre entführt Bertrand de Billy in die Bizet‘sche Klangwelt spanischer Märsche und Zigeunermusik. Mit einem raschen Tempo dirigiert er durch die Allegroteile der Partitur, nimmt das Orchester aber auch bei den Andante-Partien mit einem festen Dirigat zurück, so daß sich in Bläsern und Streichern ein dramatisch schwelgender Klang entfalten kann, der auch auf das tragische Ende der Oper einstimmt. Im ersten Akt überzeugt vor allem der Chor durch üppige Vielfalt der Stimmen, die trotzdem gebündelt und rhythmisch akkurat zusammen harmonieren. Besonders die Kinderchoreinlage zur Begrüßung des Militärs hebt sich durch den einheitlichen Klang hervor.

Anschließend daran hinterläßt der Auftritt von Elena Maximova (Carmen) bleibenden Eindruck. Schnell überwindet sie anfängliche Atemprobleme in der Eingangsarie und steigert sich von Akt zu Akt zu Höchstleistungen. Ihr üppiger, dunkler Mezzosopran verleiht ihrer Stimme einen unverwechselbaren Charakter, der zu der Rolle der feurigen Zigeunerin paßt. Dabei überzeugt sie besonders in der Seguidilla Près de remparts de Séville – Nahe der Stadtmauern von Sevilla mit dem spielerischen Wechsel zwischen tief grollender Bruststimme und hoch gehauchten Spitzentönen. Besonders die dynamische Steigerung vom Piano im ersten Durchlauf der Strophe bis zur letzten Wiederholung im Fortissimo, sorgen für dramatische Höhepunkte. Ihr weiblicher Konterpart wird von Nicole Car (Micaëla) gesungen, die in der tragischen Rolle der heimatverbundenen Familienfreundin eine hervorragende Leistung abliefert und vom Publikum mehrere Male lautstarken Zwischenapplaus erntet. Ihr lyrischer Sopran hat in den hohen Tönen einen geschmeidigen und zugleich kraftvollen Klang, dabei beherrscht sie das Anschwellen der Stimme in den Spitzentönen besonders gut und schafft es in der Arie Je dis que ne rien m’épouvanteIch sagte, daß nichts mich fürchten könnte auch bis zum zweigestrichen H noch glasklar zu intonieren. Im Duett mit Bryan Hymel (Don José) entstehen im letzten Akt wunderschöne Zusammenklänge, als Micaëla Don José an seine sterbende Mutter erinnert. Hymel intoniert seinen schlanken, kühlen Tenor sehr stark mit der Bruststimme und kommt damit auch noch bis in die hohen Lagen. In der Arie La fleur qui tu m’avais jeté – Die Blume, die du mir zugeworfen hast im zweiten Akt, singt er die Fermate der Schlußphrase Je t’aime dramatisch lange aus und haucht im sotto voce was das Zuhörerherz begehrt. Sein männlicher Gegenspieler wird von Alexander Vinogradov (Escamillo) mit einem rauen Bariton, entsprechend seiner Rolle, überspitzt ernst interpretiert. Dabei liefert Vinogradov eine stimmlich saubere Darstellung ab, bei der er gleichbleibend mezzoforte und sehr akzentuiert den Torero-Marsch Toréador en garde – Torrero, sei auf der Hut singt.

Fazit

Die Inszenierung legt insgesamt sehr viel Wert auf eine authentische Widerspiegelung der im Libretto beschriebenen Szenerie, bei der der Freigeist der Zigeuner auf die starren Strukturen der gehobenen Gesellschaft prallt.

Die Zambello Inszenierung ist nicht ohne Grund berühmt und ein Kassenschlager, der seit 2006 nun schon zum fünften Mal nach Covent Garden zurückkehrt. Hier stimmt einfach alles: Bühnenbild, Kostüme, musikalische Darbietung und Schauspiel. Dank der hervorragenden Leistung der Sänger und des Orchesters kommen die großen Emotionen des Librettos beim Zuschauer an; das originalgetreue Bühnenbild und die Kostüme sorgen für Gänsehaut pur vom ersten bis zum letzten Moment. Einfach wunderschön!

Melanie Joannidis

Bild: Catherine Ashmore for Royal Opera House

Das Bild zeigt: Bryan Hymel (Don José), Elena Maximova (Carmen)

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