LA CLEMENZA DI TITO – Paris, Théâtre des Champs-Élysées

von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Dramma serio per musica in zwei Akten, Libretto: Caterino Tommaso  Mazzolà nach Pietro Metastasio, UA: 6. September 1791 Prag, Ständetheater

Regie: Denis Podalydès, Bühne: Eric Ruf, Kostüme: Christian Lacroix, Licht: Stéphanie Daniel, Choreographie: Cécile Bon

Dirigent: Jérémie Rhorer, Le Cercle de l’Harmonie, Chœur Aedes, Choreinstudierung: Mathieu Romano

Solisten: Kurt Streit (Titus), Karina Gauvin (Vitellia), Julie Fuchs (Servilia), Kate Lindsay (Sextus), Julie Boulianne (Annius), Robert Gleadow (Publius)

Besuchte Aufführung: 10. Dezember 2014 (Premiere)

LA CLEMENCE DE TITUS -Kurzinhalt

Nachdem der Kaiser Titus seine Kaiserin Bérénice verstoßen hat, beschloß er, Servilia, die Schwester des Sextus, zu heiraten. Dieser ist ein Freund des Titus und liebt Vitellia. Diese hatte jedoch schon lange gewartet, das Titas sie zu Kaiserin mache und sieht ihre Hoffnungen nun zerstört. Aus Rache stiftet sie Sextus an, Titus zu ermorden.  Inzwischen gesteht Servilia dem Kaiser ganz offen ihre Gefühle für Annius. Titus verzichtet großmütig auf sie und beschließt nun Vitellia zu seiner Gemahlin zu machen. Doch die Verschwörung hat seinen Lauf genommen. Titus entgeht seinen Mördern. Sextus  wird gefangen und nimmt aus Liebe zu Vitellia alle Schuld auf sich. Er soll den wilden Tieren vorgeworfen werden. Doch schließlich gesteht und bereut Vitellia ihren Racheplan. Titus vergibt allen.

Aufführung

Zum besseren Verständnis des Vorangegangen setzt Denis Podalydès der Oper den gesprochenen Abschiedsmonolog der Bérénice aus Racines gleichnamigen Theaterstück voraus. Im übrigen haben er und sein Team die Oper sehr geschickt in die Aufenthaltsräume eines Grandhotels der 1930iger Jahre versetzt. Hohe Wände mit dunklem Holz verschalt, Stilmöbel des 19. Jahrhunderts, zeitgenössische Kostüme, dunkler Anzug, Mantel für die Herren, dreiviertellange Kleider oder Röcke für die Damen. Die Beleuchtung gedämpft. In dieser geschniegelten, diskret eleganten Atmosphäre der Höflinge des Kaisers, fällt die Figur der Vitellia in jeder Beziehung völlig aus dem Rahmen. Eine eher üppige Gestalt in langem, dekolletiertem Abendkleid, mit ordinären Bewegungen und fettem Lachen. Falls Podalydès eine laute, hemmungslose, intrigante, nach Macht und Ansehen heischende Furie auf die Bühne stellen wollte, so ist ihm das gelungen. Es entspricht einem Großteil des Librettos, nicht aber der unlogischen Reuewendung am Schluß der Oper.

Sänger und Orchester

Der entschiedene Star der Aufführung ist Kate Lindsay. Sie spielt und vor allem singt den innerlich zerrissenen und den hoffnungslos verliebten Sextus mit bewundernswerter Sensibilität. Ihr klarer Mezzosopran durchläuft die schwierigsten Melismen nuanciert und mühelos und verliert auch in den dramatischen Passagen nichts vor ihrer Weichheit. Schon in der großartigen Arie im ersten Akt Parto, parto (mit obligater Klarinette) und fast noch mehr im Lamento des zweiten Akts Deh per questo istante solo entfacht sie begeisterten Szenenapplaus. Kurt Streit singt mit hellem Tenor und feinem Timbre den Titus würdig und gemessen. Schade, daß er in den hohe Lagen leicht forciert und an Klangfarbe verliert. Vielleicht war er indisponiert. Man hat nicht das Gefühl, daß Karina Gauvin, die man vor allem von der Barockoper her kennt, sich in dieser Mozartrolle wohl fühlt und die stimmliche Interpretation leidet darunter. Ihre Dramatik erscheint hart, ihre Spitzentöne sind manchmal ungenau. Kurz, sie überzeugt nicht. Freudig und leicht, dagegen, klingt der frische Sopran der Julie Fuchs, die uns mit Julie Boulianne  ein charmantes Liebesduett liefert Ah, perdona al primo affetto (1. Akt,  5. Szene). Robert Gleadow spielt und singt klangvoll den beflissenen Diener seines Herrn. Jéremie Rhorer dirigiert einfühlsam die Solisten, den kraftvollen Chor und den Cercle de l’Harmonie.

Fazit

Man merkt in den Einzelheiten die Arbeit der Regie, die Diktion der Sänger ist im allgemeinen auffallend gut, das Zusammenwirken von Choreographie, Bühnenbild und Beleuchtung gut gelungen. Besonders wirksam ist dabei, visuell wie auch stimmlich, die aufregende Ensembleszene am Schluß des ersten Akts, in der eindrucksvolle Choreographie und Beleuchtung das düstere Brandgeschehen auf die raucherfüllte Bühne zaubert.

Diese letzte Oper Mozarts brachte schon immer Probleme mit sich. Angefangen beim Komponisten selbst, den das unlogische Libretto wenig begeisterte, welches er überdies unter Zeitdruck komponieren mußte.

Hier hat das Théâtre des Champs-Élysées eine neue interessante Interpretation dieser Problem Oper auf die Bühne gestellt.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: Vincent Pontet

Das Bild zeigt: Karina Gauvin (Vitellia), Kurt Streit (Titus) und Kate Lindsay (Sextus) v.l.n.r.

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