DIE WALKÜRE – Dessau, Anhaltisches Theater

von Richard Wagner (1813-1883), Musikdrama in drei Aufzügen, Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen, Libretto vom Komponisten, UA: 26. Juni 1870 München, Kgl. Hof- und Nationaltheater

Regie: Andre Bücker, Bühne: Jan Steigert, Kostüme: Suse Tobisch, Projektionen: Frank Vetter

Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie Dessau

Solisten: Robert Künzli (Siegmund), Stephan Klemm (Hunding), Ulf Paulsen (Wotan), Angelina Ruzzafante (Sieglinde), Iordanka Derilova (Brünnhilde), Rita Kapfhammer (Fricka), u.a.

Besuchte Aufführung: 5. Oktober 2014 (Premiere)

Dessau WalkuereKurzinhalt
Der verfolgte Wälsunge Siegmund findet bei der verlorengeglaubten Zwillingsschwester Sieglinde Zuflucht und zeugt Siegfried. Fricka verlangt Sühne für Ehebruch und Blutschande. Durch die eigenen Gesetze gebunden, muß Wotan Siegmund opfern. Todgeweiht will Siegmund die Schwester lieber töten, als ungeschützt zurückzulassen. Da beschließt Brünnhilde, entgegen Wotans Befehl, die Wälsungen zu retten, doch Wotan bewirkt Siegmunds Tod. Brünnhilde flieht zunächst mit Sieglinde vor Wotan, aber Wotan bestraft Brünnhilde und bettet sie in einen Feuerring, aus dem nur ein Held sie erretten kann.

Aufführung
Die opulenten Bühnenbilder von Jan Steigert übernehmen die Formensprache der bisherigen Ringteile. So finden sich zwei halbkreisförmige Projektionswände, die sich rings um die Bühnenmitte herum anordnen lassen. Auf diese Flächen lassen sich Personen, Vorgänge oder Landschaften wie die Köpfe am Mount Rushmore abbilden. Hundings Hütte ist ein Balkenturm in dem ein überdimensionales in allen Regenbogenfarben leuchtendes Glasfaserkabel hängt – aus dem Siegmund das Schwert zieht. Walhall befindet sich hoch über dem Lichtermeer von Los Angeles. Der Walkürenfelsen ist wie im Siegfried ein riesiger Rubik-Würfel (Zauberwürfel) der sich in allen horizontalen Ebenen auffächern läßt. Der Walkürenritt ist eine Cocktailparty für verzogene Töchter der höheren Gesellschaft.

Sänger und Orchester
Die Besetzung in Dessau (ein Haus mit 150 Jahren Wagner-Tradition) ist festspielwürdig: Ulf Paulsen kann mit seiner hellen baritonal gefärbten Stimme als Wotan viele stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten erkennen lassen – und verfügt über genügend Reserven, um besonders in den tiefen Lagen vollmundig zu klingen. Da wird endlich einmal deutlich, welche inneren Regungen Wotan plagen: Fast bekommt man Mitleid. Im großen Finale Wotans Abschied trifft er auf Iordanka Derilova als Brünnhilde. Ihr schwerer dramatischer Sopran gibt der Rolle Gewicht, hohe Töne trifft sie auch im Forte, selbst wenn dies nicht frei von Schärfen gerät. Im Finale klingt sie mild und weise, sie kann mit Stimm-Nuancen der Rolle Charakter verleihen. Angelina Ruzzafante hat als schwerer Koloratursopran keine Probleme mit der Gestaltung der Rolle der Sieglinde: Im ersten Akt singt sie mit Verve und Energie die resolute Frau, im zweiten Akt kann sie mit Zurückhaltung nervöse Verzweiflung glaubhaft machen. Da muß sich Robert Künzli anstrengen, um vor allem im ersten Akt als Siegmund mithalten zu können. Er hält sich merklich zurück, kann aber in den zentralen Momenten als lyrischer Tenor voll aussingen, Durchschlagskraft entwickelt er nur in wenigen Momenten, wie ein Schwert verhieß mir der Vater. Die Winterstürme gestaltet er mit warmen harmonischen, eher leiseren Tönen. Stephan Klemm trägt als bitterböser, mit sehr dunkler Tiefe ausgestatteter Hunding zu einem stimmlich hervorragend besetzten ersten Akt bei. Rita Kapfhammer verfügt über ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang und verleiht der durchsetzungsstarken Fricka Format. Sie wirkt wie ein Heimchen am Herd, klingt aber niemals keifig, sondern singt mit voller Durchschlagskraft aus. Eine Rollengestaltung von wahrlich göttlicher Macht, die man gerne öfters hören würde. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen des Rings. Die Orchesterstücke wie der Walkürenritt haben zwar monumentale Breite, jedoch niemals hohles Pathos. Vielmehr gelingt es die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu verschweißen und die Motive auf dem Silbertablett zu servieren.

Fazit
Zugegeben ein bißchen gewöhnungsbedürftig ist es schon, daß die einzelnen Ringteile in Dessau von der Götterdämmerung rückwärts (also gemäß ihrer dramaturgischen Entstehung) gezeigt werden. Dafür sind in dieser Walküre Antworten auf Fragen aus den Aufführungen Siegfried und Götterdämmerung möglich, z.B. zur Beziehung Brünnhilde-Siegfried. Das stellt Andre Bücker mit einer ausgefeilten, sehr ausdrucksstarken Personenregie dar, was von den Sängerdarstellern (selten gehört heutzutage!) auch stimmlich einfühlsam betont umgesetzt wird. Das modernistische Bühnenbild, die Überblendungen und Regieeinfälle sind Wegweiser zu weiterführenden Gedanken, denen der Zuschauer folgen kann, aber nicht muß. Wenn der Zuschauer diese ignoriert, ist es die konservativste, durchdachteste Ring-Inszenierung unserer Tage. Schade, daß überzogene Sparmaßnahmen dazu führen, daß der Ring nur zweimal als Zyklus gezeigt werden kann. Ab der kommenden Spielzeit sind nur noch kleinere Produktionen möglich. Die einhellige Begeisterung des Publikums für die herausragenden Sänger-Darsteller, Dirigent, Orchester und Regie spricht Bände.

Oliver Hohlbach

Bild: Claudia Heysel

Das Bild zeigt: Ulf Paulsen (Wotan)

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