PELLEAS ET MELISANDE – Paris, Opéra Comique

von Claude Debussy (1862-1918), Drame lyrique  in fünf Akten, Libretto: Maurice Maeterlinck, U.A: 30. April 1902 Paris, Opéra Comique.

Regie und Bühnenbild: Stéphane Braunschweig, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck, Licht: Marion Hewlett, Dramaturgie: Anne-Françoise Benhamou

Dirigent: Louis Langrée, Orchestre des Champs-Elysées, Chor: accentus, Choreinstudierung: Léo Warynski

Solisten: Phillip Addis (Pelléas), Karen Vourc’h (Mélisande), Laurent Alvaro (Golaud), Jérôme Varnier  (Arkel), Sylvie Brunet-Grupposo (Geneviève), Dina Bawab (Yniold) u.a.

Besuchte Aufführung: 17. Februar 2014 (Premiere der Wiederaufnahme der Produktion vom Juni 2010)

2010-06-07 Opera Comique Pelleas et Melisande" Maeterlinck musique Claude Debussy Direction musicale, Sir John Eliot Gardiner  Mise en scène et scénographie, Stéphane Braunschweig Costumes, Thibault Vancraenenbroeck Lumières, Marion Hewlett Dramaturge, Anne-Françoise Benhamou Assistant musical, Philip von Steinaecker Collaborateur à la mise en scène, Georges Gagneré Collaborateur à la scénographie, Alexandre de Dardel Assistant costumes, Agnès Barruel Assistant lumières, Patrice Lechevallier Chefs de chant, Nathalie Steinberg, Mathieu Pordoy Chef de choeur, Pieter Jelle de Boer Pelléas, Phillip Addis Mélisande, Karen Vourc'h Golaud, Marc Barrard Arkel, Markus Hollop Geneviève, Nathalie Stutzmann Yniold, Dima Bawab Un médecin, Luc Bertin-Hugault Un berger, Pierrick Boisseau Figurants, Max Delor, Agnès Aubé, Martine Demaret, Sophie DumontVorbemerkung

Wie so viele Komponisten seiner Zeit wollte auch Debussy auf der Bühne tabula rasa machen, die Romantik endlich aus dem Weg räumen und sich endgültig von Einfluß Wagners lösen. In der, fast könnte man sagen Märchenoper Pelléas und Méslisande, ist ihm das auch zum Teil gelungen. (Der vollständige Bruch mit der Romantik war  in Paris Strawinsky 1913 vorbehalten (s. Le Massacre du Printemps, OPERAPOINT Heft 3, 2013). In dieser Oper gibt es  keine Arien, keine Duette in traditionellen Sinn mehr, dafür lange Monologe oder Dialoge im Sprechgesang. [Ebenso] wird auf äußere Dramatik verzichtet. Die Gestalten sind Medien des Irrationalen, ihre Worte, ihre Gesten empfangen aus der Musik eine geheimnisvolle Bedeutung über das Sagbare hinaus. Die realen Vorgänge scheinen unerheblich, ihre Poesie wird vernehmbar in irisierenden Klängen und Tonarabesken.“ (Hans Renner, Musikschriftsteller)
In dieser lyrischen Oper der Symbolik, die in ihrer Art einzig geblieben ist, strebt Debussy laut eigener Aussage für die Musik eine Freiheit an, die…auf der geheimnissvollen Correspondenz zwischen Natur und Imagination beruhen sollte .

Kurzinhalt

Der Prinz Golaud lernt im Wald ein schönes, rätselhaftes Mädchen kennen, scheu wie ein verwundetes Reh, er heiratet sie und führt sie heim auf die Burg seiner Vorfahren. Sein Großvater Arkel, seine Mutter Geneviève und sein jüngerer Halbruder Pelléas nehmen die Fremde freundlich auf. Doch Méslisande fühlt Beklemmungen in der dunklen, alten Burg. Bei einem Spaziergang mit Pelléas, bei dem sie sich wohl fühlt, verliert Mélisande ihren Ehering. Golaud ist wütend, als er vom Verlust des Ringes erfährt. Trotz dunkler Nacht, schickt er Pelléas und Mélisande aus, den Ring zu suchen, aber vergeblich. Als Golaud eines Abends Pelléas unter dem Fenster seiner Frau antrifft, wird er zunehmend eifersüchtig und fordert ihn auf, sich von Mélisande fern zu halten. Pelléas entschließt sich, zu einem kranken Freund zu reisen, aber trifft sich ein letztes Mal mit Melisande. Sie gestehen einander ihre Liebe. Golaud, der sie belauscht hat, tötet Pelléas und mishandelt seine Frau, die schwanger ist. Das Kind wird geboren, aber die Mutter stirbt. Golaud bessesen von seiner Eifersucht quält sich mit Zweifeln und Gewissensbissen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.

Aufführung

Debussy wollte eine kahle Inszenierung, aber selbst er konnte bei der Uraufführung mittelalterliche Dekors und Kostüme   nicht vermeiden. Stéphane Braunschweig hat diesmal mit einfachen Mitteln – zeitlose Kleider, ein fast kerkerhaftes Schloßinnere, moderne Minimaleinrichtung, eine Felsenschrägscheibe als Landschaft, ein Leuchtturm – eine durchaus vertretbare, nüchterne, wenn auch wenig märchenhafte Atmosphäre geschaffen. 

Sänger und Orchester

Phillip Attis  spielt und singt mit heller, leicht metallisch timbrierter Baryton Martin Stimme (d.h. ein etwas höherer, leichterer Bariton) und ausgezeichneter Diktion einen bubenhaften, aufrichtigen Pelléas. Karen Vourc’hs reiner Sopran nimmt den Klang ihrer Stimmung an, bezaubernd klar und lyrisch in ihrer unschuldigen Liebe zu Pelléas wie im Liebesdialog mit Harfenbegleitung im Orchester Vous ne savez pas où je vous ai menée? – Sie wissen nicht, wohin ich Sie geführt habe (1. Akt, 2. Szene), fast schrill, wenn verschlossen und terrorisiert, sobald der unselige Golaud erscheint. Laurent Alvaro gestaltet den zunehmend von Wahnvorstellungen getriebenen und immer gewalttätigeren Golaud, in den wenigen dramatischen wie in den lyrischen Szenen mit kraftvollem, tiefem, wohlkontrollierten Bariton. Die alte, abgeklärte Großvaterfigur des König Arkel singt Jérôme Varnier mit  tiefer, warm timbrierter Baßstimme. Zu erwähnen sei noch der volle wohlklingende Mezzo-Sopran Sylvie Brunet-Gruposos in der Briefszene Voici ce qu’il écrit à son frère Pelléas – hier ist es, was er geschrieben hat (1. Akt, 2.Szene), sowie Dina Bawabs (Yniod) symbolische Traumerzählung von der vorbeiziehenden Schafherde Oh! oh! j’entends pleurer les moutons – oh, ich höre die Schafe weinen (4. Akt, 3.Szene), welche sie bewegend interpretiert.

Debussys Orchestermusik, wenn sie den Sprechgesang der Sänger und damit den poetischen Text Maeterlincks untermalt, aber auch in den Intermezzos während der Szenenwechsel, ist voll neuer Klangfarben, man glaubt das Brausen des Windes, das Rauchen des Wassers zu hören, einige Vogelrufe, manchmal sind die Töne heller, freundlicher, aber freudig ist die Musik nie. Meist herrscht eine düstere, unheilverkündende Atmosphäre. Louis Langrée dirigiert mit Feingefühl das Orchestre des Champs Elysées.

Fazit

Die Opéra Comique hat diese zu ihrem ureigensten Repertoire gehörende Oper, wieder einmal in einer erfreulichen Inszenierung und mit einer ausgezeichneten Besetzung auf die Bühne gebracht. Im Gegensatz zu der Uraufführung vor nunmehr 112 Jahren, wurde die Aufführung beim Publikum einheitlich begeistert  aufgenommen.

Alexander Jordis-Lohausen

Bild: DR E. Carecchio

Das Bild zeigt. Phillip Addis (Pelléas), Karen Vourc’h (Mélisande)

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