HÄNSEL UND GRETEL – Paris, Palais Garnier

von Engelbert Humperdinck (1854-1921), Märchenspiel in drei Bildern, Libretto: Adelheid Witte, nach dem Märchen der Brüder Grimm, U.A. 23. Dezember 1893 Weimar, Hoftheater (Dirigent: Richard Strauss)

Regie: Mariame Clément, Bühne/Kostüme:  Julia Hansen, Licht: Philippe Berthomet, Choreographie: Mathieu Guilhaumon

Dirigent: Claus Peter Flor, Orchestre de l’Opéra National de Paris, Maîtrise des Hauts-de-Seine, Chœur d’Enfants de l’Opéra National de Paris

Solisten: Jochen Schmeckenbecher (Peter), Irmgard Vilsmaier (Gertrud), Daniela Sindram (Hänsel), Anne-Catherine Gillet (Gretel), Anja Silja (Knusperhexe), Elodie Hache (Sandmännchen), Orga Seliverstova (Taummännchen)

Besuchte Aufführung: 16. April 2013 (Premiere)

Kurzinhalt
Hänsel und Gretel singen und tanzen,  um ihren Hunger zu vergessen. Schließlich schickt die Mutter ihre Kinder in den Wald, um Beeren zu sammeln, weil sie nichts mehr zum Abendessen hat. Der Vater  kommt erfreut nach Hause, weil er all seine Besen verkauft hat und Lebensmittel kaufen konnte. Inzwischen wird es im Walde dunkel und unheimlich. Die Kinder haben den Weg verloren und fürchten sich. Das Sandmännchen legt sie zur Ruhe und 14 Engel behüten sie. Am Morgen entdecken sie ein verlockendes Knusperhäuschen, an dem sie ihren Hunger stillen. Doch die Hexe überrascht sie. Hänsel wird  in einen Käfig gesperrt, Gretel muß arbeiten und soll Hänsel mästen, damit er einen fetten Braten für die Hexe abgebe. Doch Gretel gelingt es, Hänsel zu befreien, und gemeinsam stoßen sie die Hexe in den Backofen. Damit befreien sie auch all die anderen Kinder, die von der Hexe gefangen gehalten waren.  Kinder und Eltern feiern ein Freudenfest.

Aufführung
Nie vorher war dieses Märchenspiel  in der Pariser Oper gegeben worden. Und der ésprit français läßt wohl hier auch kein Märchen zu, ohne es zu rationalisieren. Demnach verwandelt Mariame Clément die Oper in eine wirklichkeitsnahe Geschichte, die, halb traumhaft, halb wachend der Phantasie der Kinder entwachsen ist, nachdem sie des Vaters Erzählung von der bösen Knusperhexe gehört haben. Nie verlassen die Kinder ihr Haus. Alles Geschehen spielt sich in der bühnenfüllenden Bewohnung ab – wie ein zweistöckiges Puppenhaus in vier zum Publikum offene Zimmer geteilt. Nur in der Mitte ein hoher Zwischenraum, wo zwischen stilisierten Baumstämmen dem Irrealen begrenzt Einlaß gewährt wird. Die Idee, in einem Zimmer die beiden erwachsenen Hänsel-und-Gretel-Sängerinnen auftreten zu lassen, im Nebenzimmer zwei wirkliche Kinder, die das Geschehen pantomimisch verdoppeln, ist originell und wirkungsvoll. Möbel, Ausstattung und Kostüme entsprechend dem kleinbürgerlichen Milieu der 1880iger Jahre, der Vater ist Staubsaugervertreter. Die Hexe, in giftrotem Glitzerkleid, tanzt mit ihren Hexenhelferinnen Cancan und wohnt in einer Riesencremetorte, die angerollt wird. Und damit die Psychoanalyse nicht unter dem Tisch fällt, haben Mutter und Hexe beide rote Haare. Alles Märchenhafte geht weitgehend verloren. Mimik und Gestik sind sehr genau und oft sehr wirkungsvoll-komisch herausgearbeitet.

Sänger und Orchester
Humperdinck ist ohne Zweifel ein Wagner-Epigone. Dennoch nimmt seine Musik, bald polternd, bald unheimlich dunkel, dann wieder ausgelassen, fast operettenhaft fröhlich, mit den hineingewobenen bekannten Volksweisen eine entschiedene Eigenständigkeit an. Claus Peter Flor dirigiert diese vielseitig erfreulichen Partitur mit Schwung, aber ist offensichtlich nicht immer Herr seiner eigenen Begeisterung, denn einige Male überdeckt er im Überschwang der instrumentalen Entfaltung die Stimmen der Solisten.

Das Sängerensemble ist ausgezeichnet. Besonders Daniela Sindram (Hänsel) und Anne-Catharine Gillet (Gretel) singen und spielen kinderhaft natürlich die beiden Haupttrollen, die eine mit klarer, reiner Stimmführung und  den weichen, dunklen Untertönen ihres Mezzo den Hänsel, die andere mit ihrem kraftvollen, gut kontrollierten Sopran die Gretel. Bezaubernd und erfrischend schon das fröhliche Brüderlein, komm tanz mit mir im ersten Bild.  Jochen Schmeckenbecher ist ein wohlklingender poltender Vater in Rallalala, rallalala, heissa Mutter, ich bin da und Irmgard Vilsmaier mit ihrem dramatischen glasklaren Sopran eine emotionale Mutter. Besonders erwähnt sei Anja Silja als schrille, schillernde Knusperhexe. Elodie Hache und Olga Seliverstowa als diesmal fast märchenhaftes Sandmännchen und Taumännchen singen gefällig ihren kurzen Auftritt.

Fazit
Ein hübsches, viel beklatschtes Hänsel und Gretel à la française.

Alexandre Jordis-Lohausen

Bild : Monika Rittershaus/Opéra national de Paris

Das Biel zeigt: Anne-Catherine Gillet (Gretel), Daniela Sindram (Hänsel)

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