Musikfestival La Chaise-Dieu, Auvergne, Frankreich

Abbatiale Saint-Robert,  Konzert 30. August 2012 

Wim Henderickx (geb. 1962): Le Visioni di paura, Maurice Ravel (1875-1937): Concerto G-Dur und Concerto für die linke Hand, Claude Debussy (1862-1918): La Mer

Solist: Philippe Cassard, Klavier, Dirigent: Yan Pascal Tortelier, Orchestre philharmonique royal des Flandres

 

Vorbemerkung

Nähert man sich von Norden des französischen Zentralmassivs in der Region Auvergne, ist in der Ferne eine flache, den ganzen Horizont einnehmende bläulich erscheinende Bergkette zu sehen. Sogleich erinnert man sich an das Kinderlied (Zu) den Blauen Bergen kommen wir. Das Massif cental ist eine Hochebene, unterbrochen von erloschenen Vulkankratern, ähnlich denen der Eifel. Sanft sich einsenkende Täler wechseln mit rundlichen Bergrücken von durchschnittlich sechshindert bis tausend Metern ab, die mit grünen Wiesen, Gebüschen und Tannenwäldern bedeckt sind. Darauf weiden dunkelbraune und weiße Rinder wie auch weiß-graue Schafherden, was der Landschaft einen pastoralen Charakter verleiht. In dieser wenig bevölkerten Gegend findet sich der großmächtige Bau der Abtei Saint Robert von La Chaise-Dieu (Casa dei – Haus Gottes), umgeben von sanften Wiesen und wenigen Häusern aus alter Bausubstanz (s. Abb.).

Auf einem tausend Meter hohen Hügel errichtete Robert de Turlande um die Zeitenwende des Jahres 1043 eine Benediktiner-Abtei. Neben  vielen Kostbarkeiten (u.a. Totentanz-Fresko und Wandteppichen aus Brüssel) findet sich heute noch eine imposante, weißmarmorne Grabplatte Clemens VI. (1342-52) mit der Figur des Papstes, der Benediktinermönch dieser Abtei gewesen war.

1966 gründete der ungarische Pianist Georges Cziffra (1921-94) hier ein Festival, das zu den wichtigsten musikalischen Ereignissen der französischen Sommer-Festivals zählt. Auf eine persönliche Initiative Cziffras geht die Restauration der Orgel des 18. Jahrhunderts aus der Zeit der französischen Klassik zu zurück.

Jährlich im August überlassen die Benediktinerpatres der Abtei ihr gotisches Gotteshaus den Musikern, Sängern und Choristen des Festivals. Jedes Konzert wird eingeleitet durch einige Minuten Orgelmusik, die die Hörer an die sakrale Umgebung erinnert. Eine wirklich großartige Idee.

 

Nach Verklingen einer Liedvariation des spanischen Meisters Antonio de Cabezon, die auf der restaurierten Barock-Orgel mit ihren weichen Streichern, Mixturen und Trompeten ausnehmend gut wiedergegeben wird, entwickelt sich von den tiefen Streichern ausgehend ein anschwellender Klang, der sich mit Dissonanzen von engsten Intervallen ins Fortissimo steigert, was in den Ohren schmerzt. Wir sind in der Hölle des Hieronymus Bosch, so die Information im Programmbuch, die Wim Henderickx hier vor uns in seinen Angstvisionen ausbreitet. Wie in der Hölle gibt es auch in Henderickx‘ Werk keine Entwicklung. Es bleibt laut. Mit dem leisen Schluß ist wohl die Entfernung aus der Hölle gemeint? Bewundernswert hier die große Disziplin des Orchesters in der Realisierung dieser Komposition.

 

Ravels Klavierkonzert führt dann vor, wie architektonisch klar man ein musikalisches Werk komponieren kann. Orchester und Solist sind unter Pascal Tortelier zunächst bis zur Reprise etwas unkoordiniert, bessern sich dann aber erheblich. Philippe Cassard geht fulminant seinen Klavierpart an, tut aber mit dem Klavier-Pedal des Guten zuviel, so daß z.B. die solistische Überleitung zur Reprise von lediglich zwei Tonlinien in einer Tonkaskade verschwindet. Eine rechte Wohltat ist dann das Harfensolo in seiner vornehmen Zurückhaltung. Bei der Klavierkadenz danach übertönen die präzisen Kettentriller der rechten Hand die Daumenmelodie in der linken Hand, die eigentlich die Schönheit dieses Solos ausmacht. Bei der mit ungeheurer physischer Kraft hingelegte Coda, an Brillanz kaum zu überbieten, bangte man um den Steinway-Flügel, ob er denn durchhalten würde. Aber er hält!

Sehr gesammelt gestaltet Philippe Cassard das Eingangssolo des zweiten Satzes, in dem kein Takt dem anderen gleicht und der dennoch von größter Einheitlichkeit ist. Ravel äußerte sich dazu: Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!

Das akkurat gespielte Flötensolo erlöst uns von der Spannung des Solos, wobei das hohe Gewölbe des Kirchenraums die Töne in anmutigster Weise zurückwirft. Es folgt ein einfühlsam gespieltes Englischhornsolo und die ausgewogene Zwiesprache von Orchester und Solist bis zum Satzende.

Beim letzten Satz arbeitet Tortelier die clowneske Seite der „falschen“ Soli von Flöte, Klarinette und Klavier so gut heraus, daß es eine Freude ist, dem rhythmischen Parforce-Ritt des Orchesters zu folgen.

Der Wucht des einmaligen Klavierkonzerts für die linke Hand kann sich wohl kein Hörer entziehen. Hier kommen die Kadenzen und Läufe des Klaviers glasklar aus dem brodelnden Orchester heraus. Die Spieler der kleinen und großen Trommel, von Tamtam, Becken, Pauke u.a. haben offenbar so große Freude, daß sie mit ihren verschiedenen Schlagwerken nicht allzusehr auf den Dirigenten achten und damit nicht selten Orchester und Solisten überdecken.

Großer Applaus, der den Solisten dazu ermutigte, die Isle Joyeuse – Glückliche Insel, eins der berühmtesten Klavierwerke Debussys, als Zugabe formvollendet darzustellen.

In der Dynamik vollkommen ausgeglichen wurde La Mer musiziert. Geradezu wohltönend wuchsen die Hauptgedanken dieses ungeheuer vielgestaltigen Werks aus der Nebelmasse von Streichern und gedämpften Bläsern empor. Deutlich und mit lyrischem Gefühl lassen sich die Flöten, Klarinetten und Hörner hören. Ein Musterbeispiel von Orchesterdisziplin. Auch hier nicht endend wollender Beifall.

Dr. Olaf Zenner

Bilder: Carola Jakubowski (erstes und drittes Bild)

Wikipedia: Orgel des 18. Jh. (mittleres Bild)

Sehr gesammelt gestaltet Philippe Cassard das Eingangssolo des

pHölle des Hieronymus Bosch

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