DIE SACHE MAKROPULOS – (VEC MAKROPULOS) – Nürnberg, Staatstheater

von Leoš Janácek (1854-1928), Oper in drei Akten nach der Komödie (1922) von Karel Čapek, Text vom Komponisten, UA: 18. Dezember 1926 Brünn, Nationaltheater

Regie: Robert Carsen, Bühne: Radu Boruzescu

Dirigent: Philipp Pointner, Staatsphilharmonie, Herrenchor des Staatstheaters Choreinstudierung: Tarmo Vaask

Solisten: Mardi Byers (Emilia Marty), Michael Putsch (Albert Gregor), Martin Nyvall (Vítek), Judita Nagyová (Krista), Kurt Schober (Jaroslav Prus), Martin Platz (Janek), Gustáv Belácek (Dr. Kolenatý, Advokat), Taehyun Jun (Ein Theatermaschinist), Joanna Limanska-Pajak (Eine Aufräumefrau), Richard Kindley (Hauk-Šendorf), Joanna Limanska-Pajak (Kammerzofe Emilias)

Besuchte Aufführung: 2. Juni 2012 (B-Premiere, in Originalsprache mit deutschen Übertiteln)

Kurzinhalt

Als Vorlage Komödie von Karel Čapek und der Oper diente ein Rechtsstreit um das Erbe des alten Barons Prus, der nach mehr als 100 Jahren zu Ende gegangen war.

Der Opernsängerin Emilia Marty geht es nicht ums Geld, sondern um ein  griechisches Dokument, das in das Konvolut der Erbschaft geraten ist. Sie heißt eigentlich Elina Makropulos, ist die Tochter des Leibarztes Kaiser Rudolf II. und hat 300 Jahre zuvor ein Serum getestet, das ihr ewiges Leben schenkt. In immer neuen Identitäten mit gleichen Initialen genoß sie das Leben und benötigt nun die Formel aus dem Dokument, um ihr Leben zu verlängern. Männer kämpfen um die Gunst der gefeierten Operndiva, verüben sogar Selbstmord. Als sie das Dokument schließlich in Händen hält, muß sie ihre Mehrfach-Identität aufdecken. Innerlich längst tot, verzichtet sie auf das Serum. Das Dokument wird vernichtet.

Aufführung

Das einfach gehaltene Bühnenbild ist den Anforderungen einer Koproduktion mit Straßburg und Venedig zugestanden. Während des Vorspiels sehen wir, wie die Hauptdarstellerin Emilia Marty in verschiedenen Kostümen als Operndiva vor den Vorhang tritt – gewissermaßen auch eine Reise durch die Zeiten: Renaissance, Barock bis zum heutigen Tag. Für die drei Akte stellt man immer wieder andere Kulissenteile auf die sonst leere Bühne: Für die Kanzlei Bücherschränke und Schreibtische mit vielen Akten, die Garderobe in der Oper ist eine chinesische Holzschnitzerei in Reminiszenz an Turandot. Dazu kommt noch ein Schminktisch. Die Kostüme der handelnden Personen entsprechen der Handlungszeit, den 1930er Jahren.

Sänger und Orchester

Es ist schon fast eine kleine Sensation wie überzeugend spielerisch Mardi Byers die technisch anspruchsvolle Rolle der Emilia Marty ausfüllen kann, denn diese Partie kann man in eine Reihe mit der Elektra von Richard Strauss stellen. Sie faßt die technisch schwierigen Passagen zu sauberen Koloraturketten zusammen und glänzt auch mit den hohen Spitzentönen. Kurt Schober als ihr letzter Geliebter Jaroslav Prus ist ihr ein ebenbürtiger Partner, wodurch die Dialoge und Duette gewaltig an dramatischer Wirkung gewinnen. Schober ist ein gelenkiger Spielbariton, der ohne Probleme seine Arien mit voller Durchschlagskraft aussingen kann. Michael Putsch als Albert Gregor kann da nicht mithalten, denn er agiert zu verhalten, kann nur in der baritonalen Mittellage glänzen, die Höhe schafft er fast nur im piano, in exponierten Stellen versucht er mit Kraft Strahlglanz aufzubieten. In den kleineren Rollen findet man viel Licht und wenig Schatten. Judita Nagyova (Krista) und Martin Platz (Janek) können mit ihren dramatischen Ausbrüchen in ihren Liebesbeziehungen Aufmerksamkeit auf sich lenken, während dies Richard Kindley (Hauk-Sendorf) nicht gelingen will. Philipp Pointner führt Orchester und Solisten durch ein musikalisches Drama, das sich so anspruchsvoll und mitreißend gibt, wie man es von einer Oper am Endpunkt der Romantik erwarten kann. Er untermalt die dramatischen Momente manchmal sehr fortissimo, unterstützt aber ebenso die Sänger vorbildlich. Auch der Chor kommt zu seinem Recht und kann entsprechende Wirkung erzielen.

Fazit

Die vom Publikum in allen Belangen gefeierte Vorstellung belegt eindeutig, daß das selten gespielte Werk Leoš Janácek durchaus das Publikum zu begeistern weiß. Weil sich Robert Carsen weitgehend an die Vorgaben des Komponisten hält und die Handlung handwerklich geschickt und spannend in Szene zu setzen weiß, wird die komplexe Handlung sogar allgemein verständlich. Darüber hinaus gestaltet das Orchester die surrealen spätromantischen Klangbilder mitreißend. So gelingt der Beweis, daß das Publikum solche Bemühungen auch entsprechend würdigt. Und nährt die Hoffnung, daß die Werke des Leoš Janácek öfter gespielt werden.

Oliver Hohlbach

Bild: Jutta Missbach

Das Bild zeigt: Kurt Schober (Jaroslav Prus), Martin Nyvall (Vítek), Judita Nagyová (Krista), Mardi Byers (Emilia Marty), Gustáv Belácek (Dr. Kolenatý), Michael Putsch (Albert Gregor), v.l.n.r.

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