LUCIA DI LAMMERMOOR – Cottbus, Staatstheater

von Gaetano Donizetti (1797-1848), Dramma tragico in 3 Akten, Libretto: Salvatore Cammarano nach Walter Scotts The Bride of Lammermoor; UA: 26. September 1835, Neapel

Regie: Hauke Tesch, Bühne/Kostüme: Gundula Martin, Choreinstudierung: Christian Möbius

Dirigent: Evan Christ, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Chor des Staatstheaters Cottbus. Solisten: Jacek Strauch (Lord Ashton), Cornelia Zink (Lucia), Jens Klaus Wilde (Sir Edgardo), James Elliott (Lord Bucklaw), Ingo Witzke (Raimondo), Marlene Lichtenberg (Alisa), Hardy Brachmann (Normanno)

Besuchte Aufführung: 2. Mai 2012

Kurzinhalt

Als Lucia, um politischen Interessen zu genügen, den einflußreichen Lord Arturo Bucklaw ehelichen soll, weigert sie sich vehement. Ihre Liebe gilt Edgardo. Dieser ist jedoch der letzte Überlebende aus dem mit ihrer Familie verfeindeten Clan. Zudem macht Edgardo selber seinen Anspruch auf alte Familienrechte in Form von Landbesitz geltend, die Enrico, Lucias Bruder, beansprucht. Edgardo muß als Botschafter nach Frankreich. Er reist ab, nachdem er sich mit Lucia ewige Liebe geschworen hat. In seiner Abwesenheit ersinnt Enrico eine infame Intrige: Mit einem gefälschten Brief wird Lucia Edgardos vermeintliche Untreue aufgedeckt. Entmutigt heiratet sie schließlich Lord Bucklaw. Aber in der Hochzeitsnacht ermordet sie ihren Gatten, verfällt dem Wahnsinn und stirbt. Als dies Edgardo  erfährt, gibt er sich selber den Todesstoß, um mit ihr wieder vereint zu sein.

Aufführung

In der semiszenischen Aufführung wird die Bühnenausstattung auf wenige markante Elemente reduziert. Zentrales Element ist dabei in allen Bildern eine zur Bühnentiefe hin ansteigende Rampe. Hinzu treten stilisierte, schräg zueinander angeordnete Säulenfragmente, die Ruinenbauten und den Friedhof andeuten. Ein zurückgesetzter, halb schließender Vorhang wird als zusätzlicher Raumteiler eingesetzt. Zu den festen Bühnenaufbauten kommen wenige variable Ausstattungselemente, wie ein großer Tisch im Schloß von Lord Ashton sowie ein angedeutetes Lagerfeuer und Fackeln.

Sänger und Orchester

Mit unglaublich prägnanter Bühnenpräsenz schafft es Cornelia Zink (Lucia), als personifizierter Brennpunkt schicksalhafter Verdammnis, das Bühnengeschehen eindrucksvoll mit ihrem Spiel und Gesang ganz auf sich zu konzentrieren. Bereits im Regnava nel silenzio – In tiefem Schweigen lag die Nacht (1. Akt) atmet ihre Stimme strahlend reinen Glanz, welche mit den in sublim ausgesungener Reinheit genommenen Höhen die Herzen des Publikums höher schlagen lassen. Ein Bravourstück gelingt ihr jedoch mit der „Wahnsinnsarie“ im dritten Akt als zentralem Element und Schlüsselstelle der Oper. In ausgeprägter Meisterschaft gelingt ihr der gesangliche Drahtseilakt zwischen dramatisch überhöhter Ausformung und kunstvoller Verzierung. Ihre extrem wendige Stimmvariabilität zeigt sie in ihren hochdynamischen Phrasierungsbögen und stakkato- bis glissandoartigen Stimmfarbwechseln, die von eindrucksvoller, reiner Tiefenschärfe und sich weit öffnender Strahlkraft flankiert werden. Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist Jacek Strauch. Seine Verkörperung des selbstsüchtigen und von Machtgier getriebenen Lord Ashton wird durch seine mit imponierend zupackender Energie, aus einem breiten Fundament schöpfenden Baritonstimme, grandios umgesetzt, so daß sein Cruda funesta smania – Grausame unheilvolle Erregung die Bühne regelrecht erzittern läßt. Jens Klaus Wilde (Edgardo) ist besonders in den lyrischen Abschnitten stark. Hier kann er das warm schmeichelnde Timbre seines Tenors mit belcantischen Phrasierungseffekten voll einsetzen. In den Höhen läuft seine Stimme leicht bleich angehaucht aus, wobei jedoch eine signifikante Steigerung der Sicherheit in den Hochlagen im dritten Akt zu verzeichnen ist. James Elliott (Lord Bucklaw) läßt durch seinen seidig schmeichelnden Tenor aufhorchen, während Baß Ingo Witzke (Raimondo) an diesem Abend im ersten Teil an nachhaltigem Druck vermissen läßt, sich jedoch zum Ende hin noch steigern kann.

Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus spielt unter Evan Christ mit fulminantem Engagement, und der Opernchor ist klanglich perfekt abgestimmt.

Fazit

Die Inszenierung bietet ein wahres Fest für Liebhaber der Belcanto-Oper. Die semiszenische Produktion verdichtet dabei das Geschehen mit düsterer Grundstimmung gekonnt auf das Schicksal der Protagonisten. Mit atemloser Faszination wird man Zeuge, wie das Ensemble fast durchweg scheinbar mühelos eine Oper stemmt, an der man sich auf Grund des gesanglichen Anspruchs nur allzu leicht verheben kann. Die Sänger führen den Zuschauer mit bravourösen Gesangsdarbietungen in tiefste Seelenabgründe und stimmlich hebt Cornelia Zink Cottbus in einen neuen Opernhimmel. Zu Recht gab es dafür stehende Ovationen.

Dr. Andreas Gerth

Bild: Michael Helbig

Das Bild zeigt: Ingo Witzke (Raimondo), Cornelia Zink (Lucia) und Marlene Lichtenberg (Alisa)

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