CARMEN – Stockholm, Königliche Oper

von Georges Bizet (1838-1875), Oper in vier Akten, Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach einer Novelle von Prosper Mérimée, UA: 3. März 1875, Opéra Comique, Salle Favart, Paris

Regie: Vincent Boussard, Bühne: Vincent Lemaire, Kostüme: Zana Bosnjak, Licht: Hans-Åke Sjöquist

Dirigent: Lionel Bringuier, Königliche Hofkapelle, Königlicher Opernchor, Kinder der Adolf Fredrik Musikklassen, Einstudierung: Bo Wannefors und Christina Hörnell

Solisten: Katarina Dalayman (Carmen), Michael Weinius (Don José), David Bizic (Escamillo), Emma Vetter (Micaëla), Vivianne Holmberg (Frasquita), Katarina Giotas (Mercédès), u.a.

Besuchte Aufführung: 24. September 2011 (Premiere)

Kurzinhalt

Carmen, die in einer Zigarettenfabrik arbeitet, ist berüchtigt für ihre Unberechenbarkeit. Nach einem Streit mit einer anderen Arbeiterin, die sie verletzt, wird sie in Arrest genommen. Der Soldat Don José, der sie unter Aufsicht halten soll, verliebt sich in sie und läßt sie entkommen in der Hoffnung, ihr Herz zu gewinnen. Doch diese Hoffnung ist trügerisch. Carmen wirft alsbald ein Auge auf den Stierkämpfer Escamillo und wird Don Josés und seiner Eifersucht überdrüssig. Verzweifelt versucht Don José sie zu einem Liebesgeständnis zu zwingen. Als sie es ihm verweigert, ersticht er sie auf offener Straße.

Aufführung

Das Bühnenbild ist einförmig und äußerst nüchtern. Jeder der vier Akte spielt auf einer Art Hinterhof, Requisiten kommen fast gar nicht vor und die Kostüme sind, vom zweiten Akt abgesehen, ganz im Stile der Alltagskleidung des späten 20. Jahrhunderts gehalten. Die Soldaten treten mit Maschinengewehren und Barett auf. Bei den Auftritten Escamillos wird im Hintergrund bzw. auf dem geschlossenen Vorhang die Videoprojektion eines Stierkampfes gezeigt. An anderen Stellen umgeht die Regie hingegen förmlich die originale Handlung bzw. die Darstellung der darin erwähnten Schauplätze. So verfolgt das Volk auf der Bühne den Aufmarsch der Stierkämpfer im vierten Akt auf einem Fernseher und bei dem Duett zwischen Micaëla und Don José im ersten Akt Parle-moi de ma mère! – Berichte mir von meiner Mutter! wird kein Kuß zwischen beiden ausgetauscht, obwohl im Gesangstext davon ausdrücklich die Rede ist. Durch das Fortlassen aller gesprochenen Dialoge wird die Handlung sprunghafter als das Original.

Sänger und Orchester

Unter dem Stab von Vincent Bringuier spielte die Hofkapelle ausgesprochen flott auf, zu Anfang gar etwas zu flott. Das berühmte Vorspiel und der musikalisch identische Marsch im vierten Akt wurden durch die Wahl des Tempos etwas gehetzt und undeutlich. Die übrigen Orchesterzwischenspiele gelangen hingegen außerordentlich gut. Sängerisch ist diese Produktion vollkommen gelungen. Katarina Dalayman (Carmen) verfügt über ein volltönendes mittleres und tiefes Register, sie spielte und sang ihre Partie klanglich ausgeglichen und kultiviert, blieb in ihrer Gestaltung aber vielleicht ein wenig zu brav. David Bizic (Escamillo) hat exakt das energische, sprechende Timbre, das für seine Partie vonnöten ist und gab einen eindrucksvollen Toreador. Den stärksten Eindruck hinterließ an diesem Abend Michael Weinius als Don José. Sein Stockholmer Debüt in dieser Partie überraschte insofern, als er bisher vor allem als Wagnertenor in Erscheinung getreten ist, doch gelang ihm der Wechsel in das französische Fach, das eine andere Gesangstechnik verlangt. Statt der vollen Bruststimme setzte er stilgerecht die hohe Mischung ein, z.B. im Dialog mit Carmen im zweiten Akt bei La Fleur que tu m’avais jetée – Die Blume, die du mir zugeworfen hast, um ganz am Schluß der Oper das Brustregister quasi als sprechende Klangfarbe zu nutzen. Doch am meisten verblüfft seine darstellerische Gewandtheit. Sein Don José ist ein unsicherer und nicht sonderlich attraktiver Charakter, der der dämonischen Carmen hilflos ausgeliefert ist. Emma Vetter (Micaëla) machte insgesamt eine gute Figur, hat jedoch die Tendenz, etwas zu dick aufzutragen, was Vibrato und Klanggebung angeht. Vivianne Holmberg gab eine humoristische, frenetisch agierende Frasquita, die im vierten Akt mit ihren hektischen Bewegungen aber etwas zu sehr zur Karikatur geriet. Sagenhaft kraftvoll und homogen wurden die Chorpassagen gesungen und erwachsene, wie kindliche Choristen zeichneten sich durch ein lebendiges und abwechslungsreiches darstellerisches Spiel aus.

Fazit

Die Inszenierung an sich wurde im Gegensatz zu den Musikern mit deutlich gedämpftem Beifall bedacht. Durch das Zusammenstreichen des Librettos auf die Musiknummern und das Fehlen eines dem Original vergleichbaren Handlungsfadens hatte man mitunter das Gefühl, in einem szenisch begleiteten Konzert zu sitzen. Einerseits geht hier das lokalkoloristische Moment verloren, andererseits bleibt man aber auch von obszönen Andeutungen verschont. Die Leistungen der Sänger machen die Indifferenz des Bühnenbildes allerdings mehr als wett.

Dr. Martin Knust

Bild: Alexander Kenney

Das Bild zeigt: Katarina Dalayman (Carmen) li., Vivianne Holmberg (Frasquita) re.

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