ROBERT LE DIABLE (ROBERT DER TEUFEL) – Erfurt, Theater

von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), Oper in fünf Akten, Libretto: Eugène Scribe und Germain Delavigne, in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln, UA: 21. November 1831, Opéra, Salle de la rue Le Peletier, Paris

Regie: Jean-Louis Grinda, Bühne: Hank I. Kittel, Kostüme: Carola Volles

Dirigent: Samuel Bächli, Philharmonisches Orchester Erfurt, Opernchor des Theaters Erfurt, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut

Solisten: Erik Fenton (Robert), Vazgen Ghazaryan (Bertram), Richard Carlucci (Raimbaut), Ilia Papandreou (Alice), Claudia Sorokina (Isabelle), Susann Vent (Begleiterin der Isabelle), Nadja Dagis, Corinna Horvath, Sandra Lommerzheim (Nonnen-Ballett) u.a.

Besuchte Aufführung: 16. September 2011 (Premiere, in französischer Sprache)

Vorbemerkung

Sicherlich, das Stadttheater Erfurt hat nicht die Möglichkeiten wie eine Staatsoper, um eine Grand Opéra auf die Bühne zu bringen: Der Chor umfaßt 20 Mitglieder, d.h. große Ensembleszenen fallen kleiner aus und zeigen nicht die geplante Wirkung. Eine Ballettcompagnie existiert nicht, drei Gäste müssen diese ersetzen. Die Solisten dieser Produktion müssen sich den hohen Anforderungen Meyerbeers noch gewachsen zeigen, sind aber nach der Premiere auf dem richtigen Weg. Auch wenn zwölf erste Geigen vorhanden sind, verfügt das Orchester doch nicht über den großen Klangkörper, auch wenn Samuel Bächli (der schon 2008 Die Afrikanerin in Gelsenkirchen stemmte) das Orchester zu einer seiner besten Leistungen führt und diese Probleme (beinahe) glänzend überspielt. Wenn die Staatsopern Meyerbeer nicht spielen, müssen eben die kleinen Häuser die Last tragen – mit all den genannten Abstrichen – aber Erfurt macht seine Sache hörbar zufriedenstellend.

Kurzinhalt

Robert, Sohn der Herzogin der Normandie und des Satans, wurde nach Sizilien verbannt, wo er um Isabella wirbt. Sein ihm unbekannter Vater gibt sich als sein Freund Bertram aus, will ihn mit in die Hölle nehmen. Robert nimmt an einem Ritterturnier teil, dessen Sieger die Hand Isabellas erhält. Bertram lockt Robert mit einer Duellforderung in den Wald, so daß er zu spät zum Turnier kommt und er mit ansehen muß, wie Isabella vom Prinzen von Granada abgeführt wird. Bertram rät ihm, vom Grab der heiligen Rosalie einen Zweig zu brechen – dann kehre Isabella zu ihm zurück. Die toten Nonnen steigen aus ihren Gräbern und verwandeln sich in junge Mädchen. Als Robert den Zweig an sich nimmt, werden aus ihnen dämonische Gespenster. Robert verzichtet auf den Zweig, weigert sich aber, seinem Vater in die Hölle zu folgen, und Bertram fährt allein zur Hölle. Isabella und Robert werden ein Paar.

Aufführung

Schon während des Vorspiels öffnet sich der Vorhang einen Spalt, und wir sehen, wie ein Arzt im weißen Kittel sich an einer Patientin vergeht, die im Untersuchungsstuhl festgeschnallt ist. Eine große Gründerzeit-Halle ist zu sehen. Es ist der Speisesaal eines Irrenhauses. Die Insassen sind Ritter mit buntem Pappschwert und Papprüstung. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Später ist eine Vorhalle mit Duschanlage und dem Behandlungsstuhl zu sehen, eine Leichenhalle im Keller für die toten Nonnen, die sich aus stählernen Schrankfächern erheben, und die Anstaltskapelle mit verhülltem Kreuz.

Sänger und Orchester

Samuel Bächli gelingt es Orchester, Chor und Sänger zu einer Meyerbeer würdigen Einheit  zu verschmelzen. Zumindest ansatzweise können die großen Ensembleszenen Meyerbeers entsprechend erklingen und lassen erkennen, welche mächtige Wirkung seine Opern erreichen können, zumal das Werk um 45 Minuten gekürzt wurde, hauptsächlich um die Ballettmusiken der ersten Akte und eine große Arie Raimbauds. Dafür ist seine große Ballade im zweiten Akt geblieben, die Richard Carlucci (Raimbaud)

zu seiner Glanznummer ausbaut. Er ist ein voluminöser Tenor für das italienische Fach, kommt aber mit den hohen technischen Anforderungen für große Tonhöhensprünge gut zurecht. Erik Fenton (Robert) tritt in Erfurt eher als Charaktertenor in Erscheinung. Er hält sich über weite Strecken zurück, kann aber in den Triumpharien des  dritten Akts zeigen, wieviel Durchschlagskraft in ihm steckt. Vazgen Ghazaryan (Bertram) ist ein volumenstarker Baß, wenn ihm auch ein wenig dämonische Tiefe und Timbre fehlt. Liebling des Abends ist der technisch brillante Sopran von Ilia Papandreou als Alice mit ihrer sehr sicheren Höhe. Auch sie geht die Rolle verhalten an und gestaltet ihre Koloraturen glockenklar schön. Damit stellt sie Claudia Sorokina (Isabella) in den Schatten, die ihre Rolle mehr verträumt zurückhaltend als mitreißend dramatisch gestaltet. Auch Gonzalo Simonetti (Alberti) kann seine zwei Auftritte als sehr variabler Baßbariton gewinnbringend einbringen.

Fazit

Trommelnder Applaus für Dirigent, Orchester, Solisten und Chor, schwacher Applaus für die Regie, deren Verlagerung ins Irrenhaus unverständlich war, aber wenigstens niemanden störte.

Oliver Hohlbach

Bild: Lutz Edelhoff

Das Bild zeigt: Der graue Hof vor der Anstaltskapelle,  links Erik Fenton (Robert) und rechts Vazgen Ghazaryan (Bertram)

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