DIDO AND AENEAS – Baden Baden, Festspielhaus

Oper Henry Purcell (1659-1695) in drei Akten und Epilog. Libretto: Nahum Tate nach seiner Tragödie Brutus of Alba or The Enchanted Lovers (1678) nach dem Versepos Aeneis von Vergil, UA: 11. oder 30. April 1689, Josias Priest’s School of Young Ladies, Chelsea.

Dirigent: Teodor Currentzis, Musica Aeterna Ensemble, New Siberian Singers

Solisten: Simone Kermes (Dido), Dimitris Tiliakos (Aeneas), Deborah York (Belinda), Oleg Ryabets (Zauberin)

Besuchte Aufführung: 28. Mai 2010 (Premiere)

Kurzinhalt

Die karthagische Königin Dido klagt der Schwester Belinda ihr Liebesleid. Es handelt sich um den auf der Flucht aus Troja gestrandeten Aeneas. Das Gefolge beider freut sich daraufhin der Vereinigung der zwei Königreiche. Eine böse Zauberin gönnt den beiden jedoch ihr Liebesglück nicht. Sie beschließt, Aenaeas in Gestalt Merkurs zu erscheinen, um ihn nach dem Willen der Götter zur Weiterfahrt gen Italien zu ermahnen. Aenaeas ist hin- und hergerissen mit seiner Liebe zu Dido und dem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen. Dido sieht Aeneas Weiterfahrt aus Gehorsam als Ausrede. Brüskiert weist sie seine Sinneswandlung, bei ihr zu bleiben, ab. Sie stirbt in den Armen ihrer Schwester.

Sänger und Orchester

Einen Purcell der besonderen Art gab es in Baden-Baden in jeder Hinsicht. Vorneweg wurde das Dixit Dominus in d-Moll von Georg Friedrich Händel gegeben, das in seiner Besetzung jener Purcells weitgehend gleicht. Auf musikalischer Ebene war dadurch ein effektvolles Kontrastprogramm geboten, indem sowohl die Solisten, New Siberian Singers als auch das Musica Aeterna Ensemble ihre Stärken zur Geltung bringen konnten. Die Streicher agierten äußerst sensibel in Akzentuierung und Dynamik, jede einzelne Note wurde mit Leben gefüllt. Rhythmische Unsicherheiten im Zusammenspiel suchte man vergebens. Auch der Chor harmonierte bestens mit den Instrumentalisten. Bereits Simone Kermes (Dido) erster Auftritt läßt eine großartige Sterbeszene am Ende vorausahnen. Dirigent und Solistin erscheinen durch körperliche Nähe und Zuwendung als Duettpartner, die mit großem musikalischem Ausdruck im Publikum für atemberaubende Stille sorgen. Vor allem Teodor Currentzis’ Feingefühl und das Gestaltungsvermögen der im übrigen als einzige auswendig singenden Kermes für sensibelste Pianissimo-Passagen lassen die Musik in einem neuen Licht erscheinen. Nahezu unhörbar leise intoniert sie im Ah! Belinda, I’m prest with torment – Ah! Belinda, der Schmerz bedrückt mich. Didos Tod geschieht hier nicht auf rätselhafte Weise: Ihr Sterben hat bereits in ihrer ersten Arie begonnen. Verglichen mit Kermes hat Deborah York Schwierigkeiten,  der Rolle Belindas den passenden Ausdruck zu verleihen. Im Dixit Dominus brillierte sie mit langatmigen präzisen Koloraturbögen, die ihr großes technisches Können unter Beweis stellten. Im klar strukturierten sanglichen Stil Purcells ist damit jedoch nicht zu trumpfen. Ihr Sopran klingt klar und leicht, emotionale Tiefe fehlt allerdings. Der Gestus des ersten Chors When monarchs unite – Wenn sich Herrscher vereinen ist hart und rasch. Doch kommt hier der Contredance-hafte Ausdruck im Orchester gut zur Geltung. Dimitris Tiliakos (Aeneas) hat zu Beginn in seiner oftmals rezitativischen Partie wenig Gestaltungsmöglichkeiten. Er verharrt in der Rolle des Kriegers und schafft es nur schwer, am Ende mit steifer, unflexibler Stimme Dido von seiner Liebe zu überzeugen.

Der Countertenor Oleg Ryabets (Zauberin) klingt etwas heiser, hat aber ein weiches angenehmes Timbre, das vor allem an lauten Stellen keine unangenehmen Schärfen aufweist. Im Dixit Dominus dagegen kommt zudem eine füllige Tiefe zur Geltung. Lobenswert sind vor allem die beiden Hexen, – gesungen von Mitgliedern der New Siberian Singers –  die ihrem Gelächter durch hart gestoßene Oh und Ah – Laute die geforderte Tücke und Hinterlist verliehen. Eine Glanzleistung des Chores ist es, am Ende das sensible Piano von Orchester und Dido zu übernehmen. Das macht Eindruck. Selten hat man Musik so einfühlsam ausklingen hören.

Fazit

Teodor Currentzis ist ein aufgehender Stern am Barockhimmel. Sein Musica Aeterna Ensemble setzt alle seine Anforderungen mit Leichtigkeit um. Mehr als der tosende Applaus sprach zuvor die atemberaubende Stille im Saal während der ganzen Vorstellung für diese einzigartige Interpretation. Verglichen mit der vor einer Woche bejubelten Carmen-Darbietung übertraf sich Currentzis hier bei weitem. Im Gegensatz zur historischer Aufführungspraxis, die von der ersten Generation bis heute oftmals in Diskussionen über Akzentuierung, Phrasierung und der Höhe des Kammertons stecken bleibt und darüber häufig die Umsetzung der Musikdarbietung vergißt, wurde hier der individuelle Kern der Komposition und deren thematische Aussagekraft herausgearbeitet.

Daniel Rilling

Bild: Andrea Kremper

Das Bild zeigt: Simone Kermes (Dido), Dirigent(Teodor Currentzis) und das Musica Aeterna Ensemble

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