NORMA – Chemnitz, Städtisches Theater

von Vincenzo Bellini (1801-1835), Tragedia lirica in 2 Akten, Libretto: Felice Romani. UA: 26. Dezember 1831 Mailand, Teatro alla Scala

Regie: Christopher Alden, Bühne: Charles James Edwards, Kostüme: Sue Willmington, Choreinstudierung: Simon Zimmermann, Opernchor der Städtischen Theater Chemnitz, Dirigent: Felix Bender, Robert-Schumann-Philharmonie

Solisten: Annemarie Kremer (Norma), Timothy Richards (Pollione), Tiina Penttinen (Adalgisa), Kouta Räsänen (Oroveso), Andrea Jörg (Clotilde), André Riemer (Flavio)

Besuchte Aufführung: 8. März 2014 (Premiere, übernommen von der Opera North, Leeds)

NormaTragedia lirica in zwei Akten von Vincenzo BelliniLibretto von Felice Romani(Aufführung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln)Kurzinhalt

Die Handlung spielt etwa 50 v. Christus im von Römern besetzten Gallien. Norma, Tochter von Oroveso und Hohepriesterin der Druiden, liebt heimlich den römischen Konsul Pollione, von dem sie zwei Kinder hat. Ihre Liebe hindert sie daran, den Galliern Gottes Segen für den Kampf gegen die Besatzer zu geben. Sie spürt jedoch, daß Polliones Gefühle zu ihr erloschen sind. Als sie erfährt, daß dieser mit der jungen Priesterin Adalgisa nach Rom zurückkehren will, sinnt sie auf Rache und erwägt sogar, die gemeinsamen Kinder zu töten. Norma ruft zum Krieg gegen die Römer auf, klagt aber anstelle von Adalgisa sich selbst an, ihre Religion verraten zu haben. Sie überantwortet Oroveso ihre Kinder und bietet sich im Tempel als Opfer dar. Pollione, überwältigt von Normas Geradlinigkeit und Treue, folgt ihr auf den Scheiterhaufen.

Aufführung

Auf der Bühne sieht man einen von Holzwänden eingerahmten Raum mit minimaler Ausstattung. Vertikal über die Bühne erstreckt sich ein gewaltiger Baumstamm mit eingeritzten Druidensymbolen. Szenisch und ausstattungstechnisch hat sich das Regieteam gegen die Antike und für die Entstehungszeit der Oper (1831) entschieden: Pollione trägt Gehrock und Zylinder, Norma und Adalgisa Reifröcke und Hauben, der Chor verschmilzt in ländlicher Arbeits- und Sonntagskleidung mit der farblich dezenten Bühnenkulisse.

Sänger und Orchester

Zwischen der Leistung des Orchesters und der Sänger bestand an diesem Abend eine deutliche Diskrepanz. Felix Bender, der die Robert-Schumann-Philharmonie leitete, dirigierte in den Orchesterzwischenspielen und größtenteils auch im zweiten Akt zügig und stringent. In den elegischen Passagen gelang es ihm hingegen nicht, die einfache Begleitung weniger Ton für Ton, als in lyrischen Bögen zu spielen.

So hätte die ohnehin an diesem Abend erkältete Annemarie Kremer (Norma) fraglos noch mehr gesangliches Potential zu bieten gehabt. Gerade in den prominenten Parts wie Casta Diva – Keusche Göttin ging durch die allzu tragende instrumentale Begleitung viel Fluß und Spannung verloren. Dabei mangelte es der jungen, holländischen Sopranistin nicht an dramatischem Ausdruck. Kremer hat eine überaus reiche Stimme von sinnlichem Klang. Sie meisterte die Koloraturen agil und flüssig und verfügte über eine beeindruckende Technik, die hohen Töne sicher zu formen und zu halten: das g‘‘ von Son io – Ich bin für acht Sekunden (Finale 2. Akt), dazu die zahllosen hohen c“‘ am Ende des Terzetts!

Tiina Penttinen (Adalgisa), eine Mezzosopranistin, kein Sopran wie von Bellini gewünscht, war in der Illustration des Gesangs sicher die beste. Ihr Auftritt in Sgombra è la sacra selva – Einsam ist der heilige Hain war stimmlich und darstellerisch sehr kraftvoll. Das anfangs starke Duett der beiden Frauen Oh! Rimembranza! – O Erinnerung endete im a-Capella Teil unsauber. Besser gelang das in Mira, o Norma – Sieh, o Norma, wo auch das Orchester resoluter begleitete. Beide Sängerinnen mußten gerade in diesem großartigen Duett ohne erkennbare psychologische Motivation (es sei denn die hier suggerierte lesbische Annäherung zählt) im Liegen singen.

Die darstellerischen Interaktionen ließen häufig den Bezug zu Libretto und Musik vermissen, was besonders bei Pollione ins Auge fiel. Der britische Tenor Timothy Richards (Pollione) zeigte weniger stimmliche als darstellerische Defizite, obwohl er sich zuweilen in die hohen Lagen stemmte, wie zum c“ der Traumarie: Eran rapiti i sensi – Meine Sinne waren entzückt (1. Akt, 1. Szene). Obwohl die Stimme über einen schönen und expressiven Klang verfügt, mangelte es dem Tenor an Intensität, was vermutlich auf das Konto der Regie geht.

Kouta Räsänen (Oroveso) gewann als Vater Normas nur wenig mehr Kontur. Stimmlich zeigte der füllige und weiche Baß eine ungeheure Präsenz. Der Chor steigerte sich von einem anfangs etwas verhaltenen Norma, viene – Norma kommt zu eindrucksvoller Dramatik und Geschlossenheit in den Schlußszenen (ab Norma! Che fu? – Norma, was geschah?).

Fazit

So sehr man in dieser Aufführung bemüht schien, mit einem unaufdringlichen Bühnenbild den Fokus auf die Sänger zu lenken, so sehr ließ Christopher Alden eine stringente Figurenführung vermissen. Die dramatische Dichte dieses antiken Stoffes wurde durch eine allzu seichte Interpretation des Geschehens verschenkt. Das Gesangsensemble, allen voran Annemarie Kremer, bescherte dem Publikum Momente, in denen die Schönheit dieser Oper hörbar wurde.

Norma Strunden

Bild: Dieter Wuschanski

Das Bild zeigt: Annemarie Kremer (Norma), Timothy Richards (Pollione) auf dem Weg zum Scheiterhaufen

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