SIEGFRIED – Dessau, Anhaltisches Theater

von Richard Wagner (1813-1883), Musikdrama in drei Aufzügen, Erster Tag des Ring des Nibelungen, Libretto: R. Wagner, UA: 16. August 1876 Bayreuth, Festspielhaus

Regie: Andre Bücker, Bühne: Jan Steigert, Kostüme: Suse Tobisch

Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie Dessau

Solisten: Peter Svensson (Siegfried), Albrecht Kludszuweit (Mime), Ulf Paulsen(Wanderer), Stefan Adam (Alberich), Dirk Aleschus (Fafner), Rita Kapfhammer (Erda), Iordanka Derilova (Brünnhilde), Angelina Ruzzafante (Stimme eines Waldvogels)

Besuchte Aufführung: 30. März 2013 (Premiere)

Kurzinhalt

Siegfried wird vom Zwerg Mime großgezogen ohne Respekt oder Furcht zu kennen. Wie es der Wanderer prophezeit, gelingt es dem Furchtlosen das Schwert Nothung aus Trümmern neu zu schmieden. Mimes Ziel ist es, Siegfried gegen Fafner aufzustacheln, damit er ihn töte und ihm den Ring verschaffe. Nachdem Siegfried den Riesenwurm getötet hat, bringt er den Ring an sich und erkennt durch das magische Drachenblut die wahren Ziele Mimes. Aus Zorn bringt er ihn um und macht sich auf zum Brünnhildenfelsen, um dort Brünnhilde zu erwecken und ihre Liebe zu erringen. Zuvor trifft er auf den Wanderer – den umherstreifenden Gott Wotan – und zerschlägt dessen Speer, der Wotan die Macht über die Welt sicherte. Wotan tritt ab und macht Siegfried so den Weg frei.

Aufführung

Der erste Akt führt uns in Mimes Wohnzimmer, wo sich Mime und Siegfried in Computerspielen duellieren. Projektionen zeigen uns einen Drachen im Flug, einen Bären im Angriff, das Schwert zieht Siegfried aus einer Icon-Liste-Projektion. Wotan besucht Mime in einer Borg-Verkleidung aus Star Trek, während Siegfried und Mime als Computer-Nerds unserer Tage gekleidet sind. Fafners Höhle (dargestellt durch einen Würfel) liegt vor einem umklappbaren Wald aus Holzlatten. Als Drachen sieht man nur seine überdimensionalen Augen, sein Kostüm ist von zahllosen Speeren durchbohrt. Brünnhilde sieht genauso aus wie in der Götterdämmerung, der Brünnhildenfelsen ist wieder der aus verschiebbaren Quadern bestehende schwarze Schachtelturm. Davor die beiden gekrümmt aufgehängten Vorhänge, die kreisförmig verfahren werden können. Diese werden genauso als Projektionsfläche genutzt, wie die aufwendig verkleideten Bühnenportale.

Sänger und Orchester

Den Auftritt von Ulf Paulsen als Wanderer kann man durchaus als sensationelle Entdeckung feiern. Das helle baritonale Timbre klingt in dieser Rolle ungewohnt, jedoch verfügt er über genügend Reserven, um auch in den tiefen Lagen vollmundig zu klingen – selbst wenn er manchmal an Grenzen stößt. Ebenfalls eine Entdeckung ist Albrecht Kludszuweit. Er setzt die Tendenz fort, die Rolle des Mime nicht mit einem abgesungenen, sondern einem lyrischen Tenor mit Saft und Kraft zu besetzen. Das Potential für größere Rollen wie Siegfried hat er bereits unter Beweis gestellt. Dieses Potential läßt Peter Svensson (Siegfried) vermissen. Obwohl unter den Folgen einer Erkältung leidend, doch nicht als indisponiert angesagt, offenbarte er Probleme mit der Intonation, zieht die Töne von unten hinauf.

Das große Finale gewinnt ohne Probleme Iordanka Derilova (Brünnhilde). Ihr schwerer dramatischer Sopran gibt der Rolle Gewicht, hohe Töne trifft sie auch im Forte, auch wenn dieses nicht frei von Schärfen gerät. Die kleinen Rollen sind durch die Bank herausragend besetzt, Angelina Ruzzafante als schwerer Koloratursopran hat keine Probleme mit dem Waldvogel-Gezwitscher in den höchsten Tönen. Rita Kapfhammer verfügt über ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang und verleiht der sterbenden Erda Format. Stefan Adam gestaltet den Alberich mit dämonischer Schwärze. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen des Siegfried. Die symphonischen Abschnitte wie Waldweben oder Vorspiel zum dritten Akt werden monumental breit mit viel Leidenschaft gespielt. So werden die Motive deutlich herausgearbeitet und es gelingt, die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu verschweißen.

Fazit

Minutenlange Ovationen, ein tobendes Publikum – auch die zweite Premiere des von hinten aufgezäumten Ringes wird vom Publikum geschätzt: Wegen des von der Liebe zum Gegensätzlichen geprägten Bühnenbildes und der insgesamt guten musikalischen Leistung. Der sogenannte Bauhausstil aus der Götterdämmerung (d.h. körperstarre bzw. gestendominierte Personenführung und grelle Projektionen) wird durch computeranimierte Bühnenbilder und hippe Bewegungsabläufe aufgebrochen. Dieser Stil gewinnt durch die Gegensätzlichkeit  zusätzlichen Unterhaltungswert, wirft aber auch viele Fragen auf, die mit der Walküre 2014 beantwortet werden sollten. Musikalisch ist der Abend schon wegen des Debüts von Ulf Paulsen ein Erlebnis, auch die Interpretation von Antony Hermus setzt Akzente. So wird deutlich, daß dieser dritte Ring im Großraum Berlin auf hohem Niveau mitspielen kann.

Oliver Hohlbach

Bild: Claudia Heysel

Das Bild zeigt: Rita Kapfhammer (Erda), Ulf Paulsen(Wanderer)

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