PETER GRIMES – Berlin, Deutsche oper

von Benjamin Britten (1913-1976), Oper in einem Prolog und drei Akten, Text von Montagu Slater nach einem Gedicht von George Crabbe, UA: 1945 London

Regie: David Alden, Bühne: Paul Steinberg, Kostüme: Brigitte Reiffenstuel, Licht: Adam Silverman, Choreographie: Maxine Braham

Dirigent: Donald Runnicles, Orchester der Deutschen und Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin, Choreinstudierung: William Spaulding

Solisten: Christopher Ventris (Peter Grimes), Michaela Kaune (Ellen Orford), Markus Brück (Captain Balstrode), Rebecca de Pont Davies (Auntie), Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel (zwei Nichten), Stephen Bronk (Swallow), Thomas Blondelle (Bob Boles), Clemens Bieber (Rev. Adams) u.a.

Besuchte Aufführung: 25. Januar 2013 (Berliner Premiere), Co-Produktion mit English National Opera London

Kurzinhalt

Die Handlung spielt zu Beginn des 19. Jh.s in dem kleinen Fischerdorf Borough an der rauhen englischen Ostküste. Der Fischer Peter Grimes ist angeklagt, den Tod seines Lehrlings verschuldet zu haben, was ihm jedoch nicht nachzuweisen ist. Die Stimmung im Dorf wird ihm gegenüber immer feindseliger, lediglich die Lehrerin Ellen Orford und Captain Balstrode halten noch zu ihm. Grimes hat vor, durch harte Arbeit genug Geld für eine sichere Existenz auf dem Lande zu verdienen und Ellen zu heiraten. Als er einen neuen Lehrling bekommt, führt er ihn mit großer Strenge in sein Handwerk ein. Die Dorfbevölkerung beginnt unruhig zu werden, und wütend zieht man zu Grimes’ Hütte, der seinen Lehrling so unbedachtsam hinausscheucht, daß er die Klippen hinunterstürzt und stirbt. Als sich im Dorf die Zeichen dafür verdichten, daß auch sein zweiter Lehrling ums Leben gekommen ist, macht sich der rasende Mob erneut zu seiner Hütte auf. Grimes setzt die Segel und versenkt sein Boot in einem aufkommenden Sturm.

Aufführung

Mitten in das Gemurmel des Publikums hinein beginnt der Prolog. Die Kostüme sind im Stil der 40er Jahre, also der Entstehungszeit des Werkes, gehalten. Die unterschiedlichen Schauplätze werden bühnenbildnerisch angedeutet und die Regievorgaben des Librettos befolgt. Die Handlung findet auf einer engen, in einigen Akten trichterförmigen Bühne statt. Das hat für den Chor, der als einer der Hauptakteure dieser Oper anzusehen ist, zwei Dinge zur Folge: Zum einen sind die vielen Aktionen und Bewegungen des gesamten Chores rhythmisch koordiniert und mit minimaler Bewegungsfreiheit auszuführen. Zum anderen steht der Chor dadurch häufig als geschlossene Masse dem Orchester als ebenbürtiger Klangkörper gegenüber. In dieser Hinsicht wird in der Inszenierung die musikalische Seite ebenso berücksichtigt wie die szenische, d.h. die Choreographie behält stets die klanglichen Konsequenzen der Umgruppierungen im Auge. In den Massenszenen des ersten und letzten Aktes finden etliche Aktionen gleichzeitig statt. Beleuchtung, Bühnenbild und Choreographie greifen durchweg eng ineinander, und das Timing aller Aktionen läuft der Musik nirgends entgegen.

Sänger und Orchester

Der Chor hatte an diesem Abend einen glänzenden Auftritt. Nicht nur die massiven, statischen Passagen wurden präzise und dynamisch ausgewogen vorgetragen, sondern ebenso die tumultuarischen oder die Kirchengesänge hinter der Bühne im zweiten Akt. Beeindruckend war etwa, wie die Zischlaute in den Sätzen des zweiten Akts als wichtiges rhythmisches Element klar herausgearbeitet wurden. Unter Donald Runnicles’ Leitung zog das Orchester der Deutschen Oper alle Register von Brittens ungemein farbig instrumentierter Partitur. Die klangliche Balance innerhalb des Orchesters, die angesichts der kontrastreichen Musik eine echte Herausforderung darstellt, wie auch das Zusammenspiel der Instrumentalisten mit den Sängern waren vorbildlich. Der Aufbau der langen Spannungsbögen in den Sea-Interludes, also den instrumentalen Zwischenspielen, gelang vollauf.

Keiner der Sänger zeigte an diesem Abend Schwächen. Darstellerisch und stimmlich waren alle Leistungen mehr als überdurchschnittlich. Christopher Ventris (Peter Grimes) und Michaela Kaune (Ellen Orford) hatten als Sänger der beiden Hauptpartien daran natürlich einen großen Anteil. Ventris ist in der Lage, seinen Tenor in allen möglichen sprecherisch-klanglichen Schattierungen die Nuancen des Textes widerspiegeln zu lassen. Besonders im dritten Akt ging er hier an die Grenze, d.h. ließ seine Stimme stellenweise bis zum Beinahe-Brechen angestrengt klingen. Kaune beeindruckte vor allem mit ihrem kurzen Monolog im dritten Akt, den sie im intensiven piano vortrug. Neben Markus Brück (Captain Balstrode) waren es vor allem Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel (zwei Nichten), die darstellerisch herausstachen.

Fazit

Bereits zwischen den Akten gab es begeisterten Beifall, der nach dem Schluß stürmisch wurde. An dieser Produktion stimmt einfach alles: Das Libretto wird klug und unprätentiös umgesetzt, Inszenierung und Musik sind ebenso gut aufeinander abgestimmt wie Chor, Solisten und Orchester. Grandios!

Dr. Martin Knust

Bild: Marcus Lieberenz

Das Bild zeigt Michaela Kaune (Ellen Orford) und Chor

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