{"id":8764,"date":"2026-09-21T14:52:33","date_gmt":"2026-09-21T13:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8764"},"modified":"2026-09-21T14:53:46","modified_gmt":"2026-09-21T13:53:46","slug":"mittwoch-aus-licht-deutsche-oper-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8764","title":{"rendered":"Mittwoch aus Licht &#8211; Deutsche Oper Berlin"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Karlheinz Stockhausen (1928\u20132007), Oper in einem Gru\u00df, vier Szenen und Abschied, Libretto, Aktionen und Gesten vom Komponisten, UA: 2012 Birmingham<\/p>\n<p>Regie: Susanne Kennedy, B\u00fchnenbild: Markus Selg, Kost\u00fcme: Andrea Dumitrascu, Licht: Marcel Weber\/MFO, Video: Warja Rybakova und Markus Selg, Dramaturgie: Beate Breidenbach<\/p>\n<p>Musikalische Leitung: Maxime Pascal, Ensemble Le Balcon, Klangregie: Florent Derex, Computermusikdesigner: Augustin Muller, Streichquartett und Chor der Deutschen Oper Berlin, Chordirigent: Jeremy Bines<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 19. September 2026 (deutsche Erstauff\u00fchrung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Berlin-DO-Stockhausen-Internet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8765\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Berlin-DO-Stockhausen-Internet.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Berlin-DO-Stockhausen-Internet.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Berlin-DO-Stockhausen-Internet-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Diese Oper hat im herk\u00f6mmlichen Sinne keine eigentliche Handlung. Stattdessen dominieren Rituale in der ersten und vierten Szene \u2013 die Sitzung des Weltparlamentes und die Wahl eines neuen Pr\u00e4sidenten darstellend \u2013 und auch die dritte mit dem Titel <em>Orchester-Finalisten<\/em>, in der elf Solisten auf ihren Instrumenten nacheinander brillieren. Die dritte Szene, die unter den Kompositionen der Nachkriegsavantgarde einen schon legend\u00e4ren Ruf hat, ist das <em>Hubschrauber-Streichquartett<\/em>. Wenige Tage vor der Premiere war es auf einem Flugplatz bei Berlin aufgef\u00fchrt und aufgezeichnet worden. W\u00e4hrend Stockhausens Einf\u00fchrung zu dem St\u00fcck aus den Lautsprechern zu h\u00f6ren ist, steigen die vier Mitglieder des Streichquartetts der Deutschen Oper in ihren jeweiligen Hubschrauber ein. Wie in der Rede erkl\u00e4rt, wird ihr Spiel w\u00e4hrend des Fluges mit Hilfe eines Click-Tracks synchronisiert. Nicht nur das Tremolo der Streicher, sondern auch das Knattern der Rotorbl\u00e4tter sind ein Teil der Komposition. Auch wenn die gesamte dritte Szene nicht live aufgef\u00fchrt wurde, sondern das Publikum Video- und Tonaufnahmen des 25-min\u00fctigen Hubschrauberflugs verfolgte, rief diese dritte Szene bei der Premiere die euphorischsten Reaktionen hervor.<\/p>\n<p>In der vorausgehenden zweiten Szene, die rein instrumental ist, wird oktophone \u2013 also \u00fcber acht Audiokan\u00e4le abgespielte \u2013 elektronische Musik aus den Lautsprechern mit elf Instrumentalsoli kombiniert. Die Instrumentalisten haben laut den Vorgaben des Komponisten dabei \u00fcber der Szene zu schweben, w\u00e4hrend in den unterschiedlichen Abschnitten Tiere, Fahrzeuge und Geb\u00e4ude auf der B\u00fchne zu sehen sind. Die Video-Projektionen der Auff\u00fchrung folgten diesen Vorgaben, die Solisten spielten und agierten jedoch mit beiden F\u00fc\u00dfen auf der Erde. Die letzte Szene handelt von der Wahl eines neuen Weltparlaments-Pr\u00e4sidenten, als welcher sich das Luzikamel mit einem Tanz qualifiziert. Es \u00fcbersetzt Kurzwellensignale und mit einem Sextett klingt die Szene aus.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Im Foyer empfangen und entlassen die Zuschauer die elektronischen Kl\u00e4nge der Gru\u00df- und Abschiedsmusik. Sie sind auch im Saal zu h\u00f6ren, bevor die erste Szene beginnt. In dieser Szene, die die Zusammenkunft des Welt-Parlamentes darstellt, und in der letzten, dem Michaelion, kommt dem Chor eine tragende Rolle zu. Die Choristen sind identisch gekleidet und f\u00fchren die von Stockhausen vorgeschriebenen Gesten und Handstellungen aus. Nicht selten hat jeder der Choristen eine individuelle Stimme auch singen, wodurch ein dichtes klangliches Geflecht entsteht. Neben T\u00f6nen sind auch Laute und isolierte Silben zu singen, sprechen, rufen oder fl\u00fcstern. Neben den S\u00e4ngern gibt es noch sechs Performer, die t\u00e4nzerische und dramatische Geb\u00e4rden zeigen. Die B\u00fchne bleibt w\u00e4hrend der gesamten Auff\u00fchrung offen und das B\u00fchnenbild gleich. Es zeigt eine stilisierte W\u00fcstenlandschaft mit einer m\u00e4chtigen eckigen Skulptur in der Mitte. Gro\u00dfe Bedeutung kommt den Videoprojektionen im Hintergrund zu, die Computeranimationen von Landschaften, Tieren, Ger\u00e4ten und phantastischen Architekturen zeigen. Insgesamt werden die heterogenen Teile der Oper durch das im wesentlichen unver\u00e4nderte Szenenbild in einen visuellen Zusammenhang gebracht. Etliche der gelinde gesagt vision\u00e4ren Ideen Stockhausens zur Umsetzung auf der B\u00fchne werden lediglich angedeutet oder ganz ignoriert. Das Geschehen bleibt insgesamt eher statisch.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Instrumentalisten<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts des Fehlens eines Orchesters und l\u00e4ngerer Gesangssoli \u2013 die Koloratursopranpartie der Ersatz-Pr\u00e4sidentin, die von Rachel Pinevska gesungen wurde, ausgenommen \u2013 und der hyperkomplexen Partitur ist eine Beurteilung der musikalischen Leistungen nach konventionellen Ma\u00dfst\u00e4ben nur schwer m\u00f6glich. Alle Musiker, ob S\u00e4nger oder Instrumentalisten, m\u00fcssen auch darstellerisch in Erscheinung treten. D.h. sie haben sowohl bestimmte Bewegungen wie Rotationen, Schritte oder Handzeichen auszuf\u00fchren. Im Falle der elf Orchester-Finalisten in der zweiten Szene werden sowohl instrumentales Spiel als auch Rufe, Gesang oder Sprachfetzen von den Musikern verlangt, mit deren Hilfe sie Charaktere schaffen, etwa den ruppig spielenden und vokalisierenden Kontrabassisten, der eine humoristische Note in die Abfolge der Soli einbringt.<\/p>\n<p>Auf all die Details und Feinheiten der Musik, samt ihrer gestischen Momente und ungew\u00f6hnlichen Spiel- und Gesangsweisen einzugehen, ist schlicht unm\u00f6glich. Von ihrer Gesamtwirkung her kann man die Kl\u00e4nge, die die S\u00e4nger, Instrumentalisten und Klangregie erzeugen, als eher ruhig und erhaben bezeichnen. Wie dem B\u00fchnenbild eignet auch ihnen zumindest in erster und letzter Szene eine gewisse Statik und sie entfalten damit eine meditative Wirkung. Was bei dieser Musik vielleicht am ungew\u00f6hnlichsten ist, ist die Nutzung des Raumes als ein entscheidender musikalischer Parameter. Vor allem die elektronische Musik und Alltagsger\u00e4usche \u2013 Insektenbrummen, Vogelgeschrei und das Knattern der Rotoren etwa \u2013, die aus mehreren Lautsprecherkan\u00e4len ert\u00f6nen und mit den akustischen Kl\u00e4ngen kombiniert werden, wandern dank der im Zuschauerraum verteilten Lautsprecher eindrucksvoll durch den Saal. Es gibt also zu jedem Zeitpunkt eine schier unersch\u00f6pfliche F\u00fclle an musikalischen Informationen, in die man sich als Zuh\u00f6rer vertiefen kann.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Wie deutlich geworden sein d\u00fcrfte, erwartet den Besucher von Stockhausens <em>Mittwoch<\/em> eine in allen Belangen ungew\u00f6hnliche Produktion. Wenn man auch keine zusammenh\u00e4ngende Erz\u00e4hlung pr\u00e4sentiert bekommt oder einen roten Faden, der alle Teile durchzieht, vermissen d\u00fcrfte, wird man dennoch von der Perfektion der Darbietung dieser die Grenzen der Konventionen in alle Richtungen \u00fcberschreitenden Musik fasziniert sein. Die szenische Umsetzung der nicht selten r\u00e4tselhaften Handlungen ist unvoreingenommen, ja, vielleicht sogar ein wenig naiv. Sie versucht nicht, das Geschehen zu deuten, zu kommentieren oder gar zu hinterfragen. Man wohnt folglich einem langen Ritual bei, dessen Ablauf wie auch derjenige der Musik nicht vorhersehbar ist. Sofern man daf\u00fcr bereit ist, er\u00f6ffnen sich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr musikalisch-klangliche Erlebnisse, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen \u2013 oder das laut dem Komponisten zumindest vorgeben. Allein das <em>Hubschrauber-Streichquartett<\/em>, ein in jeder Hinsicht singul\u00e4res Ereignis in der Musikgeschichte, lohnt einen Besuch der wenigen Auff\u00fchrungen. Das Publikum im ausverkauften Haus war am Abend der Erstauff\u00fchrung von den musikalischen Leistungen angetan, die szenische Umsetzung gefiel jedoch nicht allen.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Julian Roeder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Karlheinz Stockhausen (1928\u20132007), Oper in einem Gru\u00df, vier Szenen und Abschied, Libretto, Aktionen und Gesten vom Komponisten, UA: 2012 Birmingham Regie: Susanne Kennedy, B\u00fchnenbild: Markus Selg, Kost\u00fcme: Andrea Dumitrascu, Licht: Marcel Weber\/MFO, Video: Warja Rybakova und Markus Selg, Dramaturgie:<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8764\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8764","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8764"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8767,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8764\/revisions\/8767"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}