{"id":8665,"date":"2025-07-30T09:10:55","date_gmt":"2025-07-30T08:10:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8665"},"modified":"2025-09-16T09:22:09","modified_gmt":"2025-09-16T08:22:09","slug":"43-festival-international-dopera-baroque-romantique-2025-beaune","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8665","title":{"rendered":"43. Festival International  d\u2019Op\u00e9ra Baroque &#038; Romantique 2025, Beaune"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Wenn ich durch die weichen Wellen der Landschaft rund um Beaune im Burgund fahre, wird mein Blick von sanften H\u00fcgeln und sonnenverw\u00f6hnten Reben getragen. Die Weinberge schmiegen sich an die Erde, in ruhigem Rhythmus, fast wie eine Melodie. In dieser stillen Sch\u00f6nheit gedeihen die edelsten Tropfen \u2013 die <em>Grands Crus<\/em>, gro\u00dfe Gew\u00e4chse von Weltrang, geboren aus Erde, Sonne und jahrhundertealter Hingabe.<\/p>\n<p>In diesem Jahr durften wir gleich zweimal in die Klangwelten Georg Friedrich H\u00e4ndels und Alessandro Scarlattis eintauchen. Die Musik erwachte mit solcher Lebendigkeit, da\u00df man fast verga\u00df, in einem Konzertsaal zu sitzen. Die Dirigenten und Musiker bildeten eine Einheit, wie geschaffen f\u00fcr die barocken Meisterwerke. Man konnte ihr Engagement deutlich sp\u00fcren. Ihr Spiel war so pr\u00e4zise, so beseelt, da\u00df das Publikum am Ende wie verzaubert war \u2013 und sich mit ausgiebigem Applaus bedankte, f\u00fcr die Abende voller Kunst, Freude und Klang.<\/p>\n<p><strong><em>La Resurrezione <\/em><\/strong>\u2013 <strong><em>Die Auferstehung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>von G.F. H\u00e4ndel (1685-1759), \u00a0eigentlich <em>La Resurrezione di Nostro Signor Ges\u00f9 Cristo<\/em> (HWV\u00a047) ist ein Oratorium in zwei Teilen<\/p>\n<p>Libretto von Carlo Sigismondo Capece, UA: Palazzo Bonelli, Salone al Piano Nobile, Rom am 8. April 1708<\/p>\n<p>Chor und Orchester: <em>Le Bankett C\u00e9leste<\/em><\/p>\n<p>Orgel: Fran\u00e7ois Saint-Yves<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 11. Juli 2025, Basilica Notre-Dame<\/p>\n<p><strong>Solisten: <\/strong>Suzanne Jerosme, Angelo, ein Engel (Sopran), C\u00e9line Scheen, (Maddalena, Begleiterin Jesu (Sopran), Margherita Maria Sala, Cleofe, Jungerin Jesu (Alt), Thomas Hobbs, Giovanni, Evangelist (Tenor), Thomas Doli\u00e9, Lucifer (Ba\u00df)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<br \/>\n<\/strong><em>La Resurrezione<\/em> (Die Auferstehung, HWV 47) ist f\u00fcr mich eines der faszinierendsten Fr\u00fchwerke H\u00e4ndels \u2013 ein Oratorium in italienischer Sprache, das 1708 in Rom entstand, w\u00e4hrend der junge Komponist auf seiner Lehrreise in Italien war. Doch von Lehrst\u00fcck kann hier kaum die Rede sein: Schon in diesem Werk offenbart sich H\u00e4ndels dramatisches Gesp\u00fcr, seine F\u00e4higkeit, Musik zu schreiben, die unmittelbar unter die Haut geht.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfer Besetzung, einer opernhaften Dramaturgie und herausfordernden, virtuosen Partien f\u00fcr die Solisten entfaltet sich <em>La Resurrezione<\/em> nicht als blo\u00dfe liturgische Betrachtung, sondern als ein echtes Glaubensdrama \u2013 spannungsgeladen, emotional aufgeladen, theologisch durchdacht. Es ist ein Werk, das sich nicht mit frommer Zur\u00fcckhaltung begn\u00fcgt, sondern das Ostergeschehen in all seiner existenziellen Tiefe auslotet \u2013 zwischen Himmel und H\u00f6lle, Licht und Finsternis, Verzweiflung und Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<br \/>\n<\/strong>Nach dem Tod von Jesus sind seine Freunde sehr traurig. Sie glauben, alles sei verloren. In dieser dunklen Zeit tritt der Teufel (Lucifer) auf und freut sich: F\u00fcr ihn ist das Gute besiegt.<br \/>\nDoch ein Engel widerspricht. Er sagt: <em>Wartet nur \u2013 ein gro\u00dfes Wunder wird geschehen<\/em>! Die beiden streiten sich dar\u00fcber, wer Recht hat: der Teufel, der an die Dunkelheit glaubt, oder der Engel, der auf neues Leben hofft.<br \/>\nIn der Mitte der Geschichte ver\u00e4ndert sich etwas: Die Menschen sp\u00fcren, da\u00df Hoffnung zur\u00fcckkehrt. Besonders Maria Magdalena sp\u00fcrt, dass etwas Gro\u00dfes bevorsteht.<br \/>\nAm Ende verk\u00fcndet der Engel die frohe Nachricht: <em>Jesus ist auferstanden<\/em>! Das Licht vertreibt die Dunkelheit. Der Teufel verliert seine Macht, und alle feiern voller Freude das neue Leben.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>Der erste und der zweite Teil des Oratoriums bestehen jeweils aus zehn Arien. Im ersten Teil sind diese gleichm\u00e4\u00dfig verteilt, soda\u00df jeder S\u00e4nger zwei Arien erh\u00e4lt. Im zweiten Teil jedoch \u00e4ndert sich diese Verteilung: Lucifero bekommt nur noch eine Arie, w\u00e4hrend Maddalena drei zugedacht sind; die \u00fcbrigen Figuren erhalten jeweils zwei. Die beiden als Coro bezeichneten Abschlu\u00dfnummern jedes Teils sind nicht f\u00fcr einen Chor im eigentlichen Sinne vorgesehen, sondern dem Solistenensemble vorbehalten. Ein Erz\u00e4hler oder Evangelist fehlt ebenfalls. In dieser Hinsicht \u00e4hnelt <em>La Resurrezione<\/em> eher einer Oper als einem Oratorium. In der einleitenden Sinfonia erklingt eine zarte Oboen-Kantilene, die den Weg f\u00fcr die dramatische Handlung bereitet. Ein Engel \u2013 dargestellt von der Sopranistin Suzanne Jerosme mit ihrem farbenreichen Timbre \u2013 bittet um Einla\u00df in die Unterwelt. In leuchtendes Rot geh\u00fcllt, beginnt sie entschlossen und ausdrucksstark, mit brillanter Dramatik, rasanten Koloraturen, funkelnden Trillern und einem eindrucksvollen hohen A in der ber\u00fchmten Bravourarie <em>Disserratevi, o porte d&#8217;Averno &#8211; \u00d6ffnet euch, o Tore der Unterwelt<\/em>, einer Da-capo-Arie in D-Dur.<\/p>\n<p>Christus ist tot. Luzifer \u2013 im schwarzen Anzug \u2013 erkl\u00e4rt, seine Kr\u00e4fte nicht verloren zu haben. Der gefallene Engel wird von <strong>Thomas Doli\u00e9<\/strong> mit gro\u00dfer stimmlicher Pr\u00e4senz verk\u00f6rpert: Er beherrscht nicht nur den tiefen Ba\u00df, sondern auch ein erweitertes Register mit baritonaler F\u00e4rbung. In seinem Kampf mit den furchtbaren M\u00e4chten trotzt er Gott voller Zorn und Inbrunst.<br \/>\nUnterdessen trauern Maria Magdalena und Maria Cleophas in Jerusalem um den Tod Jesu, bevor sie sich auf den Weg zur Grabst\u00e4tte machen, um seinen Leichnam zu salben. Die Rollen \u00fcbernehmen die ausdrucksstarke Sopranistin <strong>C\u00e9line Scheen<\/strong>. Der Tenor <strong>Thomas Hobbs<\/strong> pa\u00dft mit seiner samtigen Stimme gut zur W\u00fcrde und Weisheit der Figur.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil folgt der triumphale Sieg Christi: die Verk\u00fcndigung der Auferstehung. Der Schlu\u00dfchor ist erf\u00fcllt von Energie und pr\u00e4ziser Gestaltung.<\/p>\n<p>Besonders zu erw\u00e4hnen ist: <strong>Margherita Maria Sala<\/strong>. Ihre warme, klangsch\u00f6ne Altstimme \u00fcberzeugt durch klugen Stil, koh\u00e4rente Phrasierung, pr\u00e4zise Diktion und sichere Technik \u2013 eine echte Entdeckung.<\/p>\n<p><strong>Fazit<br \/>\n<\/strong>Nach langer Abwesenheit kehrte das Ensemble <em>Le Banquet C\u00e9leste<\/em> im Jahr 2019 erstmals wieder nach Beaune zur\u00fcck \u2013 und nun beschenkten sie uns mit einem Abend, der in Erinnerung bleibt. Vom ersten Ton an war sp\u00fcrbar: Hier begegnen sich Musik und Hingabe auf Augenh\u00f6he.<br \/>\nDas Ensemble spielte mit einer intensiven inneren Spannung \u2013 nicht auf Effekt ausgerichtet, sondern ganz auf Ausdruck, auf Tiefe, auf das Wesentliche. Jeder Moment war getragen von Klarheit, von einer gemeinsamen musikalischen Sprache, die ber\u00fchrt, ohne sich aufzudr\u00e4ngen.<br \/>\nDie solistischen Passagen waren fein nuanciert, pr\u00e4zise und voller Energie. Besonders faszinierend an H\u00e4ndels <em>La Resurrezione<\/em> ist f\u00fcr mich die Entscheidung, ganz auf einen Chor zu verzichten. H\u00e4ndel vertraut allein den f\u00fcnf Solisten \u2013 ein ungew\u00f6hnlicher, mutiger Schritt. Und genau dadurch gewinnen die inneren Konflikte der Figuren an Raum und Intensit\u00e4t. Jeder Zweifel, jede Hoffnung, jede spirituelle Erkenntnis wird unmittelbarer, greifbarer. Es ist, als s\u00e4\u00dfen wir mitten im Geschehen \u2013 nicht als Zuh\u00f6rende, sondern als Mitf\u00fchlende.<br \/>\nEs war ein Abend von seltener Sch\u00f6nheit. <em>Le Banquet C\u00e9leste<\/em> spielte mit ber\u00fchrender Klarheit und gro\u00dfer innerer Sammlung. In jeder Nuance sp\u00fcrte man das Vertrauen in die Musik, das gemeinsame Atmen, das innere Mitgehen. Das Publikum h\u00f6rte \u2013 still, aufmerksam, bewegt. Und als der letzte Ton verklungen war, blieb f\u00fcr einen Moment nichts als Stille. Keine z\u00f6gerliche, sondern eine ehrf\u00fcrchtige. Wie ein Innehalten vor etwas Gr\u00f6\u00dferem. F\u00fcr mich war es mehr als ein Konzert \u2013 es war ein tiefes, stilles Ber\u00fchrt Sein.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Neue Produktion f\u00fcr Beaune Festival &#8211; Im Rahmen der Scarlatti 300 Feiern<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Il Primo Omicidio <\/em><\/strong>\u2013<strong><em> Der erste Mord<\/em><\/strong><\/p>\n<p>von Alessandro Scarlatti (1660-1725), Oratorium (Originalbezeichnung: Oratorio a 6 voci) in zwei Teilen<\/p>\n<p>Libretto: Antonio Ottoboni, UA: Fastenzeit 1707, Venedig<\/p>\n<p>Chor und Orchester: <em>Les Accents<\/em><\/p>\n<p>Cembalo: Phillipe Grisvard<\/p>\n<p>Dirigent: Thibault Noally, Geige &amp; Dirigent<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 12. Juli 2025, Cour des Hospices<\/p>\n<p>Solisten: Natalie Perez, Eva (Sopran),\u00a0Petr Nekoranec, Adam (Tenor), Camille Chopin, Abel (Sopran), Mathilde Ortscheidt, Kain (Alt), Paul Figuier, Voce di Dio, Stimme Gottes (Alt), Nicolas Broymans, Voce di Lucifero, Stimme Luzifers (Ba\u00df)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Beaune-Il-Primo-Omicido-Ars-Essentia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8667\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Beaune-Il-Primo-Omicido-Ars-Essentia.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Beaune-Il-Primo-Omicido-Ars-Essentia.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Beaune-Il-Primo-Omicido-Ars-Essentia-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Vorbemerkung<br \/>\n<\/strong>Im barocken Innenhof des Cour des Hospices zur B\u00fchne f\u00fcr ein selten aufgef\u00fchrtes Meisterwerk von Alessandro Scarlattis <em>Il Primo Omicidio<\/em> (1707) aufgef\u00fchrt. Unter sommerlichem Abendhimmel entfaltete sich ein musikalisches Drama von eindringlicher Wucht \u2013 die Geschichte vom ersten Mord, psychologisch raffiniert und bewegend inszeniert.<\/p>\n<p>Das Oratorium Scarlattis<em> Il Primo Omicidio<\/em> erz\u00e4hlt die biblische Geschichte vom ersten Mord der Menschheit: Kain erschl\u00e4gt seinen Bruder Abel. Doch das Werk ist weit mehr als eine blo\u00dfe Nacherz\u00e4hlung \u2013 es ist ein tiefgr\u00fcndiges musikalisches Drama \u00fcber Schuld, Eifersucht, g\u00f6ttliche Gerechtigkeit und die menschliche Freiheit. Es ist faszinierend zu h\u00f6ren, wie er im Rahmen des Barockstils bereits Elemente des Musiktheaters andeutet.<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<br \/>\n<\/strong>Nach dem S\u00fcndenfall leben Adam und Eva voller Reue au\u00dferhalb des Paradieses. Ihre S\u00f6hne Kain und Abel bringen Gott Opfer dar: Abel w\u00e4hlt das Beste seiner Herde, Kain bringt Fr\u00fcchte vom Feld. Gott nimmt Abels Opfer an, Kains jedoch nicht. Kain ist tief verletzt und beginnt, seinen Bruder zu beneiden.<br \/>\nEin innerer Kampf entbrennt in Kain: Der Teufel fl\u00fcstert ihm Zweifel ein, w\u00e4hrend ein Engel versucht, ihn zur Umkehr zu bewegen. Doch der Zorn siegt \u2013 und Kain t\u00f6tet seinen Bruder auf dem Feld.<br \/>\nNach der Tat wird Kain von Gott zur Rede gestellt. Er leugnet zun\u00e4chst, doch Gott kennt die Wahrheit. Die Strafe folgt: Kain wird zum ruhelosen Wanderer verbannt. Adam und Eva trauern um ihren toten Sohn \u2013 und um die Schuld, die durch sie in die Welt kam.<br \/>\nTrotz allem endet das Oratorium nicht in Verzweiflung: Ein Hoffnungsschimmer bleibt \u2013 in der M\u00f6glichkeit von Reue und in Gottes Gnade.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>Das Ensemble <em>Les Accents<\/em> unter dem energischen Dirigat von Thibault Noally, der selbst als erster Geiger spielte, hoch konzentriert und wunderbar transparent musizierte. Die Musiker pa\u00dften sich den oft recht z\u00fcgigen Tempi an und behielten dennoch die Leichtigkeit im Spiel. Alle Instrumentalsolisten bewiesen ihre gro\u00dfe technische Versiertheit und traten in reizvollen Dialog mit den S\u00e4ngern. Extra zu erw\u00e4hnen sind hier die Musiker im gleicherma\u00dfen virtuoses Spiel von <strong>Phillipe Grisvard<\/strong> (Cembalo), der brillant und couragiert begleitet. Die Kommunikation zwischen Dirigent (<strong>Thibault Noally<\/strong>) und Ensemble zeugte von einf\u00fchlsame, aufmerksame Harmonie. Die S\u00e4nger waren tadellos einstudiert, beispielsweise <strong>Natalie Perez<\/strong>, als Eva: mit ganzen Emotionen mit w\u00fcrdevoller N\u00fcchternheit gl\u00e4nzte sie mit weicher, flexibler Stimmen. Die stilistische Schlichtheit pa\u00dft gut zum liebenswerten Mutter, die Kummer in einem erhabenen Mutterdaseins. Mit Voller Dramatik, aber mit stets kontrollierter, intonationssicherer und sch\u00f6ner Stimme, brillierten <strong>Camille Chopin<\/strong>, Abel (Sopran) in den virtuosen Passagen. Der Tenor <strong>Petr Nekoranec<\/strong> als Adam besa\u00df eine klare Stimme mit allerlei stimmlichen Farben und war klangvoll mit sehr guter Koloraturtechnik sowohl in der unteren Oktave als auch in warmer, runder H\u00f6he bei erstaunlicher Kondition.<\/p>\n<p><strong>Mathilde Ortscheidt<\/strong> als Kain zeigte innere Zerrissenheit spiegelt sich in dunklen Alt\u2011Arien und wiederkehrenden Fagottpassagen mit einer gro\u00dfen dramatischen Vielseitigkeit, wobei die stimmliche Intonation weich und sanft klang. Ortscheidt stellte s\u00e4mtliche Facetten der Arien ausgesprochen ber\u00fchrend dar, was auch ihrem eher dunklen Timbre zuzuschreiben war. Die <em>Sinfonia della strage<\/em> \u2013 das lautmalerische Herzst\u00fcck des Werks \u2013 wurde vom Orchester mit nerv\u00f6ser Spannung und technischer Pr\u00e4zision umgesetzt. Der Ba\u00df als Lucifer (<strong>Nicolas Broymans<\/strong>) verlieh dem Werk mit sonorer Tiefe d\u00e4monisches Gewicht, w\u00e4hrend die Stimme Gottes ruhige Stimme und unbestechlich mahnte.<\/p>\n<p>Beonders zu erw\u00e4hnen ist: <strong>Paul Figuier<\/strong>, der Counters\u00e4nger. Er sang die Stimme Gottes. Er hat eine runde, sehr warme Stimme. Seine Stimme ist wohltuend. Durch seine fast perfekte Gesangstechnik konnten wir besonders die Auff\u00fchrung genie\u00dfen<strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><br \/>\nWas mich besonders beeindruckt hat, war, wie szenisch das Ganze wirkte, obwohl es keine B\u00fchne im klassischen Sinn gab. Die alttestamentarische Dramatik war mit H\u00e4nden zu greifen \u2013 getragen von einer intensiven musikalischen Gestaltung, die nichts besch\u00f6nigte, aber alles f\u00fchlbar machte.<br \/>\nDas Ensemble <em>Les Accents<\/em> spielte mit gro\u00dfer Hingabe, in jeder Phrase h\u00f6rt man Konzentration, Pr\u00e4zision \u2013 und echte Leidenschaft. Thibault Noally leitete als erster Geiger das Ensemble nicht nur technisch brillant, sondern mit einem inneren Feuer, das sofort \u00fcbersprang. Seine Interpretation war lebendiger, differenziert und voller Energie \u2013 niemals aufgesetzt, sondern aus dem Werk heraus gedacht.<br \/>\nUnd als h\u00e4tte sich alles verschworen, um diesen Abend vollkommen zu machen, zeigte sich auch das Wetter von seiner besten Seite. Unter dem offenen Himmel, im Hof des Hospices, entstand eine Atmosph\u00e4re, die fast and\u00e4chtig war \u2013 ruhig, warm, von Harmonie durchdrungen. Man f\u00fchlte sich als Teil eines besonderen Moments, den man nicht einfach konsumiert, sondern mittr\u00e4gt.<br \/>\nAm Ende blieb nur ein aufrichtiges \u201eBravi!\u201c \u2013 f\u00fcr eine Auff\u00fchrung, die Herz, Verstand und Sinne gleicherma\u00dfen ber\u00fchrt hat. Danke f\u00fcr diesen Abend.<\/p>\n<blockquote><p><strong><em>Dixit Dominus <\/em><\/strong>\u2013 <strong><em>Der Herr sprach<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Overture<\/em> (HWV 336)<\/p>\n<p><em>Donna che in ciel<\/em>, Cantate (HWV233)<\/p>\n<p><em>Dixit Dominus<\/em> (HWV232)<\/p>\n<p>von G.F. H\u00e4ndel (1685-1759),\u00a0 eine Vertonung des Psalms 110<\/p>\n<p>UA: 16. und 17. Juli 1707,\u00a0 Santa Maria in Montesanto, Rom<\/p>\n<p>Chor und Orchester: <em>Les Accents<\/em><\/p>\n<p>Dirigent: Thibault Noally, Geige &amp; Dirigent<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 13. Juli 2025, Basilica Notre-Dame<\/p>\n<p>Solisten: Marl\u00e8ne Assayag, Sopran, Natalie Perez, Mezzosopran, Anthea Pichanick, Alt, Antonin Rondepierre, Tenor, Nicolas Brooymans, Ba\u00df<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>Overture<\/em> <\/strong>(HWV 336)<\/p>\n<p>H\u00e4ndels Ouvert\u00fcre in D-Dur, HWV 336, ist f\u00fcr mich ein Paradebeispiel barocker Einleitungsrhetorik \u2013 prachtvoll im Ausdruck, kunstvoll im Aufbau und bis heute eine beeindruckende Er\u00f6ffnung f\u00fcr Konzerte oder geistliche Werke. Was mich besonders fasziniert, ist, wie H\u00e4ndel hier die stilistischen Str\u00f6mungen seiner Zeit vereint: Die majest\u00e4tisch-punktierte Gravit\u00e4t der franz\u00f6sischen Ouvert\u00fcren Form trifft auf die kontrapunktische Klarheit deutscher Satzkunst \u2013 und dazu kommt diese theatralische Direktheit, die H\u00e4ndel in England so meisterhaft kultiviert hat.<\/p>\n<p>Gerade diese Verbindung europ\u00e4ischer Klangtraditionen macht HWV 336 f\u00fcr mich zu einem besonderen St\u00fcck: Es ist nicht nur repr\u00e4sentativ und wirkungsvoll, sondern vermittelt auch heute noch eine Aura von Feierlichkeit, Virtuosit\u00e4t und klanglicher Tiefe. Die Wahl der Tonart D-Dur \u2013 in Bearbeitungen mit Trompeten und Pauken \u2013 unterstreicht diesen festlichen Charakter. Aber auch in kleinerer Besetzung entfaltet die Ouvert\u00fcre ihre Wirkung: klar strukturiert, majest\u00e4tisch und spannungsvoll.<\/p>\n<p>Obwohl sie als Einzelwerk gilt, wurde die Ouvert\u00fcre oft als Einleitung zu H\u00e4ndels Oratorien genutzt \u2013 etwa bei <em>Il Trionfo del Tempo<\/em> oder <em>Il Primo Omicidio<\/em>, wenn keine eigene Ouvert\u00fcre vorhanden war. F\u00fcr mich zeigt das: HWV 336 ist nicht nur ein formvollendeter musikalischer Auftakt, sondern auch ein echtes Allroundtalent \u2013 geistlich wie weltlich ein starker Beginn.<\/p>\n<p><em><strong>Donna, che in ciel<\/strong><\/em> <strong>\u2013 <em>Frau, die im Himmel<\/em><\/strong><em>\u00a0 <\/em>Cantate (HWV233)<\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<br \/>\n<\/strong><em>Donna, che in ciel<\/em> \u2013 <em>Frau, die im Himmel <\/em>ist ein geistliches Oratorium von Georg Friedrich H\u00e4ndel, komponiert 1707 in Rom. Der vollst\u00e4ndige Titel lautet oft: <em>Donna, che in ciel si gode eterna pace<\/em> \u2013 <em>Frau, die im Himmel die ewige Ruhe genie\u00dft <\/em>\u2013 und ist ein feierliches Werk zu Ehren der Jungfrau Maria, komponiert zum Dank f\u00fcr die Rettung Roms vor dem Erdbeben von 1703.<br \/>\nDie Kantate, urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Feier Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung geschrieben, entfaltet eine spirituelle und emotionale Tiefe, die weit \u00fcber den liturgischen Anla\u00df hinausgeht. H\u00e4ndel gelingt es hier, das Religi\u00f6se nicht nur ehrfurchtsvoll, sondern auch ganz nahbar zu gestalten.<br \/>\nWas mich besonders anspricht, ist der dramaturgische Aufbau des Werkes: Schon in der Einleitung sp\u00fcrt man eine feierliche Spannung, die sich \u00fcber die Arien und Rezitative hinweg immer wieder wandelt \u2013 von inniger Bitte bis zu jubelnder Zuversicht. Es ist diese barocke Ausdrucksvielfalt, die H\u00e4ndel so meisterhaft beherrscht: Jede musikalische Wendung ist bedeutungsvoll, jede Phrase scheint beseelt von Glauben und Hoffnung.<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<br \/>\n<\/strong>Das Oratorium ist ein Lobpreis auf Maria, die himmlische F\u00fcrsprecherin. Zu Beginn ruft ein Engel die Menschheit auf, Maria Dank zu erweisen, denn durch ihre F\u00fcrbitte wurde Rom vor dem drohenden Untergang bewahrt.<br \/>\nIn lyrischen und feierlichen Arien und Rezitativen preisen verschiedene allegorische Figuren \u2013 der Glaube, die Kirche, die Heiligen und der Engel \u2013 die g\u00f6ttliche Gnade, die durch Maria zur Menschheit gelangt ist.<br \/>\nMaria wird als Mittlerin zwischen Himmel und Erde dargestellt, als \u201eK\u00f6nigin des Himmels\u201c, die den Zorn Gottes abwendet und Schutz spendet. Die Musik feiert ihre Reinheit, ihre G\u00fcte und ihre Macht, das B\u00f6se zu besiegen.<br \/>\nAm Ende gipfelt das Werk in einem festlichen Schlu\u00dfchor, der Maria als ewige Besch\u00fctzerin verehrt und die Gl\u00e4ubigen zur Dankbarkeit aufruft.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>Von den ersten Takten an war sp\u00fcrbar, wie sorgf\u00e4ltig und durchdacht diese Auff\u00fchrung gestaltet war. Die feierliche Einleitung \u2013 getragen von einer warmen, aber nie \u00fcberladenen Orchesterfarbe \u2013 f\u00fchrte unmittelbar in den geistigen Raum des Werks: eine Huldigung an die Jungfrau Maria, durchzogen von Hoffnung, Licht und innerer Erhebung.<br \/>\nDie Solistin (<strong>Natalie P\u00e9rez<\/strong>) beeindruckte mich durch ihre Ausdruckskraft und stilistische Feinf\u00fchligkeit. Ihre Stimme hatte jene barocke Leuchtkraft, die zwischen virtuoser Brillanz und inniger Versenkung changieren kann. Besonders in der Arie <em>D\u2019un serto di gigli<\/em> lie\u00df sie die Mariensymbolik musikalisch aufbl\u00fchen \u2013 eine perfekte Verbindung von Text und Ton.<\/p>\n<p>Auch das Ensemble <em>Les Accents<\/em> unter der Leitung von <strong>Thibault Noally <\/strong>musizierte mit Hingabe und Transparenz. Die Balance zwischen Continuo und obligaten Instrumenten war stets durchdacht, nie aufdringlich, sondern dienend \u2013 dem Werk, der Solistin und der Gesamtwirkung. Gerade in den Rezitativen entstand so eine musikalische Erz\u00e4hlung, die weit mehr war als nur religi\u00f6ser Lobpreis: Sie wirkte pers\u00f6nlich, fast existenziell.<\/p>\n<p><strong>Fazit<br \/>\n<\/strong>Wenn ich H\u00e4ndels Kantate <em>Donna, che in ciel<\/em>, HWV 233 h\u00f6re, ber\u00fchrt mich jedes Mal diese besondere Mischung aus barocker Pracht und zutiefst menschlicher Empfindung.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der die gro\u00dfen geistlichen Werke oft von den bekannten Oratorien dominiert werden, war diese Auff\u00fchrung von <em>Donna, che in ciel<\/em> eine wertvolle Entdeckung \u2013 und ein Beispiel daf\u00fcr, wie reich, subtil und ber\u00fchrend H\u00e4ndels weniger bekannte Vokalwerke sein k\u00f6nnen. F\u00fcr mich war es nicht nur ein Konzertabend, sondern eine musikalische Andacht im besten Sinne.<\/p>\n<p><strong><em>Dixit Dominus <\/em><\/strong>\u2013 <strong><em>Der Herr sprach <\/em><\/strong>(HWV232)<br \/>\nDie Auff\u00fchrung von Georg Friedrich H\u00e4ndels <em>Dixit Dominus<\/em> am 13. Juli 2025 im Rahmen des Festival de Beaune war die letzte Auff\u00fchrung, die ich in diesem Jahr in Beaune besucht habe. Dieses gro\u00dfartige St\u00fcck war nicht nur wegen der eindrucksvollen Musik, sondern auch wegen der intensiven, fast k\u00f6rperlich sp\u00fcrbaren Energie, mit der das Werk in der romanischen Basilika zum Leben erweckt wurde.<\/p>\n<p>Unter der Leitung von Thibault Noally musizierte das Ensemble <em>Les Accents<\/em> mit einer Klarheit, Pr\u00e4zision und expressiven Dringlichkeit, die selten zu erleben ist. Schon die ersten Takte \u2013 dieses unerbittlich pulsierende <em>Dixit Dominus<\/em> \u2013 hatten eine Kraft, die einem f\u00f6rmlich den Atem raubte. H\u00e4ndel war gerade 22 Jahre alt, als er dieses Werk komponierte \u2013 und doch klingt es, als wolle es mit aller Macht die Welt umarmen und ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Was mich besonders beeindruckt hat, war die Balance zwischen barocker Virtuosit\u00e4t und klanglicher Transparenz. Das Ensemble lie\u00df sich nie zu reiner Effekthascherei hinrei\u00dfen, sondern zeichnete die dramatische Architektur des Werks mit bewundernswerter Kontrolle und Detailfreude nach. Die schnellen Ch\u00f6re wirkten scharf konturiert, rhythmisch exakt und gleichzeitig lebendig \u2013 besonders das <em>Judicabit in nationibus<\/em> \u2013 Er wird unter den V\u00f6lkern richten, war ein H\u00f6hepunkt an Energie und klanglicher Dichte.<\/p>\n<p>Die Solisten \u2013 allen voran <strong>Natalie P\u00e9rez<\/strong> (Mezzosopran) \u2013 \u00fcberzeugten durch stilsichere, ausdrucksstarke Interpretationen. Ihre Stimme in <em>Virgam virtutis<\/em> \u2013 Den Stab deiner Macht, hatte eine leuchtende Tiefe und zugleich eine m\u00fchelose Eleganz, die wunderbar mit dem Ensembleklang harmonierte. Auch die anderen Vokalsolisten f\u00fcgten sich nahtlos in den dramatischen Flu\u00df ein, ohne sich je in den Vordergrund zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Was diese Auff\u00fchrung f\u00fcr mich so besonders machte, war das Gef\u00fchl, dass hier nicht nur musiziert, sondern erz\u00e4hlt wurde \u2013 mit Leidenschaft, mit Respekt vor dem Werk und mit einem tiefen Gesp\u00fcr f\u00fcr dessen geistliche Wucht. Die Basilika selbst schien dabei mitzuschwingen, ihre steinernen B\u00f6gen wie ein Resonanzraum f\u00fcr Glauben, Zweifel, Triumph und Demut zugleich. Ein <em>Dixit Dominus<\/em>, das keine Spur blo\u00df barocker Zierde war \u2013 sondern ein Manifest geistlicher Musik, das direkt ins Heute sprach. F\u00fcr mich ein H\u00f6hepunkt des Festivals \u2013 und ein bleibender Moment.<\/p>\n<p>Dr. Olaf Zenner<\/p>\n<p>Bild: Cour des Hospices, Ars Essentia<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich durch die weichen Wellen der Landschaft rund um Beaune im Burgund fahre, wird mein Blick von sanften H\u00fcgeln und sonnenverw\u00f6hnten Reben getragen. Die Weinberge schmiegen sich an die Erde, in ruhigem Rhythmus, fast wie eine Melodie. In dieser<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8665\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8667,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,134,210],"tags":[],"class_list":["post-8665","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-featured","category-internationales-barock-opernfestival-beaune"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8665"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8668,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8665\/revisions\/8668"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8667"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}