{"id":8625,"date":"2025-03-10T08:41:12","date_gmt":"2025-03-10T07:41:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8625"},"modified":"2025-03-10T08:41:12","modified_gmt":"2025-03-10T07:41:12","slug":"peter-grimes-goeteborg-oper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8625","title":{"rendered":"Peter Grimes &#8211; G\u00f6teborg, Oper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Benjamin Britten (1913 \u2013 1976), Oper in einem Prolog und drei Akten, Text von Montagu Slater nach einem Gedicht von George Crabbe, UA: 7. Juni 1945, Sadler\u2019s Wells London<\/p>\n<p>Regie: Netia Jones, B\u00fchnenbild, Kost\u00fcme und Videodesign: Netia Jones und Lightmap, Lichtdesign: Ellen Ruge, Kost\u00fcmassistentin: Sukie Kirk, Videoassistenz: Marc Lavallee, Kampfchoreograph: Peppe \u00d6stensson<\/p>\n<p>Dirigent: Christoph Gedschold, Orchester und Chor der Oper G\u00f6teborg<\/p>\n<p>Solisten: Joachim B\u00e4ckstr\u00f6m (Peter Grimes), Matilda Sterby (Ellen Orford), \u00c5ke Zetterstr\u00f6m (Captain Balstrode), Katarina Karn\u00e9us (Auntie), Sofie Asplund und Mia Karlsson (zwei Nichten), Mats Almgren (Swallow), Daniel Ralphsson (Bob Boles), Tobias Westman (Rev. Adams), Katarina Giotas (Mrs. Sedley), Kristian Lindroos (Hobson), Hannes \u00d6berg (Ned Keene), Noa Flensner (Lehrling, stumme Rolle)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 8. M\u00e4rz 2025 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<br \/>\n<\/strong>Die Handlung spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in dem kleinen Fischerdorf Borough an der rauhen englischen Ostk\u00fcste. Der Fischer Peter Grimes ist angeklagt, den Tod seines Lehrlings verschuldet zu haben, was ihm jedoch nicht nachzuweisen ist. Die Stimmung im Dorf wird ihm gegen\u00fcber immer feindseliger, lediglich die Lehrerin Ellen Orford und der alte Captain Balstrode halten noch zu ihm. Grimes hat vor, durch harte Arbeit genug Geld f\u00fcr eine sichere Existenz auf dem Lande zu verdienen und Ellen zu heiraten. Als er einen neuen Lehrling bekommt, f\u00fchrt er ihn mit gro\u00dfer Strenge in sein Handwerk ein. Die Dorfbev\u00f6lkerung beginnt unruhig zu werden, und w\u00fctend zieht man zu Grimes\u2019 H\u00fctte, der seinen Lehrling so unbedachtsam hinausscheucht, da\u00df er die Klippen hinunterst\u00fcrzt und stirbt. Grimes verschwindet f\u00fcr ein paar Tage. Nach einer Mittsommernachtsfeier macht sich der rasende Mob angestachelt von Mrs. Sedley erneut auf, um ihn zu stellen. Grimes setzt die Segel und versenkt sein Boot drau\u00dfen auf dem Meer.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Goeteborg-PeterGrimes.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8627 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Goeteborg-PeterGrimes.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Goeteborg-PeterGrimes.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Goeteborg-PeterGrimes-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><br \/>\nAuff\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>Das B\u00fchnenbild kombiniert realistische Kost\u00fcme und Andeutungen von Hafen- und anderen einfachen Geb\u00e4uden mit grobk\u00f6rnigen Videoprojektionen. Wir befinden uns im England der Gegenwart, in einem sozial schwachen Milieu. Da ist Ned Keene, gesungen von Hannes \u00d6berg, der in seinem grauen Trainingsanzug mit seinen T\u00e4towierungen so gar nicht wie ein Apotheker, sondern wie ein Dealer aussieht und Mrs. Sedley, gespielt von Katarina Giotas, mit Laudanum versorgt. Da sind die verschmierten Arbeitskleider der Arbeiterinnen, die in der Fabrik die angelieferten Fische ausnehmen, die Fischkisten, Eimer, Kanister aus Plastik und seelenlosen Geb\u00e4ude aus Wellblech und Holz. Am Hafen steht ein Kran, die eingespielten Videos zeigen keine erhabenen Bilder des Meeres, sondern Klippen, Netze und ein ertrinkendes Kind. Im Prolog und den ersten zwei Akten ist das Farbspektrum realistisch grau und d\u00fcster. Lediglich bei Ellen Orfords hoffnungsvollem Monolog im ersten Akt ist f\u00fcr ein paar Momente blauer Himmel zu sehen. Die Mittsommernachtsfeier bietet hingegen ein apokalyptisch anmutendes Bild mit feuerroten, phantastischen Kost\u00fcmen der Choristen und Solisten vor Flammen auf schwarzem Grund.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<br \/>\n<\/strong>Diese Produktion hat in Gestalt von <strong>Joachim B\u00e4ckstr\u00f6m<\/strong> (Peter Grimes), <strong>Matilda Sterby<\/strong> (Ellen Orford) und <strong>\u00c5ke Zetterstr\u00f6m<\/strong> (Captain Balstrode) drei ausgezeichnete S\u00e4nger der tragenden Rollen. B\u00e4ckstr\u00f6ms Tenorstimme spricht leicht an, er intoniert glasklar, verf\u00fcgt \u00fcber eine schlackenfreie Tongebung und gestaltet seine anspruchsvolle Partie rhythmisch sicher und dynamisch ausgeglichen. Seine musikalische Darbietung ger\u00e4t vielleicht etwas zu sauber, zu perfekt, wenn man das \u00fcberhaupt so sagen kann, und das Gequ\u00e4lte und Getriebe, das diesen Charakter auszeichnet, kommt abgesehen von den sprechnahen Abschnitten ausschlie\u00dflich in seiner szenischen Verk\u00f6rperung zum Tragen. Das im Falsett gesungene, tr\u00e4umerische Arioso \u201eNow the Great Bear and Pleiades\u201c im ersten Akt war ein lyrischer H\u00f6hepunkt. Intonatorisch tadellos sang er seine teilweise langen A-Cappella-Passagen, insbesondere die mit Sterby im Duett vorgetragene im ersten Akt. Sterby hat eine gro\u00dfe Stimme, die durchaus f\u00fcr hochdramatische Partien taugt, h\u00e4lt sich aber gekonnt zur\u00fcck, um ihre ganze Kraft f\u00fcr die verzweifelten Momente oder die Chortuttis aufzusparen, in denen sie heraussticht. Ihr Spiel war ergreifend und die Regie machte sie zu derjenigen Figur, mit der man sich im Gegensatz zum verbissenen Grimes am besten identifizieren konnte. Zetterstr\u00f6m singt und agiert vorz\u00fcglich. Seine Tongebung und sein nat\u00fcrliches Spiel schufen einen glaubhaften Charakter, und die oft quasi-sprecherischen Teile seiner Partie waren deutlich sowohl von der Diktion als auch der sprechnahen Modulierung des Stimmklangs her musterg\u00fcltig. Alle drei S\u00e4nger sprachen sehr gut aus und dies passenderweise der britischen Phonetik des Englischen gem\u00e4\u00df. Wenn der Personenregie in dieser Produktion etwas gelang, dann die Personencharakterisierung. Selbst kleine Rollen wie die von <strong>Kristian Lindroos<\/strong> gesungene Partie des Hobson oder die von <strong>Daniel Ralphsson<\/strong> gesungene des Bob Boles bekamen Tiefe und Individualit\u00e4t. Hobsons Wandlung von einem in sich gekehrten, wortkargen Dorfbewohner zu einem Anheizer des Mobs \u2013 im zweiten Akt schl\u00e4gt er mit einer Eisenstange den Trommelpart auf einem Plastikkanister \u2013 und Boles\u2018 linkische, aufdringliche Art, die ihm dank seiner Hetze gegen Grimes von der mordl\u00fcsternen Dorfgemeinschaft nachgesehen wird, die ihn zu einem ihrer Anf\u00fchrer k\u00fcrt, waren ebenso realistisch herausgearbeitet wie das individuelle Spiel der Choristen. Wer auch immer f\u00fcr die Choreographie verantwortlich war \u2013 im Programm ist kein allgemeiner Choreograph erw\u00e4hnt \u2013, gab dieser Produktion ihr entscheidendes Gepr\u00e4ge, denn der das Dorf verk\u00f6rpernde <strong>Chor <\/strong>wird zum eigentlichen Hauptakteur der Handlung. Zwischen Lethargie, billigem Exze\u00df und Brutalit\u00e4t changierend hatten alle Choristen individuell zu agieren und viele Interaktionen auszuf\u00fchren und dabei die alles andere als einfache oder eing\u00e4ngige, oft rhythmische komplexe polyphone Musik vorzutragen. Das gelang ohne Zwischenf\u00e4lle. Das <strong>Orchester der Oper G\u00f6teborg<\/strong> unter der Leitung von <strong>Christoph Gedschold<\/strong> bem\u00fchte sich nach Kr\u00e4ften. Damit ist gemeint, da\u00df die Anstrengung der Interpretation der schwierigen Stimmf\u00fchrung und der h\u00e4ufig rubato zu spielenden Passagen der Partitur h\u00f6rbar wurde. Erschwerend hinzu kommt eine akustische Besonderheit des Saales. Der sehr offene Orchestergraben in Verbindung mit der gro\u00dfen Deckenh\u00f6he f\u00fchrt dazu, da\u00df vor allem das Blech schnell grell klingen kann und die anderen Register \u00fcbert\u00f6nt. Der Dirigent machte aus dieser akustischen Not eine Tugend und setzte sehr markante dynamische H\u00f6hepunkte, auch, aber nicht nur in den ber\u00fchmten Orchesterzwischenspielen. So fehlte es einerseits der leisen Introduktion zum letzten Akt \u2013 die das ruhige n\u00e4chtliche Meer schildert \u2013 ein wenig an mystischer Spannung, andererseits rollten die Gezeiten zu Beginn und Ende der Oper, wenn der Orchesterpart das Morgengrauen \u00fcber dem Meer wiedergibt, umso gewaltiger durch den Saal. Und vollkommen packend waren die homophonen \u201ePeter Grimes!\u201c-Schreie des Chores, in deren Generalpausen man die aufgebrachte Menschenmasse keuchen h\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p><strong>Fazit<br \/>\n<\/strong>Die G\u00f6teborger Oper bietet eine musikalisch kraftvolle und szenisch realistische \u2013 d.h. nicht besch\u00f6nigende oder idealisierende \u2013 Deutung dieser Oper. Zu h\u00f6ren sind einige der besten S\u00e4nger, die man derzeit in Schweden erleben kann. Die Geschichte vom Scheitern eines ehrgeizigen Au\u00dfenseiters bei seinem verzweifelten Bem\u00fchen um Anerkennung wird in die Gegenwart verlegt. Das Regiekonzept, mit welchem die musikalische Interpretation Hand in Hand geht, zeigt auf, da\u00df es sich bei dieser Oper in mehrfacher Hinsicht um ein zeitloses, ein aktuelles Werk handelt. Wenige Opernh\u00e4user d\u00fcrften dabei als Ambiente besser geeignet sein als das direkt am G\u00f6teborger Hafen gelegene. Das Publikum war zu Recht begeistert.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Cordula Treml<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Matilda Sterby (Ellen Orford) und Chor der Oper G\u00f6teborg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Benjamin Britten (1913 \u2013 1976), Oper in einem Prolog und drei Akten, Text von Montagu Slater nach einem Gedicht von George Crabbe, UA: 7. 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