{"id":8619,"date":"2025-03-04T09:22:40","date_gmt":"2025-03-04T08:22:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8619"},"modified":"2025-03-04T09:27:09","modified_gmt":"2025-03-04T08:27:09","slug":"wozzeck-dessau-anhaltisches-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8619","title":{"rendered":"Wozzeck &#8211; Dessau, Anhaltisches Theater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Alban Berg (1885\u20131935), Oper in 3 Akten mit 15 Szenen, Libretto von Georg B\u00fcchner<br \/>\nUA: 14. Dezember 1925, Oper Unter den Linden Berlin<br \/>\nRegie: Christiane Iven, B\u00fchne: Guido Petzold, Kost\u00fcme: Kristina B\u00f6cher, Leitung Opernchor: Sebastian Kennerknecht, Leitung Jugendchor: Dorislava Kuntscheva, Leitung Kinderchor: Sebastian Kennerknecht, Kristina Baran und Jana Eimer, Dramaturgie: Yuri Colossale<br \/>\nOpernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Jugendchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Kinderchor des Anhaltischen Theaters Dessau<br \/>\nDirigent: Markus L. Frank, Anhaltische Philharmonie Dessau<br \/>\nSolisten: Kay Stiefermann (Wozzeck), Ania Vegry (Marie), Julian Keiner (das Kind), Torsten Kerl (Tambourmajor), Arnold Bezuyen (Hauptmann), Michael Tews (Doktor), Christian Sturm (Andres), Sophia Maeno (Margret), Clausius Muth (erster Handwerksbursche), Alexander Argirov (zweiter Handwerksbursche), David Ameln (der Narr)<br \/>\nBesuchte Auff\u00fchrung: 1. M\u00e4rz 2025 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<br \/>\n<\/strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dessau-Wozzeck.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8620\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dessau-Wozzeck.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dessau-Wozzeck.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dessau-Wozzeck-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Der arme und seelisch instabile Soldat Wozzeck ist den t\u00e4glichen Erniedrigungen seiner Umwelt schutzlos ausgesetzt: Er arbeitet als Barbier und l\u00e4\u00dft gegen Bezahlung medizinische Versuche an sich vornehmen, um Geld f\u00fcr seine Freundin Marie und ihr gemeinsames Kind hinzu zu verdienen. Marie wird w\u00e4hrend einer Milit\u00e4rparade vom Tambourmajor verf\u00fchrt. Nachdem Wozzeck von ihrer Untreue erfahren hat, lockt er sie in der Nacht zum Sumpf und ersticht sie, verliert dabei das Messer und ertrinkt bei der Suche danach. Das letzte Bild zeigt, wie ihr Kind von den anderen Kindern geh\u00e4nselt wird.<br \/>\n<strong>Auff\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>Die erste Szene der Oper, in der Wozzeck seinen Hauptmann rasiert, setzt all die Mechanismen in Bewegung, die Wozzeck durch Unterdr\u00fcckung undgesellschaftliche Verurteilung brechen werden: Der Hauptmann bemerkt spitz, da\u00df Wozzeck und Marie unverheiratet und ihr Kind unehelich ist. Guido Petzolds B\u00fchnenbild besteht aus zwei W\u00e4nden aus unterschiedlich gro\u00dfen, rechteckigen wei\u00dfen Bl\u00f6cken, welche sich \u00fcber die Szene in ihrer gesamten Breite und die rechte Seite erstrecken. Mitunter werden sie komplett oder teilweise angehoben, wodurch der Lichteinfall ver\u00e4ndert wird und eine bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re geschaffen wird, die Wozzecks soziale Au\u00dfenseiterstellung und sein zunehmendes psychisches Ungleichgewicht versinnbildlicht. Besonders effektvoll wird dies in der Szene bei dem Doktor deutlich, der an Wozzeck zweifelhafte medizinische Experimente vornimmt (Akt I, Szene 4): W\u00e4hrend die gro\u00dfe Wand unten bleibt, vergr\u00f6\u00dfert die ged\u00e4mpfte Beleuchtung die Schatten beider Protagonisten und l\u00e4\u00dft sie deformiert und ein wenig gespenstisch auf der unebenen Wand erscheinen. Kristina B\u00f6chers Kost\u00fcme sind zeitgen\u00f6ssisch inspiriert: Der Tambourmajor tr\u00e4gt einen aufwendigen, allerdings grotesken milit\u00e4rischen Pelzumhang und verl\u00e4\u00dft die Szene in langen Unterhosen. Wozzecks Arbeitskleidung, bestehend aus einem br\u00e4unlichen Seidenstoff \u00fcber wei\u00dfer Unterw\u00e4sche, veranschaulicht seine Verletzlichkeit und seinen niedrigen Status. Sein einziger Freund Andres hat ein \u00e4hnliches Kost\u00fcm, das aber nicht durchsichtig ist. Dessen erster Auftritt in der n\u00e4chtlichen Szene (Akt I, Szene 2), in welcher Wozzeck von Halluzinationen geplagt wird, f\u00fchrt uns an den Ort, an dem in Akt III, Szene 2 der Mord ver\u00fcbt werden wird. In diesen beiden Szenen wird die Wand nach oben gezogen und der Blick freigegeben auf einen dichten, in Graut\u00f6nen gehaltenen Wald, der eigentlich als solcher als Kulisse gen\u00fcgt h\u00e4tte; die im Vordergrund plazierten h\u00fcbschen Farngew\u00e4chse in eckigen Gef\u00e4\u00dfen h\u00e4tte es von daher nicht gebraucht, weil sie lediglich von der d\u00fcsteren Stimmung beider Szenen ablenken. Marie und ihre Nachbarin Margret haben ihren gemeinsamen Auftritt in Akt I, Szene 3, in welcher sie ihre Haarnetze entfernen und Arbeitshandschuhe abstreifen, so als w\u00e4ren sie gerade mit ihrer Schicht als Putzfrauen oder Fabrikarbeiterinnen fertig geworden. Ihre Kleider sind schrill, mit grellen Farbkontrasten und Mustern, vor allem Margrets, die Leopardenmusterstiefel mit rosafarbenen Str\u00fcmpfen kombiniert. W\u00e4hrend drau\u00dfen die Milit\u00e4rparade stattfindet, streiten die beiden Frauen miteinander. Margret stichelt, weil sich Marie allzu sehr an den Tambourmajor heranmacht. Der Streit endet pl\u00f6tzlich, als Marie das Fenster zuwirft, was hier allerdings nicht sonderlich schnell und effektvoll vonstatten ging, da die Wand vollst\u00e4ndig abgesenkt werden musste, die bis dahin halb angehoben den Blick auf die F\u00fc\u00dfe der vorbeimarschierenden Soldaten freigegeben hatte. In der darauffolgenden Szene (Akt I, Szene 5) erliegt Marie dem Tambourmajor, als der ihr ein Paar Ohrringe bietet. Der \u00dcbergangscharakter dieser Szene wird durch die schwache Beleuchtung am Ende betont, in der man die Silhouetten der beiden auf der Wand erahnen kann, als der der Tambourmajor Marie von hinten \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Der zweite Akt wird von der Kneipenszene (Akt II, Szene 4) beherrscht, in der Wozzeck vollst\u00e4ndig begreift, da\u00df Marie ihn hintergeht, w\u00e4hrend er sie mit dem Tambourmajor tanzen sieht. Das Gebaren der G\u00e4ste, die sich aus den niederen Volkschichten rekrutieren, zeigt in dieser bunten und leicht karnevalesken Szene das dumpfe Ertr\u00e4nken ihrer Untertan-Sorgen im Alkohol. Einer von ihnen tr\u00e4gt auf seinem T-Shirt das Motto \u201eProblem gel\u00f6st\u201c. In dieser schmuddeligen Atmosph\u00e4re stellt das Erscheinen das Narren eine Herausforderung f\u00fcr die Regie dar, der b\u00f6se Vorahnungen hat (\u201eIch riech Blut\u201c). Sein Kost\u00fcm kontrastiert mit denen der anderen und \u00e4hnelt dem Wozzecks, es besteht aus dem gleichen durchsichtigen Material, allerdings mit schwarz-roter, leicht diabolischer Anmutung.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt der Oper ist der dritte Akt, in dem Marie ermordet wird (Akt III, Szene 2) und die Schwierigkeit f\u00fcr die Regie besteht darin, die dramatische Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Nachdem er Marie get\u00f6tet hat, begibt sich Wozzeck zur\u00fcck in die Kneipe (Akt III, Szene 3), wo die G\u00e4ste verd\u00e4chtige Blutspritzer an ihm entdecken. In Panik flieht Wozzeck zur\u00fcck an den Mordplatz, um das Messer verschwinden zu lassen, findet es aber nicht und ertrinkt im selben T\u00fcmpel, in dem Maries Leiche liegt (Akt III, Szene 4). In Ivens szenischer Interpretation der Oper hat das Kind den Mord versteckt unter einer Bank mitangesehen, danach das Messer bei seiner toten Mutter entdeckt, es an sich genommen und sich anschlie\u00dfend entfernt. In der Schlu\u00dfszene n\u00f6tigen die anderen Kinder es, eines von ihnen ruft ihm grausam ins Gesicht: \u201eDein Mutter ist tot!\u201c, ein anderes schl\u00e4gt ihm ins Gesicht, bis es blutet. Abgestumpft oder vielleicht au\u00dferstande, zu begreifen, was geschieht, spielt das Kind Himmel und H\u00f6lle einsam h\u00fcpfend weiter.<br \/>\n<strong>S\u00e4nger und Orchester<br \/>\n<\/strong>Ania Vegrys (Marie) strahlender Sopran pr\u00e4gte den Abend: Die Szene, in der sie in der Bibel liest (Akt III, Szene 1) war der ergreifendste Moment des Abends. Kay Stiefermann interpretierte die Hauptrolle sehr sch\u00f6n, wenn auch seine Entwicklung vom Opfer zum T\u00e4ter h\u00e4tte darstellerisch besser ausgeleuchtet werden k\u00f6nnen; das mag aber auf die Regie zur\u00fcckgehen. Die gekonnte Possenrei\u00dferei von Torsten Kerl als Tambourmajor, Michael Tews als unheimlichem Arzt und Arnold Bezuyen als Hauptmann hatte Z\u00fcge eines Commedia-dell-arte-Spiels; hervorzuheben ist hier Bezuyens geschmeidige Stimme und die Klarheit seines Sprechgesangs. Christian Sturm in der Rolle des Andres h\u00e4tte in der Nachtszene in Akt I etwas st\u00e4rker das lyrische Moment hervorheben k\u00f6nnen. Die Ch\u00f6re \u2013 Opernchor, Jugendchor und Kinderchor des Anhaltinischen Theaters \u2013 waren alle vorbildlich und auch Julian Keiner als Kind verdient hier lobend erw\u00e4hnt zu werden in dieser sonst eher auf eine Komparsenrolle mit kurzem Gesangseinschlag am Ende beschr\u00e4nkten Partie. Markus L. Frank leitete die Anhaltinische Philharmonie Dessau souver\u00e4n, pr\u00e4zise und deutlich.<\/p>\n<p><strong>Fazit<br \/>\n<\/strong>Christiana Ivens Regie zielte darauf ab, ein gesellschaftliches Muster offenzulegen, demzufolge Frauen, sobald sie m\u00e4nnliche Dominanz in Frage stellen, Gewalt erfahren. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Ausgangspunkt eine neuartige Sichtweise auf diese Oper darstellt. Was diese Produktion hingegen durch die stumme und fast st\u00e4ndig anwesende Figur von Maries und Wozzecks Kind h\u00f6chst anschaulich werden lie\u00df, ist, wie diese strukturelle Gewalt sich in soziale Muster einschreibt und durch sie weitergegeben wird.<\/p>\n<p>Prof. Jacqueline Waeber (\u00dcbersetzung: Dr. Martin Knust)<\/p>\n<p>Bild: Claudia Heysel<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Kay Stiefermann (Wozzeck), Ania Vegry (Marie) und Jonathan Bischoff (Kind)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Alban Berg (1885\u20131935), Oper in 3 Akten mit 15 Szenen, Libretto von Georg B\u00fcchner UA: 14. 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