{"id":8555,"date":"2024-09-17T15:24:20","date_gmt":"2024-09-17T14:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8555"},"modified":"2024-09-17T15:24:20","modified_gmt":"2024-09-17T14:24:20","slug":"lohengrin-bremen-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8555","title":{"rendered":"Lohengrin &#8211; Bremen, Theater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner (1813 \u2013 1883), Romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Text vom Komponisten<\/p>\n<p>UA: 28. August 1850, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar, Weimar<\/p>\n<p>Regie: Frank Hilbrich, B\u00fchne: Harald Thor, Kost\u00fcme: Tanja Hofmann, Dramaturgie: Frederike K\u00f6hler, Licht: Christian Kemmetm\u00fcller<\/p>\n<p>Dirigent: Stefan Klingele, Bremer Philharmoniker, Opernchor und Extrachor des Theater Bremen, Chorleitung: Karl Bernewitz<\/p>\n<p>Solisten: Christopher Sokolowski (Lohengrin), Hidenori Inoue (Heinrich der Vogler), Sarah-Jane Brandon (Elsa von Brabant), Elias Gyunseok Han (Friedrich von Telramund), Nadine Lehner (Ortrud), Micha\u0142 Partyka (Heerrufer)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 15. September 2024 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bremen-Lohengrin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8556\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bremen-Lohengrin.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"417\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bremen-Lohengrin.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bremen-Lohengrin-300x192.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt <\/strong><\/p>\n<p>Elsa von Brabant ist des Brudermordes angeklagt und hat vor dem Gericht K\u00f6nig Heinrichs zu erscheinen, der ein Heer zum Kampf gegen die Ungarn versammelt. In ihrer Not wei\u00df sie sich keine andere Hilfe als ein inbr\u00fcnstiges Gebet. Ein Wunder geschieht: Ein Ritter, dessen Herkunft und Namen sie nicht wissen darf, erscheint und k\u00e4mpft f\u00fcr sie gegen ihren Widersacher Friedrich von Telramund im Gotteskampf. Der unbekannte Ritter tr\u00e4gt den Sieg davon und erringt damit die Hand Elsas. Telramunds Gattin Ortrud, eine heidnische Zauberin, die Elsas Vertrauen erschleicht, s\u00e4t Zweifel an der Herkunft des unbekannten Ritters, die Elsa schlie\u00dflich dazu bringen, ihm in ihrer gemeinsamen Hochzeitsnacht die verbotenen Fragen zu stellen. In dem Moment schl\u00e4gt ein Mordversuch Telramunds fehl, der von Elsas Gatten im Brautgemach erschlagen wird. Er gibt ihr und dem zum Krieg versammelten Heer nach Tagesanbruch Auskunft: Von Montsalvat, der Burg, in der der heilige Gral aufbewahrt wird, ist er zu Elsas Rettung gekommen und der Sohn des Herrschers \u00fcber die Gralsritter. Sein Name ist Lohengrin und Elsas vermi\u00dfter Bruder Gottfried von Ortrud in einen Schwan verwandelt worden. Da seine Herkunft bekannt geworden ist, mu\u00df er zu den Gralsrittern zur\u00fcckkehren und nimmt Abschied von Elsa. Ortrud triumphiert, doch Lohengrins Gebet macht ihren Zauber r\u00fcckg\u00e4ngig. W\u00e4hrend das Volk staunend den Brabanter Thronfolger begr\u00fc\u00dft, sinkt Elsa vernichtet nieder.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Zum Vorspiel zeigen sich Reflexe von gro\u00dfen Spiegelscherben auf dem geschlossenen Vorhang, bis beim Tutti des Vorspiels Lohengrin einem Spiegelscherbenhaufen entsteigt. Der erste und zweite Aufzug spielen in einer runden holzget\u00e4felten Halle. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen alte Schwarz-Wei\u00df-Portraits, der Chor ist formell und dezent gekleidet wie auch die eleganten Herrscher K\u00f6nig Heinrich, Telramund und Ortrud. Einzig Elsas rote Lederjacke und ihr tr\u00e4umerischer Habitus stechen aus der Gruppe heraus. Als Anklage gegen sie erhoben wird, spielt sie scheinbar geistesabwesend mit den Scherben und verteilt die unter den Choristen. Lohengrin bricht aus einem der Portraits heraus, mit Spiegelmaske und im silbernen Anzug. Er k\u00e4mpft gegen einen B\u00fcrokraten-Telramund, der sich hinter einem Schreibtisch mit Aktenbergen verschanzt, zerrei\u00dft die Papiere und l\u00f6st damit eine Revolution aus: Das Volk macht sich \u00fcber die Akten her und zerst\u00f6rt die Bilder an den W\u00e4nden. Im zweiten Akt sieht man das Nachspiel des Bildersturms: Telramund und Ortrud suchen in den herumliegenden Fetzen nach Dokumenten und spinnen ihre Intrige. Auch die vier brabantischen Edlen suchen in den Papieren, werden aber vom mittlerweile fanatisierten Volk \u00fcberrascht, mi\u00dfhandelt und als Verr\u00e4ter gebrandmarkt. Das Volk wird bei der Ankunft des Paares Elsa-Lohengrin von den Brautjungfern auf die Knie gezwungen. Im dritten Aufzug ist Lohengrins und Elsas Herrschaft vollends in eine Diktatur \u00fcbergegangen. Das Volk tr\u00e4gt einheitliche Anz\u00fcge, der Saal ist eine l\u00f6cherige Ruine, in der man dem (Schwanen-)Ei als Symbol huldigt und mit brennenden Fackeln auf die Ankunft der Herrscher wartet. Zuvor hat Lohengrin in der Brautgemachsszene verzweifelt begriffen, da\u00df ihm sowohl das Vertrauen Elsas als auch die Kontrolle \u00fcber den Umsturz, den er ausgel\u00f6st hat, entglitten sind. Zornig zieht er sich zur\u00fcck, worauf seine Revolution in blanke Anarchie ausartet. Das Volk ergeht sich in einem Blutbad, dem nur Elsa entkommt, ihr kleiner Bruder Gottfried hingegen nicht.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Die Interpretation des Vorspiels durch die Bremer Philharmoniker unter <strong>Stefan Klingele<\/strong> gab die musikalische Richtung vor: Geradlinig, transparent und eher fest im Tempo, ohne romantischen Gef\u00fchls\u00fcberschwang. Das hei\u00dft nicht, da\u00df es nicht kraftvoll zur Sache gegangen sei, im Gegenteil: Laut war es in den starken Chorpassagen, aber nicht l\u00e4rmend, und trotz der \u00fcberw\u00e4ltigenden Klangmasse in den Tuttis wahrte der Dirigent immer die Kontrolle \u00fcber die klangliche Balance zwischen Orchester und B\u00fchne. Die S\u00e4nger kamen mit den Tempi gut zurecht, die vom Orchester begleiteten Aktionen ergaben eine konzentrierte szenisch-musikalische Einheit und nirgends lie\u00df die Spannung der musikalischen oder szenischen Interpretation auch nur einen Moment lang nach.<\/p>\n<p>Die Spannung auf der B\u00fchne war dabei nicht gespielt. Der junge Tenor <strong>Christopher Sokolowski<\/strong> deb\u00fctierte an diesem Abend in der Titelrolle und gab darstellerisch und s\u00e4ngerisch Alles. Klingt seine recht dunkle Tenorstimme in den mittleren Lagen eher pastos, so strahlen das hohen A in seiner Gralserz\u00e4hlung so wie sein gesamtes hohes Register. Die Textgestaltung war detailliert mit zahlreichen klanglichen Modifikationen und Akzenten. Sein Lohengrin ist kein \u00fcbermenschlicher mythischer Held, sondern ein bemerkenswert unsicherer Charakter. Verglichen mit ihm und Elsa \u2013 solide und eher zur\u00fcckhaltend gesungen und gespielt von <strong>Sarah-Jane Brandon<\/strong> \u2013, die ein recht chaotisches Paar abgeben, wirken Ortrud und Telramund seri\u00f6s und elegant. <strong>Nadine Lehner<\/strong> (Ortrud) hat eine ausgeglichene Stimme mit gro\u00dfer Durchschlagskraft und eine klare Aussprache. Ihre Ortrud ist k\u00fchl und berechnend und sie verk\u00f6rpert die alte \u00c4ra der Ordnung und Besonnenheit, die von Lohengrin \u00fcber den Haufen geworfen wird. Interessanterweise wird sie dadurch zu einer Identifikationsfigur und ihr Tod am Ende symbolisiert den endg\u00fcltigen Untergang einer ehemals stabilen Weltordnung. <strong>Elias Gyunseok Han<\/strong> gibt einen \u00fcberaus leidenschaftlichen Friedrich von Telramund. Seine Stimmtechnik ist hervorragend f\u00fcr diese Partie geeignet, denn sie kombiniert einen volumin\u00f6sen Klang mit einer gestochen scharfen Diktion, die jeglichen Blick auf die \u00dcbertitel \u00fcberfl\u00fcssig macht. Der K\u00f6nig Heinrich von <strong>Hidenori Inoue<\/strong> war darstellerisch gelungen und sein Stimmumfang deckt alle Register dieser Partie. Allerdings war im Vergleich mit Han seine Aussprache etwas undeutlich und seine Stimme etwas bla\u00df. Micha\u0142 Partyka gibt einen unheimlichen Heerrufer, schauspielerisch statuarisch so wie es der Rolle geziemt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht hat die Beschreibung der Inszenierung f\u00e4lschlicherweise den Eindruck erweckt, es handele sich hier um eine dem originalen Stoff \u00fcbergest\u00fclpte Modernisierung. Dem ist ganz und gar nicht so. Von allen Werken Wagner ist der <em>Lohengrin<\/em> das am schwersten zu inszenierende, denn in ihm sind sowohl eine politische als auch eine menschliche Handlung eng miteinander verflochten, symbolisieren und reflektieren einander. Hinzu kommt die nahezu unl\u00f6sbare Aufgabe, ein Wunder auf die darzustellen und den nationalistischen Furor dieses Werkes aus dem Vorm\u00e4rz angemessen auszulegen, ohne ins unfreiwillig Komische abzugleiten oder in reine Ironie zu verfallen. <em>Lohengrin<\/em> ist zugleich die Geschichte einer gescheiterten Revolution und einer tragisch endenden Liebesbeziehung und nichts anderes stellt der Regisseur mit seinem Team konsequent auf die B\u00fchne, ohne da\u00df sich Unstimmigkeiten ergeben. Selten d\u00fcrfte eine Inszenierung von Wagners romantischer Oper derart gegl\u00fcckt sein wie an diesem Abend in Bremen. Es gelingt ihr nicht zuletzt durch die intensive und originelle Personenregie, all die Ambivalenzen und Widerspr\u00fcche, die Wagner seinem Stoff mitgegeben hat, herauszustellen. Besonders erfreulich ist, da\u00df das nicht auf Kosten der musikalischen Interpretation geschieht. Den S\u00e4ngern und dem Orchester wird der Raum gegeben, den sie brauchen, und die physische Wucht der Musik wird geschickt genutzt, um das szenische Erlebnis zu steigern.<\/p>\n<p>Die Bremer Theatersaison beginnt mit einem veritablen Paukenschlag und einer Produktion, die den Vergleich mit den gro\u00dfen H\u00e4usern nicht zu scheuen braucht. Jedem sei ein Besuch w\u00e4rmstens ans Herz gelegt, gleichg\u00fcltig ob man ein Opernneuling oder erfahrener Besucher, ein Wagneranh\u00e4nger oder -skeptiker ist. Hier erwartet Sie eine tadellose musikalische Wiedergabe und eine so schl\u00fcssige wie packende Inszenierung.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: J\u00f6rg Landsberg<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Sarah-Jane Brandon (Elsa von Brabant), Christopher Sokolowski (Lohengrin)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner (1813 \u2013 1883), Romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Text vom Komponisten UA: 28. 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