{"id":8508,"date":"2024-04-05T07:12:05","date_gmt":"2024-04-05T06:12:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8508"},"modified":"2024-05-02T07:18:44","modified_gmt":"2024-05-02T06:18:44","slug":"la-gioconda-salzburger-osterfestspiele-2024","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8508","title":{"rendered":"La Gioconda &#8211; Salzburger Osterfestspiele 2024"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Amilcare Ponchielli (1834-1886), Oper in vier Akten, Libretto: Arrigo Boito unter dem Pseudonym: Tobia Gorrio, nach dem Drama Angelo, tyran de Padoue von Victor Hugo, UA: 8. April 1876 Mailand, Teatro alla Scala, Endfassung: 1879 Genua<\/p>\n<p>Regie: Oliver Mears, B\u00fchnenbild: Philipp F\u00fcrhofer, Kost\u00fcme: Annemarie Woods, Choreographie: Lucy Burge<\/p>\n<p>Dirigent: Antonio Pappano, Orchestra dell&#8217;Accademia Nazionale Di Santa Cecilia<\/p>\n<p>Solisten: Anna Netrebko (Gioconda), Agnieszka Rehlis (die Blinde), Eva-Maud Hubeaux (Laura Adorno), Jonas Kaufmann (Enzo Grimaldo), Tareq Nazmi (Alvise Bado\u00e8ro), Luca Salsi (Barnab\u00e1) u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 27. M\u00e4rz 2024 im Gro\u00dfen Festspielhaus<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Salzburg-La-Gioconda.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8509\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Salzburg-La-Gioconda.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"456\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Salzburg-La-Gioconda.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Salzburg-La-Gioconda-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Karnevals in Venedig findet Enzo, ein Genueser F\u00fcrst, der um sein Land gebracht wurde und sich als Seemann durchschl\u00e4gt, seine Jugendliebe Laura wieder, die mit Alvise verheiratet ist. Die S\u00e4ngerin Gioconda liebt Enzo und wehrt sich gegen die Ann\u00e4herungsversuche des Spions Barnaba. Als der einsieht, da\u00df er sie auf friedlichem Wege nicht gewinnen kann, klagt er ihre Mutter, die Blinde, der Hexerei an. Ihr Leben wird durch das Einschreiten Lauras gerettet. Deswegen f\u00fchlt sich Gioconda ihr verpflichtet. Doch sie ger\u00e4t mit ihr in einem Streit um Enzo aneinander. Schlie\u00dflich verzichtet sie auf ihn. Alvise hat durch Barnaba mittlerweile erfahren, da\u00df seine Frau Laura mit Enzo zu fliehen gedenkt. Er zwingt sie dazu, sich zu vergiften, doch gelingt es Gioconda, das Gift gegen einen Schlaftrunk auszutauschen. Als Enzo erf\u00e4hrt, da\u00df Laura tot sei, gibt er seine wahre Identit\u00e4t zu erkennen und wird verhaftet. Gioconda \u00fcberredet Barnaba, ihn freizulassen und bietet ihm als Gegenleistung ihren K\u00f6rper an. Barnaba willigt ein und Enzo und die aus ihrem Schlaf erwachte Laura k\u00f6nnen fliehen. Bevor Barnaba sich jedoch an Gioconda vergehen kann, nimmt sie sich das Leben.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die epische Breite der B\u00fchne des Salzburger Festspielhauses ist bekannt und bei Regisseuren und B\u00fchnenbildnern gef\u00fcrchtet. Denn wie soll man die Breite sinnvoll nutzen und Handlung, Ensemble und Chor &#8222;in die Breite ziehen&#8220;, sie sinnvoll aufstellen?<\/p>\n<p>Es gelingt zwar die laufende Handlung zwar an konkreten Stellen zu b\u00fcndeln, also mittels eines relativ einfachen B\u00fchnenbildes auf eine gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che zu verteilen. So nimmt beispielsweise eine Mauer mit einer kleinen Madonna-Kapelle fast ein drittel der B\u00fchne ein, verteilt so die B\u00fchnenhandlung eines Duetts \u00fcber einen gro\u00dfen Teil der B\u00fchne. Man erkennt in einem klassizistischen Geb\u00e4ude einen Gesellschaftsabend mit Dinner und einen Anlegesteg mit gro\u00dfem Ozeandampfer. Allerdings fehlt ein klarer Bezug auf Venedig &#8211; historisch oder aktuell. Es gibt keine Regatta, keinen goldenen Saal in einem Palast, kein San Marco oder \u00fcberhaupt einen religi\u00f6sen Bezug. Die Verwandlungen geschehen meist bei ge\u00f6ffnetem Vorhang durch gem\u00e4chliches Verschieben der Kulissen. Die Zwischenmusiken unterst\u00fctzen dies, bieten sogar noch Raum f\u00fcr weitere Tanzeinlagen.<\/p>\n<p>Durch die Beschreibung des B\u00fchnenbildes wird deutlich, da\u00df die Handlung in die heutige Zeit verlegt wurde, es gibt somit keine Inquisition, keine Hexenverfolgung und auch keine machthungrigen Priester. Der Handlungsort ist ein unbestimmbarer Ort, der gerade jetzt \u00fcberall auf der Welt zu finden w\u00e4re. Damit entf\u00e4llt nat\u00fcrlich der Handlungsbezug an vielen Stellen der Oper, der einige L\u00fccken in der Handlung aufwirft. Heutzutage kann man nicht einfach Mitmenschen vergiften oder zu qu\u00e4len &#8211; auch ohne Konsens der Inquisition. Auch beginnt Gioconda nicht als Stra\u00dfens\u00e4ngerin, sondern wird von ihrer Mutter, der Blinden, an M\u00e4nner vermietet. Hierzu bringt Barnaba seine eigene Matratze mit. Die Handlung vollzieht sich bei geschlossenem Vorhang. Gioconda darf dann den Inquisitor Alvise mit dem Messer erstechen, ihr eigener Selbstmord unterbleibt bei offenem Vorhang.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt da einen herrlichen Bonmot, da\u00df La Gioconda ganz einfach zu besetzen sei: Man mu\u00df nur die weltbesten Vertreter f\u00fcr die f\u00fcnf Hauptrollen ausw\u00e4hlen. In der Tat sind die Anforderungen Ponchiellis an den Sopran, Tenor, Bariton, Mezzosopran und Ba\u00df sehr hoch, so da\u00df man die Qualit\u00e4t von Besetzungen dieser Oper mit der Nennung dieser f\u00fcnf Namen beschreiben kann. Eine dieser als legend\u00e4r bezeichneten Besetzungen w\u00e4re Anita Cerquetti, Mario del Monaco, Ettore Bastianini, Giulietta Simionato und Cesare Siepi (AD 1957, Florenz).<\/p>\n<p>Im Falle dieser Produktion der Salzburger Osterfestspiele 2024 kann man sagen, da\u00df man nominell eine Top-Besetzung mit altbekannten S\u00e4ngern gefunden hat, jedoch stellt sich nun die Frage, ob diese auch tats\u00e4chlich den hohen Anspr\u00fcchen an die einzelnen Rollen heute noch gerecht werden.<\/p>\n<p><strong>Anna Netrebko<\/strong> ist immer noch der schwere Sopran, zu dem sie sich entwickelt hat. Sie hat nach wie vor eine gro\u00dfe Strahlkraft und kann immer noch mit einem wirklich tragenden Pianissimo dienen. Ihr Schlu\u00dfwort <em>Suicidio<\/em> ist das Ausrufezeichen zu dem Statement, das sie weiterhin nach Salzburg geh\u00f6rt. <strong>Jonas Kaufmann<\/strong> als Enzo versucht im Duett mit Gioconda im Piano mitzuhalten, jedoch scheitert er und mu\u00df kr\u00e4ftig nachdr\u00fccken. \u00dcberdies verliert die Stimme den tenoralen Glanz, klingt \u00fcber weite Strecken matt und neigt zu Sch\u00e4rfen. Er beginnt auch mit dem R\u00fcckzug, nach diesem Sommer wird er Intendant bei den Tiroler Festspielen in Erl und wird dort das Programm verantworten. Dazu z\u00e4hlt eine Galavorstellung der Walk\u00fcre, in der er noch einmal den Siegmund singen wird.<\/p>\n<p><strong>Luca Salsi<\/strong> als Spitzel Barnaba mu\u00df sich am Anfang erst frei singen, er gewinnt im dramatischen Finale an baritonaler Leuchtkraft und l\u00e4uft zu gro\u00dfer St\u00e4rke auf in dem dramatischen Moment <em>O monumento<\/em>. <strong>Tareq Nazmi<\/strong> z\u00e4hlt im italienischen Fach als Ba\u00df zur Weltspitze. Mit seiner kultivierten Stimme hat er die entsprechende Tiefe &#8211; die Charakterisierung des Strippenzieher Alvise als intellektuellen B\u00f6sewicht gelingt nur teilweise. <strong>Eva-Maud Hubeaux<\/strong> gestaltet die Rolle der Laura sehr spannungsgeladen. Ihr schlanker, klar timbrierter Mezzosopran ist der passende Gegenspieler zum Alt, der von <strong>Agnieszka Rehlis<\/strong> als Blinde (Mutter der Gioconda) problemlos beigestellt wird.<\/p>\n<p>Die Vorstellung macht mehr als deutlich weshalb das <strong>Orchestra dell&#8217;Accademia Nazionale Di Santa Cecilia<\/strong>, also das Orchester der Nationalakademie der heiligen Cecilie, neben dem Orchester der Mail\u00e4nder Scala als das italienische Top-Orchester gilt und in Rom auch die r\u00f6mische Nationaloper auf die Pl\u00e4tze verweist. <strong>Antonio Pappano<\/strong> ist der kongeniale Steuermann auf diesem Wege in dezidierter Filigranit\u00e4t. Gerade in der Begleitung der Gesangsstimmen durch die anspruchvollen Gesangslinien wird beispielhaft gearbeitet. Aber auch in den zahlreichen Orchesterst\u00fccken bzw. der gro\u00dfen Ballett-Einlage, dem <em>Tanz der Stunden<\/em>, wird gro\u00dfartiges geleistet &#8211; zumal hier nichts gek\u00fcrzt wird und mittels einer wirklich professionellen Ballett-Kompanie man wirklich endlich einmal von einer Ballett-Einlage sprechen kann. Sie erz\u00e4hlt die Lebensgeschichte der S\u00e4ngerin &#8222;Mona Lisa&#8220; und damit auch die Handlung dieser Oper nach. Was f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Inszenierung durchaus hilfreich ist.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Jahr sollte man in das Fazit zu den Osterfestspielen die Konkurrenz Veranstaltungen in Baden-Baden und Dresden mit heranziehen. Denn in Baden-Baden gab es eine gefeierte Elektra mit den Berliner Philharmonikern, in Dresden spielte die S\u00e4chsische Staatskapelle letztmalig unter Thielemann bei den Strau\u00df-Tagen eine luxuri\u00f6s besetzte Frau ohne Schatten, die nicht nur den Thielemann-Fankreis von der Salzach an die Elbe lockte. Hinzu kommt, da\u00df die Staatskapelle und Thielemann bislang die Osterfestspiele begl\u00fcckten, seit diesem Jahr aber in Salzburg zu Ostern unter einem neuen Intendanten j\u00e4hrlich wechselnde Orchester nebst Dirigenten unterschiedliche Konzepte vortragen. Ob dieses Wechselkonzept das Publikum im n\u00e4chsten Jahr oder gar auf Dauer tr\u00e4gt, wird sich zeigen &#8211; zumal wie bei Festspielen \u00fcblich auch die unterschiedliche Zugkraft der S\u00e4nger bzw. der Namen wichtig ist.<\/p>\n<p>Streng genommen kann man auch Wien zu den Osterfestivals ins diesem Jahr z\u00e4hlen, denn die vor Jahren in Salzburg herausgekommene Lohengrin-Produktion wechselte nicht nach Dresden (dort wollte man sie nicht, statt dessen renovierte man die legend\u00e4re Mielitz-Inszenierung), sondern an die Wiener Staatsoper, wo sie mit aufwendig gek\u00fcrzter Breite bzw. angepa\u00dften B\u00fchnenbild und ebenfalls opulenter Besetzung im April Premiere feiert.<\/p>\n<p>Zieht man nun den internationalen Vergleich, so mu\u00df man sagen, alle haben ihre St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, k\u00f6nnen aber vor allem in der musikalischen Umsetzung bzw. Besetzung \u00fcberzeugen. In Salzburg kann man konstatieren, da\u00df das Publikum auf jeden Fall auf seine Kosten kam und der Schlu\u00dfapplaus f\u00fcr die musikalische Darstellung eher positiv ausfiel, w\u00e4hrend es f\u00fcr die szenische Darbietung deutliche Zur\u00fcckhaltung gab. Wobei man hier auch differenzieren mu\u00df, denn die Ballett-Freunde kamen deutlich h\u00f6rbar auf ihre Kosten.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Bernd Uhlig<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Liudmila Konovalova (Gioconda als Erwachsene), Anna Netrebko (La Gioconda), Chor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Bachchor Salzburg<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Garamond','serif';\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Amilcare Ponchielli (1834-1886), Oper in vier Akten, Libretto: Arrigo Boito unter dem Pseudonym: Tobia Gorrio, nach dem Drama Angelo, tyran de Padoue von Victor Hugo, UA: 8. 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