{"id":8497,"date":"2024-03-27T18:07:14","date_gmt":"2024-03-27T17:07:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8497"},"modified":"2024-03-29T18:10:04","modified_gmt":"2024-03-29T17:10:04","slug":"die-frau-ohne-schatten-dresden-semperoper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8497","title":{"rendered":"Die Frau ohne Schatten &#8211; Dresden, Semperoper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Strauss (1864\u20131949), Oper in drei Akten, Text von Hugo von Hofmannsthal<\/p>\n<p>UA: \u00a010. Oktober 1919, \u00a0Staatsoper Wien<\/p>\n<p>Regie: David B\u00f6sch, B\u00fchnenbild und Videodesign: Patrick Bannwart, Kost\u00fcme: Moanna Stemberger, Licht: Fabio Antoci, Videodesign: Falko Herold, Dramaturgie: Johann Casimir Eule<\/p>\n<p>Dirigent: Christian Thielemann, S\u00e4chsische Staatskapelle Dresden, S\u00e4chsischer Staatsopernchor Dresden, Einstudierung: Andr\u00e9 Kellinghaus, Kinderchor der Semperoper Dresden, Einstudierung: Claudia Sebastian-Bertsch<\/p>\n<p>Solisten: Camilla Nylund (Kaiserin), Eric Cutler (Kaiser), Evelyn Herlitzius (Amme), Andreas Bauer Kanabas (Geisterbote), Miina-Liisa V\u00e4rel\u00e4 (Baraks Frau), Oleksandr Pushniak (Barak, der F\u00e4rber), Nikola Hillebrand (H\u00fcter der Schwelle), u.v.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 24. M\u00e4rz 2024 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Dresden-Frau-o-Schatten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8499\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Dresden-Frau-o-Schatten.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"364\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Dresden-Frau-o-Schatten.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Dresden-Frau-o-Schatten-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt <\/strong><\/p>\n<p>Die Kaiserin der s\u00fcd\u00f6stlichen Inseln stammt aus dem Feenreich. Noch geh\u00f6rt sie nicht ganz zu den Menschen, denn sie wirft keinen Schatten und kann keine Kinder empfangen. Ihrem Gatten steht darum die Verwandlung in Stein bevor. Die Amme der Kaiserin, die sich insgeheim zum Ziel gesetzt hat, sie wieder zur\u00fcck in das Feenreich zu bringen, gibt vor, ihr helfen zu wollen und macht sich mit ihr auf in die Menschenwelt zu dem F\u00e4rber Barak und seiner jungen Frau. Auch sie haben keine Kinder, allerdings weil die F\u00e4rbersfrau es so will. Die Amme versucht, der F\u00e4rbersfrau ihren Schatten und damit ihre Fruchtbarkeit abzukaufen, doch die Kaiserin schreckt davor zur\u00fcck, ihr Gl\u00fcck mit dem Leid anderer zu erkaufen. Sie empfindet Mitleid mit dem ehrlichen und sanftm\u00fctigen Barak, dessen Wunsch nach Kindern unerf\u00fcllt zu bleiben droht, wenn die Intrige der Amme aufgehen sollte, und dessen Frau sich ihm gegen\u00fcber immer feindseliger verh\u00e4lt. Die Kaiserin erl\u00f6st durch ihren Verzicht auf den Schatten der F\u00e4rbersfrau ihren Mann, den Kaiser, und rettet die Ehe des F\u00e4rberpaares. Ihr Vater, der Geisterf\u00fcrst Keikobad, erf\u00fcllt ihr zudem ihren Wunsch, in die Menschenwelt hin\u00fcberzuwechseln und einen Schatten zu werfen. Die Amme verurteilt er dazu, unter den ihr verhassten Menschen leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das B\u00fchnenbild ist spartanisch und symbolbeladen zugleich. Geister- und Menschenwelt unterscheiden sich von ihrer Farbgebung. Die Geisterwelt ist schwarz-wei\u00df, die Menschenwelt bunt, wenn auch nicht in hellen, sondern in blassen und schmutzigen Farbt\u00f6nen gehalten. Videoprojektionen, die exakt mit dem dramatisch-musikalischen Geschehen koordiniert werden und den Textinhalt verdeutlichen, spielen in beiden Welten eine wichtige Rolle. In den Projektionen werden einfache Mittel geschickt zur Textdeutung genutzt, etwa, wenn die wei\u00dfe Silhouette der Kaiserin, die keinen Schatten wirft, mit dem schwarzen Schatten des Kaisers kontrastiert. Die Erscheinung eines J\u00fcnglings \u2013 oder vielmehr einer Gruppe von J\u00fcnglingen \u2013 wird mit Goldglitter und rosa Gew\u00f6lk auf den Hintergrund projiziert. Doch nicht alles ist nur als Video zu sehen, sondern auch die B\u00fchnenmaschinerie kommt in allen drei Akten zum Einsatz. Zum einen gibt es eine Fahrstuhlkabine, die zwischen Geister- und Menschenwelt hin- und herf\u00e4hrt. Und zum anderen den riesigen, die gesamte B\u00fchne ausf\u00fcllenden Falken des Kaisers. Daneben werden wenige Requisiten effektiv genutzt. Das Bett von Kaiser und Kaiserin wird zum Kahn, den die Amme steuert, in der Mitte des bunkerartigen F\u00e4rberhauses steht eine Tonne mit der Aufschrift \u201eGiftig\u201c, aus der die Amme und die F\u00e4rberin diverse Gegenst\u00e4nde hervorzaubern oder darin verschwinden lassen. So wirft die F\u00e4rberin im zweiten Akt ihren Ehering hinein, als sie Barak ihre erfundene Aff\u00e4re gesteht, oder im ersten Akt Puppen, die ihre ungeborenen Kinder symbolisieren sollen, womit sie ihre Furcht vor der Mutterschaft zum Ausdruck bringt. Kinderw\u00e4gen sind ebenfalls in allen Akten anzutreffen: Im zweiten feiert Barak seinen gro\u00dfen Einkauf mit Freunden und Kindern und schiebt einen mit Geschenken beladenen Kinderwagen in seine Werkstatt, die auch als Wohnzimmer dient. Im letzten Akt umringen gespenstische Gestalten mit leeren Kinderw\u00e4gen die Kaiserin, als sie vor die abschlie\u00dfende Entscheidung gestellt wird, der F\u00e4rberin ihren Schatten zu nehmen. Wie in der Musik wiederholen sich in dem begrenzten Vorrat von Requisiten und Projektionen immer wieder die gleichen Bilder und szenischen Mittel mit Variationen als eine Art visueller Leitmotive. Die Bildsprache ist deutlich, fast \u00fcberdeutlich, etwa, als am Ende des zweiten Aktes das B\u00fchnenbild in der Mitte in zwei Teile auseinandergerissen wird, in denen sich dann Barak und seine Frau getrennt voneinander im dritten Akt wiederfinden.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Es war der Abend <strong>Christian Thielemanns<\/strong>, der mit dieser Produktion seine letzte Dresdner Premiere als GMD der S\u00e4chsischen Staatskapelle dirigierte. Das Orchester, das wie kein anderes mit den Werken Richard Strauss\u2018 vertraut ist, brachte die an Farben und Nuancen unendlich reiche Partitur buchst\u00e4blich zum Leuchten, von den wuchtigen Tutti bis hin zu den bis ins kleinste Detail durchgestalteten Instrumentalsoli. Die Akzentuierungen und st\u00e4ndigen dynamischen Schattierungen sorgten f\u00fcr analytische Deutlichkeit. Das zum Ende des zweiten Aktes hin kulminierende Geschehen wurde als sich unaufh\u00f6rlich steigerndes Duell zwischen Falkenmotiv und Leitmotiven aus dem Umfeld Baraks gestaltet, das in eine Katastrophe m\u00fcndet. Die robusten Stimmen der S\u00e4nger erlauben Thielemann, das gro\u00dfe Orchester kraftvoll einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Camilla Nylunds<\/strong> (Kaiserin) dramatischer Sopran bleibt selbst in den leisen Passagen metallisch und in den lauten Passagen schlank. Die hohen Spitzent\u00f6ne setzte sie exakt und nachdr\u00fccklich, ohne zu forcieren. Zu Beginn des ersten Aktes zeigte sich bei ihr eine leichte Tendenz, mit ihrem K\u00f6rper zu taktieren, die aber gl\u00fccklicherweise schnell verschwand. <strong>Miina-Liisa V\u00e4rel\u00e4s<\/strong> (Baraks Frau) dramatischer Sopran ist g\u00e4nzlich anders geartet. Ihre Stimme hat mehr Tiefe und K\u00f6rper und so wie ihre Rolle ein breiteres Ausdrucksspektrum. Ihre anspruchsvolle Partie, in der sich melancholische und unerbittliche, despotische und unterw\u00fcrfige Gef\u00fchlsregungen miteinander abwechseln, gestaltete sie souver\u00e4n und setzte die von der Regie vorgegebenen humorvollen Untert\u00f6ne und kleinen Aktionen darstellerisch gro\u00dfartig um. Was neben der tadellosen musikalischen Wiedergabe bei diesen beiden S\u00e4ngerinnen \u00fcberraschte, war die Deutlichkeit der Textaussprache; lediglich im Melodram der Kaiserin im dritten Akt wurde ein Akzent bei ihr h\u00f6rbar und bei den schwer laut auszusprechenden geh\u00e4uften sogenannten ich-Lauten (also dem -ch wie in \u201eich\u201c) verschwanden Konsonanten mitunter. Die dritte tragende Rolle der Oper, die der Amme, war mit <strong>Evelyn Herlitzius<\/strong> bestm\u00f6glich besetzt, deren Auftritt in Dresden man wohl als eine Art Heimspiel bezeichnen darf. Ihre Stimme und darstellerische Agilit\u00e4t sind ein Ph\u00e4nomen. Sie steht seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren als S\u00e4ngerin dramatischer und hochdramatischer Partien auf der B\u00fchne, ohne da\u00df ihrer Stimme nur die geringste Spur von Spr\u00f6digkeit oder Erm\u00fcdung aufweisen w\u00fcrde. Homogen in allen Registern und mit konstanter szenischer Pr\u00e4senz \u2013 sie ist die letzte Figur, die beim Fallen des Vorhangs am Ende der Oper zu sehen ist \u2013 machte sie ihre Partie zur heimlichen Hauptrolle dieser Produktion.<\/p>\n<p>Verglichen mit den weiblichen Hauptrollen sind die m\u00e4nnlichen Hauptfiguren psychologisch wesentlich schlichter angelegt. <strong>Oleksandr Pushniak<\/strong> erweist sich mit seiner Verk\u00f6rperung des unbeholfenen, naiven Barak als Idealbesetzung. Man nimmt ihm seine mit einer geh\u00f6rigen Portion Schwerf\u00e4lligkeit gepaarte Gutm\u00fctigkeit ab. Seine ausgeglichene, runde Stimmgebung verstr\u00f6mt Sicherheit und l\u00e4\u00dft seinen Barak als einen zuverl\u00e4ssigen, geduldigen, wenn auch sturen Charakter erscheinen. <strong>Eric Cutler<\/strong> (Kaiser) hatte stimmlich keine Schwierigkeiten mit seiner Tenorpartie, wenn auch die Textaussprache etwas deutlicher sein k\u00f6nnte. <strong>Andreas Bauer Kanabas<\/strong> (Geisterbote) und<strong> Nikola Hillebrand<\/strong> (H\u00fcter der Schwelle) sangen und spielten ihre kurzen Rollen geradlinig und w\u00fcrdevoll.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Diese neue Dresdner Produktion des vielschichtigsten Werkes von Strauss und Hofmannsthal war \u2013 man darf wohl sagen: erwartungsgem\u00e4\u00df \u2013 musikalisch gl\u00e4nzend. Das Orchester und sein Noch-GMD Christian Thielemann, der zu Beginn der n\u00e4chsten Spielzeit an die Staatsoper Berlin wechselt, haben Erfahrung mit diesem gro\u00dfbesetzten Werk, und die S\u00e4nger, die man f\u00fcr dieses Produktion verpflichten konnte, waren \u2013 wie ebenfalls in Dresden \u00fcblich \u2013 erste Wahl. Die Inszenierung kam beim Premierenpublikum gut an, obwohl sie nicht unbedingt sch\u00f6ne, daf\u00fcr aber Bilder von gro\u00dfer Klarheit bietet. Hinzu kamen szenische Einf\u00e4lle, die das Werk intelligent mit einer Prise Humor kommentieren, ohne es l\u00e4cherlich zu machen. Im Gegenteil: Das moderne Kunstm\u00e4rchen Hofmannsthals \u00fcber Liebe, Geburt und Ehe wird durch die Bilder genauso wie durch Strauss\u2018 Musik ins Monumentale gesteigert. Musik und Inszenierung ziehen also an einem Strang.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Ludwig Ohla<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Camilla Nylund (Kaiserin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Strauss (1864\u20131949), Oper in drei Akten, Text von Hugo von Hofmannsthal UA: \u00a010. 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