{"id":8443,"date":"2023-10-30T19:44:48","date_gmt":"2023-10-30T18:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8443"},"modified":"2023-11-02T18:06:08","modified_gmt":"2023-11-02T17:06:08","slug":"salome-hamburg-staatsoper-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8443","title":{"rendered":"Salome &#8211; Hamburg, Staatsoper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Strauss (1864-1949), Musikdrama in einem Aufzug, Libretto vom Komponisten nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung, UA: 9. Dezember 1905, K\u00f6niglisches Opernhaus Dresden<\/p>\n<p>Regie und B\u00fchnenbild: Dmitri Tcherniakov, Kost\u00fcme: Elena Zaytseva, Licht: Gleb Filshtinsky, Video: Tieni Burkhalter, Dramaturgie: Tatiana Werestchagina und Janina Zell<\/p>\n<p>Dirigent: Kent Nagano, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg<\/p>\n<p>Solisten: Asmik Grigorian (Salome), John Daszak (Herodes), Violeta Urmana (Herodias), Kyle Ketelsen (Jochanaan), Oleksiy Palchykov (Narraboth), Jana Kurucov\u00e1 (Page), James Kryshak, Florian Panzeri, Daniel Kluge, Andrew Dickinson und Hubert Kowalczyk (f\u00fcnf Juden), Alexander Roslavets und Nicholas Mogg (zwei Nazarener), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 29. Oktober 2023 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hamburg-Salome.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8445\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hamburg-Salome.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hamburg-Salome.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hamburg-Salome-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>In Pal\u00e4stina unter der Herrschaft des Herodes k\u00fcndigt sich das Ende der bisherigen Weltordnung an. Jochanaan ist einer der Endzeitpropheten und wird in einem Brunnen gefangen gehalten. Die junge Stieftochter des Herodes, Salome, begehrt ihn zu sehen und verliebt sich in ihn, was den Hauptmann Narraboth, der sie heimlich liebt, in den Selbstmord treibt. Als Salome von Jochanaan wiederholt einen Ku\u00df fordert, wird sie von ihm zur\u00fcckgewiesen und verflucht. Herodes verlangt von Salome, f\u00fcr ihn zu tanzen und schw\u00f6rt einen Eid, ihr daf\u00fcr zu geben, was auch immer sie sich w\u00fcnsche. Sie tanzt den Tanz der sieben Schleier und fordert daf\u00fcr den Kopf des Jochanaan. Herodes versucht sie davon abzubringen, gibt aber schlie\u00dflich nach. Entsetzt sehen er und die anderen Beteiligten, wie Salome mit dem abgeschlagenen Kopf spricht und ihn k\u00fc\u00dft. Herodes befiehlt, Salome zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das B\u00fchnenbild stellt einen Festsaal in einem gro\u00dfen Haus dar. Die Festgesellschaft ist bunt gemischt, in der Vorhalle brennt ein Feuer im Kamin und die G\u00e4ste des augenscheinlich schwerreichen Herodes sehen mit Befremden, was sich zwischen Salome und ihrem Stiefvater abspielt. Unter ihnen befindet sich auch der d\u00fcnnhaarige, Zigarre rauchende und in einem Buch lesende Jochanaan. Die Regie entt\u00e4uscht Erwartungen an spektakul\u00e4re Effekte, einschlie\u00dflich des ber\u00fchmten Schockeffektes, wenn das abgeschlagene Haupt des Propheten auf dem Silbertablett aus der Tiefe gereicht wird. Jochanaan bleibt einfach weiter am Tisch sitzen und verschwindet w\u00e4hrend des langen Schlu\u00dfmonologs Salomes aus der T\u00fcr. Auch der Tanz der sieben Schleier entf\u00e4llt. Statt dessen herrscht ein gespenstischer Stillstand, w\u00e4hrend dessen sich Salome bis auf die Unterw\u00e4sche entkleidet und dann von Herodes in ein groteskes, \u00fcbergro\u00dfes Puppenkleid gesteckt wird. Er tr\u00e4gt unterdessen die wie eine leblose Puppe passiv herunterh\u00e4ngende Salome durch den Saal. Zuvor hat sie sich das Gesicht wei\u00df gemalt und sich in einem Regal versteckt. Kurz gesagt geht es bei dieser Inszenierung also in erster Linie nicht um das tragische Schicksal des Jochanaan, der hier, wie Strauss seinerzeit in einem Brief schrieb, schulmeisterlich r\u00e4tselhafte Spr\u00fcche von sich gibt, sondern um den in Wildes Text angedeuteten Beginn des Mi\u00dfbrauchs Salomes durch ihren Stiefvater. Durch diese leichte Akzentverschiebung erzeugt die Inszenierung trotz fehlender visueller Schockeffekte eine bedr\u00fcckende, ja teilweise grauenhafte Spannung.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Orchester und S\u00e4nger wurden von <strong>Kent Nagano<\/strong> mit aller nur w\u00fcnschenswerten Deutlichkeit geleitet. D.h. trotz des st\u00e4ndig changierenden, oft ins Ger\u00e4uschhafte \u00fcbergehenden und bisweilen massiven Klanges des gro\u00dfbesetzten Orchesters wurden die S\u00e4ngereins\u00e4tze pr\u00e4zise gegeben und aus dem dichten Klanggew\u00fchl viele Themen analytisch herausgearbeitet. Der Klang bleibt stets abgerundet, auch wenn es unter Naganos Leitung oft richtig laut im Saal wird. F\u00fcr die S\u00e4nger dieser Auff\u00fchrung war das gar kein Problem dank schneller dynamischer R\u00fccknahme bei ihren Eins\u00e4tzen oder ihren kr\u00e4ftigen Stimmen in der hohen Lage. Was der Dirigent also erreichte, war eine perfekte Balance zwischen klanglicher Wucht und Transparenz.<\/p>\n<p>Die Besetzung dieser <em>Salome<\/em> ist erstklassig, bis in die kleinen Rollen hinein. Das Judenquintett oder die kurzen Eins\u00e4tze der beiden Nazarener werden nicht nur tadellos gesungen, sondern ihr Text, soweit es im Judenquintett eben nur geht, ist auch gut zu verstehen. Alle Rollen, auch die kleineren, werden mit gro\u00dfer psychologischer Intensit\u00e4t gestaltet, darunter etwa der von <strong>Jana Kurucov\u00e1<\/strong> durchdringend gesungene Page. <strong>Oleksiy Palchykov<\/strong> ist ein eleganter Narraboth, dessen Tenor klanglich eher ins lyrische Fach geh\u00f6rt \u2013 was bei seinen verzweifelten Ausbr\u00fcchen gut pa\u00dft \u2013, obwohl er kraftvoll wie ein Heldentenor zu singen in der Lage ist. <strong>Violeta Urmana<\/strong> gibt eine lauernde und ha\u00dferf\u00fcllte Herodias, deren laute und hektische Repliken exakt sitzen. Wie bereits erw\u00e4hnt ist der von <strong>Kyle Ketelsen<\/strong> verk\u00f6rperte Jochanaan kein Sympathietr\u00e4ger, im Gegenteil: Statt aus der Zisterne heraus hat er seine Passagen z.T. mit dem R\u00fccken zum Publikum zu singen; der Text ist trotzdem zu verstehen. Seine K\u00f6rpersprache signalisiert Desinteresse an allem und ein nicht geringes Ma\u00df an Eitelkeit, was seine kraftvoll gesungenen Verse eher von Geltungssucht denn von altruistischem Drang, die Welt zu retten, getragen erscheinen l\u00e4\u00dft. Es bleiben die beiden wichtigsten Rollen der Oper: <strong>John Daszak<\/strong> (Herodes) verleiht seiner Rolle des angetrunkenen und von Wahnvorstellungen geplagten Tetrarchen joviale Z\u00fcge und l\u00e4\u00dft das Abgr\u00fcndige seines Charakters erst in dem Tanz der sieben Schleier vollends zutage treten. Seine Stimme hat sich gegen das massive Orchester zu behaupten, und am Ende der vierten Szene, als er Salome beschw\u00f6rt, von ihrem furchtbaren Wunsch abzusehen, wird die Anstrengung bei den hohen lauten T\u00f6nen kurz h\u00f6rbar. Rhythmisch und von der Deutlichkeit der Aussprache her ist seine Leistung imponierend. <strong>Asmik Grigorian<\/strong>, die die Titelrolle verk\u00f6rpert, ist eine Klasse f\u00fcr sich. Das gilt f\u00fcr ihren im doppelten Wortsinne hochdramatischen Stimmeinsatz wie f\u00fcr ihre schon beinahe be\u00e4ngstigende Art, sich in die Rolle und ihre geistige Verfassung hineinzusteigern. Darstellerisch und musikalisch ist sie ganz Ausdruck. Ihre Stimme verf\u00fcgt in der hohen Lage \u00fcber anscheinend unersch\u00f6pfliche Ressourcen \u2013 jedenfalls klingt sie trotz aller Expressivit\u00e4t nie angestrengt \u2013, und darstellerisch ist sie kompromi\u00dflos. Die Zerst\u00f6rung ihrer Psyche durch ihren Vater, ihr aufflammendes Interesse an dem arroganten Jochanaan, das anscheinend auch ihr selbst unverst\u00e4ndlich bleibt, ihre zwischen selbstzerst\u00f6rerischem Trotz und Passivit\u00e4t schwankende Pers\u00f6nlichkeit, die am Ende zuckend und zerst\u00f6rt auf dem B\u00fchnenboden liegen bleibt, werden mit einer Kraft gespielt, die das Publikum in seinen Bann schlug. Einziger Kritikpunkt ist die bei dieser extremen Partie allerdings auch nur in wenigen Momenten \u00fcberhaupt zu leistende Textverst\u00e4ndlichkeit. Sie ist in den Sprechgesangspassagen, die sie tats\u00e4chlich beinahe sprach, gegeben, sonst eher nicht. Sie gleicht dies durch ihren variablen Stimmklang aus. Ihr steht eine breite Palette an ausdrucksstarken Nuancen zur Verf\u00fcgung, die sie virtuos einsetzt und so \u00fcber den Klang den Wortinhalt vermittelt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Premiere der Hamburger <em>Salome<\/em> war eine musikalisch-dramatische Sternstunde. Die Spannung, die im Spiel zwischen den Personen und w\u00e4hrend des langen Monologs Salomes am Ende zum Tragen kommt, war f\u00f6rmlich mit H\u00e4nden zu greifen. Kent Nagano schafft einen lastenden, d\u00fcsteren Orchesterklang, der gleichwohl nicht schwerf\u00e4llig wird. Das S\u00e4ngerensemble, allen voran Asmik Grigorian in der Hauptrolle, ist exzellent, und die leicht abgewandelte Erz\u00e4hlung geht auf. Bis auf wenige Buhrufe f\u00fcr die Regie und \u2013 aus welchem Grund, ist v\u00f6llig unklar \u2013 f\u00fcr den Dirigenten zeigte das Publikum sich von dieser Produktion und der \u00fcberragenden musikalischen Qualit\u00e4t begeistert und ergriffen.<\/p>\n<p>Hinweis:<\/p>\n<p>Der Fernsehkanal ARTE hat mit Salome die &#8222;Saison ARTE Opera&#8220; er\u00f6ffnet und stellt die Inszenierung f\u00fcr alle zug\u00e4nglich in der Mediathek in 6 Sprachen und f\u00fcr 6 Monate auf ARTE Concert zur Verf\u00fcgung: <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/115598-000-A\/richard-strauss-salome\/\">https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/115598-000-A\/richard-strauss-salome\/<\/a><\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Monika Rittershaus<\/p>\n<p>Das bild zeigt: Asmik Grigorian (Salome), Kyle Ketelsen (Jochanaan), James Kryshak, Florian Panzeri, Daniel Kluge, Andrew Dickinson und Hubert Kowalczyk (f\u00fcnf Juden), Alexander Roslavets und Nicholas Mogg (zwei Nazarener), u.a.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Strauss (1864-1949), Musikdrama in einem Aufzug, Libretto vom Komponisten nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung, UA: 9. Dezember 1905, K\u00f6niglisches Opernhaus Dresden Regie und B\u00fchnenbild: Dmitri Tcherniakov, Kost\u00fcme: Elena Zaytseva, Licht: Gleb Filshtinsky, Video: Tieni Burkhalter, Dramaturgie: Tatiana Werestchagina<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8443\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8445,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31,1],"tags":[],"class_list":["post-8443","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hamburg-staatsoper","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8443"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8451,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8443\/revisions\/8451"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8445"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}