{"id":8439,"date":"2023-10-30T17:56:00","date_gmt":"2023-10-30T16:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8439"},"modified":"2023-10-30T17:57:00","modified_gmt":"2023-10-30T16:57:00","slug":"orpheus-in-der-unterwelt-bremen-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8439","title":{"rendered":"Orpheus in der Unterwelt &#8211; Bremen, Theater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Jacques Offenbach (1819-1880), Operette in zwei Akten, Text von Ludovic Hal\u00e9vy und Hector Cr\u00e9mieux, UA: 21. Oktober 1858, Th\u00e9\u00e2tre des Bouffes-Parisiens, Paris<\/p>\n<p>Regie: Frank Hilbrich, Choreographie: Sascha Pieper, B\u00fchnenbild: Volker Thiele, Kost\u00fcme: Regine Standfuss, Licht: Christian Kemmetm\u00fcller, Dramaturgie: Brigitte Heusiger<\/p>\n<p>Dirigent: William Kelley, Bremer Philharmoniker, Chor des Theater Bremen, Einstudierung: Noori Cho<\/p>\n<p>Solisten: Oliver Sewell (Orpheus), Diana Schn\u00fcrpel (Eurydike), Ulrike Mayer (die \u00f6ffentliche Meinung), Ian Spinetti (Aristeus\/Pluto), Christian-Andreas Engelhardt (Jupiter), Lilo Wanders (Juno), Yosuke Kodama (Merkur), Karsten K\u00fcsters (John Styx), Mar\u00eda Mart\u00edn Gonz\u00e1les (Diana), Constanze Jader (Venus), Mariam Murgulia (Cupido), T\u00e4nzer und T\u00e4nzerinnen sowie die Statisterie des Theater Bremen<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 28. Oktober 2023 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bremen-Orpheus-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8440\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bremen-Orpheus-.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bremen-Orpheus-.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bremen-Orpheus--300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Der Musiker Orpheus und seine Frau Eurydike sind einander \u00fcberdr\u00fcssig und haben eine Aff\u00e4re. Eurydikes Liebhaber Aristeus entpuppt sich allerdings als der Gott Pluto, der sie mit in die Unterwelt nimmt. Zwar versp\u00fcrt Orpheus keinerlei Verlangen danach, dennoch wird er von der \u00f6ffentlichen Meinung dazu gezwungen, sie aus dem Hades zur\u00fcckzuholen, um seinen guten Ruf nicht zu ruinieren. Szenenwechsel: Im Olymp leben die G\u00f6tter ein nutzloses und faules Leben. Aufgescheucht von Merkurs Bericht, Pluto habe eine sterbliche Frau ihrem Gatten entf\u00fchrt, fa\u00dft Jupiter den Beschlu\u00df, in die Unterwelt hinabzusteigen, um sie wieder ihrem rechtm\u00e4\u00dfigen Gatten zur\u00fcckzugeben. Begeistert folgen ihm alle anderen G\u00f6tter mit hinab in die H\u00f6lle. Im Hades bejammert der Diener Plutos John Styx sein Schicksal und auch Eurydike, deren Liebe zu Pluto schnell erkaltet ist, langweilt sich bereits. Jupiter n\u00e4hert sich ihr wie allen Sterblichen in einer anderen Gestalt, n\u00e4mlich als Stubenfliege, und beide entbrennen sofort in Leidenschaft zueinander. Pluto gibt ein h\u00f6llisches Fest und Jupiter hat Eurydike mittlerweile versprochen, sie zu sich auf den Olymp zu holen. Von Plutos Seite bestehen keine Einw\u00e4nde, jedoch verlangen die \u00f6ffentliche Meinung und Orpheus, Eurydike solle in die Menschenwelt zur\u00fcckkehren. Jupiter gebietet ihm, ihr voranzuschreiten, ohne sie anzusehen. Das geht jedoch schief, als er ihnen seinen Blitz hinterherschleudert, und er nimmt zur gro\u00dfen Freude aller Eurydike als Bacchantin mit sich auf den Olymp.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das Szenenbild kommt mit wenigen Requisiten aus und besteht im wesentlichen aus einem Fahrstuhl, einem Fl\u00fcgel bzw. Klavier, Sofas auf dem Olymp und einfachen Plastikst\u00fchlen in der Unterwelt. Die Kost\u00fcme sind zeitgen\u00f6ssisch und individuell. Sie geben ein denkbar farbiges Bild ab mit Ausnahme der \u00f6ffentlichen Meinung, die zusammen mit ein paar Komparsen in einem aufgeblasenen schwarzen Overall auftritt. Gesungen wird auf Deutsch, und der Text, der singend oder sprechend vorgetragen wird, ist f\u00fcr die hier gezeigte zweieinhalbst\u00fcndige Version neu geschrieben worden. Darin wird die Handlung teilweise aktualisiert: Orpheus ist der Leiter einer Kreismusikschule und seine Frau gibt Klavierlektionen. Aristeus\/Pluto ist ihr Klavierstimmer. Die G\u00f6tter feiern mit Pizzakartons und Wasserflaschen eine Dauerparty. Die meisten Darsteller kommen in ihren Gesangspartien ohne Mikrofon aus (mit Ausnahme von <strong>Lilo Wanders<\/strong> und dem vom Schn\u00fcrboden herabgelassenen <strong>Yosuke Kodama<\/strong> als Merkur), die Sprechpassagen werden hingegen bei den meisten verst\u00e4rkt, so da\u00df der gesprochene Text gut verst\u00e4ndlich wird.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>William Kelley<\/strong> hat die Bremer Philharmoniker gut im Griff. Die ruhigeren Passagen waren klanglich sch\u00f6n durchgestaltet, aber der Gro\u00dfteil der Musik ist nat\u00fcrlich in flottem Tempo zu nehmen. Das lief im Orchester ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten. Jedoch kamen die S\u00e4nger vor allem in den schnell zu spielenden Chorszenen im Olymp mit der Textartikulation in Bedr\u00e4ngnis. \u00dcberhaupt war der Text in den schnellen Passagen des \u00f6fteren nicht gut zu verstehen, was auch an den mitunter recht schwer auszusprechenden Konsonantenh\u00e4ufungen dieser Textfassung lag.<\/p>\n<p>Offenbachs Operette ist eine Parodie auf andere Genres und lebt von den aberwitzigen Einf\u00e4llen und Wendungen des Librettos. Die Darsteller m\u00fcssen dar\u00fcberhinaus eine Menge von schnellen humoristischen Dialogen deutlich und mit dem richtigen Timing abliefern, was ihnen durchweg sehr gut gelang. Die Repliken sa\u00dfen punktgenau und sorgten f\u00fcr jede Menge Situationskomik. <strong>Oliver Sewell<\/strong> (Orpheus) sang und spielte die Titelrolle unaffektiert und ohne \u00dcbertreibung. <strong>Diana Schn\u00fcrpel<\/strong> (Eurydike) versetzte jedoch das Publikum schon vor Beginn der Ouvert\u00fcre in Erstaunen. Sie sitzt hier vor dem geschlossenen Vorhang an einem Fl\u00fcgel und spielt diverse Hits der klassischen Musik (darunter Chopin, Mozart und nat\u00fcrlich Gluck) kurz an, um immer wieder verzweifelt abzubrechen. Es handelt sich bei ihr nicht nur um eine hervorragende Koloratursopranistin, sondern auch um eine exzellente Pianistin. Wann hat man jemals schon eine S\u00e4ngerin die Arie der K\u00f6nigin der Nacht singen und sich dabei selber begleiten geh\u00f6rt? Sie kann es, und zwar mit Leichtigkeit. Ihre Stimme sitzt in allen Lagen, sie spielte ihren Part gekonnt und ist die eigentliche Hauptrolle dieses Abends. <strong>Ulrike Mayer<\/strong> (die \u00f6ffentliche Meinung) kam mit ihrem aufgeplusterten Kost\u00fcm wunderbar zurecht und war f\u00fcr die Slapstick-Momente zust\u00e4ndig; ihr oblag auch die Werkeinf\u00fchrung, womit ihr Charakter dem Publikum schon vorab bekannt gemacht wurde. <strong>Ian Spinetti<\/strong> (Aristeus\/Pluto) hat einen kraftvollen, gl\u00e4nzenden Tenor und spielte wie die meisten Darsteller beweglich und abwechslungsreich. An dieser Stelle ist die gelungene Choreographie <strong>Sascha Piepers<\/strong> hervorzuheben, dank derer sich S\u00e4nger, T\u00e4nzer und Statisten zu einem st\u00e4ndig in Bewegung organischen Ganzen zusammenf\u00fcgen, aus dem immer wieder individuelle Charaktere herausragen, etwa die kleinen Rollen von <strong>Mar\u00eda Mart\u00edn Gonz\u00e1les<\/strong> (Diana), <strong>Constanze Jader<\/strong> (Venus) und<strong> Mariam Murgulia<\/strong> (Cupido). Sie alle haben wohlklingende Stimmen, von denen diejenige von Mar\u00eda Mart\u00edn Gonzales am st\u00e4rksten zur Geltung kam. <strong>Christian-Andreas Engelhardt<\/strong> (Jupiter), der nuanciert singt und entspannt spielt, nimmt man den moralisch verlotterten G\u00f6ttervater ohne weiteres ab. <strong>Yosuke Kodama<\/strong> (Merkur) hat zwar keine gro\u00dfe Stimme, aber er spielt mit gro\u00dfer Beweglichkeit und spricht \u00fcberaus deutlich aus. <strong>Karsten K\u00fcsters<\/strong> (John Styx), ein Ehrenmitglied des Ensembles, hatte stimmlich mit der bekannten Nummer \u201eAls ich noch Prinz war in Arkadien\u201c keine Probleme, kam aber komplett mit dem Text durcheinander. Das Publikum sah es ihm nach. Und dann noch zur prominentesten Pers\u00f6nlichkeit dieses Abends: <strong>Lilo Wanders<\/strong> (Juno), eine Figur, die von dem Travestiek\u00fcnstler Ernst-Johann Reinhardt gespielt wird, ist dem Publikum aus dem Fernsehen bekannt und selber keine Operns\u00e4ngerin. Ihre Aufgabe bestand in kurzen gesprochenen Monologen und schnellen Wortwechseln, in denen sie ihre Pointen zielsicher plazierte. Ihre Anwesenheit verlieh dem Abend einen gewissen Glanz.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Diese Operette ist immer wieder aktualisiert und in den jeweiligen historischen Zusammenhang angepa\u00dft worden, mit tagespolitischen Anspielungen, Anz\u00fcglichkeiten und Momenten des puren Nonsense. Die Bremer Version ist \u00fcberaus kurzweilig, und die Auff\u00fchrung lenkt mit ihren sparsam eingesetzten szenischen Mitteln die ganze Aufmerksamkeit auf die Darsteller. Die machen ihre Sache mit Hingabe und Spielfreude. Die Sopranistin Diana Schn\u00fcrpel sollte man sich merken. Selten vereint eine Darstellerin solch eine k\u00fcnstlerische Fertigkeit auf h\u00f6chstem technischem Niveau mit einem Talent f\u00fcr das Komische. Diese vergn\u00fcgliche Produktion ist einfach nur zu empfehlen und als Zugabe kann man noch auf die derzeit in der Bremer Kunsthalle zu sehende gro\u00dfe 200-Jahr-Jubil\u00e4umsaustellung hinweisen, in der auf Zeichnungen, Gem\u00e4lden und Lithographien Toulouse-Lautrecs und Degas\u2018 genau diejenige Pariser Demi-monde zu sehen ist, die Offenbach in seiner Operette karikiert.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: J\u00f6rg Landsberg<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Yosuke Kodama (Merkur), Mariam Murgulia (Cupido), Lilo Wanders (Juno), Andreas Engelhardt (Jupiter), Constanze Jader (Venus), Mar\u00eda Mart\u00edn Gonz\u00e1les (Diana) u. Chor<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jacques Offenbach (1819-1880), Operette in zwei Akten, Text von Ludovic Hal\u00e9vy und Hector Cr\u00e9mieux, UA: 21. 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