{"id":8378,"date":"2022-08-20T08:36:51","date_gmt":"2022-08-20T07:36:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8378"},"modified":"2023-03-20T08:45:47","modified_gmt":"2023-03-20T07:45:47","slug":"silla-innsbrucker-festwochen-der-alten-musik-2022","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8378","title":{"rendered":"Silla &#8211; Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2022"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Carl Heinrich Graun (1703-1759), Dramma per musica in 3 Akten, Libretto von Friedrich II., geschrieben in franz\u00f6sischer Sprache, in italienische Verse \u00fcbertragen von Giovanni Pietro Tagliazucchi, aufgef\u00fchrt in italienischer Sprache nach der Praktischen Urtext-Ausgabe von Roland Steinfeld, UA: Berlin, k\u00f6nigliches Opernhaus, 27. M\u00e4rz 1753<\/p>\n<p>Regie: Georg Quander, B\u00fchne und Kost\u00fcme: Julia Dietrich, Coro Maghini (Einstudierung: Claudio Chiavazza)<\/p>\n<p>Dirigent: Alessandro De Marchi, Innsbrucker Festwochenorchester<\/p>\n<p>Solisten: Bejun Mehta (Silla, Diktator), Valer Sabadus (Metello, Ratsherr), Hagen Matzeit (Lentulo,Ratsherr), Samuel Mari\u00f1o (Postumio, Ratsherr), Eleonora Bellocci (Ottavia, versprochene Braut des Postumio), Roberta Invernizzi (Fulvia, Mutter der Ottavia), Mert S\u00fcng\u00fc (Crisogono, Freigelassener)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 9. August 2022 (Tiroler Landestheater, Gro\u00dfes Haus)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Insbruck-Silla.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8379\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Insbruck-Silla.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Insbruck-Silla.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Insbruck-Silla-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Innsbruck, die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt \u00d6sterreichs, ist Einstiegspunkt zum Brenner an der Inntalautobahn, die Tiroler K\u00fcche ist \u00fcberall empfehlenswert und bezahlbar. Seit 2010 ist Alessandro De Marchi Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, von 1997 bis 2009 war Ren\u00e9 Jacobs der Leiter. Ab 2023 wird die bisherige Betriebsdirektorin Eva-Maria Sens die Nachfolge antreten. Die musikalische Leitung wird jedes Jahr wechseln. Das betrifft auch die Jurorent\u00e4tigkeit f\u00fcr den Internationalen Cesti-Gesangswettbewerb f\u00fcr Barockoper. Dieser Wettbewerb f\u00f6rdert den dringend ben\u00f6tigten Nachwuchs an Barockstimmen \u2013 schon um den Eigenbedarf decken zu k\u00f6nnen: Einer der Preise ist ein Auftritt im n\u00e4chsten Jahr in Innsbruck.<\/p>\n<p>Normalerweise finden die Opernproduktionen im Landestheater statt \u2013 ein historisierender Prachtbau direkt gegen\u00fcber der Hofburg. Viele Vorstellungen finden im benachbarten \u201eHaus der Musik\u201c statt. In diesem Kultur-Komplex sind die beiden S\u00e4le der gro\u00dfe Wurf. Im \u201eGro\u00dfen Saal\u201c, einem holzvert\u00e4felten Schuh-Karton, ist die Akustik ein gro\u00dfer Wurf. Das Orchesterpodium kann entfernt werden, um eine eingeschr\u00e4nkte Spielfl\u00e4che zu schaffen, die fast ohne B\u00fchnentechnik, daf\u00fcr aber mit Beleuchtung, die Anforderungen zumindest erf\u00fcllen mag. Das gro\u00dfe gl\u00e4serne Panoramafenster kann mit Kulissen verdeckt werden, so sieht man die gro\u00dfen Buchen davor nicht mehr. Der \u201eKammermusiksaal\u201c ist \u00e4hnlich aufgebaut, ist aber etwas kleiner. F\u00fcr die Pausen ist eine Gastronomie im Geb\u00e4ude. Das Restaurant &#8222;Das Brahms&#8220; orientiert sich nicht immer an den Spielzeiten, die K\u00fcche ist aber ausgezeichnet. Ein Zeichen von Normalit\u00e4t: Tu felix Austria\u2026..<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Der r\u00f6mische Diktator Sulla (hier Silla genannt) ist zum Dank f\u00fcr die Beendigung des r\u00f6mischen B\u00fcrgerkrieges zum Diktator auf Lebenszeit mit unbeschr\u00e4nkter Macht ernannt worden. Als Anerkennung soll er einen Triumphzug erhalten &#8211; und Ottavia als Gattin. Diese ist jedoch dem Postumio versprochen, der von dem Diktator mit gez\u00fccktem Dolch ihre Herausgabe fordert. Er wird verhaftet und mit dem Tode bedroht. Der Diktator Sulla erkennt den Mi\u00dfbrauch seiner Macht und da das r\u00f6mische Imperium nach innen und au\u00dfen befriedet ist, legt er die Macht wieder in die H\u00e4nde des r\u00f6mischen Senats.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung, S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das Regie-Team um Georg Quander verzichtet auf eine offene Modernisierung des St\u00fcckes und bel\u00e4\u00dft es in seiner Zeit, ohne dabei einen historisierenden Ansatz zu w\u00e4hlen. So wirken die opulenten Kost\u00fcme, f\u00fcr die Julia Dietrich verantwortlich zeichnet, einerseits nicht wirklich antik, andererseits aber auch nicht barock, sondern stellen einen heutigen modischen Blick auf die Antike dar.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr die B\u00fchnenbilder. Das Haus der Fulvia und Ottavia mutet mit seinen farbigen W\u00e4nden wie eine r\u00f6mische Villa an, samt klassischer Marmor-Statue in zentraler Position. Der Palast des Sulla erinnert mit dem detaillierten B\u00fchnenprospekt eher an barocke Moden. Zwei geschwungene Treppen, die einen Thron einrahmen, fangen in der Marmor-Optik mit den dahinter auf einem weiteren gro\u00dfartigen Prospekt abgebildeten antiken \u00dcberresten, einen Hauch vom Forum Romanum ein. Nur der Chor, der das Volk verk\u00f6rpert, scheint aus einer modernen Zeit zu stammen und bewegt sich wie eine Art Museumsbesucher durch die B\u00fchnenbilder. Im dritten Akt steht dann eine riesige B\u00fcste des Diktators auf der B\u00fchne. Bei ihr sucht Silla in seinem gro\u00dfen Monolog des dritten Aktes gewisserma\u00dfen Rat, wie er sich jetzt verhalten soll, und beh\u00e4ngt sie mit seinem roten Umhang, wenn er die Entscheidung getroffen hat, die Macht abzugeben. Ottavia ist es schlie\u00dflich, die sich diesen Umhang nimmt. Gemeinsam mit Postumio leitet sie so gewisserma\u00dfen eine neue Zeit ein. Crisogono wirkt mit seinen langen wei\u00dfen Haaren wie eine Art b\u00f6ser Zauberer, der Sillas Sinne verwirrt und damit der eigentliche B\u00f6sewicht der Oper ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese eindrucksvolle Musik ist in Innsbruck ein herausragendes Ensemble zusammengestellt worden. Allein vier Counterten\u00f6re stellen unter Beweis, wie vielf\u00e4ltig die Schattierungen in diesem Genre mittlerweile sind. Da ist zun\u00e4chst Bejun Mehta in der Titelpartie zu nennen, der zwischen sehr weichen hohen T\u00f6nen und einer dramatischen Sch\u00e4rfe zu chargieren wei\u00df. So zeichnet er den Diktator in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Man nimmt ihm den verliebten Mann genauso ab wie den gnadenlosen Tyrannen, der um jeden Preis seine W\u00fcnsche durchsetzen will. Gro\u00dfartig interpretiert er den Monolog im dritten Akt <em>Ah Metello ha ragion &#8211; Ach Metello hat recht<\/em>, wenn er vor dem bevorstehenden Triumph auf dem Forum eine Entscheidung treffen mu\u00df. Valer Sabadus verf\u00fcgt als Metello \u00fcber h\u00f6chste T\u00f6ne (man k\u00f6nnte ihn auch als Sopranisten bezeichnen) und begeistert mit halsbrecherischen Koloraturen in gro\u00dfer Beweglichkeit. Ihm nimmt man den treuen Gefolgsmann wunderbar ab. Hagen Matzeit gestaltet den erfahrenen Lentulo als altgedienten Countertenor mit einer butterweich leuchtenden Mittellage, der \u00fcber eine gewisse Weisheit verf\u00fcgt. Samuel Mari\u00f1o gl\u00e4nzt als jugendlicher Liebhaber Postumio mit nahezu engelsgleichen H\u00f6hen, die eine schier unglaubliche Klarheit besitzen, aber auch den ungest\u00fcmen Charakter der Figur unterstreichen.<\/p>\n<p>Doch auch die \u00fcbrigen Partien k\u00f6nnen problemlos mit diesem hohen Niveau mithalten. Eleonora Bellocci begeistert als k\u00e4mpferische Ottavia mit flexiblen Koloraturen und enormer Strahlkraft in den H\u00f6hen. Im Zusammenspiel mit Mari\u00f1o zeigt ihr jugendlicher lyrischer Koloratursopran eine Innigkeit, die die Liebe zwischen diesen beiden Figuren sp\u00fcrbar macht, w\u00e4hrend sie Silla gegen\u00fcber sehr widerspenstige T\u00f6ne anschl\u00e4gt und sich von seiner Macht nicht einsch\u00fcchtern l\u00e4\u00dft. Ein weiterer H\u00f6hepunkt ist ihre gro\u00dfe Arie <em>Parmi&#8230;ah no!&#8230;purtroppo oh Dio! &#8211; Es scheint&#8230;ach nein&#8230;oh Gott!<\/em>, in der Ottavia eine Vision des sterbenden Postumio hat. W\u00e4hrend das B\u00fchnenbild in rotes Licht getaucht wird, punktet Bellocci mit dramatischer Interpretation. Roberta Invernizzi legt die Partie ihrer Mutter Fulvia recht taktierend an. Fulvia hat durch den Verlust ihres Gatten am eigenen Leib zu sp\u00fcren bekommen, was es bedeutet, sich Silla zu widersetzen. Mit beweglichem Sopran versucht sie, st\u00e4ndig zwischen dem Diktator und ihrer Tochter zu vermitteln. Mert S\u00fcng\u00fc gestaltet den B\u00f6sewicht Crisogono mit diabolischem Spiel und kraftvollem Tenor, der in den tenoralen H\u00f6hen von der sch\u00f6nen baritonalen Mittellage manchmal nur gepre\u00dft ankommt.<\/p>\n<p>Leicht gesagt \u2013 leicht gemacht dank der befeuernden Leitung von Alessandro de Marchi und seines freudvoll farbigen spannungsgeladenen Festwochenorchesters. So kann sich das Innsbrucker Festival \u00fcber einen weiteren Ausgrabungshit freuen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Vier Stunden Barock-Oper k\u00f6nnen opulent und bildgewaltig sein. Vielleicht auch etwas zu statisch. Die Inszenierung und die musikalische Umsetzung &#8211; eigentlich ein Gipfeltreffen von vier herausragenden Counterten\u00f6ren &#8211; erlauben keinerlei Anla\u00df zur Kritik, sondern wecken den Wunsch, mehr von diesem heute weithin unbekannten Komponisten zu h\u00f6ren, schon die Hofkomponisten um Friedrich den Gro\u00dfen verdienen mehr Beachtung. Zwei weitere Vorstellungen dieser Produktion finden am 7. und 9. April 2023 bei dem Kooperationspartner <em>Osterfestspiele Schlo\u00df Rheinsberg<\/em> statt. Dort lebte Friedrich bis zu seiner Thronbesteigung. Das von ihm verfa\u00dfte Libretto weist auf die interessante Parallele zwischen Lucius Cornelius Sulla und seinem Verst\u00e4ndnis seiner eigenen Rolle als &#8222;erster Diener des Staates&#8220; hin: In Krisenzeiten ist alles erlaubt, sobald man jedoch seine Vorteile dem Gesamtwohl vorzieht, mu\u00df man zur\u00fcckstehen. Das erfreute Publikum in Innsbruck dankt der beeindruckenden Produktion lange und lautstark.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Birgit Gufler<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Bejun Mehta (Silla),\u00a0 Eleonora Bellocci (Ottavia)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Carl Heinrich Graun (1703-1759), Dramma per musica in 3 Akten, Libretto von Friedrich II., geschrieben in franz\u00f6sischer Sprache, in italienische Verse \u00fcbertragen von Giovanni Pietro Tagliazucchi, aufgef\u00fchrt in italienischer Sprache nach der Praktischen Urtext-Ausgabe von Roland Steinfeld, UA: Berlin,<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8378\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8379,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[266,116],"tags":[],"class_list":["post-8378","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innsbrucker-festwochen-der-alten-musik","category-musikfestivals"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8378"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8380,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8378\/revisions\/8380"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8379"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}