{"id":8353,"date":"2022-10-14T09:40:25","date_gmt":"2022-10-14T08:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8353"},"modified":"2022-10-14T09:40:25","modified_gmt":"2022-10-14T08:40:25","slug":"der-ring-des-nibelungen-berlin-staatsoper-unter-den-linden-abschlussbericht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8353","title":{"rendered":"Der Ring des Nibelungen &#8211; Berlin, Staatsoper unter den Linden, Abschlu\u00dfbericht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>von Richard Wagner (1813-1883), B\u00fchnenfestspiel in drei Tagen und einem Vorabend, Libretto: R. Wagner, UA: 1876 Bayreuth, Festspielhaus<\/p>\n<p>Regie\/B\u00fchne: Dmitri Tcherniakov, Kost\u00fcme: Elena Zaytseva, Licht: Gleb Filshtinsky, Video: Alexey Poluboyarinov, Dramaturgie: Tatiana Werestchagina und Christoph Lang<\/p>\n<p>Dirigent: Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor Berlin, Einstudierung: Martin Wright<\/p>\n<p>Solisten: Michael Volle (Wotan; Wanderer), Anja Kampe (Br\u00fcnnhilde), Andreas Schager (Siegfried), Robert Watson (Siegmund), Lauri Vasar (Donner; Gunther), Johannes Martin Kr\u00e4nzle (Alberich), Mika Kares (Fasolt; Hunding; Hagen), Mandy Fredrich (Gutrune), Violeta Urmana (Waltraute in G\u00f6tterd\u00e4mmerung), Nora Beinart (erste Norn), Kristina Stanek (zweite Norn), Anna Samuil (dritte Norn), Evelin Novak (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde), Anna Lapkovskaja (Flo\u00dfhilde), Victoria Randem (Waldvogel), Vida Miknevi\u010di\u016bt\u0117 (Sieglinde; Freia), Claudia Mahnke (Fricka), Peter Rose (Fafner), Anna Kissjudit (Erda), Siyabonga Maqungo (Froh), Rolando Villaz\u00f3n (Loge), Stephan R\u00fcgamer (Mime) u.v.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrungen: 2., 3., 6. und 9. Oktober 2022 (Premieren)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-Abschluss-Rheingold-Frika-Wotan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8354\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-Abschluss-Rheingold-Frika-Wotan.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-Abschluss-Rheingold-Frika-Wotan.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-Abschluss-Rheingold-Frika-Wotan-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Inszenierung<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit geh\u00f6rt Wagners <em>Ring des Nibelungen<\/em> zu den am h\u00e4ufigsten neu inszenierten Werken. Erst im vorigen Jahr wurde ein neuer vollst\u00e4ndiger Ring in der Inszenierung Stefan Herheims an der Deutschen Oper Berlin Premiere (wir berichteten dar\u00fcber in OPERAPOINT 2021, 4, 39\u201343) und mit der Inszenierung des russischen Teams um <strong>Dmitri Tcherniakov<\/strong> hat somit das zweite gro\u00dfe Haus in der Hauptstadt eine neue Ring-Inszenierung bekommen, die die alte von Guy Cassiers abl\u00f6st (s. OPERAPOINT 2022, 3, 27 f.). Der Fairne\u00df halber ist einleitend anzuf\u00fcgen, da\u00df der Dirigent der Premieren, die alle innerhalb einer Woche stattfanden, <strong>Christian Thielemann<\/strong> sehr kurzfristig, nur wenige Tage vor den Generalproben, f\u00fcr den erkrankten GMD der Staatsoper Berlin <strong>Daniel Barenboim<\/strong> eingesprungen ist. Auch bei den S\u00e4ngerinnen der kleineren Rollen kam es zu ein paar kurzfristigen Besetzungs\u00e4nderungen. Da\u00df dieses Vorhaben, vier schwere Werke, in denen dieselben S\u00e4nger auftreten, innerhalb kurzer Zeit und bei regul\u00e4r laufendem Spielbetrieb Premiere haben zu lassen ausgesprochen k\u00fchn ist, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p>Tcherniakovs Produktion verpflanzt die mythologische Handlung des <em>Rings<\/em> in eine andere Zeit und eine andere Umgebung und h\u00e4lt sich nur recht lose an die Wagnersche Vorlage, was Schaupl\u00e4tze und Requisiten angeht. Wotans Speer ist nur einmal zu sehen und wird nicht von Siegfried zerschlagen, Nothung taucht nur sehr gelegentlich auf und selbst der Ring des Nibelungen ist nur sehr selten zu sehen. Etliche Unklarheiten der Handlung bleiben auch nach vier Abenden bestehen, und es gibt jede Menge ironischer Kommentare (s. Einzelrezensionen). Das alles kann man ablehnen, und tats\u00e4chlich empfand ein Teil des Publikums die Inszenierung auch als visuell monoton, humorlos und uninspiriert.<\/p>\n<p>Dennoch soll im folgenden der Versuch gemacht werden, einen \u00dcberblick \u00fcber die gesamte Produktion mitsamt ihrer Schw\u00e4chen und St\u00e4rken \u2013 denn auch solche hat sie \u2013 zu geben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zur Handlung, oder vielmehr: zu den Versatzst\u00fccken der Handlung. Es wird \u2013 wie in Wagners Vorlage \u2013 ein gro\u00dfer zeitlicher Bogen von etwa einem halben Jahrhundert gespannt. Wir befinden uns in einem obskuren Institut mit der Abk\u00fcrzung E.S.C.H.E., die f\u00fcr \u201eExperimental Scientific Center for Human Evolution\u201c steht. Hier werden also Experimente mit Menschen durchgef\u00fchrt. Doch handelt es sich weniger um Studien zur Evolution, sondern um Versuche zum menschlichen Verhalten. Es gibt Schlaf- und Stre\u00dflabor, psychologische Tests mit Probanden, eine geschlossene Abteilung in der Fafner einsitzt und anderes. Die Probanden oder Insassen dieser Anstalt sind allesamt verhaltensauff\u00e4llig: Fafner ist ein Kannibale und M\u00f6rder, Siegfried ist gewaltt\u00e4tig und impulsgesteuert, der Alberich (oder die beiden Alberiche?) im Rheingold ebenfalls, Br\u00fcnnhilde in der G\u00f6tterd\u00e4mmerung augenscheinlich depressiv und auch innerhalb der Verwaltung und im Personal gibt es merkw\u00fcrdige Charaktere wie den hyperaktiven Loge, die empathielosen Nornen oder den angst- und ha\u00dferf\u00fcllten Mime. Wie man sieht, sind diese Figuren zwar nicht identisch mit Wagners und doch stark von ihnen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das Institut ist der in sich abgeschlossene Kosmos, in dem sich bis auf das leere Schlu\u00dfbild, in dem Br\u00fcnnhilde den Vorhang zuzieht, die gesamte Handlung abspielt. Sein Grundri\u00df wird auf den Vorhang projiziert und die Figuren laufen wieder und wieder durch die verschiedenen R\u00e4ume, S\u00e4le und Hallen, die eng, farblich eint\u00f6nig und klaustrophobisch sind. Wie so h\u00e4ufig bei Wagnerinszenierungen ist das B\u00fchnenbild sehr dunkel und die nackte Szene, die ebenfalls schon ein feststehendes, etwas abgenutztes Stilmittel im modernen Regietheater geworden ist, ist ebenfalls in drei von vier Dramen dieser Produktion zu sehen. So gesehen ist sie f\u00fcr eine heutige Wagnerproduktion typisch. Untypisch ist das Fehlen des B\u00fchnennebels, der seit der Urauff\u00fchrung 1876 zu einem Charakteristikum wenn nicht sogar Markenzeichen der meisten Wagnerinszenierungen geworden ist. Der Nebel schafft weiche Konturen und l\u00e4\u00dft der Phantasie der Zuschauer einen gewissen Spielraum. Er kann auch, wie Nietzsche schon kritisierte, Unklarheiten zudecken. Hier war das B\u00fchnenbild hingegen hart und klar. Und dennoch gab es jede Menge Spielraum zum Ausdeuten.<\/p>\n<p>Das liegt an der, wie bereits erw\u00e4hnt, segmentierter Handlung, die in Versatzst\u00fccken aufgebaut ist. D.h. man kann als Zuschauer, wenn man denn will, etliche lose Episoden selber zu einem Handlungsfaden zusammenf\u00fcgen. Da w\u00e4re beispielsweise die Frage, ob Hagen von der gequ\u00e4lten Versuchsperson oder dem b\u00f6sen Vorarbeiter im Rheingold abstammt, der seinen Ha\u00df auf die Institutsleitung an seinen Sohn vererbt. Oder ob der Siegfried der G\u00f6tterd\u00e4mmerung identisch mit dem Kind ist, das in Siegfried mehr oder weniger unter Beobachtung Wotans im Institut aufw\u00e4chst. Einige dieser Handlungsfragmente lassen durchaus interessante Kombinationen zu, die ihrerseits die Wagner\u2019sche Vorlage kommentieren.<\/p>\n<p>Die Figuren in dieser Inszenierung verhalten sich durchweg wie ganz normale Menschen. Es wird zur Arbeit gegangen, gegessen, getrunken und viel geraucht. Nun ist die \u201e\u00dcbersetzung\u201c eines erhabenen mythischen oder heroischen Stoffes in den banalen Alltag schon seit jeher ein zentrales Mittel der Parodie gewesen; man denke hier etwa an Jacques Offenbachs Version des antiken Orpheusmythos (s. die vorige Nummer von OPERAPOINT). Doch Tcherniakovs Version des <em>Ring<\/em>s ist keine Parodie von Wagners Werk. Ganz im Gegenteil: Trotz der humoristischen Momente, in denen die Geb\u00e4rden der Figuren das Gesagte konterkarieren oder unterlaufen, bricht diese Interpretation die Charaktere nicht und erz\u00e4hlt eine sehr ernste, oft d\u00fcstere Handlung. Dies geschieht wie gesagt vor allem durch die (Inter-)Aktionen der Darsteller. Die Personenregie ist in den einzelnen Szenen schl\u00fcssig und nachvollziehbar, und sie verleiht der kraftvollen Musik des Orchesters Glaubw\u00fcrdigkeit, da vieles von dem, was gesungen wird, nicht gezeigt wird, kurz: Sie f\u00fchrt dazu, da\u00df die Musik nicht illustrierend, sondern psychologisierend wirkt, da\u00df sie das, wor\u00fcber gesungen und was nicht zu sehen ist, sinnf\u00e4llig macht. Die Regie macht sich also nicht \u00fcber die Musik lustig, sondern weist ihr eine zentrale dramaturgische Funktion zu. Ein solches Verfahren verlangt nat\u00fcrlich eminent gute Schauspieler, von denen diese Inszenierung einige zu bieten hatte.<\/p>\n<p>Wer spektakul\u00e4re Bilder sehen wollte, wurde entt\u00e4uscht, und das restlos. Zwar befindet sich ein Videospezialist im Regieteam, doch werden Videos, entgegen modernen Gepflogenheiten, nur \u00fcberaus sparsam eingesetzt. Sie beschr\u00e4nken sich im wesentlichen auf kurze Einspielfilme zu Beginn von <em>Rheingold, Walk\u00fcre<\/em> und <em>Siegfried<\/em>. Es gibt keine Animationen im Hintergrund, keine G\u00f6tterburg mit Regenbogen, keinen Feuerzauber, keine Verwandlung in Riesenwurm und Kr\u00f6te, keinen Wald mit Vogel und die Walk\u00fcren sitzen ruhig im Halbkreis im H\u00f6rsaal w\u00e4hrend sie \u00fcber ihre Pferde und die gefallenen Helden scherzen. Grane ist ein Kuscheltier, das der infantile Siegfried mit zur Arbeit nimmt. In dieser Hinsicht hat die Inszenierung nichts zu bieten. Was sie hingegen schafft, jedenfalls f\u00fcr einen Teil des Publikums, sind ergreifende und ersch\u00fctternde Momente menschlicher Kommunikation und Grausamkeit. Es geht dabei weniger darum, gro\u00dfe moralische Fragen oder eine geschlossene Botschaft zu formulieren und sie dem Werk \u00fcberzust\u00fclpen, sondern eher um die episodische Darstellung spannungsgeladener Auseinandersetzungen, Begegnungen und Widerspr\u00fcche zwischen den Figuren, wobei das Ganze in einem gro\u00dfen epischen Rahmen eingespannt wird. Der Inszenierung haftet nichts Tagespolitisches oder vordergr\u00fcndig Gesellschaftskritisches an, wie in vielen anderen zeitgen\u00f6ssischen Produktionen. Die Kost\u00fcme und Symbole, der sie sich bedient, tragen zwar zu Beginn russisches oder (post-)sowjetisches Gepr\u00e4ge, die gezeigten Handlungen sind aber ohne weiteres verallgemeinerbar.<\/p>\n<p>Damit soll nicht gesagt sein, da\u00df die Personenregie sich von \u00fcberkommenen Klischees und Stereotypen g\u00e4nzlich freihalten zu vermag oder alles rundum gelungen sei. Es gibt, mitunter recht vorhersehbar, viel m\u00e4nnliche Gewalt und weibliches Erdulden m\u00e4nnlicher Gewalt. Es gibt Momente gr\u00f6\u00dfter psychologischer Intensit\u00e4t, etwa am Ende des ersten und Beginn des zweiten Aufzugs von <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em>. Und es gibt recht nichtssagende lange Strecken wie die Todesverk\u00fcndigung in der Walk\u00fcre oder die letzte Szene von Siegfried. Was die Inszenierung aber konsequent vermeidet, ist die Entw\u00fcrdigung der Figuren. Anz\u00fcglichkeiten und den S\u00e4ngern unangenehme Aktionen werden vermieden. Was bleibt, ist der Eindruck von Nat\u00fcrlichkeit im darstellerischen Spiel und von einer durch unsichtbare Zw\u00e4nge zusammengehaltenen, dystopischen Welt, einer Welt, die derjenigen gleicht, die Wagner schildert.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Bevor die musikalischen Leistungen um Zusammenhang gew\u00fcrdigt werden, ist noch auf ein nicht unerhebliches Detail der Besetzung hinzuweisen. Christian Thielemanns Einsatz bei der Premiere wurde w\u00e4hrend der Auff\u00fchrungen ausf\u00fchrlich diskutiert. Wie bekannt, hat er derzeit kein festes Engagement an einem Haus. Bei der Premierenfeier berichtete Thielemann selbst von einem Anruf Daniel Barenboims, der ihn gebeten habe, kurzfristig f\u00fcr ihn zu \u00fcbernehmen. Bislang hat er aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden noch nicht mit der Staatskapelle Berlin zusammengearbeitet, obwohl er an namhaften Orchestern in der ganzen Republik engagiert war und auch oft bei den Bayreuther Gastspielen dirigiert hat. Er gilt als einer der f\u00fchrenden Wagnerspezialisten und hat bis auf die ersten drei fr\u00fchen Opern s\u00e4mtliche Dramen und Opern Wagners in seinem Repertoire. Viele im Publikum wie auch viele Rezensenten sehen ihn als einen aussichtsreichen Kandidaten f\u00fcr die Nachfolge Daniel Barenboims, und angesichts seines Alters \u2013 im November wird Barenboim 80 Jahre alt \u2013, d\u00fcrfte sich die Frage der Nachfolge auch in absehbarer Zeit stellen. Damit w\u00fcrde eine ein Vierteljahrhundert w\u00e4hrende \u00c4ra zu Ende gehen. Dieser kulturpolitische Hintergrund trug zu einem nicht geringen Teil zu der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Premierenspannung dieser vier Abende bei und das Publikum scheint seine Entscheidung bereits gef\u00e4llt zu haben: F\u00fcr den Dirigenten \u2013 wohl auch stellvertretend f\u00fcr die hervorragende Staatskapelle Berlin \u2013 gab es vom Rheingold angefangen stehende Ovationen. Betrachten wir nun summarisch die S\u00e4nger dieser Inszenierung. Unter ihnen sind, wie erw\u00e4hnt, hervorragende Darsteller. An erster Stelle sind hier <strong>Michael Volle<\/strong> (Wotan; Wanderer), <strong>Vida Miknevi\u010di\u016bt\u0117<\/strong> (Sieglinde; Freia) und <strong>Johannes Martin Kr\u00e4nzle<\/strong> (Alberich) zu nennen. Ihre Beweglichkeit, Wandlungsf\u00e4higkeit und mimische Eindringlichkeit ist au\u00dfergew\u00f6hnlich. Sehr gute Musiker sind sie au\u00dferdem. Ihre musikalisch-darstellerischen Doppelbegabungen machen sie zu idealen Besetzungen von Wagners Rollen, der sich f\u00fcr seinen <em>Ring<\/em> Schauspieler, die singen k\u00f6nnen, w\u00fcnschte. Die neben Wotans Partie umfangreichsten Parts haben <strong>Anja Kampe<\/strong> (Br\u00fcnnhilde) und <strong>Andreas Schager<\/strong> (Siegfried) zu singen. Schager gewann mit seiner unverw\u00fcstlichen Stimme das Publikum f\u00fcr sich. Sein Spiel ist nicht sehr abwechslungsreich, aber daf\u00fcr sehr konsequent durchgehalten. D.h. sein Siegfried ist recht eindimensional und durchlebt bis auf sein Ende keine nennenswerten Entwicklungen. Anja Kampe hatte mit stimmlichen Problemen zu k\u00e4mpfen. Ihr hohes Register ist nicht allzu ausgeglichen. Viele kr\u00e4ftige Spitzent\u00f6ne waren prek\u00e4r, vor allem im letzten Aufzug von Siegfried. Etliche S\u00e4nger traten in dieser Produktion in mehreren Partien auf, <strong>Mika Kares<\/strong> sogar in drei Rollen (Fasolt; Hunding; Hagen), die er gesanglich und darstellerisch souver\u00e4n bew\u00e4ltigte und voneinander absetzte. Seine in sich ruhende Erscheinung auf der B\u00fchne sowie seine mimisch und sprecherisch sehr deutliche und musikalisch makellose Darbietung aller Partien wurden vom Publikum gefeiert. Nicht alle S\u00e4nger sind jedoch musikalisch derart herausragend. <strong>Robert Watson<\/strong> (Siegmund) und <strong>Lauri Vasar<\/strong> (Donner; Gunther) spielten ihre Rollen zwar mehr als passabel, haben aber nicht das stimmliche Material, um gegen das gro\u00dfbesetzte Ring-Orchester bestehen zu k\u00f6nnen. Geteilt waren die Meinungen \u00fcber <strong>Rolando Villaz\u00f3ns<\/strong> Leistung als Loge, dessen Stimme ihre Strahlkraft eingeb\u00fc\u00dft hat. Was bei ihm und fast allen anderen S\u00e4ngern hingegen positiv auffiel, war die gute Textaussprache und die Arbeit mit den W\u00f6rtern des Gesangstextes. Man verstand nicht nur den Text der tiefen, sondern auch den er hohen Stimmen sehr gut. Da\u00df es, etwa im letzten Aufzug der Walk\u00fcre, mitunter zu Aussetzern und Varianten kam, sei den S\u00e4ngern, die wie Volle oder Kampe eine riesige Masse an Text zu memorieren und innerhalb weniger Tage wiederzugeben haben, nachgesehen. Volles Text- und Stimmbehandlung bildet im \u00fcbrigen eine Klasse f\u00fcr sich. Er nuancierte seinen Vortrag \u00fcber Stimmklang und -volumen st\u00e4ndig, was ihm einen recht sprechnahen Ausdruck verleiht, und es gab trotz seines langen Parts nirgendwo Anzeichen von Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Vom Publikum gefeiert wurden neben einzelnen S\u00e4ngern aber an jedem Abend die Staatskapelle Berlin und ihr Dirigent, und das vollkommen zu Recht. Zwar ist unklar, auf wieviel Vorarbeit Thielemann aufbauen konnte, als er das Dirigat \u00fcbernahm \u2013 es d\u00fcrfte schon ein wesentlicher Teil dessen gewesen sein, was an diesen vier Abenden gut gelang \u2013, doch setzte er unverkennbar seine individuelle Note in Gestalt der gro\u00dfen Kontraste in der Lautst\u00e4rke und des gedehnten Tempos. Das Zusammenspiel mit den S\u00e4ngern funktionierte meistens, auch wenn seine Tempowahl \u2013 in der letzten Szene von Siegfried etwa \u2013 den S\u00e4ngern phasenweise M\u00fche bereitete.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Wohl selten war w\u00e4hrend einer Auff\u00fchrung des <em>Rings<\/em> so viel Gel\u00e4chter im Publikum zu h\u00f6ren, das sich aber weder gegen das Werk noch die Inszenierung richtete. In diesem Punkt wie auch hinsichtlich der packenden Personenregie bewies das Regieteam das richtige Gesp\u00fcr f\u00fcr Timing und Aktion. Da\u00df die Geschichte, die erz\u00e4hlt wird, nicht restlos schl\u00fcssig und das Ambiente, eine Menschenversuchsanstalt, visuell karg und dystopisch ist, wird etliche Zuschauer sicherlich st\u00f6ren. Es gibt keine sch\u00f6nen oder gar erhabenen Bilder. Wem die Idee mi\u00dff\u00e4llt, die Charaktere in Wagners Hauptwerk als psychologische Testobjekte mit handfesten Problemen und Traumata darzustellen, sollte von einem Besuch der Staatsoper absehen. Wer dar\u00fcber hinwegsehen kann, bekommt eine musikalisch starke und darstellerisch herausragende Interpretation des <em>Rings <\/em>geboten, die im wesentlichen funktioniert, weil die Musik diejenigen Leerstellen ausf\u00fcllt, die die nicht stattfindenden Aktionen und ausbleibenden szenischen Effekte entstehen lassen. Die Frage ist jedoch, ob sie das auch t\u00e4te, wenn die Qualit\u00e4t der musikalischen Darbietung nur ein wenig schlechter w\u00e4re.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Monika Rittershaus<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: <em>Das Rheingold<\/em>: Claudia Mahnke (Fricka), Michael Volle (Wotan)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; von Richard Wagner (1813-1883), B\u00fchnenfestspiel in drei Tagen und einem Vorabend, Libretto: R. 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