{"id":8333,"date":"2022-10-03T14:27:20","date_gmt":"2022-10-03T13:27:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8333"},"modified":"2022-11-14T11:29:08","modified_gmt":"2022-11-14T10:29:08","slug":"das-rheingold-berlin-staatsoper-unter-den-linden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8333","title":{"rendered":"Das Rheingold &#8211; Berlin, Staatsoper Unter den Linden"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner (1813-1883), Vorabend in vier Szenen zu dem B\u00fchnenfestspiel <em>Der Ring des Nibelungen<\/em>, Libretto: Richard Wagner<\/p>\n<p>UA: 22. September 1869 M\u00fcnchen, K\u00f6nigliches Hof- und Nationaltheater<\/p>\n<p>Regie, B\u00fchnenbild: Dmitri Tcherniakov, Kost\u00fcme: Elena Zaytseva, Licht: Gleb Filshtinsky, Video: Alexey Poluboyarinov, Dramaturgie: Tatiana Werestchagina und Christoph Lang<\/p>\n<p>Dirigent: Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin<\/p>\n<p>Solisten: Johannes Martin Kr\u00e4nzle (Alberich), Michael Volle (Wotan), Claudia Mahnke (Fricka), Evelin Novak (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde), Anna Lapkovskaja (Flo\u00dfhilde), Lauri Vasar (Donner), Siyabonga Maqungo (Froh), Rolando Villaz\u00f3n (Loge), Stephan R\u00fcgamer (Mime), Mika Kares (Fasolt), Peter Rose (Fafner), Vida Miknevi\u010di\u016bt\u0117 (Freia), Anna Kissjudit (Erda)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 2. Oktober 2022 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8335\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"419\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257-300x193.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Wotan hat den Riesen Fasolt und Fafner die G\u00f6ttin Freia als Lohn f\u00fcr den Bau der G\u00f6tterburg versprochen. Da die G\u00f6tter jedoch von Freias \u00c4pfeln essen m\u00fcssen, um ihre ewige Jugend zu behalten, versucht er mit ihnen zu verhandeln. Dabei hilft ihm Loge, der berichtet, da\u00df der Nibelung Alberich aus dem Rheingold einen Ring geschmiedet habe, der ihm unerme\u00dfliche Macht verleiht, indem er die Liebe verflucht habe. Diese Macht nutze er nun, um sein Volk zu knechten, das ihm Sch\u00e4tze sch\u00fcrfen und schmieden m\u00fcsse. Die Riesen willigen ein, Freia gegen den Schatz des Nibelungen zu tauschen, und Loge und Wotan begeben sich nach Nibelheim, wo sie Zeuge von Alberichs Schreckensherrschaft werden, der ihnen seinen Plan enth\u00fcllt, sich mit dem Nibelungengold die Welt zu unterwerfen. Loge gelingt es durch eine List, Alberich zu fesseln. Gemeinsam mit Wotan zwingt er ihn, ihnen seinen Schatz, seinen Tarnhelm und den Ring auszuh\u00e4ndigen. Daf\u00fcr belegt Alberich den Ring mit einem Fluch, der seinem Tr\u00e4ger den Tod bringen soll. Die Riesen bestehen auf der \u00dcbergabe des gesamten Schatzes mit dem Ring, den Wotan nicht herzugeben bereit ist. Erst nachdem die G\u00f6ttin Erda ihn vor dem Ring warnt und das Ende der G\u00f6tter prophezeit, wird der Tausch vollzogen. Fafner erschl\u00e4gt seinen Bruder Fasolt, um an den Ring zu kommen, und die G\u00f6tter ziehen in ihre Burg ein, die von Wotan den Namen Walhall erh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das Ambiente und die Erz\u00e4hlung, die pr\u00e4sentiert werden, weichen erheblich von der Wagnerschen Vorlage ab. Wir befinden uns in einer Anstalt, in der mit Menschen- und Tierversuchen Verhaltensforschung betrieben wird. Kost\u00fcme und Architektur erinnern an die Sowjetunion der 1970er Jahre. Der Alberich der ersten Szene befindet sich in einem neuronalen Stre\u00dftest und wird von drei Wissenschaftlerinnen (?) verh\u00f6hnt. Das Experiment geht schief, und der Proband st\u00fcrmt aus dem Versuchslabor, nachdem er es gr\u00fcndlich verw\u00fcstet hat. Die G\u00f6tter treten als Verwaltung \u2013 oder Eigent\u00fcmer? \u2013 dieses Instituts auf, das am Ende mit ein paar Taschenspielertricks Donners und Frohs festlich eingeweiht wird. Zuvor begeben sich Wotan und Loge in die Katakomben des Geb\u00e4udes, wo ein mit einem Kn\u00fcppel bewaffneter und psychisch gest\u00f6rter technischer Leiter seine Untergebenen tyrannisiert. Es ist unklar, ob er mit der Versuchsperson vom Anfang des St\u00fcckes identisch sein soll. Sowohl Ring als auch Tarnhelm besitzen anscheinend nur f\u00fcr ihn magische F\u00e4higkeiten. Jedenfalls gehorchen die Nibelungen nicht seinem gebieterisch erhobenen Ring, sondern f\u00fcrchten schlicht seine Schl\u00e4ge. Das B\u00fchnenbild wird durch Verschiebung zumeist nach links seitw\u00e4rts, aber auch nach oben und unten ver\u00e4ndert. Man befindet sich st\u00e4ndig in geschlossenen R\u00e4umen \u2013 u.a. ein Vorlesungsaal, Wotans B\u00fcro, eine Werkstatt im Keller \u2013 und Korridoren. Es gibt keine offenen Landschaften oder freien Blicke. An der Wand des Repr\u00e4sentationssaales h\u00e4ngen Konterfeis von Wagner, Beethoven und Darwin (?). Neben den singenden Figuren gibt es etliche Komparsen, die Mitarbeiter und technisches Personal des Instituts darstellen.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Musikalisch blieben \u2013 im Gegensatz zur Inszenierung \u2013 an diesem Abend keine Fragen offen. Mit <strong>Christian Thielemann<\/strong> hat man einen anerkannten Experten f\u00fcr Wagners Musik verpflichtet, der die Staatskapelle Berlin souver\u00e4n leitete. Balance und Klang in den jeweiligen Registern des Orchesters waren perfektionistisch durchgestaltet. Starke Akzente wurden \u00fcberaus deutlich gesetzt und die dynamische Bandbreite war enorm. Was die S\u00e4nger angeht, richtete sich das Tempo weitestgehend nach ihren Bed\u00fcrfnissen. Generell hat Thielemann jedoch die Tendenz, an den Phrasenenden das Tempo, das er ohnehin gerne etwas breiter nimmt, noch etwas mehr zu retardieren. Punktuell schienen die S\u00e4nger des Mime und Alberich in ihren Sprechgesangspassagen hier nicht ganz mithalten zu k\u00f6nnen und kamen ins Schwimmen. Die eher breiten Tempi gestatten allerdings sowohl S\u00e4ngern als auch dem Orchester, das Farbspektrum der Wagnerschen Harmonien zum Leuchten zu bringen.<\/p>\n<p>Die s\u00e4ngerischen Leistungen waren an diesem Abend durch eine gegl\u00fcckte Kombination aus deutlicher Sprachbehandlung, die sich vor allem auf das Absprechen von Anfangs- und Schlu\u00dfkonsonanten konzentrierte, und langausgehaltenen T\u00f6nen gekennzeichnet. Dar\u00fcberhinaus hatten die Darsteller \u2013 wie es \u00fcbrigens auch zu Wagners Zeiten gemacht wurde \u2013 laut zu st\u00f6hnen, schreien oder die Stimme brechen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Johannes Martin Kr\u00e4nzle<\/strong> (Alberich) beherrscht diese Art des expressiven Sprechgesangs und war auch darstellerisch \u00fcberragend. Sein Spiel lie\u00df die innere Zerst\u00f6rtheit dieser Figur zum Vorschein kommen. <strong>Michael Volle<\/strong> (Wotan) hat einen reifen, klanglich abwechslungsreichen Heldenbariton und spielte seine Rolle recht beweglich.<strong> Claudia Mahnkes<\/strong> Stimme ist ein wenig scharf und pa\u00dfte damit gut zu ihrer Rolle als Fricka, die Wotans Selbstzufriedenheit in Frage stellt. Die Stimmen der drei Rheint\u00f6chter (<strong>Evelin Novak<\/strong> als Woglinde, <strong>Natalia Skrycka<\/strong> als Wellgunde und<strong> Anna Lapkovskaja<\/strong> als Flo\u00dfhilde) sind vom Timbre her sehr unterschiedlich, erg\u00e4nzten sich aber wunderbar in den Ensemblepassagen; sie schmolzen au\u00dferdem sich gut in den Orchesterklang ein. <strong>Lauri Vasar<\/strong> (Donner) wirkte darstellerisch ein wenig nerv\u00f6s und hat keine sonderlich vollt\u00f6nende Stimme, w\u00e4hrend<strong> Siyabonga Maqungo<\/strong> einen schauspielerisch und musikalisch ausgeglichenen, in sich ruhenden Froh gab. <strong>Stephan R\u00fcgamer<\/strong> (Mime) stand darstellerisch seinem psychotischen Bruder Alberich in nichts nach und sprach deutlich aus. Letzteres gilt auch f\u00fcr <strong>Peter Rose<\/strong> (Fafner), der allerdings von<strong> Mika Kares<\/strong> (Fasolt) in den Schatten gestellt wurde. Dieser verf\u00fcgt \u00fcber eine imponierende B\u00fchnenerscheinung und eine wirklich sonore Stimme. <strong>Anett Fritsch<\/strong> in der kurzen Partie der Freia, brachte die psychischen Qualen, die ihre Figur auszustehen hat, zum Ausdruck.<strong> Anna Kissjudit<\/strong> (Erda) erhebt als eine Mitarbeiterin (?) des Instituts w\u00e4hrend der abschlie\u00dfenden Sitzung ihre wohlklingende Stimme, hatte aber im \u00fcbrigen keinen sonderlich spektakul\u00e4ren Auftritt.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche bisher aufgez\u00e4hlte S\u00e4nger heimsten f\u00fcr ihre Leistungen wohlverdienten Applaus ein. Einzig an der wohl \u00fcberraschendsten Besetzung dieser Produktion, an<strong> Rolando Villaz\u00f3n<\/strong> als Loge, schieden sich die Geister. Das kann mehrere m\u00f6gliche Ursachen haben. Sowohl klanglich als auch von seiner K\u00f6rpersprache her sticht er aus dem Ensemble heraus, was dramaturgisch durchaus Sinn ergibt. Im Gegensatz zu den anderen Figuren taktiert er zum einen seine Partie, d.h. er gestikuliert lebhaft und stereotyp genau im Takt mit seinen Eins\u00e4tzen und Melodieverl\u00e4ufen und ger\u00e4t damit fast zu einer Karikatur eines Operntenors. Zum anderen klingt seine Stimme recht verschleiert. An seiner Aussprache, die bei dieser Sprechgesangspartie entscheidend ist, gibt es nichts auszusetzen, und rhythmisch sa\u00dfen seine Eins\u00e4tze, auch wenn er von allen S\u00e4ngern am st\u00e4rksten am Dirigenten hing und damit recht statisch nach vorn spielte. Auf die Buhrufe, die ihm nach dem Ende der Auff\u00fchrung galten, reagierte er mit trotzigem Humor.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Dies war der vielversprechende Auftakt eines h\u00f6chst ehrgeizigen Projekts: Innerhalb von nur einer Woche werden s\u00e4mtliche Teile der neuen <em>Ring<\/em>-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Premiere haben. Die musikalische Qualit\u00e4t war erstklassig wie die darstellerischen Leistungen gr\u00f6\u00dftenteils auch. Die Einheitlichkeit der Bilder und die lineare Erz\u00e4hlstruktur dieser Inszenierung lassen ein geschlossenes Regiekonzept erwarten, auch wenn, wie bemerkt, die Handlung sich bislang noch nicht l\u00fcckenlos in allen Einzelheiten erschlie\u00dft. Ob dieses Konzept \u00fcber die gesamte Tetralogie hinweg tragen wird und diese Unklarheiten wom\u00f6glich noch beseitigt werden, bleibt indessen abzuwarten.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Monika Rittershaus<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Peter Rose (Fafner), Mika Kares (Fasolt), Lauri Vasar (Donner), Rolando Villaz\u00f3n (Loge), Siyabonga Maqungo (Froh), Claudia Mahnke (Fricka), Michael Volle (Wotan)<a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8335\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"419\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Berlin-rheingold_B_257-300x193.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner (1813-1883), Vorabend in vier Szenen zu dem B\u00fchnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, Libretto: Richard Wagner UA: 22. 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