{"id":8267,"date":"2022-02-12T09:55:10","date_gmt":"2022-02-12T08:55:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8267"},"modified":"2022-02-13T10:04:14","modified_gmt":"2022-02-13T09:04:14","slug":"antikrist-deutsche-oper-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8267","title":{"rendered":"Antikrist &#8211; Deutsche Oper Berlin"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Rued Langgaard (1893\u20131952), Kirchenoper in zwei Akten und sechs Bildern, Libretto vom Komponisten, UA: 1999 Innsbruck<\/p>\n<p>Regie, Kost\u00fcme und B\u00fchnenbild: Ersan Mondtag, Kost\u00fcme: Annika Lu Hermann, Licht: Rainer Casper, Choreographie: Rob Fordeyn, Spielleitung (und szenische Darstellung Die gro\u00dfe Hure): Neil Barry Moss, Dramaturgie: Carolin M\u00fcller-Dohle und Lars Gebhardt<\/p>\n<p>Dirigent: Stephan Zilias, Orchester der Deutschen Oper Berlin<\/p>\n<p>Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin, Einstudierung: Jeremy Bines<\/p>\n<p>Solisten: Thomas Lehman (Luzifer; eine Stimme), Jonas Grundner-Culemann (Stimme Gottes), Valeriia Savinskaia (Das Echo der R\u00e4tselstimmung), Irene Roberts (die R\u00e4tselstimmung), Clemens Bieber (der Mund, der gro\u00dfe Worte spricht), Gina Perregrino (der Mi\u00dfmut), Regine Hangler (S\u00e4ngerin Die gro\u00dfe Hure), AJ Gleuckert (das Tier in Scharlach), Andrew Dickinson (die L\u00fcge), Jordan Shanahan (der Ha\u00df), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 11. Februar 2022<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_8268\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/DO-Belin-antikrist2_8370mhf_LehmanGrundner-Culemann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8268\" class=\"size-full wp-image-8268\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/DO-Belin-antikrist2_8370mhf_LehmanGrundner-Culemann.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"432\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/DO-Belin-antikrist2_8370mhf_LehmanGrundner-Culemann.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/DO-Belin-antikrist2_8370mhf_LehmanGrundner-Culemann-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8268\" class=\"wp-caption-text\"><\/p>\n<p><\/p><\/div>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Luzifer beschw\u00f6rt den Antichrist herauf, damit er sich den Menschen offenbaren soll. Die R\u00e4tselstimmung und ihr Echo bezeugen die Unsicherheit der Menschen, die vom Glauben abgefallen sind. Der Mund, der gro\u00dfe Worte spricht, erkl\u00e4rt den Egoismus zum Lebensziel, der Mi\u00dfmut zweifelt an jeglichem Lebenssinn. Die Dekadenz der Zeit verk\u00f6rpert sich in der gro\u00dfen Hure, der das Tier in Scharlach sekundiert. Sie verfechten beide einen r\u00fccksichtslos triebhaften Lebensstil. Die Welt f\u00e4llt in Anarchie, und die gro\u00dfe Hure und die L\u00fcge streiten dar\u00fcber, wer von ihnen m\u00e4chtiger sei. So wecken sie den Ha\u00df, dessen Erscheinen das J\u00fcngste Gericht einleitet. Luzifer erkl\u00e4rt Gott f\u00fcr tot und beginnt, die Lebenden und die Toten zu richten. Gottes Stimme vernichtet den Antichrist und die Menschheit wird erl\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die Inszenierung arbeitet mit starken visuellen Mitteln. Die B\u00fchne sieht wie ein groteskes Comic gezeichnet aus. Auf einem Stra\u00dfenzug bewegen sich \u00fcber die gesamte Auff\u00fchrung hinweg T\u00e4nzer und die S\u00e4nger in phantastischen Kost\u00fcmen. Man bekommt eine Farben-Orgie geboten, die sich frei von religi\u00f6sen Symbolen h\u00e4lt und historisch und geographisch im Unbestimmten bleibt. Der Antichrist, eine Sprechpartie, erscheint und verschwindet nackt aus der Handlung und wird als gigantische Skulptur vom Schn\u00fcrboden herabgelassen. Beleuchtung und Szenerie ver\u00e4ndern sich st\u00e4ndig und erzeugen einen mystischen Flu\u00df der Bilder. Da die Orchesterbegleitung bei den Solopassagen des \u00f6fteren recht kompakt ist, singen die maskierten S\u00e4nger zumeist frontal ins Publikum hinein.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Text und Handlung dieser apokalyptischen \u201eKirchenoper\u201c \u2013 als solche vom Komponisten\/Librettisten bezeichnet \u2013 sind r\u00e4tselhaft, wozu die Musik ihren Teil beitr\u00e4gt. Langgaard galt unter seinen Zeitgenossen als v\u00f6lliger Au\u00dfenseiter, und seine einzige Oper wurde zu seinen Lebzeiten nicht aufgef\u00fchrt. In der Partitur, die f\u00fcr ein relativ kleines Orchester geschrieben ist, treffen sp\u00e4tromantisch Wagnersche und neobarock polyphone Satztechnik aufeinander. Das bedeutet f\u00fcr die S\u00e4nger, da\u00df sie einerseits harmonisch farbige, stark expressive und andererseits kontrapunktisch komplexe, fugierte Solopassagen zu bew\u00e4ltigen haben. Die parataktische, fast ohne Verben auskommende Diktion der Verse erschwert das Verst\u00e4ndnis des gesungenen Textes. \u00dcber weite Strecken hat das Werk eher oratorische Z\u00fcge, da es bis auf wenige Ausnahmen keine dramatischen Dialoge und Interaktion, sondern fast nur monologische \u201eNummern\u201c gibt. Der Inszenierung gelingt es jedoch, dramatischen Stillstand zu vermeiden. Aufgrund der Erkrankung der S\u00e4ngerin der Gro\u00dfen Hure wurde die Rolle pantomimisch dargestellt und ihre Partie von der Seite von <strong>Regine Hangler<\/strong> gesungen, eine angesichts der kurzen Vorbereitungszeit beachtliche Leistung. Gesanglich und darstellerisch befanden sich alle Solisten auf dem gleichen hohen Niveau. Aufgrund ihrer das Gesicht verh\u00fcllenden Masken fiel die Mimik als darstellerisches Moment aus. Stattdessen ging es um Geb\u00e4rden und Bewegung, um die Rollen zu charakterisieren, eine Aufgabe, in der sowohl <strong>AJ Gleuckert<\/strong> (das Tier in Scharlach) als auch<strong> Andrew Dickinson<\/strong> (die L\u00fcge) und<strong> Jordan Shanahan<\/strong> (der Ha\u00df) voll aufgingen. Stimmlich ragten Gleuckert, Shanahan und <strong>Clemens Bieber<\/strong> (der Mund, der gro\u00dfe Worte spricht) heraus, w\u00e4hrend <strong>Thomas Lehman<\/strong> (Luzifer; eine Stimme) bei seinen dick instrumentierten Passagen ab und zu vom Orchester verdeckt wurde. Die Orchestrierung dieses Werkes ist gro\u00dfartig; eine klangliche \u00dcberraschung, die ihre Herkunft aus Werken wie <em>Parsifal<\/em> oder <em>Die Walk\u00fcre<\/em> oft deutlich erkennen l\u00e4\u00dft, folgt auf die n\u00e4chste und die ekstatische, minimalistisch mahlende B\u00fchnenmusik, die das f\u00fcnfte Bild beschlie\u00dft, setzte einen kraftvollen, individuellen Ton, der so in keiner anderen Oper zu h\u00f6ren ist. <strong>Stephan Zilias<\/strong> arbeitete mit dem Orchester viele sch\u00f6ne Nuancen aus dem St\u00fcck heraus und schaffte es, die fugierten Chorpassagen abwechslungsreich und dramatisch spannungsvoll zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Man ger\u00e4t bei dieser Ausgrabung einer Oper, die einen h\u00f6chst eigenartigen, ja eigent\u00fcmlichen musikalisch-dramatischen Kosmos schafft, und ihrer im h\u00f6chsten Grade einfalls- und abwechslungsreichen Inszenierung in einen regelrechten szenisch-harmonischen Farbenrausch. Den Ausf\u00fchrenden scheint die Darbietung ihrer musikalischen und dramatischen Partien Freude zu machen. Daran hat die schrille Bildsprache, die den Text ironisch liest, ohne sich \u00fcber ihn l\u00e4cherlich zu machen, einen wichtigen Anteil. Man kann sie in ihrer Exzentrik und losen Assoziationstechnik als dem Werk ebenb\u00fcrtig, also als wirklich kongenial bezeichnen. Werk und Produktion sind h\u00f6chst kurzweilig und ergreifend zugleich.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Thomas Aurin<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Thomas Lehman (Luzifer; eine Stimme), Jonas Grundner-Culemann (Stimme Gottes)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rued Langgaard (1893\u20131952), Kirchenoper in zwei Akten und sechs Bildern, Libretto vom Komponisten, UA: 1999 Innsbruck Regie, Kost\u00fcme und B\u00fchnenbild: Ersan Mondtag, Kost\u00fcme: Annika Lu Hermann, Licht: Rainer Casper, Choreographie: Rob Fordeyn, Spielleitung (und szenische Darstellung Die gro\u00dfe Hure):<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8267\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8268,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46,1],"tags":[],"class_list":["post-8267","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berlin-deutsche-oper","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8267"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8269,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8267\/revisions\/8269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8268"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}