{"id":8198,"date":"2021-08-08T17:48:17","date_gmt":"2021-08-08T16:48:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8198"},"modified":"2021-10-15T11:30:19","modified_gmt":"2021-10-15T10:30:19","slug":"bregenzer-festspiele-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8198","title":{"rendered":"Bregenzer Festspiele 2021"},"content":{"rendered":"<h2><strong><em>Rigoletto <\/em><\/strong><\/h2>\n<blockquote><p>von Giuseppe Verdi (1813-1901), Oper in drei Akten (1851), Libretto: Francesco Maria Piave nach Victor Hugos <em>Le Roi s&#8217;amuse<\/em> (1832)<\/p>\n<p>UA: \u00a011. M\u00e4rz 1851 Venedig , Teatro la Fenice<\/p>\n<p>Regie: Philipp St\u00f6lzl, B\u00fchne, Kost\u00fcme: Philipp St\u00f6lzl, Heike Vollmer, Licht: Georg Veit, Philipp St\u00f6lzl<\/p>\n<p>Dirigent: Julia Jones, Wiener Symphoniker und Prager Philharmonischer Chor<\/p>\n<p>Solisten: Long Long (Der Herzog von Mantua), Vladimir Stoyanov (Rigoletto), Ekaterina Sadovnikova (Gilda), Mikl\u00f3s Sebesty\u00e9n (Sparafucile), Katrin Wundsam (Maddalena\/Giovanna), Jordan Shanahan (Der Graf von Monterone), Ilya Kutyukhin (Marullo)<br \/>\nTaylan Reinhard (Borsa), Jorge Eleazar (Der Graf von Ceprano), Shira Patchornik (Die Gr\u00e4fin), Hyunduk Kim (Page)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 1 .August 2021 (Seeb\u00fchne)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenzer-Festspiele-Rigoletto-Karl-Forster.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8199\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenzer-Festspiele-Rigoletto-Karl-Forster.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenzer-Festspiele-Rigoletto-Karl-Forster.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenzer-Festspiele-Rigoletto-Karl-Forster-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Bregenz liegt an der Nahtstelle zwischen Deutschland und der Schweiz, zwischen Bodensee und den Alpen. Die Region \u201eBregenzer Wald\u201c ist wegen seiner kulinarischen Angebote, Wanderausfl\u00fcgen (z.B. auf der K\u00e4sestra\u00dfe), den Bade- und Schiffsm\u00f6glichkeiten, der herrlichen Natur (Mainau, Reichenau) sehr begehrt \u2013 sind die Bregenzer Seefestspiele das T\u00fcpfelchen auf dem I. Im Jahr 2020 mu\u00dften sie leider ausfallen, immerhin war es m\u00f6glich das Programm in wichtigen Teilen dieses Jahr nachzuholen. Im Zeitalter von Corona waren die Corona Ma\u00dfnahmen von gro\u00dfer Bedeutung. In \u00d6sterreich (<em>Tu felix Austria<\/em>!) war es Dank &#8222;3G&#8220; fast uneingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, die Kultur zu genie\u00dfen. Auf der gro\u00dfen B\u00fchne waren alle Pl\u00e4tze freigegeben, im Festspielhaus mu\u00dften Pl\u00e4tze frei bleiben, die Maske wurde zum freiwilligen Objekt. F\u00fcr die Zugangskontrolle wurde der Platz (der &#8222;Wiener Symphoniker&#8220;) vor dem Festspielhaus abgesperrt, aber zwei Schleusen erm\u00f6glichen die z\u00fcgige Pr\u00fcfung der \u201e3G\u201c-Zulassung \u2013 und so flie\u00dfen die 7000 Rigoletto-G\u00e4ste durch die Abendd\u00e4mmerung zur p\u00fcnktlich beginnenden Freilichtauff\u00fchrung.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung, S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Die Opern auf der Seeb\u00fchne der Bregenzer Festspiele sind f\u00fcr ihre spektakul\u00e4ren Effekte und hohen Unterhaltungswert bekannt. Auch f\u00fcr das B\u00fchnenbild des <strong>Rigoletto<\/strong> in der Regie von <strong>Philipp St\u00f6lzl<\/strong> wurde hoher Aufwand betrieben und mit filigraner Technik und Computersteuerung drei markante Kulissen gebaut. In der Mitte ein gro\u00dfer Kopf mit Augen, Nase und Mund, der auch Z\u00e4hne beinhaltet. Der Mund klappt auf und wird zur Loge f\u00fcr den Herzog, der hier ein Zirkusdirektor ist. Auch werden ihm von der devoten Zirkustruppe die Damen zugef\u00fchrt. Der Mund schlie\u00dft sich, das weitere Geschehen bleibt gn\u00e4dig im Dunkeln. Die Augen kann er rollen, die Lider k\u00f6nnen teilweise und ganz geschlossen werden. Da der Kopf drehbar, kippbar und in der H\u00f6he fahrbar ist, kann er jede Person fixieren, jede Handlung und gr\u00f6\u00dfere Personengruppen in Augenschein zu nehmen. So gelingt es bei diesem Kopf, Gesichtsausdr\u00fccke aufzupr\u00e4gen, was man bei Puppen bislang kaum gesehen hat. Seine rechte Hand ist voll beweglich, besonders auch die f\u00fcnf Finger sowie der Handr\u00fccken und das Handgelenk. Die Gestik unterst\u00fctzt die Mimik des Kopfes entsprechend, auch k\u00f6nnen Personen \u00fcber diese Hand laufen, diese quasi als Br\u00fccke zu dem Kopf nutzen, um zu versuchen, in den Mund einzusteigen. Die linke Hand h\u00e4lt einen Ballon mit Korb fest, l\u00e4\u00dft diesen f\u00fcr Gilda zweimal steigen. Gilda wird in einer akrobatischen Aktion aus diesem Ballon entf\u00fchrt und in den Mund zum Herzog gebracht.<\/p>\n<p>Der Kopf ist der Erz\u00e4hler des St\u00fcckes, ist also Rigoletto, er altert f\u00fcr ihn, steckt die Schl\u00e4ge der Mitwirkenden ein, er verliert Augen, Nase und Z\u00e4hne und ist am Ende ein zahnloser alter Mann. Rigoletto tr\u00e4gt auch einen Kragen, der wie die Spielfl\u00e4chen um den Kopf und die beiden H\u00e4nde aussieht. Hier lacht man \u00fcber die Hofgesellschaft, sieht unter der Leitung des herzoglichen Zirkusdirektors eine Vorstellung mit Clowns und Akrobaten, mit Dressur und Aktionen, auch eine Leiter kommt spektakul\u00e4r zum Einsatz, ein Affe taucht auf. Die Pagen und Zirkusdiener in roter Uniform, sind die Schl\u00e4ger, die die Damen in Abendgarderobe in die Loge (den Mund) des Herzogs hieven. Was die Ehem\u00e4nner im Frack lautstark beklagen.<\/p>\n<p>Zwei Stunden lang werden diese Zirkusszenen, Tanznummern, Ballonfahrten von Stuntmen spektakul\u00e4r in Szene gesetzt. Dabei hat man die Zeit auch f\u00fcr Verbesserungen genutzt: Der Fluch des Grafen von Monterone wirkt viel theatralischer und die (mitunter die Handlung zu stark konterkarierenden) Clown-Auftritte wirken reduziert. Bei all diesem Trubel und Gewimmel ist es fast ein Wunder, da\u00df die Solisten ihren Raum erhalten, um ihre Aufmerksamkeit beim Publikum zu erhalten. So freut man sich auf das <em>Donna e mobile \u2013 Oh wie so tr\u00fcgerisch<\/em>. <strong>Long Long<\/strong> ist ein mit klarer, strahlender H\u00f6he beindruckender Herzog von Mantua. <strong>Vladimir Stoyanov,<\/strong> wieder in der Titelrolle des Rigoletto, ist \u00fcberzeugender als gequ\u00e4lter Clown, der seine Tochter verloren hat, denn er gewinnt (Dank der ge\u00e4nderten Inszenierung?) mehr Raum, Verve und Leidensf\u00e4higkeit. Seine <em>LaLaLa<\/em>-Rufe sind ber\u00fchrende Zeichen einer gequ\u00e4lten Seele. Eine tiefe Verzweiflung wird in der Figur des Rigoletto aber nicht glaubhaft. Daf\u00fcr gelingt es ihm, die l\u00fcsterne Frivolit\u00e4t der Ballmusik mit den steiferen hochherrschaftlichen Klangbildern Verdis zu verkn\u00fcpfen \u2013 durchaus passend auch als Zirkusmusik f\u00fcr Clownesken und Tierdressuren.<\/p>\n<p>Die Gilda von<strong> Ekaterina Sadovnikova <\/strong>ist der Liebling des Publikums, ihre klare jugendliche, aber auch dynamische und h\u00f6hensichere Stimmf\u00fchrung begeistert das Publikum. Auch das Ensemble der kleineren Rollen kann der \u00dcbertragung der Gesangsstimmen und der Zumischung des Orchesters per Lautsprecher einen sehr positiven Eindruck abgewinnen.<\/p>\n<p><strong>Julia Jones <\/strong>h\u00e4tte ruhig etwas mehr Feuer bei den Solisten und den Wiener Symphonikern entfachen k\u00f6nnen. Alles wirkte stellenweise etwas zu gediegen \u2013 es pl\u00e4tschert so dahin. Auch den Prager Philharmonischen Chor kann er passend einbinden \u2013 auch wenn sie an vielen Aktionen auf der B\u00fchne beteiligt sind.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser Inszenierung des <em>Rigoletto <\/em>verabschiedet sich ein Publikumsliebling von Bregenz. Dank einer sehr bunten und plakativen Inszenierung, die mittels eines technisch brillanten B\u00fchnenbildes umgesetzt wird, die die Gestik und Mimik eines gro\u00dfen Kopfes und einer Hand erm\u00f6glichte, wird eine m\u00e4rchenhafte Geschichte m\u00f6glich und B\u00fchnentechnikgeschichte geschrieben. So viel Aufwand wurde f\u00fcr die Steuerung der einzelnen Bewegungen der vielen einzelnen Teile wohl noch nie betrieben. Und das war bestens zu h\u00f6ren: die B\u00fchnentechnik hat die Zeit genutzt; zu den 2019 ersetzten 29 Lautsprechermasten um die Trib\u00fcne kamen nun weitere 270 Lautsprecher\u2026! Denn Clemens Wannemacher will \u00fcber 96 verschiedene Kan\u00e4le die problematischen 70 Millisekunden unh\u00f6rbar machen: die Zeitspanne, damit der Ton von der ersten zur letzten Sitzreihe kommt; also wurden im Zentralbereich der Trib\u00fcne unter den Sitzen unsichtbare schmale Lautsprecher eingebaut. So kann Bregenz mit jedem Surround-Sound im Actionkino mithalten. Leider im n\u00e4chsten Jahr nicht mehr mit Rigoletto, der genauso wie das Auge der Traviata unverge\u00dflich bleiben wird.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<br \/>\nBild: Karl Forster<\/p>\n<h2><strong><em>Nero <\/em><\/strong><\/h2>\n<blockquote><p>von Arrigo Boito (1842-1918), Trag\u00f6die in vier Akten (1924), Libretto :Arrigo Boito, UA: 1. Mai 1924, Teatro alla Scala, Mailand<\/p>\n<p>Regie: Olivier Tambosi, B\u00fchne, Kost\u00fcme: Philipp St\u00f6lzl, Heike Vollmer, Licht: Georg Veit, Philipp St\u00f6lzl<\/p>\n<p>Dirigent: Dirk Kaftan, Wiener Symphoniker und Prager Philharmonischer Chor, Chorleitung: Luk\u00e1\u0161 Vasilek<\/p>\n<p>Solisten: Rafael Rojas (Nerone), Lucio Gallo (Simon Mago), Brett Polegato (Fanu\u00e8l), Svetlana Aksenova (Asteria), Alessandra Volpe (Rubria), Mikl\u00f3s Sebesty\u00e9n (Tigellino), Taylan Reinhard (Gobrias), Ilya Kutyukhin (Dosit\u00e8o), Katrin Wundsam (Alt)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 2 .August 2021 (Festspielhaus)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Suche und Pr\u00e4sentation von seltenen \u201eOpern-Gew\u00e4chsen\u201c, nach bislang nicht im Shop k\u00e4uflichen \u201eOrchideen\u201c ist sch\u00e4tzenswerter Bestandteil der Bregenzer Dramaturgie. Manchmal nur bl\u00fcht die Ausgrabung nicht auf Hypertrophie, sondern besitzt lauter Merkmale derselben.<\/p>\n<p><strong> <a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenz-Nero-in-der-Mitte-Roland-Rasemann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8201\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenz-Nero-in-der-Mitte-Roland-Rasemann.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"365\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenz-Nero-in-der-Mitte-Roland-Rasemann.jpg 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bregenz-Nero-in-der-Mitte-Roland-Rasemann-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Arrigo Boito (1842\u20131918) ist eine herausragende Figur der italienischen Kulturszene: so vielfach begabt und produktiv t\u00e4tig, da\u00df Bewunderung angebracht ist \u2013 allein der Opernfreund mu\u00df f\u00fcr die rettende Umarbeitung des Librettos zu Verdis <em>Simon Boccanegra<\/em> dankbar sein; Boitos Libretto des <em>Otello<\/em> setzt eigene Akzente und kann sich in Verdis Vertonung neben Shakespeares Drama behaupten \u2013 und beider <em>Falstaff<\/em> ist ein vielf\u00e4ltig funkelnder \u201eOpera-Brillant\u201c. Doch nicht genug: Boito hat auch selbst komponiert \u2013 sein <em>Mefistofele<\/em> kann beeindrucken\u2026 und dann scheint ihm so etwas wie ein \u201eGoethe Faust II\u201c aus der italienischen Kultur vorgeschwebt zu haben. Fast sechzig Jahre hat er mit Thematik, Form und Werk gerungen, mehrfach umgearbeitet, vier Akte fertig gestellt, einen f\u00fcnften konzipiert und ein monumentales Gemisch hinterlassen.<\/p>\n<p>Roms Kaiser Nero, gezeichnet vom \u00f6dipalen Leiden vom Mord der eigenen Mutter, die ersten Christen, der Prophet Fanu\u00e8l mit den aus der Bibel \u00fcbernommenen \u201eSeligpreisungen\u201c, sp\u00e4tr\u00f6mische Dekadenz, der H\u00e4retiker Simon Mago, symbolistisch-magisches Gewese, allerlei dubioses Gelichter um den machttrunkenen Herrscher, zwei liebende Frauen, Chormassen, deren Vielfalt im Opernlexikon zehn Zeilen umfa\u00dft, Ballett und eine Statisterie in sechzehnzeiliger Aufz\u00e4hlung\u2026 das ist im regul\u00e4ren Opernbetrieb nicht zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Den Wiener Symphonikern, dem Prager Philharmonischen Chor, den au\u00dfer dem etwas zu sehr detonierenden Fanu\u00e8l von Brett Polegato durchweg sehr gut singenden Rafael Rojas (Nerone), Lucio Gallo (Simon Mago), Sventlana Aksenova (Asteria) und Alessandra Volpe (Rubria) und allen \u00fcbrigen sei f\u00fcr vokales Festspielniveau gedankt \u2013 und Arrigo Boito als Intellektueller weiter bewundert, aber nicht f\u00fcr sein mi\u00dfratenes Leidenskind \u201eNerone\u201c..<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Was im regul\u00e4ren Opernbetrieb nicht zu bew\u00e4ltigen ist, gelingt leiser auch nicht auch nicht im Festspiel: denn Gesine V\u00f6llm wollte sich als Kost\u00fcmk\u00fcnstlerin verwirklichen und verunklarte mit Glitzer und Zauber und stilistischem Vielerlei die Figuren; Frank Philipp Schl\u00f6ssmann wollte sich als B\u00fchnenbildk\u00fcnstler verwirklichen, lie\u00df Drehb\u00fchnenringe mit b\u00fchnenhohen Lichts\u00e4ulen in wechselnden Farben dauerkreisen, stellte neben heutige Fauteuils stilisierte B\u00e4ume, dann auch einen halbalten Schreibtisch mit B\u00fcrolampe und machte aus einem Altar einen Billardtisch; Olivier Tambosi wollte sich als Regiek\u00fcnstler verwirklichen, lie\u00df die Hauptfiguren durch das szenische Gewirr irren und die Chormassen wogen\u2026 Ergebnis: hypertrophe Theatralik an der Grenze zur Unverst\u00e4ndlichkeit \u2013 der klassische Fehler: die Macher haben sich lange mit einem komplexen, unbekannten Werk befa\u00dft, aber den einmal in einer Auff\u00fchrung sitzenden Opernfreund v\u00f6llig aus den Augen verloren und ihm nichts \u201eklar gemacht\u201c, sondern irgendwie alles \u201eBl\u00fcten treiben lassen\u201c. Matter Beifall, zu wenig Buhs.<\/p>\n<p>All das trifft nicht auf die musikalische Seite zu. Dirigent Dirk Kaftan machte Boitos stilistische Vielfalt, seinen Sinn f\u00fcr dramatische Umbr\u00fcche, Chor- und Instrumentalfernwirkungen und immer wieder auch vokale Entfaltung h\u00f6rbar \u2013 nur eben auch eine gewisse ariose Kurzatmigkeit, weil Boito schon zum n\u00e4chsten Einfall \u00fcbergeht, ehe der vorherige voll und einpr\u00e4gsam t\u00f6nen konnte. F\u00fcr die musikdramatische Problematik des ganzen Werkes mag das Ende der jetzt gespielten vieraktigen Fassung stehen: nach dem kaum zu bew\u00e4ltigenden Brand Roms sitzt Nero teilnahmslos herum und beobachtet ein melodi\u00f6s sch\u00f6n komponiertes Liebesduett zwischen der sterbenden Rubria und Fanu\u00e8l\u2026 dann Vorhang zu und kaum Fragen offen \u2013 denn das Werk ist in dieser Form nicht zu retten.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<br \/>\nBild: Nero, in der Mitte Roland Rasemann, Bregenzer Festspiele<\/p>\n<h2><strong>\u00a0<\/strong><strong><em>Orchesterkonzert mit \u00a0den Wiener Symphonikern<\/em><\/strong><\/h2>\n<h2><strong><em>Das Rheingold<\/em><\/strong><\/h2>\n<blockquote><p>von Richard Wagner (1813\u20131883), Vorabend zu dem B\u00fchnenfestspiel <em>Der Ring des Nibelungen<\/em>, Text : R. Wagner, UA: 22. September 1869 M\u00fcnchen, Nationaltheater<\/p>\n<p>Konzertante Einrichtung: Johannes Erath<\/p>\n<p>Dirigent: Andr\u00e9s Orozco-Estrada, K\u00fcnstlerische Mitarbeit: Bibi Abel<\/p>\n<p>Solisten: Brian Mulligan (Wotan), Michael Nagl (Donner), Patrik Reiter (Froh),Will Hartmann (Loge), Markus Br\u00fcck (Alberich), John Heuzenroeder (Mime), Levente P\u00e1ll (Fasolt), Dimitry Ivashchenko (Fafner), Annika Schlicht (Fricka), Gal James (Freia), Claudia Huckle (Erda | Flo\u00dfhilde), Liv Redpath (Woglinde), Svetlina Stoyanova (Wellgunde)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 1 .August 2021, (Festspielhaus)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Alberich wirbt um die drei Rheint\u00f6chter, die ihn aber nur verspotten. Daraufhin entsagt er der Liebe und stiehlt ihnen das Rheingold. Aus diesem Gold l\u00e4\u00dft er einen machtvollen Ring schmieden, mit dessen Kraft er sich die Nibelungen untert\u00e4nig macht. Die Riesen Fafner und Fasolt haben f\u00fcr den Gott Wotan die Burg Walhall erbaut, und fordern nun von ihm als ihren Lohn die G\u00f6ttin Freia. Doch Wotan will Freia nicht herausgeben, und der intrigante Gott Loge \u00fcberzeugt ihn davon, als Ersatz Alberich den Ring und das Rheingold wieder zu entrei\u00dfen. Alberich verflucht den Ring, den Wotan den Riesen zum Rheingold reicht, um Freia auszul\u00f6sen. Fafner erschl\u00e4gt seinen Bruder, die G\u00f6tter aber ziehen in die Burg Walhall ein.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung, S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Zu ihrem Jubil\u00e4um \u201e75 Jahre Festspielorchester in Bregenz\u201c wollten die Wiener Symphoniker etwas Besonderes: also Wagners \u201eRheingold\u201c.<\/p>\n<p>Nachdem die Pandemie und in Folge die Absage der Festspiele 2020 Kr\u00e4fte und Finanzen kr\u00e4ftig durcheinanderger\u00fcttelt haben: kein reines Gold, sondern eine von Regisseur Johannes Erath eingerichtete \u201ehalbszenische\u201c Auff\u00fchrung &#8211; unter k\u00fcnstlerischer Mitarbeit von Bibi Abel: das Orchester auf der B\u00fchne des Festspielhauses, ein Podium im hinteren Teil des Orchesters, die hochgefahrene Orchestergrabenfl\u00e4che und die Parkettg\u00e4nge von den Solisten genutzt, im Hintergrund Abels Video-Projektionen, die mal bildlich in den Rahmen passen, aber auch einmal Fragen hinterlassen.<\/p>\n<p>Im v\u00f6llig abgedunkelten Zuschauerraum erklang schon die Weltentstehung in Es-Dur zu schnell. Zu Flie\u00dfwasser-Projektionen begleitete dann der neue Chefdirigent Andr\u00e9s Orozco-Estrada die Wasserspiele der Rheint\u00f6chter mit am\u00fcsant ausgreifenden H\u00fcftschw\u00fcngen; sein weiteres Wagner-Verst\u00e4ndnis schien von seiner kolumbianischen Herkunft eingef\u00e4rbt: fl\u00fcssig bewegt, aber nicht zu schnell und nur durchweg klangsch\u00f6n &#8211; irgendwie gepr\u00e4gt vom s\u00fcdamerikanischen Samba. Erst zum finalen Einzug der G\u00f6tter nach Walhall lie\u00df er insbesondere den ganzen Blech-Satz der Symphoniker voll aufspielen \u2013 doch zuvor hatten Alberichs Gier und dann Raublust, seinem Liebes- und dann Gold-Fluch, der Beschw\u00f6rung des finsteren Weltreichs, auch der gewaltsamen Ring-Aneignung Wotans Wucht \u2013 all die Kanten und die dramatischen Ausbr\u00fcche gefehlt. Insgesamt klangliches Weich-Gold.<\/p>\n<p>Dazu lie\u00dfen Erath-Abel die Rheint\u00f6chter mit wei\u00dfen Kurzhaar-Per\u00fccken zum verf\u00fchrerisch dekolletierten Frack auftreten und sich in drei Liegest\u00fchlen vorne r\u00e4keln, dann auch die \u00fcbrigen Solisten im Frack oder Abendrobe: \u201eBabylon-Berlin\u201c gr\u00fc\u00dfte \u2013 keine Abgrenzung zu den Bau-Proletariern Fasolt und Fafner, zu Alberich und Mime. Wieso etwa Alberich eine der Rheint\u00f6chter rauben und in eine Art Olympia-Automaten verwandeln konnte, diese dann aber zur End-Klage wieder regul\u00e4re Rheintochter war, blieb Regie-Geheimnis \u2013 ganz im Unterschied zu dem allzu grellen Loge von Will Hartmann im glitzernden Pailletten-Jackett eines Conf\u00e9renciers mit textverdoppelnder Gestik und Aktion. Abels Videos von anf\u00e4nglicher Synchron-Schwimm-Gymnastik von drei ansehnlichen Frauenbeinpaaren im Wasser verkamen zu sp\u00e4ter unverst\u00e4ndlichen Bildsequenzen. Dieses eher kein gl\u00e4nzendes Gold.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr viel vokaler Glanz: Zwar mu\u00df der Wotan von Brian Mulligan noch an Vokalverf\u00e4rbungen und grammatikalisch richtigen Wortendungen arbeiten, verf\u00fcgt aber \u00fcber eine sch\u00f6ne baritonale Klangf\u00fclle. Der kurzfristig eingesprungene Alberich von Markus Br\u00fcck besa\u00df vokales Gift, Kante und Gef\u00e4hrlichkeit. Fiel schon das dunkle Leuchten von Claudia Huckles Flo\u00dfhilde auf, so f\u00fcllte dann herrliches \u201eAlt-Gold\u201c in Str\u00f6men ihre Darstellung der Erda vom hinteren Ende des Parketts den ganzen Zuschauerraum. Eine sehr eleganten B\u00fchnenerscheinung und die dazu passenden bet\u00f6renden Kl\u00e4nge als Mezzo hat Annika Schlicht als Fricka und Levente Pall sang den pr\u00e4gnanten, lyrisch verliebten Fasolt unserer Tage. Und John Heuzenroeder ist als Mime kein alter Greis, sondern ein dynamischer junger Heldentenor.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Geschenk zum Jubil\u00e4um der Wiener Philharmoniker, ein sch\u00f6ner s\u00fcdlicher Gegenpol zum Rheingold der Berliner Deutschen Oper. Leider etwas versteckt im Konzertprogramm und nur eine Auff\u00fchrung. Ob es sich zum Ring sich f\u00fcgen will, ist fraglich. Immerhin beim Publikum ein voller Erfolg: Einhelliger Schlu\u00dfapplaus, der nur bei den Mitgliedern der halbszenischen Produktion etwas abflachte.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rigoletto von Giuseppe Verdi (1813-1901), Oper in drei Akten (1851), Libretto: Francesco Maria Piave nach Victor Hugos Le Roi s&#8217;amuse (1832) UA: \u00a011. M\u00e4rz 1851 Venedig , Teatro la Fenice Regie: Philipp St\u00f6lzl, B\u00fchne, Kost\u00fcme: Philipp St\u00f6lzl, Heike Vollmer, Licht:<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8198\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8199,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,86],"tags":[],"class_list":["post-8198","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-bregenzer-festspiele"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8198"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8208,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8198\/revisions\/8208"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8199"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}