{"id":8090,"date":"2020-09-28T19:57:51","date_gmt":"2020-09-28T18:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8090"},"modified":"2020-09-28T19:57:51","modified_gmt":"2020-09-28T18:57:51","slug":"die-walkuere-berlin-deutsche-oper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8090","title":{"rendered":"Die Walk\u00fcre &#8211; Berlin, Deutsche Oper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner (1813-1883), erste Tag des B\u00fchnenfestspiels <em>Der Ring des Nibelungen<\/em> in drei Aufz\u00fcgen, Libretto: R. Wagner UA: 26. Juni 1870, Staatsoper M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Regie: Stefan Herheim, B\u00fchnenbild: Stefan Herheim und Silke Bauer, Kost\u00fcme: Uta Heiseke, Licht: Ulrich Niepel, Video-Design: William Duke und Dan Trenchard, Dramaturgie: Alexander Meier-D\u00f6rzenbach und J\u00f6rg K\u00f6nigsdorf<\/p>\n<p>Dirigent: Donald Runnicles, Orchester der Deutschen Oper Berlin<\/p>\n<p>Solisten: Brandon Jovanovich (Siegmund), Andrew Harris (Hunding), John Lundgren (Wotan), Lise Davidsen (Sieglinde), Annika Schlicht (Fricka), Nina Stemme (Br\u00fcnnhilde), u.v.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 27. September 2020 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Berlin-Walk\u00fcre.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8091\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Berlin-Walk\u00fcre.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"429\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Berlin-Walk\u00fcre.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Berlin-Walk\u00fcre-300x198.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Sieglinde findet in ihrer H\u00fctte einen fremden Mann vor, der sich auf der Flucht befindet. Er stellt sich ihr und ihrem Mann Hunding als Wehwalt vor. W\u00e4hrend der Erz\u00e4hlung seiner Flucht wird deutlich, da\u00df er ein Feind von Hundings Sippe ist. Hunding gew\u00e4hrt ihm Asyl f\u00fcr eine Nacht und k\u00fcndigt an, ihm am n\u00e4chsten Tag nachzusetzen. Alle begeben sich zur Ruhe. Sieglinde, die ihren Gatten bet\u00e4ubt hat, erscheint und Siegmund offenbart ihr seine wahre Identit\u00e4t und zieht das Schwert Nothung aus dem Stamm einer Esche, die in der H\u00fctte steht. Beide entdecken, da\u00df sie Zwillingsgeschwister sind und verlieben sich ineinander. Daraufhin stellt Fricka, die Schutzg\u00f6ttin der Ehe, ihren Gatten Wotan, zur Rede. Siegmund und Sieglinde sind seine au\u00dferehelichen Kinder, ebenso wie die neun Walk\u00fcren.<\/p>\n<p>Die Walk\u00fcren haben gefallene Helden nach Walhall zu bringen, die die G\u00f6tterburg vor einem Angriff Alberichs verteidigen sollen. Siegmund soll den Ring des Nibelungen an sich bringen. Doch, wie Fricka ihrem Mann darlegt, w\u00e4re das ein Versto\u00df gegen seine eigenen Gesetze. Wotan befiehlt Br\u00fcnnhilde, Siegmund im Kampf mit Hunding sterben zu lassen. Sie erscheint Siegmund und verk\u00fcndet ihm seinen baldigen Tod. Von Schmerz \u00fcberw\u00e4ltigt droht er damit, sich und seine ohnm\u00e4chtige Zwillingsschwester zu t\u00f6ten. Br\u00fcnnhilde empfindet Mitgef\u00fchl und setzt sich \u00fcber Wotans Befehl hinweg, der doch selber in den Kampf eingreift und Hunding den Sieg davontragen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Unterdessen sammeln sich die Walk\u00fcren, um nach Walhall zu ziehen. Br\u00fcnnhilde bittet sie um Hilfe f\u00fcr Sieglinde, die von Siegmund ein Kind erwartet, doch vergebens. Sieglinde flieht in den Wald und Br\u00fcnnhilde erwartet ihren zornigen Vater, der sie aus Walhall verst\u00f6\u00dft. Er versenkt sie in Schlaf und schlie\u00dft einen Kreis aus Feuer um ihren Felsen, der nur von demjenigen, der seinen Speer nicht f\u00fcrchtet, durchbrochen werden kann.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste b\u00fchnenbildnerische Element dieser Produktion ist der Koffer. In allen Akten werden sowohl Hundings H\u00fctte als auch die Berglandschaften der beiden letzten Aufz\u00fcge mit W\u00e4nden und Haufen von Koffern gestaltet und die Darsteller tragen oft auch Koffer mit sich herum. Die Personenregie und B\u00fchnenbildgestaltung verfolgt eine dreifache Strategie:<\/p>\n<p>Zum einen werden die Wagnerschen Anweisungen ernst genommen und sogar \u00fcberh\u00f6ht; so l\u00e4uft zu Anfang ein Wolf (!) \u00fcber die B\u00fchne, bricht der Fr\u00fchling mit bildnerischer Macht in den ersten Aufzug ein und Br\u00fcnnhilde tritt in einem Kost\u00fcm auf, das aus einer Inszenierung des 19. Jahrhunderts stammen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zum anderen werden Musik und Handlung ironisiert; die ganze Zeit befindet sich ein Fl\u00fcgel auf der B\u00fchne, auf dem abwechselnd Wotan, Fricka oder Br\u00fcnnhilde spielen, ein Klavierauszug wird von den S\u00e4ngern eifrig benutzt und im Laufe des Abends zerfleddert und beim Ert\u00f6nen des letzten m\u00e4chtigen Siegfried-Leitmotivs am Ende hilft ein grotesker Richard Wagner Sieglinde bei der Entbindung.<\/p>\n<p>Zum dritten versucht die Regie durch Einf\u00fcgen von stummen Aktionen eine Art Kommentar \u2013 oder vielleicht sogar eine eigenst\u00e4ndige Parallelhandlung? \u2013 zu formulieren.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne wimmelt im zweiten und dritten Aufzug von Komparsen, die mit Koffern auf der B\u00fchne stehen, ein zus\u00e4tzlicher stummer Charakter wohnt in Hundings H\u00fctte und bedroht oder umschmeichelt die S\u00e4nger. Alle Aufz\u00fcge haben stumme szenische Vorspiele vor den musikalischen bekommen. Es gibt nur punktuell szenischen Stillstand. Ein wichtiges dramaturgisches Moment ist das Entkleiden. Wotan tritt in Unterw\u00e4sche auf, die gefallenen Helden entkleiden sich und rei\u00dfen im dritten Akt den Walk\u00fcren die Kleider vom Leib so wie Wotan es mit Br\u00fcnnhilde tut, Fricka wirft Wotan ihren Mantel vor die F\u00fc\u00dfe usw.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Donald Runnicles<\/strong> stellte wieder einmal unter Beweis, wie verantwortungsvoll er mit den Stimmen seiner S\u00e4nger umzugehen imstande ist. Das m\u00e4chtige <em>Ring<\/em>-Orchester \u2013 Wagner besetzt fast alle Holz- und Blechblasinstrumente vierfach \u2013 lie\u00df in den gesangsfreien Momenten die Muskeln spielen. Doch sobald ein S\u00e4nger einsetzt, wird das Niveau sofort so reduziert, da\u00df Gesangsmelodie und Text gut durchkommen. Im Zweifelsfall wird eher leise gespielt, ohne jedoch den Klang intransparent werden zu lassen. Mitunter werden Nebenstimmen herausgearbeitet, die man so noch nicht geh\u00f6rt hat. Da\u00df nach der langen Spielpause ein paar leise Eins\u00e4tze im Blech ein wenig klapperten, tat der Sache keinen Abbruch. Hervorragende S\u00e4nger hat man verpflichtet: <strong>Nina Stemme<\/strong>, die sich derzeit auf dem H\u00f6hepunkt ihrer vokalen Karriere befindet, vereinbart darstellerisches Selbstbewu\u00dftsein, das man f\u00fcr die Rolle der Br\u00fcnnhilde auch wirklich braucht, mit einer Stimme, die m\u00fchelos zu laufen scheint. Die gef\u00fcrchteten Schlachtrufe der Walk\u00fcren gelangen ihr tadellos und ohne da\u00df sie zu forcieren gen\u00f6tigt w\u00e4re. Ihr Ansatz ist faszinierend: Mit einer kleinen Verz\u00f6gerung bei den kr\u00e4ftigen hohen T\u00f6nen \u00f6ffnet sich ein kraftvoller Klang, der nicht blo\u00df Metall und Spitze, sondern auch viel K\u00f6rper hat. Ein Ereignis!<\/p>\n<p><strong>Lise Davidsen<\/strong> (Sieglinde) \u00fcberraschte an diesem Abend vielleicht am meisten mit ihrem starken Organ, dem allerdings die Nuancierungsf\u00e4higkeit von Stemmes Stimme bei den lauten Partien abgehen. <strong>Brandon Jovanovich<\/strong> hat einen eher dunklen, klanglich abwechslungsreichen Heldentenor. Allerdings k\u00f6nnten einige deutsche Konsonanten etwas deutlicher sein. Darstellerisch gaben beide W\u00e4lsungen eine gro\u00dfartige Leistung.<\/p>\n<p>Eine weitere s\u00e4ngerische \u00dcberraschung dieses Abends war <strong>Annika Schlicht<\/strong> als Fricka. Sie vereint eine ausgeglichene, stabile Stimme mit klarer Aussprache und einer eleganten B\u00fchnenpr\u00e4senz. <strong>John Lundgren<\/strong> hat in dieser Inszenierung sowohl heroisch als auch ironisch-komisch als Wotan aufzutreten, was ihm gelang. Sein Heldenbariton klingt rund, wenn ihm auch in den lautesten Passagen ein wenig die Durchschlagskraft fehlt; da\u00df sich ganz vereinzelt Text- und Intonationsschwierigkeiten einstellten ist bei dieser langen Partie nur menschlich und vollkommen verzeihlich. Die kurze jedoch dankbare Rolle des Hunding wurde von <strong>Andrew Harris<\/strong> schn\u00f6rkellos und geradlinig gestaltet.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Diese Premiere der <em>Walk\u00fcre<\/em> ist \u2013 da die <em>Rheingold<\/em>-Premiere im Juni ausfiel \u2013 gleichzeitig die Premiere des neuen <em>Ring<\/em>-Zyklus der Deutschen Oper Berlin, die G\u00f6tz Friedrichs Inszenierung von 1984\/85 abl\u00f6sen wird. Man bekam also einen Eindruck davon, wie die anderen Teile aussehen werden. Was S\u00e4nger, Dirigent und Orchester angeht, ist die Besetzung erstklassig: Die wohl derzeit beste Br\u00fcnnhilde derzeit (Nina Stemme) musizierte an diesem Abend unter der Leitung des <em>Ring<\/em>-Spezialisten Runnicles.<\/p>\n<p>Ob die Wahl des Regieteams es auch ist, dar\u00fcber kann man allerdings streiten. Herheim bot an diesem Abend seine typische Mischung aus Pathos und Witzen. Nat\u00fcrlich ist es erlaubt, Wagner ironisch und kritisch zu inszenieren. Aber es d\u00fcrfte dann bittesch\u00f6n etwas subtiler zugehen. Die Personenregie ist unruhig, so als h\u00e4tte der Regisseur regelrecht Angst vor szenischem Stillstand, der nun einmal zur Wagnerschen Dramaturgie dazugeh\u00f6rt. Wenigsten l\u00e4\u00dft er in der Todesverk\u00fcndigung im zweiten Aufzug eine Weile nur die originale Handlung wirken.<\/p>\n<p>Um nicht mi\u00dfverstanden zu werden: Die Regie nimmt das Werk zum Teil ernst, bringt ein paar eigene Lesarten ein \u2013 die Entmachtung der Walk\u00fcren entspricht einer Macht\u00fcbernahme der M\u00e4nner wie sie Wotan gegen\u00fcber Br\u00fcnnhilde vollzieht, deren Helm und Schild er ihr abnimmt und selber f\u00fchrt \u2013, aber durch den Versuch, eine weitere kommentierende Handlung hineinzubringen, wird es etwas zuviel, was da auf der B\u00fchne passiert, abgesehen davon, da\u00df der Sinn dieser Handlung weitgehend im Dunkeln bleibt. Sollen die Koffer m\u00f6glicherweise ein Symbol f\u00fcr Flucht und Vertreibung sein? Ist das Spiel mit dem Klavierauszug der Versuch, das Ganze auf eine Metaebene zu hieven? Soll der Fl\u00fcgel das Wagnersche Musik-Drama versinnbildlichen?<\/p>\n<p>Vieles bleibt im Unklaren. So war es wenig \u00fcberraschend, da\u00df diese Inszenierung polarisierte. Ein Teil des Publikums spendete dem Regieteam frenetischen Beifall, ein anderer machte seinem Unmut mit lautstarken Invektiven Luft. Soviel kann man vielleicht sagen: Da\u00df diese Inszenierung sich nur ann\u00e4hernd so lange wie die Vorg\u00e4ngerinszenierung auf dem Spielplan halten wird, ist mehr als fraglich.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Bernd Uhlig<\/p>\n<p>Das bild zeigt: Nina Stemme (Br\u00fcnnhilde) und John Lundgren (Wotan)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner (1813-1883), erste Tag des B\u00fchnenfestspiels Der Ring des Nibelungen in drei Aufz\u00fcgen, Libretto: R. Wagner UA: 26. 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