{"id":8004,"date":"2019-11-29T14:53:07","date_gmt":"2019-11-29T13:53:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8004"},"modified":"2019-12-04T14:13:07","modified_gmt":"2019-12-04T13:13:07","slug":"fuerst-igor-paris-opera-bastille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=8004","title":{"rendered":"F\u00fcrst Igor &#8211; Paris, Op\u00e9ra Bastille"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Alexander Borodin (1833\u20131887), Oper in vier Akten, Libretto: der Komponist, UA: 4. November 1890 St. Petersburg<\/p>\n<p>Regie: Barrie Kosky, B\u00fchnenbild: Rufus Didwiszus, Kost\u00fcm: Klaus Bruns, Licht: Franck Evin, Choreographie: Otto Pichler<\/p>\n<p>Dirigent: Philippe Jordan, Orchester und Chor der Op\u00e9ra national de Paris, Chorleitung: Jos\u00e9 Luis Basso<\/p>\n<p>Solisten: Ildar Abdrazakov (F\u00fcrst Igor), Elena Stikhina (F\u00fcrstin Jaroslawna), Pavel \u010cernoch (Wladimir), Dmitri Uljanow (F\u00fcrst Galitzky), Dmitri Iwaschtschenko (Kontschak), Anita Rachvelischwili (Kontschakowa), Adam Palka (Skula), Andrej Popow (Jerosch), Wassili Efimow (Owlur), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 28. November 2019 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Paris-F\u00fcrst-Igor.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8005\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Paris-F\u00fcrst-Igor.png\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"650\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Paris-F\u00fcrst-Igor.png 433w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Paris-F\u00fcrst-Igor-200x300.png 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Stadt Putwyl liegt an der Grenze von Ru\u00dfland und dem Gebiet der Polowetzer und wird von den Polowetzern, einem Nomadenvolk aus Zentralasien, immer wieder angegriffen. F\u00fcrst Igor beschlie\u00dft, sie zu bek\u00e4mpfen. Als er sich anschickt, in den Krieg zu ziehen, verfinstert sich die Sonne. Er \u00fcbergibt seiner Frau Jarowslawna und deren Bruder F\u00fcrst Galitzky die Regierungsgesch\u00e4fte. Viele Wochen vergehen, ohne da\u00df eine Nachricht von seinem Feldzug in Putwyl eintrifft. F\u00fcrst Galitzky ergeht sich in Gelagen und entf\u00fchrt Frauen. Als seine Schwester ihn zur Rede stellt, gesteht er ihr, Igor absetzen und sich selbst zum F\u00fcrsten ausrufen lassen zu wollen. Bevor es dazu kommt, wird die Stadt von den Polowetzern eingenommen. In der n\u00e4chtlichen Steppe beklagen die gefangenen Russen ihr Schicksal. Igors Sohn Wladimir und die Tochter des Khans Kontschak verlieben sich ineinander. Owlur, ein getaufter Polowetzer, bietet Igor Hilfe zur Flucht an, der jedoch vorerst noch als eines F\u00fcrsten nicht w\u00fcrdig ablehnt. Der Khan m\u00f6chte Igor als Bundesgenossen gewinnen, doch der lehnt ab. Die Polowetzer feiern ihren Herren mit Tanz und Gesang. Angesichts des Elends seiner Landsleute fa\u00dft Igor den Beschlu\u00df, Owlurs Angebot anzunehmen. Als im Lager ein Aufruhr ausbricht, flieht er heimlich. Khan Kontschak zeigt sich jedoch nachsichtig und l\u00e4\u00dft ihm nicht nachsetzen. Au\u00dferdem erlaubt er Igors Sohn, seine Tochter Kontschakowa zu heiraten. In Putwyl macht sich inzwischen Verzweiflung breit. Die beiden Trunkenbolde Skula und Jerosch sehen jedoch in der Ferne ihren F\u00fcrsten heranreiten und rufen die Bev\u00f6lkerung der Stadt zusammen, die ihm einen triumphalen Empfang bereitet.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die Inszenierung verzichtet auf jegliches historische oder geographische Kolorit. Russen und Polowetzer sehen identisch aus, d.h. sie treten in zerrissenem S\u00f6ldnerlook auf. Putwyl ist ein Garten mit Swimmingpool und statt in der weiten Landschaft spielt die Handlung im zweiten Akt in einem Folterkeller aus Beton. Es wird viel gequ\u00e4lt, getreten, kollabiert und mit Maschinengewehren herumgefuchtelt. Einige Hauptrollen, etwa F\u00fcrstin Jaroslawna, haben nach beinahe jedem Phrasenende ihrer Gesangspartie in Ohnmacht zu fallen. Igors zweiter Monolog \u2013 der eigentlich im dritten Akt vorkommt, hier aber in den vierten verpflanzt wird \u2013 wird durch die nach Art des Mickey-Mousing eng an die Musik gekoppelte, redundante Gestik unfreiwillig komisch: jedes Mal, wenn er im Refrain seines Monologs sein Schicksal beklagt und das Tempo zunimmt, hat er sich schwer leidend an den Kopf zu fassen und zu beben, was das Publikum nach zwei Strophen auch begriff; leider sind es aber insgesamt vier. Bei der Ouvert\u00fcre, die aus irgendeinen Grund erst jetzt erklang, blieb der Vorhang dankenswerterweise unten, der dritte Akt wird bis auf den Monolog Igors komplett eliminiert und am Ende, das auf einer dunklen Autobahn spielt, macht sich die Regie dann vollends \u00fcber das Libretto lustig. Statt ihren F\u00fcrsten zu begr\u00fc\u00dfen, setzen sich die Russen gegenseitig einen gelben Plastikeimer auf und albern herum.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig ist die lebendige und abwechslungsreiche Choreographie <strong>Otto Pichlers<\/strong>, die von der vorhersehbaren Personenregie <strong>Barrie Koskys<\/strong>, mit der sich die Solisten sichtlich unwohl f\u00fchlen, absticht.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Philippe Jordan<\/strong> dirigierte die spektakul\u00e4re Partitur kultiviert und kontrolliert. Das Orchester der Op\u00e9ra Bastille lieferte eine starke Leistung im Blech ab; den Streichern fehlte es jedoch bei den schnellen L\u00e4ufen ein wenig an artikulatorischer Leichtigkeit. Umwerfend waren die <strong>Ch\u00f6re<\/strong> in der Einstudierung <strong>Jos\u00e9 Luis Bassos<\/strong>. Sie spielen in dieser Oper die eigentliche Hauptrolle. Ebenfalls brillant waren die <strong>T\u00e4nzer<\/strong>. Am Ende des zweiten Aktes, den ber\u00fchmten <em>Polowetzer T\u00e4nzen<\/em>, machte sich f\u00fcr einen Moment sogar ein wenig Freude und Vitalit\u00e4t auf der B\u00fchne breit, wenn auch ohne jeglichen Zusammenhang mit dem \u00dcbrigen der Inszenierung.<\/p>\n<p><strong>Ildar Abdrazakov<\/strong> (F\u00fcrst Igor) gab die Titelrolle stimmlich ausgeglichen, hat aber durch seine zahlreichen Zitteranf\u00e4lle und seine permanent schmerzverzerrte Miene wenig darstellerischen Spielraum zur Gestaltung seiner Rolle. <strong>Elena Stikhina<\/strong> (F\u00fcrstin Jaroslawna) sang ihre Partie energisch und gab sich alle M\u00fche, auch den Vorgaben der Regie Gen\u00fcge zu leisten, die ihr u.a. eine gewaltige Per\u00fccke aufsetzte, unter der sie bei ihren vielen Zusammenbr\u00fcchen am Boden liegend f\u00f6rmlich verschwand. <strong>Pavel \u010cernoch<\/strong> (Wladimir) und <strong>Anita Rachvelischwili<\/strong> (Kontschakowa) sangen ihre durch die Streichung des dritten Aktes arg verst\u00fcmmelten Partien kraftvoll; bemerkenswert und ungew\u00f6hnlich ist die enorm volumin\u00f6se Tiefe dieser S\u00e4ngerin, die mit ihren tiefsten T\u00f6nen den riesigen Saal der Pariser Oper ausf\u00fcllte und das Orchester \u00fcbert\u00f6nte. <strong>Dmitri Iwaschtschenko<\/strong> (Kontschak), der im Gegensatz zu allen anderen Rollen an diesem Abend in einem Anzug auftreten durfte, hatte keinen edelm\u00fctigen Khan, sondern einen sadistischen Mafiabo\u00df zu verk\u00f6rpern, was ihm stimmlich und schauspielerisch \u00fcberzeugend gelang. <strong>Dmitri Uljanow<\/strong> (F\u00fcrst Galitzky) agierte so grobschl\u00e4chtig, wie von der Regie verlangt. F\u00fcr ihn wie viele andere Figuren in dieser Produktion gilt jedoch: leider hat man all diese Spielarten von Brutalit\u00e4t und Leiden schon sehr oft auf der Opernb\u00fchne gesehen. Die abrupten Wechsel von Ruhe und hektischer Aktion wirkten unorganisch. <strong>Adam Palka<\/strong> (Skula) und<strong> Andrej Popow<\/strong> (Jerosch), die die beiden burlesken Rollen der Oper gaben, waren musikalisch wie darstellerisch gut aufeinander eingespielt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich mu\u00df man diese Oper nicht als historisches Kost\u00fcmdrama inszenieren. M\u00f6glicherweise gibt sie auch eine Lesart gegen den Strich her. Aber so plump geht es nicht. Da\u00df die Regie es auf eine unerbittliche Dissonanz zwischen der farbigen, folkloristischen, atmosph\u00e4rischen Musik Borodins und dieser d\u00fcsteren, ja, am Ende v\u00f6llig nihilistischen Inszenierung anlegte, mag einer tieferen Logik folgen, die aber an diesem Abend g\u00e4nzlich im Verborgenen blieb. Dem Publikum, das bereits w\u00e4hrend der Vorstellung den Saal verlie\u00df, mi\u00dffiel sie jedenfalls zutiefst. Angesichts der entstellenden Eingriffe in das Libretto und der die originale Handlung ersetzenden unzusammenh\u00e4ngenden Geschichte, die man auf die Formel \u201eDurch\u2018s Dunkle in die Finsternis\u201c bringen k\u00f6nnte, kann man es den Parisern auch nicht verdenken. Schon erstaunlich, da\u00df ein derart hochdekorierter Regisseur dazu in der Lage ist, ein derart uninspiriertes St\u00fcck Schultheater abzuliefern.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Agathe Poupeney \/ Op\u00e9ra national de Paris<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Elena Stikhina (Iaroslavna) und Ildar Abdrazakov (Prince Igor)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Alexander Borodin (1833\u20131887), Oper in vier Akten, Libretto: der Komponist, UA: 4. 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