{"id":800,"date":"2009-09-15T20:53:29","date_gmt":"2009-09-15T18:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/?p=800"},"modified":"2010-03-21T23:41:14","modified_gmt":"2010-03-21T22:41:14","slug":"weimar-deutsches-nationaltheater-turandot-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=800","title":{"rendered":"Weimar, Deutsches Nationaltheater &#8211; TURANDOT"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Ferruccio Busoni, chinesische Fabel in 2 Akten, nach dem Drama von Carlo Graf Gozzi (1764), UA: 11. Mai 1917, Z\u00fcrich<br \/>\nRegie: Lydia Steier; B\u00fchnenbild: Martina Segna; Kost\u00fcme: Ursula Kudrna<br \/>\nDirigent: Martin Hoff, Staatskapelle Weimar, Opernchor des Deutschen Nationaltheaters, Einstudierung: Markus Oppeneiger<br \/>\nSolisten: Sonja M\u00fchleck (Turandot), Thomas Piffka (Kalaf), Renatus M\u00e9sz\u00e1r (Altoum), Janine Metzner (Adelma), Frieder Aurich (Truffaldino), Philipp Meierh\u00f6fer (Barak\/Pantalone), Ji-Su Park (Tartaglia), Susann G\u00fcnther (K\u00f6nigin-Mutter von Samarkand)<br \/>\nBesuchte Auff\u00fchrung: 12. September 2009 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><br \/>\n<a HREF=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/weimar-turandot1.jpg\" TITLE=\"weimar-turandot1.jpg\"><img SRC=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/weimar-turandot1.jpg\" ALT=\"weimar-turandot1.jpg\" ALIGN=\"right\" \/><\/a>Im sagenhaften China geht die Fabel um, dass die wundersch\u00f6ne Prinzessin Turandot, Tochter des Kaisers Altoum, die Ehe verweigert und jedem Prinzen, der es wagt um ihre Hand anzuhalten, drei R\u00e4tsel stellt. Wissen die Wagemutigen keine Antwort, so verlieren sie ihren Kopf, welcher zur Abschreckung anderer auf den Stadtmauern Pekings aufgestellt wird. Doch der fremde Prinz Kalaf f\u00fcrchtet sich nicht und wagt sein Gl\u00fcck. Gleich zu Beginn zeigt sich Turandot von ihm beeindruckt. Es gelingt ihm die R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Der alte Kaiser frohlockt, doch Turandot ist verzweifelt und droht sich zu erdolchen. Kalaf gibt ihr ebenfalls eine Frage zu beantworten, n\u00e4mlich seinen Namen, den er zuvor nicht genannt hat, zu erraten. Gelingt ihr dies, so ist sie frei. Truffaldino, Chef der Eunuchen, versucht dank eines Zauberrettichs dem fremden Prinzen seinen Namen im Schlaf zu entlocken. Doch auch dies misslingt. Allein Adelma, Turandots Vertraute, wei\u00df die Antwort. Sie kennt Kalaf aus Kindheitstagen und ist immer noch ungl\u00fccklich in ihn verliebt. Nachdem Turandot Kalafs Frage richtig beantworten kann, m\u00f6chte dieser den Palast verlassen. Doch sie h\u00e4lt ihn zur\u00fcck und gesteht ihm ihre Liebe.<br \/>\n<strong>Auff\u00fchrung<\/strong><br \/>\n\u201eSchein ist nicht gleich Sein\u201c k\u00f6nnte das Motto dieser Inszenierung lauten. Die Oper beginnt szenisch am \u00e4u\u00dfersten Rand der B\u00fchne vor den Mauern Pekings, dargestellt durch den eisernen Vorhang. Im Verlauf des Geschehens \u00f6ffnet sich mehr und mehr der B\u00fchnenraum und offenbart das Innere des kaiserlichen Palastes. Dieser, umgeben von roten und wei\u00dfen von der Decke herabh\u00e4ngenden Volants, wird einzig beherrscht von einer riesigen freistehenden Treppe, welche zu Turandots Gemach hinauff\u00fchrt, einem mit wiederum wei\u00dfen Volants verschlossenen Himmelbett. Sobald sich aber die B\u00fchne dreht, entpuppt sich die Treppe als riesiger Frauenschuh mit roter Sohle und meterhohem Absatz. Es ist klar: Hier regiert ein Vamp! Auch der gesamte Hofstaat pr\u00e4sentiert sich als bizarre Karnevalsgesellschaft. Die Eunuchen (M\u00e4nner des Opernchores) in halbdurchsichtigen R\u00f6cken und Bikerwesten mit dazugeh\u00f6rigen Helmen, Dominas mit ihren auf dem Boden kriechenden Sklaven in S\/M-Look, zwei in blauen Schuluniformen steckende junge Dame, die ununterbrochen an roten Lollis lecken, Hofdamen in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern und passend dazu geschminkten Gesichtern wie Totenmasken, die Herren des Gerichts mit k\u00fcnstlich verl\u00e4ngerten und durchnummerierten Gesichtern und der Kaiser selbst, wie auch seine beiden Minister, in schwarzen M\u00e4nteln werden von drei golden angemalten J\u00fcnglingen auf fahrbaren Gestellen umhergeschoben. Adelma repr\u00e4sentiert in Hosenanzug, Hemd und Krawatte \u00e0 la Marlene Dietrich das m\u00e4nnliche Prinzip als Kontrast zur geballten Weiblichkeit Turandots, welche gleichzeitig mit zerzausten, wasserstoffblonden Haaren wirkt, als sei bereits am Rande des Wahnsinns.<br \/>\n<strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><br \/>\nDie <strong>Staatskapelle Weimar<\/strong> unter der Leitung von <strong>Martin Hoff<\/strong> spielte gewohnt souver\u00e4n, blieb aber, im Gegensatz zum Geschehen auf der B\u00fchne, etwas eindimensional. Reizvoll arbeite das Orchester vor allem die exotischen Momente, Pentatoniken und Ziegeunertonleitern, heraus. Chor und Ensemble pr\u00e4sentierte sich durchweg von ihrer allerbesten Seite voll schauspielerischem Elan, humoristischen Talent und starken, expressiven Stimmen. Besonders <strong>Frieder Aurich<\/strong> (Truffaldino) und <strong>Renatus M\u00e9sz\u00e1r<\/strong> (Altoum) begeisterten mit ihrer betont komischen Darstellung und bester Textverst\u00e4ndlichkeit in den Sprechszenen. <strong>Sonja M\u00fchleck<\/strong> erf\u00fcllt ihre Turandot dank ihres st\u00e4hlernen Soprans und feurigen Temperaments mit Leben und gekonnter Zweideutigkeit. <strong>Thomas Piffka<\/strong> spielte hingegen aufgesetzt und wollte stimmlich etwas zuviel. Die H\u00f6hen klangen forciert und man dankte der Dramaturgie die Untertitelung trotz Inszenierung mit deutschem Text.<br \/>\n<strong>Fazit<\/strong><br \/>\nEin absolut w\u00fcrdiger Saisonauftakt f\u00fcr das Weimarer Nationaltheater: Gekonnt wurde hier Busonis Kurzoper zur Wiederbelebung der italienischen Commedia dell\u2019arte in den entstehungszeitlichen Kontext von Expressionismus, Dadaismus und in Frage gestellter Sexualit\u00e4t und Geschlechterrollenverteilung gesetzt. Ein fantastisches Konzept. Es war ein berauschender und vor allem witziger erster Teil dieses Doppelopernabends.<\/p>\n<p>Josephin WietschelBild: Anke Neugebauer<br \/>\nDas Bild zeigt: Der versammelte Opernchor (Hofstaat) macht Renatus M\u00e9sz\u00e1r (Altoum) und seinen Minstern Ji-Su Park (Tartaglia) und Philipp Meierh\u00f6fer (Pantalone) seine Aufwartungen.<\/p>\n<p><strong>IL PAGLIACCI<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>von Ruggero Leoncavallo, Drama in 2 Akten, Libretto vom Komponisten<br \/>\nUA: 21. Mai 1892, Mailand<br \/>\nRegie: Lydia Steier; B\u00fchnenbild: Martina Segna; Kost\u00fcme: Ursula Kudrna<br \/>\nDirigent: Martin Hoff, Staatskapelle Weimar, Opernchor des Deutschen Nationaltheaters, Einstudierung: Markus Oppeneiger, Die Ameisenkinder \u2013 Chor des Goethe-Gymnasiums Weimar<br \/>\nSolisten: Pieter Roux (Canio), Jana Havranova (Nedda), Alexander G\u00fcnther (Tonio), Artjom Korotkov (Beppe), Uwe Schenker-Primus (Silvio)<br \/>\nBesuchte Auff\u00fchrung: 12. September 2009 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><br \/>\n<a HREF=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/weimar-bajazzo.jpg\" TITLE=\"weimar-bajazzo.jpg\"><img SRC=\"http:\/\/www.operapoint.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/weimar-bajazzo.jpg\" ALT=\"weimar-bajazzo.jpg\" ALIGN=\"right\" \/><\/a>In einem kleinen italienischen Dorf wird die Ankunft einer Schaustellertruppe gefeiert. Canio, Chef dieser Truppe, l\u00e4dt das Volk zur abendlichen Vorstellung ein. Es soll eine Kom\u00f6die gespielt werden, bei der Pagliaccio von seiner Frau Colombina mit Arlecchino betrogen wird. Canio und Beppe verschwinden in eine Schenke und der Kr\u00fcppel Tonio gesteht Nedda, Canios Ehefrau, seine heimliche Liebe. Diese weist ihn spottend zur\u00fcck. Gekr\u00e4nkt zieht Tonio davon. Kurz darauf erscheint Silvio, Neddas Geliebter. Er \u00fcberredet sie noch am selben Abend mit ihm zu fliehen. Tonio beobachtet sie heimlich und holt Canio herbei. Silvio kann unerkannt entkommen, aber Canio, au\u00dfer sich vor Wut und Eifersucht, fordert den Namen ihres Geliebten. Sie schweigt jedoch. Die Vorstellung beginnt. Canio ertr\u00e4gt die Situation nicht mehr und bricht aus seiner Rolle aus. Wieder fordert er den Namen. Am Ende ersticht er Nedda und den herbei eilenden Silvio auf offener B\u00fchne. Dem Publikum bleibt das Lachen im Halse stecken.<br \/>\n<strong>Auff\u00fchrung<\/strong><br \/>\nRegisseurin Lydia Steier verlegt die Handlung in das Amerika der 50er Jahre. Scheinbar perfekte Familien in pastellfarbenen Einheitskost\u00fcmen mit Baseball spielenden Kindern tummeln sich zu Beginn vor den weihnachtlich geschm\u00fcckten Schaufenstern von \u201ePagliaccio\u2019s\u201c und erwarten die Ankunft des Besitzers dieses Gesch\u00e4ftes, Canio, und dessen perfekte Frau Nedda, die im Jackie-Kennedy-Outfit zeigt. Schon w\u00e4hrend Tonios Avancen dreht sich die B\u00fchne und verlagert die Handlung in den Innenraum. In der Mitte wird eine runde Verkaufstheke von einem riesigen, mit Goldgirlanden geschm\u00fcckter Leuchter erhellt, rechts f\u00fchrt eine Treppe in die Hinterr\u00e4ume des Ladens. Auch die eigentliche Theater-auf-dem-Theater-Szene findet in der Mitte der Theke statt. Pagliaccio\/Canio tritt als Geschenke bringender Weihnachtsmann auf, f\u00fcnf Mitarbeiterinnen in aufreizenden roten Weihnachtsfrauenkost\u00fcmen pr\u00e4sentieren die verschiedenen Produkte des Gesch\u00e4fts und auch Colombina\/Nedda nutzt die Vorstellung als Werbeveranstaltung.<br \/>\n<strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><br \/>\nWie nach der Pause neu erwacht wirkte die <strong>Staatskapelle Weimar<\/strong> unter der Leitung von <strong>Martin Hoff<\/strong>. Transparent und gleichzeitig dynamisch ausdifferenziert spielte das Orchester und bot den Solisten beste Voraussetzungen f\u00fcr ihre stimmlich anspruchsvollen Partien. Vor allem <strong>Jana Havranova<\/strong> als Nedda \u00fcberzeugte sowohl schauspielerisch als auch stimmlich mit ihrer Darstellung der unsicheren und in \u00c4ngsten gefangene Ehefrau, welche krampfhaft versucht, die Fassade ihrer \u201eperfekten\u201c Ehe aufrecht zu erhalten. Sie verf\u00fcgt bei allen schwierigen szenischen Aktionen \u00fcber einen weichen und trotzdem kraftvollen Sopran. Lieblich klang ihre Arie \u201e<em>Stridono lass\u00f9<\/em>\u201c, und sie zeigte au\u00dferdem keine Angst vor veristischem Sprechgesang in den dramatischen Momenten. Auch <strong>Pieter Roux<\/strong> als Canio spielte und sang seine Rolle ausgezeichnet. Grandios wechselte er vom gutm\u00fctigen Spa\u00dfvogel zum vor Eifersucht und Wut amoklaufenden betrogenen Ehemann. Verdienten Szenenapplaus spendete ihm das Publikum nach der ber\u00fchmten Arie \u201e<em>Vesti la giubba<\/em>\u201c. Sein hoher Tenor besitzt den leider immer seltener werdenden Schmelz. <strong>Alexander G\u00fcnther<\/strong> (Tonio) und <strong>Artjom Karatkov<\/strong> (Beppe) stehen schauspielerisch und stimmlich den beiden Hauptdarstellern in nichts nach. Ersterer bot weniger den Eindruck eines verspotteten Kr\u00fcppels als den eines hinterlistigen Jagos mit Bitterkeit und Sarkasmus in der Stimme. Lieblich weich und zart flie\u00dfend klang hingegen der Bariton von <strong>Uwe Schenker-Primus<\/strong> als Silvio, ein Mann der im Gegensatz zu Canio seine Frau auf H\u00e4nden tragen w\u00fcrde. Stimmlich und darstellerisch ein echter Charmeur.<br \/>\n<strong>Fazit<\/strong><br \/>\nAuch hier k\u00f6nnte das Motto der Inszenierung wieder \u201eSchein ist nicht gleich Sein\u201c lauten und bildet somit im Sinne des Gesamtkonzeptes ein perfektes Pendant zu Busonis \u201eTurandot\u201c. Die ungew\u00f6hnliche Verlagerung der Handlung bietet den n\u00f6tigen Spielraum, um den Konflikt weiblicher Abh\u00e4ngigkeit und unterdr\u00fcckter Sexualit\u00e4t heraus zu arbeiten. Dabei steht dabei das Commedia dell\u2019arte-Motiv etwas im Hintergrund. Abgesehen davon w\u00e4re es vielleicht besser gewesen, die Opern in umgekehrter Reihenfolge zu pr\u00e4sentieren, da \u201ePagliacci\u201c im Gegensatz zur dadaistischen \u201eTurandot\u201c Busonis wesentlich ernster und bedr\u00fcckender wirkte.<br \/>\nJosephin Wietschel<\/p>\n<p>Bild: Anke Neugebauer<br \/>\nDas Bild zeigt: Pieter Roux (Canio) als Pagliaccio und Jana Havranova (Nedda) als Colombina<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Ferruccio Busoni, chinesische Fabel in 2 Akten, nach dem Drama von Carlo Graf Gozzi (1764), UA: 11. 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