{"id":7881,"date":"2019-07-28T15:11:16","date_gmt":"2019-07-28T14:11:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7881"},"modified":"2019-09-16T14:38:27","modified_gmt":"2019-09-16T13:38:27","slug":"bayreuth-bayreuther-festspiele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7881","title":{"rendered":"Tannh\u00e4user und der S\u00e4ngerkrieg auf Wartburg &#8211; Bayreuther Festspiele 2019"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Richard Wagner (1813-1883), Gro\u00dfe romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Libretto: R. Wagner, UA: 19. Oktober 1845 Dresden, \u00a0Semperoper, Regie: Tobias Kratzer, B\u00fchne\/Kost\u00fcme: Rainer Sellmaier, Skulpturen Richard Wagners: Ottmar H\u00f6rl<\/p>\n<p>Dirigent: Valery Gergiev, Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele, Choreinstudierung: Eberhard Friedrich<\/p>\n<p>Solisten: Stephen Milling (Landgraf Hermann), Stephen Gould (Tannh\u00e4user), Markus Eiche (Wolfram), Daniel Behle (Walther), Kay Stiefermann (Biterolf), Jorge Rodriguez-Norton (Heinrich), Wilhelm Schwinghammer (Reinmar), Lise Davidsen (Elisabeth), Elena Zhidkova (Venus), Katharina Konradi (Hirt), Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach (Trommler Oscar), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 25. Juli 2019 (Premiere, Dresdener Fassung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Der Minnes\u00e4nger Tannh\u00e4user hat lange Zeit im Venusberg zugebracht, dem legend\u00e4ren Zufluchtsort der Liebesg\u00f6ttin. Tannh\u00e4user verl\u00e4\u00dft sie, als er der erotischen Ekstase \u00fcberdr\u00fcssig wird. Von seinen Freunden und k\u00fcnstlerischen Konkurrenten wird er \u00fcberredet auf die Wartburg zu einem S\u00e4ngerwettstreit zur\u00fcckzukehren. Thema des Wettstreits ist das Wesen der Liebe. Der Preis wird von Elisabeth, der Tochter des th\u00fcringischen Landgrafen, vergeben, die Tannh\u00e4user in Zuneigung ergeben ist. W\u00e4hrend seines Beitrags gesteht Tannh\u00e4user jedoch seinen Aufenthalt im Venusberg, und nur dank des Eintretens Elisabeths darf er sein Leben behalten, unter der Bedingung, nach Rom zu pilgern und f\u00fcr seine Verfehlung beim Papst um Absolution zu bitten. Der aber \u00fcberantwortet Tannh\u00e4user der ewigen Verdammnis, vor der ihn das selbstlose Opfer Elisabeths rettet.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bayreuth-Tannh\u00e4user.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7882\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bayreuth-Tannh\u00e4user.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"438\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bayreuth-Tannh\u00e4user.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bayreuth-Tannh\u00e4user-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die Handlung wird auf zwei Wegen erz\u00e4hlt: einmal als Filmeinblendung und dann als reale Szenerie auf der B\u00fchne. Entweder getrennt voneinander b\u00fchnenf\u00fcllend, oder der Film wird oberhalb der Handlung auf der B\u00fchne eingeblendet.<\/p>\n<p>So wird die Ouvert\u00fcre zum Reisefarbfilm der \u201eNeuen K\u00fcnstlergruppe\u201c des Tannh\u00e4users von der Wartburg \u00fcber eine Burger-King-Filiale zu einem M\u00e4rchenhaus, das als Rastplatz genutzt wird. Die Gruppe besteht neben dem Tannh\u00e4user als Clown aus der Dragqueen \u201eLe Gateau Chocolat\u201c (Schokoladenkuchen), der Aktionsk\u00fcnstlerin Venus und dem Trommler \u201eOscar\u201c mit (aus) der Blechtrommel (Mann, der durch Aussehen und Verhalten eine Frau darstellt.). Aus Geldmangel klauen sie Benzin aus einem Auto, prellen mittels falscher Kreditkarte die Speisenrechnung und \u00fcberfahren auf der Flucht einen Polizisten. Statt Bacchanten-Reigen sieht man das Verspeisen der Beute, bis Tannh\u00e4user im Streit dar\u00fcber die Gruppe verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Tannh\u00e4user trifft seine alten Kollegen vor dem Festspielhaus, der Chor der Pilger zieht als Festspielg\u00e4ste ins Festspielhaus, Tannh\u00e4user wird wieder als Tenor aufgenommen, darf in den S\u00e4ngerkrieg eintreten. Der S\u00e4ngerkrieg findet statt in einer historisierenden Inszenierung im Stile vor \u201eWieland Wagner\u201c. Im Begleitfilm sieht man die ehemalige K\u00fcnstlergruppe Tannh\u00e4users ins Festspielhaus einsteigen. Die Venus verkleidet sich als Edelknabe, greift auch in die Handlung ein, die in einen zu handgreiflichen \u201eS\u00e4ngerkrieg\u201c ausufert. Der Inspizient ruft via Festspielleitung (Katharina Wagner h\u00f6chst selbst), die Polizei. Diese verhaftet aber auf Anklage des Landgrafen <em>Ein furchtbares Verbrechen ward begangen <\/em>nur Tannh\u00e4user \u2013 die Einbrecher stehen als Patchwork-Familie unter der Regenbogenfahne daneben.<\/p>\n<p>Radikaler Szenenwechsel zum dritten Akt: statt Wartburgtal sehen wir einen heruntergekommenen Campingplatz oder Schrottplatz, auf dem das Vehikel der alternativen K\u00fcnstlergruppe vor sich hinrostet. Elisabeth bekommt im Festkost\u00fcm zum Fr\u00fchst\u00fcck in der Blechtrommel Dosenbohnen erw\u00e4rmt. Anstatt Festspielpilger kommt die Wermutbruderschaft, um den Schrott zu pl\u00fcndern. Wolfram schiebt in Tannh\u00e4users Clownskost\u00fcm eine Nummer auf der Liegefl\u00e4che des Wagens mit Elisabeth und singt dann die Strophe <em>An den Abendstern<\/em> als Entschuldigung. Elisabeth ver\u00fcbt Selbstmord. Der heruntergekommene Tannh\u00e4user kehrt heim, verbrennt die Tannh\u00e4userpartitur, Venus versucht ein Werbeplakat zu \u00fcberkleben, Schlu\u00dfchor aus dem dunklen Off, einzig Tannh\u00e4user sitzt neben der blut\u00fcberstr\u00f6mten Elisabeth. Im Film fahren die beiden in den Sonnenuntergang.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Die hohen heldentenoralen Anforderungen an den Tannh\u00e4user in Bayreuth erf\u00fcllt <strong>Stephen Gould<\/strong> wie man sich das im Idealfall vorstellt: Ausdrucksstark, tenoraler Glanz in soliden H\u00f6he, technisch sichere Phrasierung und absolut sichere Spr\u00fcnge die Tonleiter hinauf und herunter. <strong>Lise Davidsen <\/strong>als Elisabeth ist als jugendlich glockenreiner Sopran die richtige Partnerin, so wirkt die Hallenarie und der folgende Dialog mit Tannh\u00e4user entsprechend herzzerrei\u00dfend.<\/p>\n<p>Ihre Gegenspielerin, die Venus der <strong>Elena Zhidkova, <\/strong>ist ein entsprechender Gegensatz, ein eher dramatischer Sopran mit Durchschlagskraft im dynamischen Auftritt mit Wutanfall, auch als Aktionsk\u00fcnstlerin \u00fcberzeugend. <strong>Markus Eiche <\/strong>singt den Wolfram nunmehr in der zweiten Produktion. Er ist immer noch ein wohlt\u00f6nender lyrischer Bariton, aber sein charakteristischer weicher Klang ist in Richtung H\u00e4rte gewandert. <strong>Stephen Milling <\/strong>ist der stimmgewaltige Landgraf, der dezent im Hintergrund guttural bleibt.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen Ritter k\u00f6nnen den S\u00e4ngerkrieg gewinnend gestalten, <strong>Daniel Behle<\/strong> erregt in der Tenorrolle des Walther die meiste Aufmerksamkeit. Noch mehr Aufmerksamkeit erzeugt <strong>Katharina Konradi <\/strong>als Hirt mit klarem, hohem, leuchtendem Sopran.<\/p>\n<p>Etwas auseinanderfallend ist das Dirigat von <strong>Valery Gergiev<\/strong>. Es gibt Probleme in der Abstimmung, besonders mit den Anforderungen der Bayreuther Akustik. Man mu\u00df immer das Gef\u00fchl haben zu schleppen, hat Christian Thielemann einmal betont. H\u00f6rbar wird das bei den drei Strophen an die G\u00f6ttin, die sich Stephen Gould nicht optimal einteilen kann.<\/p>\n<p>Anzumerken ist noch der Auftritt der alternativen K\u00fcnstlergruppe in der ersten Pause am Festspielteich, die Venus malt Plakate, der Trommler <strong>Manni Laudenbach<\/strong> unterst\u00fctzt an der Blechtrommel <strong>Le Gateau Chocolat<\/strong>, der mit einer m\u00e4nnlichen Frauenstimme Aufmerksamkeit erregt, nach seinem Auftritten an der Oper in Melbourne bzw. in \u201ePorgy and Bess\u201c eine technisch saubere Vorstellung abliefert und Elisabeths <em>Hallenarie<\/em> interpretiert.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Es ist keine populistische, sondern eine popul\u00e4re Inszenierung, sie spaltet die Zuh\u00f6rer, provoziert die Fraktion der werkgetreuen Wagnerianer, gef\u00e4llt den Def\u00e4tisten, die ein durch Regieeinf\u00e4lle entstelltes, anderes Werk sehen wollen. Bei \u00fcbergest\u00fclpten Handlungen gibt es immer Probleme im \u00dcbergang: Warum verhaften die Polizisten am Ende des zweiten Aktes den Tannh\u00e4user, aber nicht die Einbrecher und Polizistenm\u00f6rder? Warum hat <strong>Le Gateau Chocolat<\/strong> keinen Gesangsauftritt im legend\u00e4ren Kleid von Grace Bumbry von 1961?<\/p>\n<p>Die Wartburggesellschaft im dritten Akt als heruntergekommene Wertstoffsammler auf dem Schrottplatz der Operngeschichte darzustellen, ist f\u00fcr Wagnerianer eine besondere Provokation. Daher auch der Schlu\u00dfapplaus: Jubel und Ablehnung liegen dicht beieinander. An den S\u00e4ngern gibt es nichts zu bekritteln, Festspielniveau allenthalben. Lediglich das Dirigat von <strong>Valery Gergiev<\/strong> wirkt \u00fcber weite Teile zu spannungsarm, die Ouvert\u00fcre und die Strophen an die G\u00f6ttin des Tannh\u00e4users zu unausgewogen \u2013 was zu Problemen in der Abstimmung f\u00fchrt. Nachdem Gergiev in dieser Saison nur die \u201evertraglich fixierten Termine\u201c wahrnimmt und erst zu den Orchester-Sitz-Proben anwesend war, hat er leider in der kommenden Saison \u201ezeitliche Probleme\u201c. F\u00fcr Ihn \u00fcbernimmt Axel Kober.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Enrico Nawrath<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Tannh\u00e4user (Stephen Gould) und Venus (Elena Zhidkova)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Richard Wagner (1813-1883), Gro\u00dfe romantische Oper in drei Aufz\u00fcgen, Libretto: R. Wagner, UA: 19. 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