{"id":7860,"date":"2019-04-23T09:23:15","date_gmt":"2019-04-23T08:23:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7860"},"modified":"2019-07-23T09:27:03","modified_gmt":"2019-07-23T08:27:03","slug":"erl-tiroler-festspiele-ostern-in-erl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7860","title":{"rendered":"Erl Tiroler Festspiele, Ostern in Erl"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Matth\u00e4us-Passion <\/em><\/strong><\/p>\n<blockquote><p>von Johann Sebastian Bach (1685-1750), oratorische Passion nach dem Evangelium des Matth\u00e4us, erg\u00e4nzt durch Chor\u00e4le und Dichtungen von Picander, UA: 11. April 1727 Leipzig, Thomaskirche<\/p>\n<p>Dirigent: Martin Sieghart, Orchester und Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl, Choreinstudierung: Olga Yanum<\/p>\n<p>Solisten: Maria Novella Malfatti (Sopran), Hermine Haselb\u00f6ck (Alt), Johannes Chum (Evangelist), Hui Jin (Tenor), Werner van Mechelen (Ba\u00df), James Roser (Jesus), Frederik Baldus (Simon Petrus, Judas Ischariot, Hohepriester, Pilatus), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 19. April 2019 (Premiere)<\/p>\n<p><strong><em>Parsifal<\/em><\/strong><\/p>\n<p>von Richard Wagner (1813-1883), B\u00fchnenweihfestspiel in drei Akten, Libretto: Richard Wagner, UA: 26. Juli 1882 Bayreuth, Festspielhaus<\/p>\n<p>Regie: nach Gustav Kuhn, B\u00fchne: Peter Hans Felzmann, Kost\u00fcme: Karin Waltenberger<\/p>\n<p>Dirigent: Michael G\u00fcttler, Orchester und Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl, Choreinstudierung: Olga Yanum<\/p>\n<p>Solisten: Adam Horvath (Amfortas), Manfred Hemm (Titurel), Pavel Kudinov (Gurnemanz), Ferdinand von Bothmer (Parsifal), Frederik Baldus (Klingsor), Nicola Beller Carbone (Kundry), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 20. April 2019 (Wiederaufnahme der \u00dcbertragung ins Festspielhaus)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Die Tiroler Festspiele Erl wurden 1997 von <strong>Gustav Kuhn<\/strong> und Andreas Schett gegr\u00fcndet, die ersten Festspiele begannen 1998 mit <em>Rheingold<\/em>. Gustav Kuhn war der Intendant der Tiroler Festspiele Erl, er pr\u00e4gte die Festspiele ma\u00dfgeblich als Dirigent und Regisseur \u2013 besonders durch die Opern Richard Wagners. Gerade in der Anfangszeit war sein Regiestiel durch schlichte Einfachheit gepr\u00e4gt, war beliebt bei den Gegnern des Regietheaters.<\/p>\n<p><strong>Spielort<\/strong> f\u00fcr Opern ist das Passionsspielhaus, das alle sechs Jahre f\u00fcr die <strong>Passionsspiele<\/strong> ben\u00f6tigt wird und dann nicht zur Verf\u00fcgung steht. Deshalb wurde im Dezember 2012 das <strong>Winterfestspielhaus<\/strong> eingeweiht, das neben einem weiteren Spielort mit einem der gr\u00f6\u00dften Orchestergr\u00e4ben auch Garderoben und Probenr\u00e4ume bereit h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Im Sommer 2013 wurde das Festspielhaus genutzt, w\u00e4hrend im Passionsspielhaus das Jubil\u00e4um <em>400 Jahre Passionsspiele<\/em> begangen wurde. Das Passionsspielhaus verf\u00fcgt \u00fcber keinen Orchestergraben, deshalb sitzt das Orchester und der Chor gestaffelt auf mehreren Podien im Hintergrund der B\u00fchne, w\u00e4hrend der schmale Streifen zwischen Orchester und Zuschauerraum f\u00fcr die halbszenische Darstellung verwendet wird. Insofern kann man nur eingeschr\u00e4nkt von einer Inszenierung sprechen, aber gerade diese Reduzierung auf das Wesentliche, der Zwang schnell auf den Punkt zu kommen und nat\u00fcrlich das Ausbleiben von gr\u00f6\u00dferen Regieeinf\u00e4llen, macht den Charme der Festspiele Erl aus.<\/p>\n<p>Die beiden H\u00e4user stehen auf der gr\u00fcnen Wiese, wie eine Trutzburg an den Hang geklebt. Die Pausengastronomie ist einfach, ein mond\u00e4nes Publikum wie in Salzburg oder Bayreuth findet sich nicht. <em>Hier giltst der Kunst<\/em>! Es kann sogar sein, da\u00df man auf eine Schafherde trifft, wenn man vor die T\u00fcr tritt. Am 31. Juli 2018 mu\u00dfte der Intendant der Tiroler Festspiele Erl Gustav Kuhn sein Amt nach zahlreichen Vorw\u00fcrfen wegen \u201esexueller \u00dcbergriffe\u201c ruhend stellen. Bis zur Kl\u00e4rung wurde vom Pr\u00e4sidenten Hans Peter Haselsteiner Andreas Leisner als interimistischer Leiter eingestellt. Im Oktober 2018 wurde <strong>Bernd Loebe<\/strong> als neuer Intendant pr\u00e4sentiert. Er wird die Leitung ab 1. September 2019 neben der Intendanz der Frankfurter Oper \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Die<strong> Matth\u00e4us-Passion <\/strong>findet bei geschlossenem Orchestergraben auf der Opernb\u00fchne des Festspielhauses statt. Auf den hinteren Reihen stehen auf zwei Chorstufen die beiden Ch\u00f6re, in der Mitte dazwischen die Solisten, davor \u2013 bis zum Zuschauerraum \u2013 ist das Orchester aufgebaut. Die Streicher sitzen in zwei Gruppen, eine links und eine rechts, vor dem Dirigenten. Dahinter links und rechts vom Basso Continuo die Holzbl\u00e4ser. Die wahrlich bewegende Interpretation hat seinen H\u00f6hepunkt in dem Choral <em>Oh Haupt voll Blut und Wunden<\/em>. Eindringlich und gef\u00fchlvoll soll der Choral sein \u2013 so eindringlich wie ihn der Rezensent noch nie erlebt hat. Wahrliches Pianissimo und sehr schnell: <em>Wenn ich einmal soll scheiden<\/em>, aber jede Note genau gespielt, jedes Detail ist h\u00f6rbar und exakt die Abstimmung zwischen <strong>Chor<\/strong> und <strong>Orchester<\/strong>. Das Thema des Mitgef\u00fchls zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. <strong>Martin Sieghart<\/strong> nutzt jede Wiederkehr zu einer aufpeitschenden Publikumsansprache. \u00dcberragend auch das Zusammenspiel des immer auf den Punkt genau pr\u00e4senten Chores mit den Solisten, wo neben dem stimmlich gelenkigen Tenor <strong>Johannes Chum<\/strong> der sehr tief grundierte Ba\u00df <strong>Werner van Mechelen<\/strong> auffiel, mit viel Eloquenz, selbst in den h\u00f6chsten T\u00f6nen. Auch <strong>Hermine Haselb\u00f6ck<\/strong> konnte der Altarie <em>Bu\u00df und Reu<\/em> mit viel Ausdruckskraft den entsprechenden Charakter verleihen, ebenso mit schlanker, dunkel leuchtender Stimme <em>Erbarme mich, mein Gott<\/em>, der vom Kapellmeister begleitet wurde. <strong>Frederik Baldus<\/strong> ist der dienstbare Gestalter in vielen kleineren Nebenrollen.<\/p>\n<p><strong><em>Parsifal<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Erl-Prsifal-Akt2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7861 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Erl-Prsifal-Akt2.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"430\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Erl-Prsifal-Akt2.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Erl-Prsifal-Akt2-300x198.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Auff\u00fchrung, S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste Requisit in der kargen B\u00fchnenausstattung des <strong><em>Parsifal<\/em><\/strong> ist ein gro\u00dfer rechteckiger E\u00dftisch mit einigen St\u00fchlen davor \u2013 sogar mit Tischtuch und E\u00dfgeschirr als Analogie zum letzten Abendmahl. Aus diesem Tisch, aus der Tischplatte, wird sich zur Gralsszene wie eine historische Waschsch\u00fcssel der Gral erheben und auch dorthin wieder entschwinden. Zuvor tritt der Schwan auf, getanzt von einem Ballettsolisten, der kommentierend in das weitere B\u00fchnengeschehen eingreift, ehe er aber erst am Ende den sterbenden Schwan darstellt. Gurnemanz wirkt wie eine Mischung aus Oberlehrer und katholischem Geistlichen \u2013 in einem braunen Mantel mit wei\u00dfem Kragen belehrt er zun\u00e4chst Parsifal, dann sitzt er mit der roten Strickjacke auf der Holzbank. Amfortas wirkt in seinem wei\u00dfen Anzug eher wie ein indischer Guru, die rote Wunde im unteren Bereich zieht er erst am Ende aus der Hose. Klingsor scheint in seinem italienischen Modeanzug ein schleimiger Zuh\u00e4lter zu sein, der mit Kundry auf einer Leiter herumturnt. Parsifal entwickelt sich zu einem Popper mit dunklem Anzug, Kundry von einer heruntergekommenen Latina in Unterw\u00e4sche zu einer mond\u00e4nen Dame von Welt in blau und rot.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4lligste S\u00e4ngerleistung stellte <strong>Pavel Kudinov<\/strong> als Gurnemanz vor \u2013 mit teils gutturalen, teils tiefem geschmeidigen Pathos gestaltete er die Partie sehr \u00f6konomisch und intelligent. Allerdings war die Grenze zum Sprechgesang manchmal erreicht. Insgesamt \u00fcberzeugend ist die Darstellung der Amfortas von <strong>Adam Horvath<\/strong>. Mit guter Textverst\u00e4ndlichkeit konnte er das Leiden des Amfortas in allen seinen Schattierungen darstellen. Die St\u00e4rken der <strong>Nicola Beller Carbone<\/strong> als Kundry liegen eindeutig in den lyrischen Erz\u00e4hlphasen, dramatische expressive Ausbr\u00fcche wie in <em>und lachte<\/em> sind ihre Sache nicht. <strong>Ferdinand von Bothmer<\/strong> in der Titelrolle teilte sich seine Kr\u00e4fte \u00f6konomisch ein und hinterlie\u00df so einen etwas matten Eindruck. <strong>Michael G\u00fcttler<\/strong> gelingt eine strukturierte Darstellung. Nicht nur, da\u00df die Zusammenarbeit zwischen <strong>Chor<\/strong> und <strong>Orchester<\/strong> nahtlos funktioniert. Ihm gelingt es auch die unterschiedlichen Leistungsgr\u00f6\u00dfen der einzelnen Solisten zu einem gro\u00dfen Ganzen zusammenzuf\u00fchren. Er ist eindeutig mehr als nur der Sohn des \u201eTrompetengottes\u201c Professor G\u00fcttler.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Erl ist jedesmal eine Pilgerfahrt aufs Land. Erl steht f\u00fcr einen schn\u00f6rkellosen und werkgetreuen Blick auf das jeweilige Werk. Insofern bildet das Duett aus Tiefreligi\u00f6s und Pseudoreligi\u00f6s einen f\u00fcr Ostern passenden Spannungsmoment. Im Bereich des Orchesters, Chor und musikalischer Leitung befindet man sich durchaus auf Festspielniveau, im Bereich der Solisten sorgt die von Kuhn zementierte Mischung aus Altgedienten und Nachwuchskr\u00e4ften f\u00fcr freudige, aber auch entt\u00e4uschende Momente. Auch hier mu\u00df die Intendanz Loebe neue Wege finden. Die Ansprache des Publikums ist aber durchaus positiv.<\/p>\n<p>Im Winter 2019\/20 wird unter der neuen Intendanz im Bereich Oper <strong><em>Rusalka<\/em><\/strong> von Antonin Dvorak und <strong><em>L&#8217;elisir d&#8217;amore<\/em><\/strong> von Gaetano Donizetti aufgeboten, das Silvesterkonzert soll aus der <em>Walzer-Ecke<\/em> herausgeholt werden und sich eher an den Werken von Dvorak und Smetana orientieren. Einen neuen Chefdirigenten wird es vorerst nicht geben.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Xiomara Bender<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Ferdinand von Bothmer (Parsifal), Blumenm\u00e4dchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matth\u00e4us-Passion von Johann Sebastian Bach (1685-1750), oratorische Passion nach dem Evangelium des Matth\u00e4us, erg\u00e4nzt durch Chor\u00e4le und Dichtungen von Picander, UA: 11. 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