{"id":7802,"date":"2019-05-13T12:38:27","date_gmt":"2019-05-13T11:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7802"},"modified":"2019-05-20T13:50:28","modified_gmt":"2019-05-20T12:50:28","slug":"schlagt-sie-tot-malmoe-oper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7802","title":{"rendered":"Schlagt sie tot! &#8211; Malm\u00f6, Oper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Bo Holten (* 1948), Oper in zwei Akten, Text von Eva Sommestad Holten, ins Deutsche \u00fcbersetzt von Jana Hallberg<\/p>\n<p>Regie: Peter Oskarson, B\u00fchnenbild und Kost\u00fcm: Peter Holm, Licht: Per Sundin, Choreograph: Caroline Lundblad<\/p>\n<p>Dirigent: Patrik Ringborg, Opernorchester Malm\u00f6, Opernchor Malm\u00f6, Leitung: Andr\u00e9 Kellinghaus, Kinderchor der Oper Malm\u00f6, Leitung: Kristina W. Svensson<\/p>\n<p>Solisten: Dietrich Henschel (Martin Luther), Thomas Volle (Philipp Melanchthon), Jakob H\u00f6gstr\u00f6m (Spalatin; Martin Bucer), Reinhard Hagen (Lucas Cranach), Inger Dam-Jensen (Barbara Cranach), Bengt Krantz (Friedrich der Weise; Johannes Oecolampad), Conny Thimander (Landgraf Philipp von Hessen), Stefan Dahlberg (Erasmus von Rotterdam; Huldrych Zwingli), Magnus Loftsson (Andreas Karlstadt), Emma Lyr\u00e9n (Katharina von Bora) u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 11. Mai 2019 (Urauff\u00fchrung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Malm\u00f6-schlagt_sie_tot_7_maj_4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7803\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Malm\u00f6-schlagt_sie_tot_7_maj_4.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Malm\u00f6-schlagt_sie_tot_7_maj_4.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Malm\u00f6-schlagt_sie_tot_7_maj_4-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Handlung der Oper greift zentrale Ereignisse aus dem Leben Martin Luthers auf, beginnend nach dem Anschlag seiner 95 Thesen in Wittenberg und endend mit seinem Tod. Ausgehend von den bekanntesten Texten Luthers wird das Wirken des Reformators wie auch seine Theologie zur Darstellung gebracht. Die Oper beginnt mit einem Gespr\u00e4ch Spalatins mit dem jungen Landgrafen von Hessen \u00fcber den aufsehenerregenden Angriff Luthers auf den Abla\u00dfhandel. Als n\u00e4chstes trifft Spalatin Melanchthon, der von Andreas Karlstadt ins Kollegium der Wittenberger Fakult\u00e4t eingef\u00fchrt wird. Mit seinen Griechischkenntnissen soll er Luther bei der \u00dcbersetzung der Bibel zur Hand gehen. Luther begibt sich in das Atelier Lucas Cranachs, der ihn portraitiert und ihm verspricht, ihm bei der reformatorischen Propaganda behilflich zu sein. Unterdessen ist Karl V. in K\u00f6ln zum Kaiser gew\u00e4hlt worden. Er bittet den bekannten Humanisten Erasmus von Rotterdam zu einer Stellungnahme \u00fcber Luther, der sich angesichts des reformatorischen Eifers Luthers besorgt zeigt. Dessen Gebaren nimmt zunehmend aggressive Z\u00fcge an. In Wittenberg verbrennt er die Bannbulle des Papstes und das kanonische Recht und attackiert Erasmus scharf. Er begibt sich voller Furcht zum Reichstag nach Worms, wo Kaiser Karl V. ihn zum Widerruf seiner Schriften auffordert. Luther weigert sich, wohl wissend, da\u00df er damit den Tod auf dem Scheiterhaufen riskiert. Spalatin entf\u00fchrt Luther auf die Wartburg. Inspiriert von seinen Schriften beginnen Bilderst\u00fcrmer, angef\u00fchrt von Karlstadt, und aufst\u00e4ndische Bauern, angef\u00fchrt von Thomas M\u00fcntzer, die Reformation auf ihre eigene Weise auszulegen. Luther \u00fcberwirft sich mit Karlstadt und beginnt in der Auseinandersetzung mit ihm und Erasmus seine Theologie der Rechtfertigung aus dem Glauben allein sowie seine Schriften \u00fcber die Obrigkeit zu entwickeln. Erz\u00fcrnt von der Zerst\u00f6rung des Zisterzienserinnen-Klosters Helfta in seiner Heimatstadt Eisleben wendet er sich an die M\u00e4chtigen und fordert sie auf, den Bauernaufstand mit aller Gewalt niederzuschlagen. Sie werden abgeschlachtet und Luther reklamiert dies als Erfolg f\u00fcr sich, womit er Spalatin als Freund verliert. Im Atelier Cranachs findet Luther Trost in der Musik. Cranach r\u00e4t ihm, die entlaufene Nonne Katharina von Bora zu heiraten. Der Landgraf von Hessen l\u00e4dt die bekanntesten Reformatoren zum Religionsgespr\u00e4ch nach Marburg ein, um eine geeinte protestantische Front gegen Karl V. zu schmieden. Bucer, Oecolampad, Zwingli, Melanchthon und Luther diskutieren die strittigen Fragen. Eine Einigung scheitert an Luthers starrsinnigem Beharren auf der w\u00f6rtlichen Interpretation der Einsetzungsworte \u2013 \u201eDies <em>ist<\/em> mein Leib\u201c \u2013 und seiner darauf aufbauenden Auffassung des Abendmahls als Sakrament. Viele Jahre sind vergangen. In seinen Tischreden bringt der sp\u00e4te Luther sowohl seine Frau als auch seinen Mitstreiter Melanchthon gegen sich auf. Auch von Cranach hat er sich entfremdet. W\u00e4hrend die kaiserlichen Truppen n\u00e4herr\u00fccken, stirbt er verzweifelt und verbittert. Melanchthon und Philipp von Hessen treffen sich nach der Belagerung Wittenbergs. Sie glauben gescheitert zu sein, auch wenn Luthers Ideen weitergetragen werden.<\/p>\n<p><strong>Libretto und Musik<\/strong><\/p>\n<p>Da es sich um ein neugeschriebenes Werk handelt, sollen Musik und Text kurz beschrieben und kommentiert werden. Die ausgesprochen dichte und reichhaltige Handlung dieser dreist\u00fcndigen Oper baut sowohl auf historischen Ereignissen als auch den originalen Schriften Luthers auf. Urspr\u00fcnglich auf Schwedisch geschrieben wurde der Text ins Deutsche \u00fcbersetzt, wobei der Wortlaut von Luthers Schriften ber\u00fccksichtigt wurde. Die Detailtreue nicht nur der Handlung, sondern auch der theologischen Diskussionen um Luther, die hier aufgegriffen werden, ist imponierend. So wird der reaktive Charakter seiner Theologie, die deshalb kein geschlossenes System bildet, sein symbiotisches Verh\u00e4ltnis mit dem Humanisten Melanchthon, seine Rechtfertigungslehre \u2013 das Herz seiner Theologie \u2013 ausf\u00fchrlich und historisch getreu pr\u00e4sentiert. Was das Libretto bietet, ist eine scharfe Zeichnung des rigorosen und zuweilen fanatischen Charakters Luthers und ein pessimistisches Bild seines Wirkens, mit dem ein Jahrhundert verheerender Konfessionskriege \u00fcber Deutschland anbrach. Darin wie auch in dem kraftvollen Gestus der Musik befindet sich das St\u00fcck in der Tradition der franz\u00f6sischen Gro\u00dfen Oper, die historische Stoffe verarbeitete und oft von zerst\u00f6rerischen gesellschaftlichen Umst\u00fcrze handelte.<\/p>\n<p>Wie der Text baut auch die Musik auf originalen zeitgen\u00f6ssischen Quellen auf, genauer gesagt: auf von Luther komponierten Chor\u00e4len. Oft ist der Choral \u201eAus tiefer Not schrei ich zu dir\u201c zu identifizieren, doch wird das Material st\u00e4ndig variiert, so da\u00df deutlich herausgestellte Zitate eher selten sind. Dennoch ist der h\u00e4ufig polyphone Satz nahezu st\u00e4ndig von Motiven aus Luthers Chor\u00e4len durchzogen. Klanglich erinnert der Orchestersatz stellenweise an den ebenfalls von der Musik der Renaissance inspirierten Ton von Pfitzners <em>Palestrina<\/em>, doch gibt es auch kraftvolle Bl\u00e4sers\u00e4tze und wuchtige Akzente, die den S\u00e4ngern viel Energie abverlangen. F\u00fcr eine zeitgen\u00f6ssische Oper klingt das St\u00fcck insgesamt sehr \u00fcppig instrumentiert und quasi tonal. Regelrechte Arien kommen nicht vor, sondern der Text wird eher deklamatorisch vorgetragen, ohne viele Wort- und Verswiederholungen.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Wie Text und Musik auch h\u00e4lt sich die szenische Gestaltung eng an die zeitgen\u00f6ssischen historischen Vorbilder. Alle Personen sind so kost\u00fcmiert wie auf den ber\u00fchmten Portraits Cranachs d.\u00c4., die auch in den Szenen in seinem Atelier zu sehen sind. Die Szene hat architektonisch Renaissancegepr\u00e4ge und die bunte Handlung mit ihren vielen Schauplatzwechseln wird sorgf\u00e4ltig und minuti\u00f6s in Szene gesetzt. Es gibt viel Bewegung auf der Szene, entweder in Gestalt des Chores oder stummer T\u00e4nzer, die Bilder, Requisiten und M\u00f6bel st\u00e4ndig heraus- und hereintragen. Der einzige nicht-historisierende Einschlag in dieser Inszenierung ist der bisweilen zu sehende japanische Butoh-Tanz.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das Orchester unter <strong>Patrik Ringborg<\/strong> trug die Musik zupackend und kraftvoll vor. Gegen den recht kompakten Orchestersatz hatten sich die zumeist tiefen m\u00e4nnlichen Solisten den Abend \u00fcber zu behaupten. Das gelang <strong>Dietrich Hentschel<\/strong> in der Titelrolle recht gut. Er hat hier eine Herkulesaufgabe vor sich, denn Luther ist in fast allen Szenen auf der B\u00fchne anwesend und hat, entsprechend der bisweilen an das Cholerische grenzenden Charakterisierung dieser Rolle, auch kaum leise oder ruhige Passagen zu singen. Darstellerisch f\u00fcllte er seine Rolle voll aus, stimmlich bewegt er sich jedoch an der Grenze des noch Machbaren. <strong>Thomas Volle<\/strong> (Philipp Melanchthon),<strong> Jakob H\u00f6gstr\u00f6m <\/strong>als Spalatin und <strong>Reinhard Hagen <\/strong>(Lucas Cranach) kamen stimmlich besser zur Geltung, auch weil ihre Parts etwas dankbarer geschrieben sind. <strong>Stefan Dahlberg <\/strong>(Erasmus von Rotterdam; Huldrych Zwingli) hat die meisten der eher sp\u00e4rlich verteilten tenoralen Glanzpunkte der Partitur zu singen und gestaltete sie tadellos. Schlie\u00dflich ist noch der Chor zu erw\u00e4hnen, der musikalisch und darstellerisch souver\u00e4n auftrat.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Oper sind ein paar S\u00e4tze aus dem lutherischen Katechismus vorangestellt, denen zufolge das St\u00fcck sich an die \u201eKinder und Einf\u00e4ltigen\u201c wende. Tats\u00e4chlich handelt es sich bei dieser Oper um einen historisch und theologisch zuverl\u00e4ssigen Lehrgang in Reformationsgeschichte oder vielmehr um das musiktheatralische Analogon zu einem Dokumentarfilm. Die Detailtreue von Musik, Text und Inszenierung ist bewundernswert. Wer sich mit dem Repertoire des lutherischen Gesangbuches auskennt, wird an der klanglich ansprechenden und handwerklich gediegenen Partitur seine Freude haben. Wer sich bisher noch nicht mit dieser Epoche gewaltiger und gewaltt\u00e4tiger Umbr\u00fcche besch\u00e4ftigt hat, kann sich einfach von dem Strom starker Bilder und sch\u00f6ner Kl\u00e4nge fortrei\u00dfen lassen und nebenbei viel \u00fcber diesen wichtigen Einschnitt in der europ\u00e4ischen Geschichte lernen. Den Autoren und Auff\u00fchrenden ist das Kunstst\u00fcck gelungen, eine Masse historischer Ereignisse in eine Form zu bringen, die den Gegenstand differenziert und k\u00fcnstlerisch ansprechend zugleich werden l\u00e4\u00dft. Ein in jeder Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnliches Opernprojekt, \u00e4sthetisch und p\u00e4dagogisch rundum gelungen.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Jonas Persson<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Dietrich Henschel (Martin Luther); Inger Dam Jensen (Barbara Cranach); Reinhard Hagen(Lucas Cranach)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Bo Holten (* 1948), Oper in zwei Akten, Text von Eva Sommestad Holten, ins Deutsche \u00fcbersetzt von Jana Hallberg Regie: Peter Oskarson, B\u00fchnenbild und Kost\u00fcm: Peter Holm, Licht: Per Sundin, Choreograph: Caroline Lundblad Dirigent: Patrik Ringborg, Opernorchester Malm\u00f6, Opernchor<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7802\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7803,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[278,1],"tags":[],"class_list":["post-7802","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-malmoe-oper","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7802"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7806,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7802\/revisions\/7806"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7803"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}