{"id":7724,"date":"2019-03-11T16:20:36","date_gmt":"2019-03-11T15:20:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7724"},"modified":"2019-03-12T17:19:30","modified_gmt":"2019-03-12T16:19:30","slug":"babylon-berlin-staatsoper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7724","title":{"rendered":"Babylon &#8211; Berlin, Staatsoper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von J\u00f6rg Widmann (* 1973), Oper in sieben Bildern, Libretto: Peter Sloterdijk<\/p>\n<p>Inszenierung: Andreas Kriegenburg, B\u00fchnenbild: Harald Thor, Kost\u00fcme: Tanja Hofmann, Licht: Olaf Freese, Video: Robert Pflanz, Choreographie: Zenta Haerter, Dramaturgie: Roman Reeger<\/p>\n<p>Dirigent: Christopher Ward, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor, Einstudierung: Martin Wright und Anna Milukova<\/p>\n<p>Solisten: Susanne Elmark (Inanna), Mojca Erdmann (die Seele), Charles Workman (Tammu), John Tomlinson (der Priesterk\u00f6nig), Marina Prudenskaya (der Euphrat), Andrew Watts (der Skorpionmensch), Otto Katzameier (der Tod), Felix von Manteuffel (Ezechiel, Sprechrolle), Arne Niermann (der Bote, ein Kind)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 9. M\u00e4rz 2019 (Urauff\u00fchrung der revidierten Fassung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Berlin-Babylon.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7725\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Berlin-Babylon.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Berlin-Babylon.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Berlin-Babylon-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Handlung spielt zur Zeit des babylonischen Exils des Volkes Israel. Zu Beginn verflucht der Skorpionmensch auf den Tr\u00fcmmern einer antiken Stadt die st\u00e4dtische Zivilisation. Tammu, der Bruder der Seele, ist Jude und begehrt die Priesterin Inanna, die die babylonische G\u00f6ttin der Lust verk\u00f6rpert. Sie gibt ihm eine Droge, die ihm im Traum das Wesen der Stadt und der Liebe zeigen soll. Sein Traum zeigt ihm die babylonische Sintflut, in der der Euphrat die Stadt zerst\u00f6rte und den Aufstieg des Priesterk\u00f6nigs, der den Flu\u00df mit einem j\u00e4hrlichen Menschenopfer z\u00e4hmt. W\u00e4hrend die Babylonier ein orgiastisches Fest feiern, beginnen die Juden mit der Niederschrift des Alten Testamentes. Der Prophet Ezechiel diktiert die Offenbarungen, die er empfangen hat. Unterdessen wird verk\u00fcndet, da\u00df es in diesem Jahr Tammu ist, den man den G\u00f6ttern opfern wird. W\u00e4hrend das Opfer vollzogen wird, beginnen die Juden aufzubegehren. Inanna begibt sich in die Unterwelt zu der Schwester Tod und erwirkt die R\u00fcckkehr Tammus ins Leben. Die Vereinigung von Tammu in Inanna besiegelt einen neuen Bund zwischen Himmel und Erde. Die Seele l\u00f6st sich in Licht auf. Im Schlu\u00dfbild sticht sich der Skorpionmensch selber und zwei Kinder singen einen Abz\u00e4hlreim.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das versenkbare B\u00fchnenbild zeigt d\u00fcstere G\u00e4nge und Hohlr\u00e4ume einer unterirdischen Stadt. Au\u00dfer den authentischen Kost\u00fcmen der Juden mit Kippa und Gebetsmantel sind die Kost\u00fcme individuell und fantastisch frei, d.h. sie nehmen keine historischen Vorbilder auf. Ein gewisser Hang zum \u201aTrashigen\u2018 ist nicht zu verkennen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Kost\u00fcme der Schwester Tod und die vielen stummen Komparsen und Choristen, die die senkrechte Szene bev\u00f6lkern. Trotz der vorherrschenden Dunkelheit auf der B\u00fchne bleibt ein farbiger und abwechslungsreicher Gesamteindruck. Am eindrucksvollsten war das wabernde Kost\u00fcm des Euphrat. Viele Regieanweisungen des Librettos, das u.a. apokalyptische Meteoritenschauer auf der B\u00fchne vorsieht, bleiben unber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Zwar ist das Werk nicht ganz neu \u2013 die Urauff\u00fchrung erfolgte bereits 2012 in M\u00fcnchen \u2013, aber auf Anraten Daniel Barenboims hat der Komponist J\u00f6rg Widmann seine Oper einer umfangreichen \u00dcberarbeitung unterzogen, die nicht nur die Musik, sondern auch die Handlung ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p><em>Die Babylon!<\/em>-Chors\u00e4tze sind Widmanns <em>Messe f\u00fcr gro\u00dfes Orchester<\/em> von 2005 entnommen.<\/p>\n<p>Was seine Partitur auszeichnet ist ein ausgesprochen unberechenbarer Stilpluralismus. Jederzeit \u2013 und zwar vorzugsweise am Ende der sieben Bilder \u2013 kann die Musik unmittelbar von sch\u00e4rfsten Dissonanzen in einen ausgesprochen populistischen Stil kippen, der mitunter an Musicalmelodien oder sp\u00e4tromantisch instrumentierte kontrapunktische Studien erinnert, z.B. bei den Zwieges\u00e4ngen von Inanna und Tammu. Auch ein Bierzeltmarsch kommt in der Orgie im 3. Bild vor.<\/p>\n<p>Ein weiteres Charakteristikum der Partitur ist die sehr hohe Lage der Partien von Solisten und Choristen und die \u00fcber weite Strecken enorme Lautst\u00e4rke. Widmanns virtuose F\u00e4higkeiten als Orchestrator kommen ihm hierbei zugute. Auch elektronische Musik kommt am Ende vor. Bei dieser Gelegenheit kam das neue 3D-Soundsystem der Staatsoper zum Einsatz, das es erlaubt, Kl\u00e4nge in alle Richtungen durch den Zuschauerraum zu schicken, unabh\u00e4ngig davon, wo sich der Sitzplatz des H\u00f6rers befindet.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr beinahe s\u00e4mtliche S\u00e4nger ist, da\u00df sie nicht nur zu singen, sondern auch zu sprechen und dazwischen in unterschiedlichen Graden zwischen Singen und Sprechen zu modulieren haben. An einigen Stellen ist z.B. laut zu fl\u00fcstern, solo und im Ensemble. Die Aussprache aller S\u00e4nger ist sehr deutlich.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Die Staatskapelle Berlin unter <strong>Christopher Ward<\/strong> spielt an diesem Abend mit verst\u00e4rktem Schlagwerk. Auch von den Instrumentalisten verlangt die Partitur nicht selten das Spiel in extrem hohen Lagen. Die oft stark kontrastierenden Klangbl\u00f6cke \u2013 auf einen dissonant-grellen H\u00f6hepunkt mit viel Schlagwerk folgt mitunter eine strahlende, tonale Akkordreihe oder ein ged\u00e4mpfter, warmer Klang \u2013 werden souver\u00e4n miteinander verbunden. S\u00e4mtliche weibliche Hauptpartien \u2013 <strong>Susanne Elmark<\/strong> (Inanna), <strong>Mojca Erdmann<\/strong> (die Seele) und Marina Prudenskaya \u2013 leisten Au\u00dferordentliches. Das darstellerische Spiel von <strong>Marina Prudenskaya<\/strong> (der Euphrat)in ihrer langen Arie \u00fcber die Flut war beeindruckend. Neben ihr machte <strong>Otto Katzameier<\/strong> in seiner Rolle als seiner Aufgabe \u00fcberdr\u00fcssiger Tod darstellerisch die beste Figur. <strong>John Tomlinson<\/strong> gab einen w\u00fcrdevollen Priesterk\u00f6nig und tat sich mit seinem detailliert ausgearbeiteten Wortvortrag hervor. Charles Workman als <strong>Tammu<\/strong> hat eine Tenorpartie zu bew\u00e4ltigen, die sich oft in unbequemen Lagen bewegt, was ihm gelang, auch wenn er die Anstrengung der Lagenwechsel ins h\u00f6chste Register nicht ganz kaschieren konnte. Hervorzuheben ist die s\u00e4ngerische Leistung des Knabensoprans <strong>Arne Niermann<\/strong> (der Bote, ein Kind). Der Part des alttestamentlichen Propheten Ezechiel ist eine teilweise melodramatische Sprechrolle, die <strong>Felix von Manteuffel<\/strong> kraftvoll und ausdrucksstark vortrug. Der Umstand, da\u00df die Szene nur eine kleine Fl\u00e4che in der Horizontale ausf\u00fcllte und die S\u00e4nger statt dessen \u00fcbereinander positioniert waren, erleichterte die Wiedergabe der oft lauten Chorpassagen und verlieh ihnen noch mehr Wucht. Der Staatsopernchor leistete hier ganze Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum war von dieser Oper sichtlich angetan. Das mag erstaunlich anmuten angesichts der Tatsache, da\u00df Musik und Text nicht unbedingt leicht zug\u00e4nglich sind. Die allegorische Handlung, die sich aus einer F\u00fclle von biblischen und mythologischen Motiven speist, ist von Sloterdijk recht statisch dramatisiert worden. Regelrechte Dialoge oder dramatische Entwicklungen kommen nicht vor, und das Werk Widmanns gleicht dann auch mehr einem Oratorium als einer Oper.<\/p>\n<p>Die Regie kam dem entgegen, indem beinahe den ganzen Abend frontal ins Publikum hineingesungen wurde wie in einem Konzert. Widmanns Musik will \u00fcberw\u00e4ltigen und bietet eine F\u00fclle an kraftvollen Kl\u00e4ngen. F\u00fcr diese Produktion konnten S\u00e4nger gewonnen werden, die \u00fcber die mitunter langen musikalischen Strecken zu tragen verm\u00f6gen und die darstellerisch in ihren Rollen aufgehen. Den Zuschauer erwartet wie die Hauptfigur Tammu eine traumhafte, aufw\u00fchlende musikalische Reise, in welcher humoristische Einschl\u00e4ge genauso ihren Platz haben wie den Kitsch streifendes Pathos. Sicherlich kein Werk f\u00fcr jedermann, aber, sofern man sich darauf einzulassen bereit ist, musikalisch sehr stark.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Arno Declair<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Otto Katzameier (Der Tod) und Ensemble<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von J\u00f6rg Widmann (* 1973), Oper in sieben Bildern, Libretto: Peter Sloterdijk Inszenierung: Andreas Kriegenburg, B\u00fchnenbild: Harald Thor, Kost\u00fcme: Tanja Hofmann, Licht: Olaf Freese, Video: Robert Pflanz, Choreographie: Zenta Haerter, Dramaturgie: Roman Reeger Dirigent: Christopher Ward, Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor, Einstudierung:<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7724\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7725,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-7724","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7724","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7724"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7724\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7726,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7724\/revisions\/7726"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7725"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}