{"id":7705,"date":"2019-01-15T16:57:43","date_gmt":"2019-01-15T15:57:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7705"},"modified":"2019-01-15T16:59:58","modified_gmt":"2019-01-15T15:59:58","slug":"violetter-schnee-berlin-staatsoper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7705","title":{"rendered":"Violetter Schnee &#8211; Berlin, Staatsoper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Beat Furrer (* 1954), Oper in vier Episoden und 34 Szenen, Libretto: H\u00e4ndl Klaus nach einer Vorlage von Vladimir Sorokin in der \u00dcbersetzung von Dorothea Trottenberg<\/p>\n<p>Regie: Claus Guth, B\u00fchnenbild: \u00c9tienne Pluss, Kost\u00fcme: Ursula Kudrna, Licht: Olaf Freese, Video: Arian Andiel, Dramaturgie: Yvonne Gebauer und Roman Reeger<\/p>\n<p>Dirigent: Matthias Pintscher, Staatskapelle Berlin, <em>Vocalconsort Berlin<\/em><\/p>\n<p>Solisten: Anna Prohaska (Silvia), Elsa Dreisig (Natascha), Gyula Orendt (Jan), Georg Nigl (Peter), Otto Katzameier (Jacques), Martina Gedeck (Tanja, Sprechrolle)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 13. Januar 2019 (Urauff\u00fchrung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Berlin-Violetter-Schnee.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7706\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Berlin-Violetter-Schnee.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"417\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Berlin-Violetter-Schnee.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Berlin-Violetter-Schnee-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Handlung entfaltet sich in einer apokalyptischen Umgebung. Es schneit ununterbrochen. F\u00fcnf Menschen sind vom Schnee eingeschlossen und ein Ende des Schneefalls ist nicht in Sicht. Sie geben sich ihren Betrachtungen und Tr\u00e4umen hin, die oft, wie im Falle Jacques, der sich und die anderem dem v\u00f6lligen Nichts gegen\u00fcberstehen sieht, von Sprach- und Hoffnungslosigkeit gepr\u00e4gt sind. Tanja erscheint und wird aufgenommen. Die Gruppe zerf\u00e4llt zusehends. Gespr\u00e4che oder regelrechte Dialoge finden kaum statt, w\u00e4hrend der Schnee immer weiter f\u00e4llt. Als am Ende die Sonne aufgeht und ihr Licht den Schnee violett f\u00e4rbt finden sich alle in einer ihnen fremden Welt wieder und die Gruppe verschwindet.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Das B\u00fchnenbild ist in zwei Ebenen unterteilt. Es gibt ein Zimmer mit langen Treppen, das in den B\u00fchnenboden versenkt wird und dann den Blick auf die Oberfl\u00e4che freigibt. Beide Schaupl\u00e4tze werden st\u00e4ndig leicht ver\u00e4ndert. Das Zimmer ist der Raum f\u00fcr die Protagonisten, an der Oberfl\u00e4che befinden sich neben ihnen viele Statisten im Schnee. Ein Bild, auf das auch das Libretto verweist und das in verschiedenen Formen immer wieder aufgegriffen wird, ist Pieter Bruegels Gem\u00e4lde <em>Die J\u00e4ger im Schnee<\/em> von 1565. Es erscheint als Gem\u00e4lde auf der B\u00fchne, als gro\u00dfe Videoprojektion und als Lebendes Bild: Figuren, die auf Bruegels Bild zu sehen sind, schreiten langsam von links nach rechts \u00fcber die B\u00fchne. Die \u00fcbrigen stummen Figuren sind oft nur schemenhaft auszumachen. Neben dem Schneegest\u00f6ber f\u00fcllt n\u00e4chtliches Dunkel die B\u00fchne bis zum Ende. Die langen Treppen, die das unterirdische Zimmer mit der Welt an der Oberfl\u00e4che verbinden, und die sp\u00e4rlich beleuchteten Szenen im Schnee haben ein surreales Gepr\u00e4ge.<\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung zur Musik<\/strong><\/p>\n<p>Da es sich hier um ein neugeschriebenes Werk handelt, sind ein paar Worte \u00fcber die Musik vonn\u00f6ten, um die Leistungen von S\u00e4ngern und Orchester angemessen beschreiben zu k\u00f6nnen. Furrers Musik hat eine wichtige Gemeinsamkeit mit dem Libretto: beide sind, wenn man das so kurz auf einen Nenner bringen darf, nicht vektoriell, also nicht auf einen bestimmten Punkt ausgerichtet, sondern kreisend angelegt; der Anfang der Oper wird textlich und musikalisch mehrfach am Ende wieder aufgenommen und gibt ihr so eine zyklische Gestalt. Der Text des Librettos besteht aus Andeutungen, einzelnen Worten und unvollst\u00e4ndigen S\u00e4tzen \u2013 ein wenig wie im Theater des Symbolismus \u2013 und auch eine konventionelle Handlung gibt es nicht. Statt dessen werden seelische Zust\u00e4nde ausf\u00fchrlich beschrieben, und zwar zumeist in Form von Monologen, die oft nur eine Handvoll W\u00f6rter wiederholen.<\/p>\n<p>Furrers Musik entspricht dem Text strukturell in mehrfacher Hinsicht: sie hat keine langen Melodien, die ja zielgerichtet sind, und keine festen Rhythmen, die eine Bewegung in eine bestimmte Richtung suggerieren k\u00f6nnen. Sie ist am besten als eine Aneinanderreihung von Kl\u00e4ngen zu beschreiben, die in allen Farben schillern. Die instrumentalen Klangfarben werden st\u00e4ndig ineinander \u00fcbergeblendet und bilden so kompakte harmonische Gebilde. Die Abst\u00e4nde zwischen den T\u00f6nen sind mitunter kleiner als ein Halbton, h\u00e4ufig sind Glissandi vorgeschrieben und neben unkonventionellen Spieltechniken kommen etliche Schlaginstrumente und ein Akkordeon zum Einsatz, die das Klangbild bereichern. Der Orchestersatz baut phasenweise stehende, aber im Detailniveau stets sich ver\u00e4ndernde Klangfl\u00e4chen auf. Darin \u00e4hnelt er der sogenannten <em>Spektralmusik<\/em>. Die S\u00e4nger haben ihren Text nicht auf kantable Melodien zu singen, sondern tragen ihn in kurzen, oft abhackten Phrasen vor.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Die Staatskapelle Berlin unter <strong>Matthias Pintscher<\/strong> gab die harmonisch-klanglich virtuose Partitur mit ihren langen Spannungsb\u00f6gen und ihren schnellen L\u00e4ufen (etwa am Beginn) ohne erkennbare Schwierigkeiten wieder. Das Orchester steht musikalisch die gesamte Oper hinweg im Mittelpunkt des Geschehens. Von den Solisten stachen am meisten der Ba\u00dfbariton <strong>Otto Katzameier <\/strong>in der Rolle des Jacques und <strong>Martina Gedeck<\/strong> in der Sprechrolle der Tanja hervor, die ihre Verse rhythmisch genau in den komplexen Instrumentalkl\u00e4nge zu plazieren hat. Sie wurde \u2013 wie wohl auch Katzameier in einigen tiefen, leisen Gesangspassagen \u2013 elektronisch verst\u00e4rkt. Die \u00fcbrigen Partien verlangen Sicherheit in der Tongebung und Intonation, enthalten aber keine spektakul\u00e4ren Passagen, die den S\u00e4ngern Gelegenheit geben w\u00fcrden, stimmlich zu brillieren.<\/p>\n<p>Auch schauspielerisch besteht angesichts der eher kurzen Ans\u00e4tze einer Handlung und der langen Betrachtungen der Protagonisten wenig M\u00f6glichkeit daf\u00fcr. Beeindruckend ist die Sicherheit der S\u00e4nger in ihren Partien mit den schwer zu memorierenden Versen und kurzen Melodieversatzst\u00fccken. Das <em>Vocalconsort Berlin<\/em>, ein Projektchor, bleibt w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung unsichtbar. Sein Part verschmilzt zu Beginn vollkommen mit dem Orchestersatz. Am Ende, in der vierten Episode, tritt er mit einem lateinischen Chorsatz in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Was s\u00e4mtlichen Musikern gelingt, ist diese etwa eine und dreiviertel Stunden lange Oper mit ihrer r\u00e4tselhaften, verst\u00f6renden Handlung \u00fcber die gesamte L\u00e4nge hinweg mit h\u00f6chster Spannung vorzutragen, die sich auch auf die Zuschauer \u00fcbertrug. Die Konzentration aller Beteiligten vor und auf der B\u00fchne war vor allem bei den fast unh\u00f6rbar leisen Stellen mit H\u00e4nden zu greifen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Furrers neueste Oper ist sicherlich keine leichte Kost. Die Unbestimmtheit des Librettos \u00fcberl\u00e4\u00dft es dem Zuschauer, ob man das St\u00fcck als einen bedr\u00fcckenden Alptraum, eine eingehende psychologische Schilderung von Hoffnungslosigkeit und Resignation oder wom\u00f6glich sogar als eine politische Parabel \u00fcber den Verlust von Sprache und Dialog verstehen will. Der Regisseur <strong>Claus Guth<\/strong> l\u00e4\u00dft diese Vieldeutigkeit bestehen und versieht die Oper mit eindr\u00fccklichen Bildern. Es erwartet einen sicherlich kein heiterer Abend, wenn man diese Auff\u00fchrung sieht, sondern eine starke musiktheatralische Erfahrung, in der Musik, Text und B\u00fchnenbild eine unaufl\u00f6sbare Einheit bilden. Das St\u00fcck zu sehen und zu h\u00f6ren verlangt Konzentration. Wenn man dazu bereit ist, lassen sich in der Unmenge von Kl\u00e4ngen Momente von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit ausmachen, die im transparenten Zusammenspiel von S\u00e4ngern und Orchester fl\u00fcchtig aufscheinen.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild:Monika Rittershaus<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Gyula Orendt (Jan), Anna Prohaska (Silvia), Georg Nigl (Peter) und Ensemble<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Beat Furrer (* 1954), Oper in vier Episoden und 34 Szenen, Libretto: H\u00e4ndl Klaus nach einer Vorlage von Vladimir Sorokin in der \u00dcbersetzung von Dorothea Trottenberg Regie: Claus Guth, B\u00fchnenbild: \u00c9tienne Pluss, Kost\u00fcme: Ursula Kudrna, Licht: Olaf Freese, Video:<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7705\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7706,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24,1],"tags":[],"class_list":["post-7705","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berlin-staatsoper-unter-den-linden","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7705","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7705"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7709,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7705\/revisions\/7709"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7706"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}