{"id":7427,"date":"2018-03-24T21:45:35","date_gmt":"2018-03-24T20:45:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7427"},"modified":"2018-03-28T17:29:39","modified_gmt":"2018-03-28T16:29:39","slug":"the-exterminating-angel-der-wuergeengel-kopenhagen-koenigliche-oper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7427","title":{"rendered":"The Exterminating Angel- Der W\u00fcrgeengel &#8211; Kopenhagen, K\u00f6nigliche Oper"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Thomas Ad\u00e8s (*1971), Oper in drei Akten, Libretto: Tom Cairns in Zusammenarbeit mit dem Komponisten nach einem Manuskript von Luis Bu\u00f1uel und Luis Alcoriza, UA: 28. Juli 2016 Salzburg<\/p>\n<p>Regie: Tom Cairns, B\u00fchne\/Kost\u00fcme: Hildegard Bechtler, Licht: Tim Deiling, Video: Tal Yarden, Choreographie: Jonathan Lunn<\/p>\n<p>Dirigent: Robert Houssart, K\u00f6nigliche d\u00e4nische Hofkapelle und Chor der Oper Kopenhagen, Einstudierung: Steven Moore<\/p>\n<p>Solisten: Gert Henning-Jensen (Edmundo de Nobile), Sin\u00e9ad Mulhern (Lucia de Nobile), Kerstin Avemo (Leticia), Randi Stene (Leonora), Sine Bundgaard (Silvia), Hanne Fischer (Blanca), Sofie Elkj\u00e6r Jensen (Beatriz), Paul Curievici (Ra\u00fal). Jens S\u00f8ndergaard (Oberst \u00c1lvaro G\u00f3mez), Morten Grove Frandsen (Francisco), Alexander Sprague (Eduardo), Simon Wilding (Russel), Wyn Pencarreg (Roc), Sten Byriel (Doktor Carlos Conde) u.v.a.<\/p>\n<p>(Ko-Produktion mit den Salzburger Festpielen, der Metropolitan Opera New York und dem Royal Opera House Covent Garden)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 23. M\u00e4rz 2018 (d\u00e4nische Erstauff\u00fchrung)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Kopenhagen-Exterminating.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7428\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Kopenhagen-Exterminating.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Kopenhagen-Exterminating.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Kopenhagen-Exterminating-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Handlung spielt in den 1960er Jahren. In ihrem Anwesen in Calle de la Providencia haben Edmundo und Lucia de Nobile viele G\u00e4ste. Unter ihnen sind etliche Musiker, u.a. der Dirigent Roc, dessen Frau Blanca, eine Pianistin, und die Operns\u00e4ngerin Leticia. Kurz vor dem Empfang hat beinahe das gesamte Personal eilig das Haus verlassen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Feier wird Musik dargeboten von der Pianistin Blanca, die ein St\u00fcck des Komponisten Paradiso spielt. Als auch Leticia um eine Gesangsdarbietung gebeten wird, winkt der Hausherr ab. Der Empfang zieht sich in die L\u00e4nge bis in die fr\u00fchen Morgenstunden und de Nobile bietet allen G\u00e4sten an, in seinem Haus zu \u00fcbernachten. Das Angebot wird dankbar angenommen, und alle begeben sich an Ort und Stelle zur Ruhe.<\/p>\n<p>Doch am n\u00e4chsten Morgen gehen eigenartige Dinge vor sich: Die Gesellschaft stellt fest, da\u00df niemand imstande ist, das Zimmer zu verlassen. Auch von au\u00dfen vermag niemand hereinzukommen. Nach mehreren Wochen macht sich unter den Eingeschlossen eine zunehmende physische und moralische Verkommenheit bemerkbar. Der Oberst \u00c1lvaro G\u00f3mez versucht z.B. Leticia zu vergewaltigen und die Leichen der Verstorbenen stapeln sich im Zimmer. Kurz bevor man beginnt, sich gegenseitig umzubringen, hat Leticia die rettende Idee: man stellt den Abend des Empfangs wieder nach mit denselben Dialogen und dem Musikst\u00fcck, das dargeboten wurde. Sie singt eine Arie und der Zauber ist gebrochen.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend das Publikum die Pl\u00e4tze einnimmt, beginnt die Handlung. Glockengel\u00e4ut begleitet zwei Sch\u00e4fer und drei (echte!) Schafe auf der B\u00fchne. Die S\u00e4nger tragen eine festliche Abendgarderobe. Trotz des Einsatzes von Videos, Schleiern, Drehb\u00fchne und weiteren technischen Finessen bleibt die Szenengestaltung abstrakt. Es ist oft viel Bewegung auf der B\u00fchne und die zahlreichen Aktionen werden sicher gespielt. Beleuchtung, Personenregie, Choreographie und Effekte sind minuti\u00f6s auf die Musik abgestimmt.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum wurde vor Vorstellungsbeginn dar\u00fcber informiert, da\u00df <strong>Sin\u00e9ad Mulhern<\/strong> (Lucia de Nobile) und <strong>Wyn Pencarreg <\/strong>(Roc) kurzfristig f\u00fcr zwei erkrankte S\u00e4nger der Kopenhagener Oper einspringen mu\u00dften. Das h\u00e4tte man ohne diese Information so nicht bemerkt, so sicher trugen beide ihre Parts vor, sowohl musikalisch als auch darstellerisch.<\/p>\n<p>Es ist schwer, unter den zahlreichen Charakteren, die die B\u00fchne in diesem St\u00fcck bev\u00f6lkern, die Hauptfiguren auszumachen. Edmundo de Nobile, gesungen von <strong>Gert Henning-Jensen<\/strong>, ist eine davon. Er hat einen lyrischen Tenor mit einer durchdringenden Spitze in den hohen Lagen, die er bei den massiven Orchesterpassagen, die ihn begleiten, auch ben\u00f6tigt. Stimmlich sticht der Countertenor <strong>Morten Grove Frandsen <\/strong>(Francisco) heraus. Darstellerisch ist der Charakter des Doktor Carlos Conde, gespielt und gesungen von<strong> Sten Byriel<\/strong>, ein Ruhepunkt. Er verk\u00f6rpert die Stimme der Rationalit\u00e4t inmitten des Wahnsinns, der sich schleichend in der eingeschlossenen Gesellschaft breitmacht. Bei ihm kommt es weniger auf ein gro\u00dfes stimmliches Volumen denn auf eine deutliche Aussprache und besonnenes Spiel an.<\/p>\n<p>Das Zusammenspiel der \u00fcbrigen S\u00e4nger war szenisch ausgezeichnet, und auch musikalisch bew\u00e4ltigten sie ihre Partien ohne erkennbare Schwierigkeiten. Es gibt etliche Szenen \u2013 vor allem zu Beginn und Schlu\u00df des ersten Aktes \u2013, in denen s\u00e4mtliche Charaktere gleichzeitig zu singen und zu agieren haben. Nur ein einziges <strong>Duett<\/strong> kommt vor, n\u00e4mlich das der beiden Verlobten Beatriz und Eduardo vor ihrem gemeinsamen Selbstmord im dritten Akt, nackt dargeboten von <strong>Sofie Elkj\u00e6r Jensen <\/strong>und <strong>Alexander Sprague<\/strong>.<\/p>\n<p>Und jetzt zu <strong>Kerstin Avemo <\/strong>in der Rolle der Operns\u00e4ngerin Leticia. Es handelt sich hierbei musikalisch um die unmenschlichste Partie, die mir als Rezensent jemals untergekommen ist. Die Tessitura dieser Rolle liegt streng genommen jenseits des Soprans. Fast alle ihre kurzen Einw\u00fcrfe und vor allem ihre recht lange Arie am Ende liegen extrem hoch, weit in der dreigestrichenen Oktave, und sind kr\u00e4ftig zu singen. Die T\u00f6ne k\u00f6nnen nur im sogenannten Pfeifregister, das noch \u00fcber der weiblichen Kopfstimme liegt, erreicht werden. Jeder einzelne Ton ist hier ein Wagnis, und die Souver\u00e4nit\u00e4t und Energie, mit der Kerstin Avemo diesen akrobatischen Part sang, war schlicht und einfach atemberaubend.<\/p>\n<p>Das gilt nicht minder f\u00fcr das, was die K\u00f6niglich d\u00e4nische Hofkapelle an diesem Abend unter <strong>Robert Houssart<\/strong> leistete. Ad\u00e8s\u2019 Orchesterpart ist unglaublich filigran instrumentiert. Neben einem stark erweiterten Schlagwerk kommen elektronische und elektronisch verst\u00e4rkte Instrumente sowie au\u00dferdem im ersten Akt ein Fernorchester zum Einsatz. Die dynamisch oft scharf kontrastierenden Klangfelder im Orchester waren sauber ausbalanciert. Man bekam runde, nicht selten sp\u00e4tromantisch satte Kl\u00e4nge zu h\u00f6ren. Auch das Zusammenspiel mit der B\u00fchne war im Gleichgewicht mit Ausnahme von Beginn und Ende der Oper, in der Solisten und Chor schrill klangen. Doch ist das m\u00f6glicherweise sogar so gewollt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte sich von der surrealen Handlung nicht abschrecken lassen. Diese Oper bietet neben ergreifenden und musikalisch umwerfenden Momenten auch eine ordentliche Prise Humor, die in dieser Inszenierung gut zur Geltung kam.<\/p>\n<p><strong>Ad\u00e8s<\/strong> Musik ist eing\u00e4ngig und voll von sch\u00f6nen Details. Was an diesem Abend wirklich begeistert, ist die Inszenierung. <strong>Tom Cairns<\/strong>, der nicht nur die <strong>Regie<\/strong> f\u00fchrt, sondern auch das <strong>Libretto<\/strong> zur Oper geschrieben hat, setzt auf Klarheit in der Personenregie und hat keine Scheu davor, das Publikum mit starken Bildern zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Musik, Text und szenische Gestaltung sind hier aus einem Gu\u00df. Wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, zu welch gro\u00dfartigen Leistungen die altehrw\u00fcrdige Gattung Oper auch noch im fr\u00fchen 21. Jahrhundert imstande ist, sollte man sich dieses Werk nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Dr. Martin Knust<\/p>\n<p>Bild: Camilla Winther<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Schlussarie der Leticia am Ende des dritten Aktes.\u00a0 Kerstin Avemo (Leticia) in Aktion mit den \u00dcberlebenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Ad\u00e8s (*1971), Oper in drei Akten, Libretto: Tom Cairns in Zusammenarbeit mit dem Komponisten nach einem Manuskript von Luis Bu\u00f1uel und Luis Alcoriza, UA: 28. 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