{"id":7339,"date":"2018-01-14T18:15:37","date_gmt":"2018-01-14T17:15:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7339"},"modified":"2018-01-14T18:15:37","modified_gmt":"2018-01-14T17:15:37","slug":"jephtha-paris-palais-garnier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7339","title":{"rendered":"Jephtha &#8211; Paris, Palais Garnier"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Georg Friedrich H\u00e4ndel (1685-1759), Oratorium in drei Akten, Libretto: Thomas Morell, UA: 26. Februar 1752, London, Royal Theatre (Covent Garden)<\/p>\n<p>Regie: Claus Guth, B\u00fchne\/Kost\u00fcme: Katrin Lea Tag, Licht: Bernd Purkrabek, Video: Arian Andiel, Dirigent : William Christie, Chor und Orchester <em>Les Arts Florissants<\/em><\/p>\n<p>Choreographie: Sommer Ulrickson, Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Choreinstudierung: Fran\u00e7ois Bazola<\/p>\n<p>Solisten: Ian Bostridge (Jephtha), Marie-Nicole Lemieux (Storge), Katherine Watson (Iphis), Tim Mead (Hamor), Philippe Sly (Zebul), Valer Sabadus (Engel)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 13. Januar 2018 (Premi\u00e8re, Koproduktion mit De Nationale Opera, Amsterdam)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Paris-Jephtha.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7340\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Paris-Jephtha.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"432\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Paris-Jephtha.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Paris-Jephtha-300x199.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema des Menschenopfers hat das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung im 18. Jahrhundert immer wieder besch\u00e4ftigt. Goethes <em>Iphigenie<\/em>, Glucks<em> Iphigenien<\/em> Opern, Mozarts<em> Idomeneo<\/em> sind neben<em> Jephtha<\/em> weitere bekannte Beispiele. F\u00fcr H\u00e4ndel war dieses Oratorium das letzte gro\u00dfe Werk. Seine zunehmende Erblindung zwang ihn, das Komponieren fast v\u00f6llig aufzugeben. Es ist in diesem Zusammenhang nicht erstaunlich, wie bewegend H\u00e4ndel seinen Helden darstellt: <em>ein von Gott und den Menschen Verlassener. H\u00e4ndel schafft daf\u00fcr eine Musik der Einsamkeit, des Verstummens vor Leid. Wie in einer antiken Trag\u00f6die schaut der Chor auf Jephthas Fall und deutet seine Verstrickung in Schuld als Schicksal, dessen Sinn menschliches Denken nicht zu erfassen vermag. Lakonische Kadenzen auf ein von H\u00e4ndel selbst eingef\u00fcgtes Pope-Zitat konstatieren mehr, als da\u00df sie erkl\u00e4ren: \u201aWhatever is, is right<\/em>\u2018(Arnold Feil). Und diesen Geist der antiken Trag\u00f6die hat Claus Guth wohl auch versucht, sich seine Inszenierung zu eigen zu machen.<\/p>\n<p>In dieser Auff\u00fchrung kommt das Oratorium also szenisch wie eine Oper auf die B\u00fchne. Ist das vertretbar?<\/p>\n<p>William Christie meint dazu:<\/p>\n<p><em>Die Tatsache, da\u00df Jephtha ein Oratorium ist, macht es nicht mehr verinnerlicht oder weniger dramatisch als eine<\/em> opera seria. <em>Im Gegenteil. <\/em>Und er f\u00fcgt hinzu: <em>F\u00fcr mich ist das eigentliche Kennzeichen des Oratoriums, ein von ihr untrennbarer Bestandteil, den die Oper fast nicht kennt, n\u00e4mlich der Chor. Und die Chorpartien des <\/em>Jephtha<em> z\u00e4hlen zu dem bemerkenswertesten Werken der H\u00e4ndel\u2018schen Karriere.<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Akt erkl\u00e4rt sich der als Kriegsheld bekannte Jephtha bereit, vom Volk und von seinem Halbbruder Zebul dazu gedr\u00e4ngt, die Israeliten gegen die Ammoniter in den Krieg zu f\u00fchren, vorausgesetzt, da\u00df an ihn zum K\u00f6nig Israels kr\u00f6nt, wenn er siegt. Jephthas Tochter Iphis ist mit Hamor, einem seiner Krieger verlobt, und verspricht ihn zu heiraten, wenn ihr Vater den Krieg gewinnt. Jephtha, hingegen, legt vor Gott das Gel\u00fcbde ab, da\u00df er ihm die erste Person, die er bei seiner R\u00fcckkehr sieht, opfern w\u00fcrde, wenn Gott ihm den Sieg schenkt. Aber darf und kann man mit Gott verhandeln?<\/p>\n<p>Jephthas Frau Storge, obwohl sie nichts von dem Gel\u00fcbde wei\u00df, wird von b\u00f6sen Vorahnungen geplagt. Jephtha fordert den K\u00f6nig der Ammoniter auf, die Unterdr\u00fcckung Israels aufzugeben, und als dieser sich weigert, zieht er gegen ihn in den Krieg. Im zweiten Akt \u00fcberbringt Hamor die Nachricht vom gro\u00dfen Sieg Jephthas. Iphis beschlie\u00dft ihrem Vater mit ihren Brautjungfern entgegenzueilen. Sie ist die erste, die Jephtha sieht, und er ist niedergeschmettert. Er erz\u00e4hlt nun von seinem Gel\u00fcbde, an dem er trotz allem festh\u00e4lt. Und nun wird der, den man eben noch als Held feiern wollte, von allen verworfen. Nur Iphis sieht in ihrem Opfer den gerechten Preis f\u00fcr die Freiheit Israels. Im letzten Akt, w\u00e4hrend man das versprochene Oper vorbereitet und Jephtha es vollziehen will, erscheint ein Engel, der erkl\u00e4rt, der Heilige Geist habe Jephtha das Gel\u00fcbde eingegeben. Doch dieses k\u00f6nne auch erf\u00fcllt werden, wenn Iphis bereit sei, Gott in Keuschheit ihr Leben zu widmen. Diese Nachricht wird erst z\u00f6gernd, aber dann mit Jubel aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Ouvert\u00fcre offenbart uns Claus Guth (inspiriert durch Lionel Feuchtwangers Roman <em>Jephtha und seine Tochter<\/em>) in kurzen Pantomime-Bildern die Vorgeschichte Jephtas: uneheliche Geburt, nach dem Tod des Vaters, Aussto\u00dfung durch den Halbbruder Zebul, Exil in der W\u00fcste, wo er zum Kriegsheld wird. \u00a0W\u00e4hrend der eigentlichen Auff\u00fchrung ist die meist leere B\u00fchne in vielen Szenen nach hinten durch die Silhouette von Felsen, von einem Tanz um das goldene Kalb oder auch von einem Garten mit riesigen tropischen Bl\u00fcten gegen einen hellen Abendhimmel abgegrenzt. Oft sind auf diesen Himmel Video-Bilder wie Nordlicht, Sturmwetter oder ein riesiger Vollmond projiziert. Mehrmals h\u00e4ngt eine surrealistische drohende kleine Wolke in der Luft. Bei der Siegesfeier tritt Held auch durch eine surrealistisch alleinstehende T\u00fcr ein.<\/p>\n<p>Die Kost\u00fcme sind zeitgen\u00f6ssisch, meist dunkel. Nur Iphis ist erst in gelb und dann ganz in wei\u00df gekleidet. Der Engel tr\u00e4gt schwarzen Anzug mit Krawatte und blaue Fl\u00fcgel. Man spart nicht mit leuchtend roten Blutflecken. Der Leitspruch des Oratoriums IT MUST BE SO bewegt sich in Gro\u00dfbuchstaben immer wieder \u00fcber die B\u00fchne und wird Teil des Dekors. Luftballons symbolisieren die Siegesfreude.<\/p>\n<p>In der Szene der Einweihung Iphis\u2018 als Priesterin und der K\u00f6nigskr\u00f6nung Jephthas regnen Tausende wei\u00dfer Papierschnitzel auf die B\u00fchne herunter. Einige der Hauptdarsteller werden zeitweise doppelt dargestellt. Am Ende der Oper sitzt Iphis wie eine Irre auf einem Krankenbett und zerfetzt ein Daunenkissen, w\u00e4hrend Jephtha verloren auf der B\u00fchne herumkriecht.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ian Bostridge<\/strong>\u2018 Interpretationen lassen nie indifferent. Hier sieht er, gro\u00df und hager, eher einem Prophet des Alten Testaments, \u00e4hnlich einem Kriegshelden. In einer unglaublich starken, subtilen, fast expressionistischen Darstellung f\u00fchrt er uns auf hohem stimmlichem und schauspielerischem Niveau ab dem zweiten Akt durch die Tragik des von tiefstem Leid gepr\u00e4gten Jephtha. Sie findet ihren H\u00f6hepunkt in dem musikalisch \u00fcberaus komplizierten, meisterhaft interpretierten Rezitativ <em>Deeper, and deeper still, thy goodness, child <\/em>ein Leid, das sich erst am Anfang des dritten Akts in der wundervoll weichen, z\u00e4rtlichen Arie f\u00fcr seine Tochter <em>Waft her, angels, through the skies<\/em> sublimiert und dem Helden Frieden schenkt.<\/p>\n<p>Neben Ian Bostridges\u2018 hohem metallisch timbrierten Tenor ist <strong>Marie-Nicole Lemieux\u2018<\/strong> Mezzo voll, vibratoreich und mit fast unheimlichen Untert\u00f6nen in den tiefen Lagen, die besonders in ihrer Unheil ahnenden Arie <em>Scenes of horror, scenes of<\/em> woe (1. Akt, 4. Szene) und dann wieder in der w\u00fctenden Verzweiflung \u00fcber Jephthas Gel\u00fcbde: <em>First perish thou! and perish all the world!<\/em> (3. Akt, 2. Szene) sehr klangvoll zum Ausdruck kommen. <strong>Katherine Watson<\/strong> singt mit leichter, beweglicher und bestens kontrollierter Sopranstimme die erst so fr\u00f6hliche-verliebte, dann so einsichtig reife Iphis, wie in der Arie <em>Happy they!,<\/em> in der sie dem Leben entsagt.<\/p>\n<p>Eine freudige \u00dcberraschung ist <strong>Tim Mead<\/strong> als Hamor. Sein klangvoller Contratenor kommt, besonders in der Liebesszene mit Iphis, verspielt t\u00e4ndelnd zur Geltung. <strong>Philippe Sly<\/strong> ist mit sonorem Ba\u00df Zebul und\u00a0 <strong>Valer Sabadus<\/strong> singt engelhaft mit reichem Kontratenor den <em>angelus ex machina<\/em>. Zu erw\u00e4hnen sei der hervorragend einstudierte <strong>Chor<\/strong> der <em>Arts Florissants<\/em>. Und unter den zahlreichen Ch\u00f6ren des Oratoriums sei vor allem der Schlu\u00dfchor des zweiten Akts genannt:<em> How dark, O Lord, are Thy decrees. <\/em>Er ist einer der sch\u00f6nsten Ch\u00f6re H\u00e4ndels und zweifellos einer der sch\u00f6nsten der Barockmusik. <strong>William Christie<\/strong> dirigiert Solisten, Chor und Orchester mit der Meisterschaft, die wir von ihm gewohnt sind.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Claus Guth, der sich erst k\u00fcrzlich mit seiner <em>Boh\u00e8me<\/em>-im-Raumschiff-Inszenierung einen bedenklichen Namen gemacht hat (Siehe Operapoint BLOG, 3.12.2017), hat diesmal mit seinem Team zumindest teilweise bessere Arbeit geleistet. Die bis in die letzte Geste einstudierte Regie der Hauptdarsteller ist ausgezeichnet. Auch sind ihnen szenisch einige eindrucksvolle Bilder gelungen. Doch auf das \u00fcbrige Drum und Dran, angefangen mit den Gro\u00dfbuchstaben auf der B\u00fchne bis hin zu den Konjekturen Carl Guths \u00fcber die Seelenlage der Protagonisten, h\u00e4tte man gerne verzichtet. Die Choreographie des Chors ist phantasielos, und das ist schade. Davon abgesehen, war es vor allem musikalisch, aber auch schauspielerisch eine sehr gute Darbietung.<\/p>\n<p>Alexander Jordis-Lohausen<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Katherine Watson (Iphis), Ian Bostridge (Jephtha)<\/p>\n<p>Bild: Monika Rittershaus\/Op\u00e9ra national de Paris<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Georg Friedrich H\u00e4ndel (1685-1759), Oratorium in drei Akten, Libretto: Thomas Morell, UA: 26. 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