{"id":7235,"date":"2017-10-09T17:53:32","date_gmt":"2017-10-09T16:53:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7235"},"modified":"2017-12-03T15:49:51","modified_gmt":"2017-12-03T14:49:51","slug":"gundula-janowitz-zum-80-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7235","title":{"rendered":"Gundula Janowitz zum 80. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Erinnerungen aus der Karriere eine der ber\u00fchmtesten und einmaligsten S\u00e4ngerinnen des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich ihres Jubil\u00e4ums besuchte Alexander Jordis-Lohausen Gundula Janowitz in ihrer Wohnung in Wien und dabei kam das folgende Gespr\u00e4ch zustande.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7236\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz-1.jpg\" alt=\"\" width=\"606\" height=\"376\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz-1.jpg 606w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz-1-300x186.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 606px) 100vw, 606px\" \/><\/a>AJL. Wie hat\u00a0sich denn all diese musikalische Herrlichkeit ergeben, d.h. als Sie klein waren,<\/em><em>was hat denn damals Ihr Interesse an der Musik erweckt?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ich habe 1947, also mit 10 Jahren, zum ersten Mal die <em>Meistersinger<\/em> gesehen und geh\u00f6rt, mit Herbert Th\u00f6ny, meinem sp\u00e4teren Lehrer, als Beckmesser. Und wie es aus war, und die Leute alle aufgestanden sind, habe ich zu meiner Mutter gesagt: \u201eJa, was is?\u201c Und sie hat geantwortet: \u201eJetzt ist\u2019s aus!\u201c \u201eAch, nein!\u201c ich war sehr traurig. In der vierten Reihe in der Galerie \u2013 vergesse ich nie!<\/p>\n<p><em>AJL. Also Ihre Eltern haben dieses Interesse gef\u00f6rdert?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, nat\u00fcrlich! Wir hatten damals nat\u00fcrlich kein Klavier. Aber meine Mutter hat mir vorgesungen. Und als ich 13 Jahre alt war, hat eine Schulfreundin, deren Gro\u00dfvater S\u00e4nger gewesen war, eines Tages gesagt: \u201eWollen wir nicht die<em> Zauberfl\u00f6te<\/em> auff\u00fchren?\u201c Es wurden die Rollen verteilt, ihre Mutter hat uns am Klavier begleitet. Ich hatte gleich zwei Rollen zu bestreiten, die <em>K\u00f6nigin der Nacht<\/em> und den <em>Sarastro<\/em>, weil die sich ja nie begegnen. Wir haben das ganz ernsthaft einstudiert. Sie sehen also, ich habe ganz fr\u00fch alle Partien der <em>Zauberfl\u00f6te<\/em> von vorne nach hinten und von hinten nach vorne kennengelernt. Darauf habe ich meinen Eltern erkl\u00e4rt, da\u00df ich gerne S\u00e4ngerin werden m\u00f6chte. Und meine Eltern haben mich nicht ausgelacht, sondern haben gemeint: \u201eJa, warten wir noch ein paar Jahre. Und wenn es dann immer noch dein Wunsch ist, dann k\u00f6nnen wir weitersprechen.\u201c<\/p>\n<p><em>AJL. Und wie alt waren Sie als sie zu Professor Th\u00f6ny gekommen sind?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Als ich dann zwei Jahre sp\u00e4ter wieder darauf zur\u00fcckgekommen bin, hat mein Vater, der Kaufmann war, entschieden: \u201ePa\u00df auf, wir werden zu einer Pr\u00fcfung gehen, und wenn man sagt, da\u00df du eventuell mal davon leben kannst, dann darfst du anfangen zu lernen.\u201c Kurz danach hatten wir einen Termin bei Professor Th\u00f6ny. Ich war stockheiser, weil ich am Vortag schifahren gewesen war. Als wir eingetreten sind, habe ich nur \u201eGr\u00fc\u00df Gott!\u201c gesagt. Da hat der Professor meinen Vater angeschaut und hat gefragt: \u201eWill die wirklich singen?\u201c Das hat mich sehr w\u00fctend gemacht! Also wir sind ans Klavier und er hat meine Stimme hinaufgejagt und hinunter. Und schlie\u00dflich hat er gesagt: \u201eWenn aus der nichts wird, hei\u00df ich Veitel!\u201c So habe ich die Erlaubnis bekommen, Gesangsunterricht zu nehmen. Doch zwei Monate sp\u00e4ter ist mein Vater im Schlaf an einem Herzinfarkt gestorben! Da war nat\u00fcrlich alles aus. Es kam eine ganz, ganz schwere Zeit. Ich mu\u00dfte in einem Verlag arbeiten. Aber Professor Th\u00f6ny hat mich trotzdem als Sch\u00fclerin behalten und ich habe f\u00fcnf Jahre lang mit ihm gearbeitet und habe ihm <u>aufs Wort gefolgt<\/u>. Und er hat mir alles erkl\u00e4rt, was auf der B\u00fchne passiert und wie man die Stimme behandelt. Und die Stimme, bis auf zwei Mal, hat sie mir wirklich 45 Jahre lang die Treue gehalten.<\/p>\n<p><em>AJL. Ihre Karriere begann ja dann mit einem doppelten Donnerschlag: eben noch Sekret\u00e4rin in einem kleinen Verlagshaus in Graz, und dann pl\u00f6tzlich Vorsingen gleich vor den ganz Gro\u00dfen der damaligen Opernwelt. Sie waren 22 Jahre alt. Wie kam denn das zustande und war das nicht etwas \u00fcberw\u00e4ltigend?<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7237 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz2.jpg\" alt=\"\" width=\"898\" height=\"443\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz2.jpg 898w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz2-300x148.jpg 300w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Gundula-Janowitz2-768x379.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 898px) 100vw, 898px\" \/><\/a><br \/>\nGJ.Ich hatte 1959 von der Richard-Wagner-Gesellschaft in Graz ein Stipendium bekommen, um drei Vorstellungen in Bayreuth zu besuchen. Ich habe dort acht Tage in der Jugendherberge gewohnt. Die Wagner-Auff\u00fchrungen waren eine unglaubliche Erfahrung f\u00fcr mich. In einer Pause traf ich zuf\u00e4llig den Kapellmeister Alfred Walter, den ich aus Graz kannte, und der mich sofort best\u00fcrmt hat, unbedingt in Bayreuth vorzusingen. Na ja, ich hatte ja \u00fcberhaupt nichts zu verlieren und so habe ich vor Wolfgang und Wieland Wagner und Walter Legge aus dem<em> Freisch\u00fctz<\/em> Agathe und aus dem<em> Figaro<\/em> die Gr\u00e4fin vorgesungen. Kaum war ich zu Ende, da wurde ich schon gefragt, ob ich im n\u00e4chsten Jahre ein Blumenm\u00e4dchen und einen Edelknaben in<em> Lohengrin<\/em> singen w\u00fcrde. Da ist mir schon ein bi\u00dfchen schwummerig geworden!<\/p>\n<p>Doch dann bin ich wieder zur\u00fcck nach Graz. Ich mu\u00df dazu sagen, ich war damals in einer nicht sehr guten seelischen Verfassung, denn meine Mutter war nun auch gerade gestorben. Ich bin also zur\u00fcck in mein B\u00fcro im Verlag. Und da kam im September ein Anruf vom Albert Moser von der Staatsoper, er h\u00e4tte mich schon \u00fcberall gesucht, denn der Herr von Karajan wolle mich unbedingt h\u00f6ren, ich solle nach Wien kommen. Da ist mir allerdings wieder etwas schwummerig geworden! In Wien bin ich also zur Staatsoper marschiert und auf die B\u00fchne. Alles war ganz dunkel, auch der Zuschauerraum, und da fragte pl\u00f6tzlich eine Stimme aus dieser Dunkelheit: \u201eWas wollen Sie singen?\u201c Ich hab <em>Butterfly<\/em> und noch etwas anderes gesungen. Als ich zu Ende war, hat diese Stimme dann gesagt: \u201eKommen Sie herunter!\u201c Es ging da so ein Steg \u00fcber den Orchestergraben \u2013 und pl\u00f6tzlich stand ich vor Karajan. Es war\u2026 na ja, das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen. Es war, wie wenn der liebe Gott heruntergestiegen w\u00e4re! Er hat er mich angeschaut und hat gesagt: \u201eWenn Sie mir versprechen, richtig zu arbeiten, nehm\u2018 ich Sie mit in die Welt! Alles andere machen die Herren hier!\u201c Und weg war er.<\/p>\n<p><em>AJL. Unwahrscheinlich!<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, es war so unglaublich, fast unwirklich!<\/p>\n<p><em>AJL. Die darauffolgende Zusammenarbeit mit Karajan mu\u00df ja musikalisch sicherlich ungemein bereichernd, aber pers\u00f6nlich manchmal etwas schwierig gewesen sein?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Schwierig mit ihm zusammen zu arbeiten? Nein, \u00fcberhaupt nicht! Aber ich muss dazu sagen: ich habe ihn Jahrzehnte lang gegen Vorurteile verteidigt, von Menschen, die ihm nie begegnet sind und nie mit ihm gearbeitet haben. Und das dauert an bis auf den heutigen Tag. Sicherlich, er war unerreichbar, und zwar auch menschlich oder pers\u00f6nlich. Aber er war immer h\u00f6flich. Ich habe ihn nie unh\u00f6flich gesehen. Er war nie laut. Aber er hatte halt eine Reservewand vor sich.<\/p>\n<p><em>AJL. Er war immer korrekt.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Immer korrekt! Und immer liebensw\u00fcrdig! Immer!<\/p>\n<p><em>AJL. Und dann kam der Anfang an der Wiener Staatsoper.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, und da war f\u00fcr mich alles neu! Ich war vorher in Graz in die Oper gegangen, f\u00fcr einen Schilling auf den Stehplatz. Und hab dort viel gesehen, aber vieles auch nicht. Und pl\u00f6tzlich steht man dann auf der B\u00fchne der Wiener Staatsoper! Ich habe ja am Anfang bei vielen Opern mitgewirkt, die ich gar nicht kannte. Ja, so hat es dann angefangen.<\/p>\n<p><em>AJL. Und 1963, glaube ich, kam dann die Pamina in jener Star-Besetzung von Mozarts \u201aZauberfl\u00f6te\u2018 unter Otto Klemperer.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, nach der <em>Zauberfl\u00f6te<\/em> in Aix-en-Provence im Sommer 1963 kam diese Aufnahme unter Klemperer zustande. Die war sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p><em>AJL.1964 haben Sie dann die Ilia in Mozarts <sub>\u201a<\/sub>Idomeneo\u2018 in Glyndebourne gesungen, neben einem damals noch recht unbekannten Tenor namens Luciano Pavarotti. Haben Sie in der Folge noch \u00f6fters mit ihm zusammengesungen?<\/em><\/p>\n<p>GJ. Ja, in Salzburg waren wir dann noch im<em> Rosenkavalier<\/em> zusammen, er hat dort den S\u00e4nger gesungen. Und irgendwo habe ich ihn dann noch einmal getroffen. Ein ganz liebenswerter Mensch!<\/p>\n<p><em>AJL. 1967 entstand die wundervolle Aufnahme von Haydns Jahreszeiten unter Karl B\u00f6hm. Sie hat auch heute nichts von Ihrer Sch\u00f6nheit verloren. Mit Karl B\u00f6hm verbindet Sie ja, da\u00df Sie beide aus Graz stammen, hat das zu einer besonders engen Zusammenarbeit gef\u00fchrt?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ich hatte ihn schon vorher kennengelernt in Bayreuth, als ich zur 100j\u00e4hrigen Grundsteinlegung unter seiner Leitung in Beethovens Neunter sang. Ja, Karl B\u00f6hm habe ich geliebt. Und er mochte mich auch. Wir haben uns sehr gut verstanden.<\/p>\n<p><em>AJL. Eine weitere Etappe ist dann Ihre sehr bewegende Gr\u00e4fin in Mozarts \u201aFigaros Hochzeit\u2018 unter Sir George Solti in jener ebenfalls legend\u00e4r gewordenen Inszenierung von Giorgio Strehler in der Pariser Oper, als Rolf Liebermann dort Generaldirektor war. Diese Inszenierung ging wohl bis zum H\u00f6chsten dessen, was man bei der Darstellung der historischen Verwirklichung des 18. Jahrhunderts erreichen kann, im Dekor, in den Kost\u00fcmen, in der Gestik und im Spiel. Wie reagieren Sie im Gegensatz dazu auf die modernen Inszenierungen, die jetzt ja gang und g\u00e4be geworden sind?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Also, als ich noch auf der B\u00fchne stand, habe ich mich nicht daran gesto\u00dfen, solang es logisch war. Und auf das, was heute geschieht, darauf kann ich Ihnen gar keine Antwort geben, weil ich \u00fcberhaupt nicht mehr in die Oper gehe, weil mich das Singen von anderen nie interessiert hat. <u>Ich<\/u> wollte ja singen. F\u00fcr mich war nur wichtig, da\u00df mit mir auf der B\u00fchne ebenso gute oder noch bessere S\u00e4nger als ich standen.<\/p>\n<p><em>AJL. Sie wollten ein durchwegs sehr hohes Niveau!<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, das war es! Aber ich mu\u00df noch etwas zu Giorgio Strehlers<em> \u201aFigaro\u2018<\/em> sagen. Diese Auff\u00fchrung war ja wirklich ein Jahrhundert-Ereignis. Ezio Frigerio als B\u00fchnenbildner und Strehler als Regisseur hatten diesen <em>Figaro<\/em> ja als erstes Konzept f\u00fcr das Theater in Versailles geschaffen, also f\u00fcr jenes Theater, das zur Hochzeit von Marie-Antoinette gebaut worden war. Und die Premiere wurde damals auch in Anwesenheit des Staatspr\u00e4sidenten Georges Pompidou gegeben, und hat gedauert von 21.00 Uhr abends bis etwa 2.30 morgens. Denn nach dem zweiten Akt fand, wie in alten Zeiten, das gro\u00dfe<em> d\u00eener<\/em> f\u00fcr die Herrschaften statt, w\u00e4hrend wir uns in den Garderoben dieses Theaterchens \u00fcber die Holzw\u00e4nde hinweg mit den Kollegen unterhielten. Wir sa\u00dfen da, ich glaube, \u00fcber drei Stunden zwischen dem zweiten und dem dritten Akt. Das war wirklich <em>ancien r\u00e9gime<\/em>! Nach Versailles sind wir dann mit diesem<em> Figaro<\/em> in die Pariser Oper, ins Palais Garnier, gezogen.<\/p>\n<p><em>AJL. Und die Inszenierung selbst?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Also das B\u00fchnenbild und auch die Beleuchtung hatte etwas ganz Besonderes: das Licht kam immer von links. Es begann unter dem Dach in Figaros und Susannes <em>appartement<\/em>, das war am fr\u00fchen Morgen. Und dann ging es runter in die <em>bel \u00e9tage<\/em> zur Gr\u00e4fin, da stand die Sonne schon ein bisschen h\u00f6her. Und dann ging es ins Parterre f\u00fcr den dritten Akt, bei Nachmittagsbeleuchtung, immer von links. Und der vierte Akt, nachts im Garten. Bei den vielen <em>Figaros<\/em> die ich erlebt habe, der einzige, der den vierten Akt glaubhaft machen konnte, war Strehler. Vorne war ein Parkett mit Blumen und hinten waren zwei S\u00e4ulen auf beiden Seiten. Susanne trug ein hellblaues Brautkleid und einen hellblauen Mantel mit Kapuze und die Gr\u00e4fin hatte ein unglaublich sch\u00f6nes, weinrotes Seidenkleid an, das aus dem Museum in Lyon von den Seidenwebern stammte. Und \u00fcber diesem weinroten Staatskleid trug sie einen weinroten Seidenmantel. Und so sind dann Susanne und die Gr\u00e4fin nach hinten durch das S\u00e4ulentor abgegangen, und haben <u>dahinter<\/u> ihre M\u00e4ntel gewechselt, so da\u00df niemand gemerkt hat, da\u00df die Gr\u00e4fin als Susanne wieder herauskam und umgekehrt, weil sie die M\u00e4ntel getauscht hatten. Sonst ist diese Szene ja immer etwas l\u00e4cherlich und ich habe mich sonst dabei immer etwas gesch\u00e4mt. Einmal habe ich eine Vorstellung in Berlin gesehen, mit der kleinen Erika K\u00f6th und der gro\u00dfen Jessye Norman. Und wenn die Jessye <em>Cangiando i miei vestiti con quelli di Susanna<\/em> \u2013<em> Ich wechsle meine Kleider mit denen von Susanna<\/em> gesungen hat, da war das ein einziger Witz. Aber die Berliner verstehen ja kein Italienisch, da war es dann egal. Ja, das war also<em> Figaro<\/em>. Davon gibt\u2019s \u00fcbrigens einen wunderbaren Mitschnitt vom 14. Juli 1981.<\/p>\n<p><em>AJL. Und schlie\u00dflich m\u00f6chte ich noch Ihre Leonore in Beethovens \u201aFidelio\u2018 in der Wiener Staatsoper 1978 unter der Leitung von Leonard Bernstein erw\u00e4hnen.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Wissen Sie, ich bin jetzt alt genug und schade niemanden mehr damit. Jetzt erz\u00e4hle ich mal meine Version von diesem<em> Fidelio<\/em> und dem Intrigenstadel drum herum: Es fing an: Ich hatte eine Einladung von Solti, in Chicago konzertant <em>Fidelio<\/em> zu singen. Weil ich ja Mitglied der Wiener Staatsoper war, habe ich also um Urlaub eingereicht, und war dann bei Solti im Wort. Doch dann hie\u00df es auf einmal, ich kann den Urlaub doch nicht haben, weil die Wiener Staatsoper den <em>Fidelio<\/em> unter Bernsteins Leitung auff\u00fchrt und ich soll die Leonore singen. Der Seefehlner, der Direktor der Wiener Staatsoper, hat darauf bestanden. Also ich habe mich hingesetzt und an Solti in Chicago einen Brief geschrieben, da\u00df sich das so ergeben habe und ob er so nett w\u00e4re, mich aus dem Vertrag zu entlassen. Das hat er gemacht. Ich komme also zur ersten Probe mit Bernstein, und das war eine eiskalte Dusche \u2013 er wollte mich nicht. Er wollte Gwyneth Jones und war wie ein ungezogenes Kind und hat es an mir ausgelassen. Er hat mich nicht einmal angeschaut, er hat mir keine Eins\u00e4tze gegeben \u2013 gar nichts!<\/p>\n<p><em>AJL. Das ist doch nicht m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja, das ist m\u00f6glich! Und als dann nach dieser Serie von Auff\u00fchrungen auch die Platte eingespielt wurde, bin ich irgendwann einmal zu ihm hingegangen und hab gesagt: \u201eK\u00f6nnen wir, bitte, den \u201aAllegro-Teil der Ari noch einmal machen?\u201c Er hat mich gar nicht angeh\u00f6rt. \u00dcberhaupt nicht! Dann kam aber der Berger, der erste Trompeter von den Wiener Philharmonikern und hat gesagt: \u201eHerr Bernstein, d\u00f6s m\u00fcss ma\u2018 noch mol mochen. I hob mi do vagickst!\u201c Und nur so bekam ich dann doch noch die Chance, die Arie noch mal zu singen.<\/p>\n<p><em>AJL. Und diese Fidelio Auff\u00fchrung hat Ihr Verh\u00e4ltnis zu Karajan zerst\u00f6rt?<\/em><\/p>\n<p>GJ. Da mu\u00df ich noch mal zur\u00fcckspringen: Vier oder f\u00fcnf Jahre vorher hatte mich Karajan gefragt, in Salzburg bei den Osterfestspielen <em>Fidelio<\/em> zu singen. Und das war noch zu fr\u00fch f\u00fcr mich. Aber ich konnte nicht sagen: \u201eNein, das kann ich nicht!\u201c Sondern ich habe gesagt: \u201eHerr von Karajan, kann ich Ihnen die Arie vorsingen?\u201c \u201eJa,\u201c hat er gesagt, \u201emachen wir das.\u201c Also habe ich die Arie einstudiert und dann nach einer Probe \u2013 ich glaube es war <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung <\/em>\u2013 bin ich auf die B\u00fchne und hab die Arie gesungen, wohlweislich nicht mit riesen Ausbr\u00fcchen, sondern wie ein sch\u00f6n getragenes Schubertlied. Und dann hat er mich zur\u00fcckgerufen ins Parkett. \u201eSie sind schlau!\u201c hat er gesagt. \u201eSie haben mir gezeigt, da\u00df es nicht geht.\u201c Da habe ich ihm geantwortet: \u201eSie haben mir so viel Vertrauen geschenkt, ich kann nicht sagen: ich mach es nicht. Ich wollt es Ihnen zeigen\u2026\u201c Nein, nein,\u201c hat er gesagt, \u201ebehalten Sie dieses gute <em>feeling<\/em>.\u201c Also ich habe ihm die Leonore abgesagt. Ein paar Jahre sp\u00e4ter habe ich sie dann bei Bernstein gesungen. Kurz danach kam in Salzburg das Brahms Requiem unter Karajans Leitung zur Auff\u00fchrung. Ich sang den Sopranpart. Sonst hat er mir beim Abschied immer gesagt: \u201ePassen Sie gut auf sich auf!\u201c, aber diesmal hat er mir die Hand gek\u00fcsst und hat nur gesagt: \u201eLeben Sie wohl!\u201c Das war sein Abschied an mich.<\/p>\n<p><em>AJL: Und es war tats\u00e4chlich ein Abschied?<\/em><\/p>\n<p>GJ. Ja! \u2013 Ja, es ist eben so!<\/p>\n<p><em>AJL. Manche haben behauptet, da\u00df Ihrer Stimme weitgehend das<\/em> Vibrato<em> fehle, was ihr aber andererseits jenen kristallklaren, fast engelhaften Glanz verleiht.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ja! Gott sei Dank!<\/p>\n<p><em>AJL. Der Meinung bin ich auch, aber andere wieder behaupten, da\u00df das bei der<\/em><em>Interpretation der gro\u00dfen Opern des 19. Jahrhunderts ein Mangel sei.<\/em><\/p>\n<p>GJ.Wissen Sie, ich mu\u00df Ihnen ganz ehrlich sagen, alles was den Stimm-Geschmack anbetrifft, ist jedem Menschen seine eigene Welt. Man kann nie jemandem sagen \u201eH\u00f6r Dir das an, das ist gro\u00dfartig!\u201c Das geht nicht! Jeder hat eine andere Empfindung, hat andere Ohren, in dem Sinne, da\u00df dem einen eben eine <em>vibrato<\/em>-reiche Stimme lieb ist, der andere sie nicht leiden kann. Dadurch ist ja auch diese gro\u00dfe Stimmvielfalt m\u00f6glich.<\/p>\n<p><em>AJL. Welche Ratschl\u00e4ge w\u00fcrden Sie jetzt, nach ihrer langj\u00e4hrigen und vielseitigen Erfahrung, jungen S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern mit auf den Weg geben?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Die Zeiten haben sich so unendlich ge\u00e4ndert. Und zwar nicht nur gesangtechnisch. Die Technik hat die Jugend regelrecht \u00fcberrollt! Ich hab selbst zwei Enkel, die wirklich toll sind, aber ohne<em> smartphone<\/em> und dieses ganze Zeug k\u00f6nnen sie ja gar nicht mehr leben. Alles hat sich so sehr ver\u00e4ndert, dass auch in Wien die Leute die Oper gar nicht mehr kennen. Die alte Generation schon noch. Aber von den Jungen, au\u00dfer sie studieren gerade, gehen die wenigsten noch in die Oper. Als ich Anfang der 60iger Jahre nach Wien kam, gab es noch ein Ensemble-Theater, haben sich die Leute in Opernzitaten unterhalten, es gab noch diese eingeschworenen Stehplatz-Klicken. Das ist ja alles weg. Ja, der Stehplatz ist auch heute noch voll, aber mit Japanern, Chinesen, Koreanern. Da hat sich alles ge\u00e4ndert!<\/p>\n<p><em>AJL. Also, finden Sie, Ratschl\u00e4ge zu geben, ist sehr schwer?<\/em><\/p>\n<p>GJ.Ratschl\u00e4ge w\u00fcrde ich so und so nicht geben! Erfahrungen mu\u00df jeder selbst sammeln.<\/p>\n<p><em>AJL. Aber sie haben fr\u00fcher Meisterklassen gegeben.<\/em><\/p>\n<p>GJ. Ja, aber ich habe sie musikalische Dialoge genannt. Jetzt habe ich auch damit aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>AJL. Sie sind in Berlin geboren, in Graz gro\u00df geworden, haben dann eine internationale Karriere gemacht, wo f\u00fchlen Sie sich denn heute zu Hause. <\/em><\/p>\n<p>GJ.Also ich f\u00fchle mich sehr als \u00d6sterreicherin \u2013 mit einem Schu\u00df preu\u00dfischer Gr\u00fcndlichkeit, von meinen Eltern.<\/p>\n<p><em>AJL. Und wenn sie heute auf Ihr Leben zur\u00fcckblicken?<\/em><\/p>\n<p>GJ.So tue ich es in Demut und Dankbarkeit.<\/p>\n<p><em>AJL. Dann m\u00f6chte ich Ihnen, liebe Frau Kammers\u00e4ngerin, denn auch f\u00fcr Ihre freundliche Aufnahme und f\u00fcr die Zeit danken, die Sie mir f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch zur Verf\u00fcgung gestellt haben.<\/em><\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich ihres Jubil\u00e4ums besuchte Alexander Jordis-Lohausen Gundula Janowitz in ihrer Wohnung in Wien und dabei kam das folgende Gespr\u00e4ch zustande.<\/p>\n<p>Bilder: Wikipedia<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungen aus der Karriere eine der ber\u00fchmtesten und einmaligsten S\u00e4ngerinnen des 20. Jahrhunderts. Anl\u00e4\u00dflich ihres Jubil\u00e4ums besuchte Alexander Jordis-Lohausen Gundula Janowitz in ihrer Wohnung in Wien und dabei kam das folgende Gespr\u00e4ch zustande. AJL. 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