{"id":7158,"date":"2017-06-05T21:02:09","date_gmt":"2017-06-05T20:02:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7158"},"modified":"2017-06-16T11:50:54","modified_gmt":"2017-06-16T10:50:54","slug":"antigona-kassel-staatstheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7158","title":{"rendered":"ANTIGONA &#8211; Kassel, Staatstheater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Tommaso Tra\u00ebtta (1727-1779), Tragedia per Muisca in drei Akten, Libretto: Marco Coltellini,; UA 11.November 1772 St. Petersburg., Zarenhof<\/p>\n<p>Regie: Stephan M\u00fcller, Visuelle Konzeption: Goshka Macuga, B\u00fchne: Siegfried E. Mayer, Kost\u00fcme: Gareth Pugh, Video: Sophie Lux<\/p>\n<p>Dirigent: J\u00f6rg Halubek, Staatsorchester Kassel, erg\u00e4nzt um barocke Instrumente wie Violoncello<\/p>\n<p>Solisten: Elizabeth Bailey (Antigona), Maren Engelhardt (Ismene), Bassem Alkhouri (Creonte), Marta Herman (Emone), Musa Nkuna (Adrasto).<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 3. Juni 2017 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kassel-Antigone_3996.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7159\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kassel-Antigone_3996.jpg\" alt=\"\" width=\"657\" height=\"437\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kassel-Antigone_3996.jpg 657w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kassel-Antigone_3996-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 657px) 100vw, 657px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte von \u00d6dipus, der seinen Vater t\u00f6tet, seine ihm unbekannte Mutter heiratet und vier Kinder zeugt, bevor er seinen Fehler erkennt und abdankt, wird vorausgesetzt. Seine beiden S\u00f6hne sollen abwechselnd ein Jahr lang regieren, aber Eteokles will nicht abdanken. So t\u00f6ten sie sich gegenseitig beim Kampf um die Macht. Eteokles darf bestattet werden, Polyneikes aber hatte Hilfstruppen gegen Theben gesammelt, deshalb wird sein Leichnam den Aasgeiern zum Fra\u00dfe bestimmt. So gebietet es Creonte (\u00d6dipus Onkel) als neuer Herrscher unter Androhung der Todesstrafe, aber Antigona widersetzt sich seinem Befehl. Ihr treu zur Seite der Geliebte Emone und Schwester Ismene. Heimlich wird auch Polyneikes bestattet, ein gro\u00dfer Familienstreit ist die Folge.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist die B\u00fchne leer und st\u00e4ndig in ein mystisches Dunkel geh\u00fcllt. Die dunkle R\u00fcckwand wird f\u00fcr Video-Projektionen genutzt, die die Erde aus der Perspektive eines gestarteten Raumschiffs zeigt oder die die kurze Handlung des St\u00fcckes als Text, von unten vorne nach hinten oben, perspektivisch gescrollt wird (<em>Star Wars<\/em> l\u00e4\u00dft gr\u00fc\u00dfen). Diese \u00c4sthetik und die futuristischen Kost\u00fcme entstammen dem Design von <strong>Goshka Macuga<\/strong>, einer Installationsk\u00fcnstlerin, deren Schwerpunkt die Pr\u00e4sentation anderer Kunstwerke ist, wie z.B. Picassos <em>Guernica<\/em> vor dem Sicherheitsrat der UN. Die hyperaktive frei definierte Gestik erinnert an die Personenf\u00fchrung von <strong>Robert Wilson<\/strong>, wie die gesamte Bewegung sehr aufwendig und perfekt choreographiert ist. Zwei Kunstobjekte sind noch zu erw\u00e4hnen: der \u00fcberdimensionale Thron von Creonte und ein \u00fcberdimensionales Raumschiff, das von oben immer wieder drohend hereinschwebt.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Elizabeth Bailey<\/strong> \u00fcberzeugt in der Hauptrolle der Antigona mit klaren sauberen, hohen Spitzent\u00f6nen, auch die Koloraturen perlen wie am Schn\u00fcrchen. Als Mezzo kann <strong>Maren Engelhardt<\/strong> den Dialog mit Antigona als ihre Schwester Ismene \u00fcber weite Strecken offenhalten, wenn ihr auch der Glanz, besonders in den h\u00f6heren Lagen, abgeht und ihre Stimme teilweise br\u00fcchig klingt und zum Tremolieren neigt. Eine Glanzrolle ist f\u00fcr <strong>Bassem Alkhouri<\/strong> die Rolle des b\u00f6sen Onkels Creonte. Er ist ein universell einsetzbarer, lyrischer Tenor und kann doch einen finsteren B\u00f6sewicht gestalten \u2013 mit viel H\u00e4rte, sicherer H\u00f6he und noch mehr Durchschlagskraft. <strong>Musa Nkuna<\/strong> (Adrasto) hat schon als Mozart-Tenor von sich reden gemacht: Scheinbar problemlos und unangestrengt kommt er durch die H\u00f6hen und Tiefen \u2013 auch wenn ihn am Ende ein wenig die Sicherheit in den Koloraturen abgeht, er wertet die Nebenrolle des Adrasto auf!. <strong>Marta Herman<\/strong> gestaltet die Hosenrolle des Emone \u00fcberzeugend. Sie verf\u00fcgt \u00fcber ein sehr tiefes Timbre, so nimmt man ihr den Liebhaber jederzeit ab. Sie kann auch im <em>adagio<\/em> Furor zeigen und so sind die Dialoge mit Antigona, trotz schwieriger Koloraturen, echte H\u00f6hepunkte.<\/p>\n<p>Dem ausgewiesenen Barock-Experten <strong>J\u00f6rg Halubek<\/strong> gelingt es erneut, das Staatsorchester Kassel entsprechend der derzeitigen barocken Auff\u00fchrungspraxis zu f\u00fchren. Das Orchester wird mit barocken Instrumenten erg\u00e4nzt, Barockb\u00f6gen bei den Streichern kommen zum Einsatz. Und das Orchester hat an diesem Abend viel zu tun, denn <strong>Tommaso Tra\u00ebtta<\/strong> verschiebt den Schwerpunkt von den Arien auf raffinierte Weise hin zu ungew\u00f6hnlichen Ensembles. Er setzt auf scharfsinnige Wendungen und eine viel dichtere Orchestrierung als im Barock sonst \u00fcblich: mit <em>Antigona <\/em>eilt <strong>Tommaso Tra\u00ebtta<\/strong> seinen Opern-Zeitgenossen um 1772 wie Mozart und Gluck voraus und steht quasi an der Spitze der Wende zur Klassik.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Musikalisch ist die weithin unbekannte Oper ein wichtiges Bindeglied in der Stilistik zwischen Barock und Vorklassik. Aus den Arien entwickeln sich Quasi-Ensembleszenen, die klanglich interessante Wirkung zeigen, jedoch beim Publikum nicht z\u00fcnden \u2013 was nicht an den Solisten liegt. Auch die Handlung selbst vermag kaum zu fesseln, denn mehr als zwei Stunden wird dar\u00fcber diskutiert, ob Polyneikes beerdigt werden darf. Die Optik der Dokumenta K\u00fcnstlerin <strong>Goshka Macuga<\/strong> im Science Fiktion Stil a la <em>Krieg der Sterne<\/em> ist sensationell \u2013 obschon wenig an das alte Griechenland erinnert. Die frei gestaltete Gestik auf leerer B\u00fchne vermag zu faszinieren, was zu tosendem Beifall des Publikums f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Nils Klinger<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: von links: Elizabeth Bailey (Antigona) und Maren Engelhardt (Ismene)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Tommaso Tra\u00ebtta (1727-1779), Tragedia per Muisca in drei Akten, Libretto: Marco Coltellini,; UA 11.November 1772 St. Petersburg., Zarenhof Regie: Stephan M\u00fcller, Visuelle Konzeption: Goshka Macuga, B\u00fchne: Siegfried E. 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