{"id":7116,"date":"2017-04-27T14:54:49","date_gmt":"2017-04-27T13:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7116"},"modified":"2017-04-27T21:23:18","modified_gmt":"2017-04-27T20:23:18","slug":"wozzeck-paris-opera-bastille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7116","title":{"rendered":"WOZZECK &#8211; Paris, Op\u00e9ra Bastille"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: Alban Berg nach Woyzeck von Georg B\u00fcchner, U.A: 14. Dezember 1925 Berlin, Staatstheater unter den Linden<\/p>\n<p>Regie\/Kost\u00fcme: Christoph Marthaler, B\u00fchne: Anna Viebrock, Licht: Olaf Winter, Dramaturgie: Malte Ubenauf<\/p>\n<p>Dirigent: Michael Sch\u00f8nwandt, Chor und Orchester der Op\u00e9ra Nationale de Paris,<em> Ma\u00eetrise de Haute<\/em>-Seine, Kinderchor der Op\u00e9ra National de Paris, Choreinstudierung: Alessandro Di Stefano<\/p>\n<p>Solisten: Johannes Martin Kr\u00e4nzle (Wozzeck), Stefan Margita (Tambourmajor), Nicky Spence (Andres), Stephan R\u00fcgamer\u00a0 (Hauptmann), Kurt Rydl (der Arzt), Gun-Brit Barkmin\u00a0 (Marie), Eve-Maud Hubeaux\u00a0 (Margarethe) u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 26. April 2017 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Paris-Wozzeck.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7117\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Paris-Wozzeck.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Paris-Wozzeck.png 650w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Paris-Wozzeck-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Arnold Sch\u00f6nberg und seine zwei Sch\u00fcler Anton Webern und Alban Berg, <em>Zweite Wiener Schule<\/em> genannt, (als die <em>Erste Wiener Schule<\/em> gelten Haydn, Mozart und Beethoven) hat die Dodekaphonie (Zw\u00f6lftonmusik) in die abendl\u00e4ndische Musik eingef\u00fchrt. Unter ihnen war Alban Berg nicht der Theoretiker, sondern der Komponist und Dramatiker. So geh\u00f6ren seine zwei <em>Literaturopern<\/em> <em>Wozzeck<\/em> und<em> Lulu<\/em> auch zu seinen Hauptwerken. <em>Man darf im Wozzeck das bedeutendste Werk des musikalischen Expressionismus sehen. Es ist also ein sp\u00e4tes Dokument des romantischen Kunstwillens ganz anders jedoch als das feierliche metaphysische Gedicht der Liebe des Wagnerschen <\/em>Tristan<em>. W\u00e4hrend Wagner idealisiert, macht Berg aus dem stark naturalistischen Torso von Georg B\u00fcchner eine Trag\u00f6die des menschlichen Schicksals <\/em>(K. H. W\u00f6rner). Hans Renner bemerkt dazu: <em>Die Harmonik bewegt sich frei in tonalen, polytonalen und atonalen Bereichen, eine sublim differenzierte Chromatik dient der Expression.<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Der einf\u00e4ltige, seelisch labile, aber gutm\u00fctige Soldat Wozzeck leidet an Lebensangst und Unsicherheit. Die Lichtblicke in seinem armseligen Dasein sind sein Freund Andres und seine Lebensgef\u00e4hrtin Marie. Das Kind, das er mit ihr gezeugt hat, besch\u00e4ftigt ihn wenig. Seine Vorgesetzten in der Armee verstehen den verschlossenen Soldaten nicht. Der Milit\u00e4rarzt, der sich f\u00fcr ein Genie h\u00e4lt, sieht auch im Hauptmann ein m\u00f6gliches Versuchskaninchen, aber verwendet vorerst nur Wozzeck als Versuchsobjekt f\u00fcr seine medizinischen Studien. Der protzige Tambourmajor macht Marie den Hof und verf\u00fchrt sie. Marie singt ihrem Kind ein Wiegenlied. Wozzeck wird mi\u00dftrauisch als er Marie mit neuen Ohrgeh\u00e4ngen vor dem Spiegel antrifft. In einem Wirtshaus tanzt Marie mit dem Tambourmajor. Als dieser betrunken in die Kaserne zur\u00fcckkommt, verpr\u00fcgelt er Wozzeck und prahlt mit seinen Erfolgen bei Marie. Diese bereut ihren Fehltritt und bittet Gott um Vergebung. Doch Wozzeck f\u00fchrt sie fort auf einen Spaziergang ans Ufer des Sees und erdolcht sie dort. Als er sp\u00e4ter die Tatwaffe im See versenken will, ertrinkt er selbst. Am Schlu\u00df sind es die Kinder, die den Leichnam Maries finden, unter ihnen ihr kleiner Bub.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut!<\/em><\/p>\n<p>Christoph Marthaler und sein Team haben diesen Ausruf Wozzecks w\u00f6rtlich genommen und eine sehr lebendige Inszenierung geschaffen, die zwischen schonungsloser Rohheit Brecht\u2019scher Kabarett-Groteske und d\u00fcsteren Todesahnungen eines Dostojewski hin und her schwankt. Die Musik unterstreicht diese Atmosph\u00e4re. Als einzige Kulisse: in einer Kaserne, eine Art von Messe-Gemeinschaftssaal f\u00fcr Soldaten, Frauen und Kinder, mit Lampions beleuchtet, an dessen einfachen Tischen und St\u00fchlen in st\u00e4ndigem Wandel (und ohne Pause) eine Szene nach der anderen abl\u00e4uft. In einer Ecke ein Klavier samt Klavierspieler. Die Kost\u00fcme und Uniformen sind zeitgen\u00f6ssisch. Wozzeck hat immer wieder Wahnvorstellungen und ist, hochgradig neurotisch, in st\u00e4ndiger Bewegung, wischt Tische ab, r\u00e4umt Flaschen ab oder stellt die Turnschuhe der Kinder in gerader Reihe nebeneinander. Maries hoffnungsloser Gesichtsausdruck kommt einer griechischen Trag\u00f6dienmaske nahe. Immer wieder wuseln, als normale Figuren in diesem Narrenhaus, Kinder herein und hinaus.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester <\/strong><\/p>\n<p>Der Text wird sprechgesungen oder manchmal \u00fcberhaupt gesprochen. Die Diktion ist durchgehend gut. Man mu\u00df die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger bewundern, wie sehr sie ihrer Rollen zuliebe ihre Stimmen weitgehend karikieren. <strong>Johannes Martin Kr\u00e4nzle<\/strong> spielt, singt, st\u00f6hnt, schreit mit im Grunde warmer Baritonstimme \u00fcberzeugend einen pathologisch-neurotischen Wozzeck. <strong>Gun-Brit Barkmin <\/strong>spielt und singt mit herbem, dramatischem Sopran, oft schrill, aber auch in den hohen Lagen immer kontrolliert, die bedauernswerte Lebensgef\u00e4hrtin Marie. <strong>Kurt Rydl<\/strong> bellt mit tiefem Ba\u00df den megalomanen Doktor. Hauptmann <strong>Stephan R\u00fcgamers <\/strong>scharfer, heller Tenor geht manchmal in Fistelt\u00f6ne \u00fcber. <strong>Nicky Spence <\/strong>ist der treue Freund Andres, <strong>Stefan Margita<\/strong> der letztlich pathetische Don Juan, und <strong>Eve-Maud Hubeau<\/strong><strong>x <\/strong>mit verf\u00fchrerischen Mezzo die Kasernen-Nutte. Michael Sch\u00f8nwandt verquickt bestens die reichhaltige Orchesterpartitur mit dem Geschehen auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die durchaus koh\u00e4rente Regie und die ausgezeichnete Interpretation der Musiker, S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger wurde diesem erschreckenden B\u00fcchner\/Berg\u2018schen Meisterwerk vollkommen gerecht. Das Publikum war nach dem letzten Ton sekundenlang best\u00fcrzt und dann gab es viel Applaus.<\/p>\n<p>Alexander Jordis-Lohausen<\/p>\n<p>Bild: Emilie Brouchon<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: 2. Tisch von re vorne: Eve-Maud Hubeaux (Margarethe), re daneben stehend: Johannes Martin Kr\u00e4nzle (Wozzeck), ganz li am Tisch sitzend mit wei\u00dfem Kittel: Kurt Rydl (der Arzt, 2. Tisch li stehend: Gun-Brit Barkmin (Marie)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Alban Berg (1885-1935), Oper in drei Akten, Libretto: Alban Berg nach Woyzeck von Georg B\u00fcchner, U.A: 14. 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