{"id":7048,"date":"2017-03-07T12:37:32","date_gmt":"2017-03-07T11:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7048"},"modified":"2017-03-07T12:38:29","modified_gmt":"2017-03-07T11:38:29","slug":"ariodante-stuttgart-staatstheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7048","title":{"rendered":"ARIODANTE  &#8211; Stuttgart, Staatstheater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Georg Friedrich H\u00e4ndel, Oper in drei Akten, Libretto: Antonio Salvi, UA: 8. Januar 1735 London, Covent Garden<\/p>\n<p>Regie\/Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Kost\u00fcme: Nina von Mechow, Licht- und Videokonzept: Voxi B\u00e4renklau<\/p>\n<p>Dirigent: Giuliano Carella, Staatsorchester Stuttgart<\/p>\n<p>Continuo: Franziska Finckh (Gambe), Matthias Bergmann (Basse de Violon), Andrea Baur &amp; Johannes Vogt (Laute), Jan Croonenbroeck (Cembalo)<\/p>\n<p>Solisten: Diana Haller (Ariodante), Ana Durlovski (Ginevra), Matthew Brook (K\u00f6nig), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Christophe Dumaux (Polinesso), Josefin Feiler (Dalinda), Philipp Nicklaus (Odoardo)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 5. M\u00e4rz 2017 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Polinesso ist ver\u00e4rgert, da Ginevra ihn verschm\u00e4ht. Ihr Herz geh\u00f6rt Ariodante. Ginevras Vater, der K\u00f6nig, billigt diese Verbindung und will Ariodante dar\u00fcber hinaus zum Nachfolger kr\u00f6nen lassen. Als Ginevras Dienerin Dalinda jedoch Polinesso ihre Liebe gesteht, ist f\u00fcr diesen der Augenblick seiner Rache gekommen: er bittet Dalinda, ihm als Liebesbeweis in Ginevras Kleidern nachts die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Au\u00dferdem wird Ariodantes Bruder Lurcanio zu Beginn von Dalinda verschm\u00e4ht. Er wird Zeuge von Polinessos Plan, h\u00e4lt Ariodante vom Freitod ab und tr\u00e4gt im weiteren zur Aufkl\u00e4rung der verworrenen Situation bei. Polinesso stirbt beim Duell, die beiden Paare finden zueinander, der K\u00f6nig ist gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Bei Barockopern ist es \u00fcblich, da\u00df sich nach zahlreichen Auf- und Abg\u00e4ngen mehrere Figuren zugleich auf der B\u00fchne tummeln, aber erst zum Finale alle gemeinsam auf der B\u00fchne stehen.<\/p>\n<p>In Stuttgart sind gleich zu Beginn alle Akteure versammelt. Wenn die Ouvert\u00fcre einsetzt, beginnt bereits<a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Stuttgart-Ariodante.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7049 alignright\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Stuttgart-Ariodante.jpg\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"367\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Stuttgart-Ariodante.jpg 545w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Stuttgart-Ariodante-300x202.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><\/a> das muntere Treiben: viel Bewegung, viele Interaktionen, alles auch w\u00e4hrend der verschiedenen Arien. Ein eigentliches B\u00fchnenbild gibt es nicht. Gebrauchsgegenst\u00e4nde wie Spiegel, Eimer oder Mordwaffen kommen allerdings gerne zum Einsatz.<\/p>\n<p>So wird die Inszenierung in erster Linie zur Kost\u00fcmierung. Doch ist hier keine gerade Linie zu erkennen und die Kleidung wechselt wie die Stimmung der Handlung: bald Alltagsklamotten, bald Theaterkost\u00fcme. Zum gro\u00dfen Finale schl\u00fcpfen die Akteure dann in ihre barocken Abendgarderoben \u2013 aber da geht das St\u00fcck bereits dem Ende zu.<\/p>\n<p>Statt der Ballettszenen hat man in Stuttgart \u201eDivertissements\u201c eingebaut. Die Musik bildet den Rahmen, Christophe Dumaux\/Polinesso liest auf franz\u00f6sisch aus Rousseau, die S\u00e4nger-Schauspieler liefern sich auf der B\u00fchne eine Riesengaudi und scheinen ihren herrlichen Spa\u00df daran zu haben, w\u00e4hrend der Zuschauer aus der komfortablen Theatersesselperspektive sein Am\u00fcsement \u00fcber dieses wilde Treiben nicht leugnen kann. Die Themen der Divertissements lauten <em>Schamlosigkeit der Schauspielerin<\/em>, <em>Nur zwei Jahre Theater und alles ist zerr\u00fcttet<\/em> und <em>Ungleichheit der Verm\u00f6gen<\/em>.<\/p>\n<p>Im dritten Akt wird die B\u00fchne zum Boxring und hier findet das Duell zwischen Lurcanio und Polinesso statt. Ein S\u00e4nger mu\u00df heutzutage also nicht nur musikalisch sein, er mu\u00df auch kr\u00e4ftig zuschlagen k\u00f6nnen! Den Saal verl\u00e4\u00dft man am Ende mit folgendem Gedanken: sobald die S\u00e4nger zu sehr von der Regie gef\u00fchrt werden, entsteht ein spr\u00f6des Vakuum. L\u00e4\u00dft man selbigen jedoch freien Lauf zur spontanen Aktion wie in den Divertissements, gewinnt der Abend an Leben. Weniger konzeptgebundene Personenf\u00fchrung ist manchmal eben mehr.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das Stuttgarter Staatsorchester unter Leitung des Gastdirigenten <strong>Guiliano Carella<\/strong> liefert eine schwungvolle, impulsive und vor allem flotte Interpretation. Zwar wirkt der H\u00e4ndel-Klang in den ersten Augenblicken ein wenig schwerf\u00e4llig, man gew\u00f6hnt sich jedoch rasch an dieses \u201eklassische\u201c Orchester. An einigen Stellen k\u00f6nnte man jedoch etwas mehr Liebe zur barocken Spielpraxis zeigen. Einige Akzentuierungen erinnern in ihren dicken Pinselstrichen noch sehr an die H\u00e4ndel-Interpretationen der 1960er Jahre und k\u00f6nnen auch von einem Opernorchester mit wenig Aufwand transparenter gestaltet werden.<\/p>\n<p>Problematisch ist das nicht vorhandene B\u00fchnenbild vor allem in akustischer Sicht. Es ist \u00e4rgerlich, da\u00df allzu oft der Gesang im riesigen B\u00fchnenraum verhallt und die S\u00e4nger in solchen F\u00e4llen nicht in Richtung des Publikums singen. Die beiden H\u00f6rner <strong>Claudius M\u00fcller<\/strong> und <strong>Christina Kloft<\/strong> \u00fcberraschen bei der Arie des K\u00f6nigs <em>Voli colla sua tromba \u2013 Die Fama fliege mit ihrer Trompete durch die ganze Welt<\/em> mit einer auswendig dargebotenen B\u00fchnenmusik.<\/p>\n<p>Ein souver\u00e4ner <strong>Matthew Brook<\/strong> stemmt die Partie des K\u00f6nigs auf angenehme Weise. <strong>Ana Durlovski<\/strong> erlebt man an diesem Abend in der Partie der Ginevra. Die Unsicherheit ihres Schicksals im zweiten Akt bei <em>Mi palpita il cor \u2013 Mir schl\u00e4gt das Herz <\/em>ist ein von Pausenz\u00e4suren durchbrochener Gesang, dem Ana Durlovski das dem Notentext innewohnende Pathos abringt, wenn auch eine gewisse H\u00e4rte des Timbres manche Passage ein wenig k\u00fchl und distanziert wirken l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Ein interessanter Fall ist <strong>Christophe Dumaux<\/strong> als Polinesso: seine Counterstimme hat Charakter, ist \u00fcberraschend leicht und beweglich. Im Gegensatz zu vielen anderen S\u00e4nger seines Faches verf\u00fcgt er \u00fcber ein \u00e4u\u00dferst klares, glattes und einheitliches Klangbild in der Mittellage bis in die H\u00f6hen, auch die Koloraturen gleiten ihm gekonnt aus der Gurgel. Leider ist sein Volumen begrenzt, was seine Wut- und Racheaffekte stets im Zaum h\u00e4lt. Ariodante wird von <strong>Diana Haller<\/strong> in sch\u00f6ner Timbrierung und allen Spektralfarben dieser Partie pr\u00e4sentiert. Die ber\u00fchmte Arie <em>Scherza infida \u2013 Scherze nur, Ungetreue<\/em> k\u00f6nnte wohl mehr Eindruck machen, wenn der Beginn nicht im Liegen gesungen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Sebastian Kohlhepp<\/strong> liefert in der Partie des Lurcanio einen lyrischen Tenorgesang, der sich u.a. in seiner ersten Arie <em>Del mio sol, vezzosi rai \u2013 Ihr lieblichen Strahlen meiner Sonne<\/em> offenbart. Kein Wunder: er will Dalinda alias <strong>Josefin Feiler<\/strong> von seiner Leidenschaft \u00fcberzeugen, die ihn trotz all seiner sch\u00f6nen Melodieb\u00f6gen am Ende der Arie des Platzes verweist.<\/p>\n<p><strong>Josefin Feiler<\/strong> als Dalinda \u2013 seit vergangener Spielzeit fest im Stuttgarter Ensemble und somit in einer ihrer ersten gro\u00dfen Partien zu erleben \u2013 f\u00fcllt die L\u00fccken der Inszenierung nicht nur mit Spielfreude, sondern auch mit ihrer tiefsinnigen Musikalit\u00e4t. Die Koloraturen ihrer Arie <em>Neghittosi or voi che fate? \u2013 Ihr tr\u00e4gen G\u00f6tter, was tut ihr?<\/em> rauschen mit eben jener spielerischen Leichtigkeit dahin, mit welcher Dalinda unbek\u00fcmmert ihre Liebe zu Polinesso gegen jene Lurcanios eintauscht. Den Weg zu weiteren gr\u00f6\u00dferen Partien hat sie sich mit dieser Premiere auf alle F\u00e4lle geebnet.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Inszenierung dieses <em>Ariodante<\/em> ist f\u00fcr den unbefangenen Zuschauer ebenso undurchsichtig wie die finsteren Pl\u00e4ne des Polinesso, doch Spielfreude und B\u00fchnenpr\u00e4senz der Interpreten werten die Trostlosigkeit erfreulicherweise wieder auf. Die Regie z\u00fcndet zwar ein Feuerwerk an Ideen, leider fehlt letztlich die einheitliche Linie. Wenn man \u00fcber die oben erw\u00e4hnten handwerklichen Schw\u00e4chen und Fehler selbiger hinwegsieht, ist dieser Opernabend aus musikalischer Sicht durchaus eine Reise wert.<\/p>\n<p>Daniel Rilling<\/p>\n<p>Bild: Christoph Kalscheuer<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo), l.n.r.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Georg Friedrich H\u00e4ndel, Oper in drei Akten, Libretto: Antonio Salvi, UA: 8. 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