{"id":7036,"date":"2017-02-21T14:35:46","date_gmt":"2017-02-21T13:35:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7036"},"modified":"2025-10-10T17:22:33","modified_gmt":"2025-10-10T16:22:33","slug":"konzert-koelner-philharmonie-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7036","title":{"rendered":"Konzert &#8211; K\u00f6lner Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Dirigent: Valery Gergiev, M\u00fcnchener Philharmoniker<\/p>\n<p>Solist: Daniil Trifonov, Klavier<\/p>\n<p>Programm<\/p>\n<p>Claude Debussy (1862-1918): Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un Faune (1893\/94)<\/p>\n<p>Sergej Rachmaninoff (1873-1943): Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll Op. 30 (1909), Sinfonische T\u00e4nze Op. 45 (1940)<\/p>\n<p>Konzertbesuch: 19. Februar 2017<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>An diesem Abend erlebte die Philharmonie etwas Seltenes: nicht nur waren alle Sitzpl\u00e4tze besetzt, sondern auch die Stehpl\u00e4tze in der Galerie. Was hatte das K\u00f6lner Konzertpublikum in solchen Scharen angelockt? Waren es die St\u00fccke, der Dirigent, oder das Orchester?<\/p>\n<p>Es war der Solist Daniil Trifonov, Jahrgang 1991, der vor f\u00fcnf Jahren binnen sechs Wochen sowohl den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, als auch den Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel-Aviv gewonnen hatte. Kein geringerer als Valery Gergiev hatte Trifonov beim Tschaikowsky-Wettbewerb im Juni 2011 \u201eentdeckt\u201c! F\u00fcr den jungen Pianisten bedeutete das den Durchbruch zu einer ph\u00e4nomenalen internationalen Konzertkarriere. Doch wie schon Schubert anl\u00e4\u00dflich neuer Besucher beim Treffen seiner Freunde stets fragte: <em>Kann er was?<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Programm<\/strong><\/p>\n<p>Der Konzertabend wurde dominiert von Werken von Sergej Rachmaninoff. Etwas merkw\u00fcrdig mutete die Wahl ausgerechnet des <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un Faune<\/em> von Debussy als Er\u00f6ffnungsst\u00fcck an, jenes Wegweisers zur modernen Musik, mit der Rachmaninoff nichts zu tun haben wollte. Auch inhaltlich gibt es reichlich wenig Bezugspunkte zwischen der musikalischen Welt des Franzosen, dessen Kunst dahin strebte, Unfa\u00dfbares, Ungreifbares, Immaterielles in T\u00f6ne zu fassen, und der des Russen, dem es darum ging, innerhalb der musikalischen Tradition seines Landes und der europ\u00e4ischen Musikkultur einen eigenen Ausdruck zu finden.<\/p>\n<p>Debussy hatte \u2013 obwohl er bei der Komposition des <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un Faune <\/em>erst knapp \u00fcber drei\u00dfig war \u2013 bis zu diesem ersten Meisterwerk einen langen musikalischen Weg zur\u00fcckgelegt, der vor allem gepr\u00e4gt war von der kompromi\u00dflosen Suche nach neuen Klang- und Ausdruckswelten. Debussy schaffte darin \u2013 wie auch in den folgenden Werken \u2013 das Wunder, eine zugrundeliegende, klare musikalische Struktur derart zu verh\u00fcllen, da\u00df der Eindruck eines steten Improvisierens, einer sich st\u00e4ndig neu entdeckenden und erfindenden Musik entsteht \u2013 ohne den Zuh\u00f6rer sich in diesem scheinbaren Labyrinth verlieren zu lassen!<\/p>\n<p>Die <em>Symphonischen T\u00e4nze<\/em> hingegen sind Rachmaninoffs pers\u00f6nliche Summe seines kompositorischen Schaffens. Sie entstanden im Sommer 1940 in fieberhafter, f\u00fcnfw\u00f6chiger Arbeit in seinem damaligen Landhaus auf Long Island. In keinem anderen Werk (au\u00dfer vielleicht der Chorsymphonie <em>Kolokola<\/em> [Glocken] Op. 35 von 1913) schaffte er eine so \u00fcberzeugende Synthese von Melodik, Harmonik und Rhythmik. Zitate aus fr\u00fcheren Werken und die Rachmaninoffs Schaffen immer wieder durchziehende <em>Dies irae<\/em> Sequenz sind unaufdringlich in den komplexen musikalischen Satz eingewoben. Harmonisch wagt sich der Komponist f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse weit in die Moderne, ohne jedoch seine Wurzeln je preiszugeben.<\/p>\n<p>Sein beliebtes <em>Drittes Klavierkonzert<\/em> in d-Moll Op. 30 schafft eine \u00e4hnliche Synthese auf der Ebene von Pianistik und Symphonik, und zwar sowohl was die Form als auch die Behandlung von Klavier- und Orchesterpart betrifft. Es entstand im Sommer 1909 \u2013 gleich den <em>Symphonischen T\u00e4nzen<\/em> \u2013 geradezu blitzartig innerhalb weniger Wochen auf Rachmaninoffs Landgut Iwanowka.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem \u00e4hnlich beliebten <em>Zweiten<\/em> <em>Klavierkonzert<\/em> Op. 18 (1900\/01) ist der Klavierpart etwas dominanter, die Harmonik komplexer, die Form insgesamt geweitet. Der Kopfsatz spart weitgehend die Reprise aus und setzt an ihre Stelle eine ausgedehnte, in zwei Fassungen \u00fcberlieferte Solokadenz. Der Mittelsatz hingegen kombiniert Scherzo und langsamen Satz. Das Finale nutzt, wie im <em>Zweiten Klavierkonzert<\/em>, das lyrische Seitenthema in der Coda zu einer hymnischen Schlu\u00dfsteigerung, die das ganze Werk sozusagen kr\u00f6nt.<\/p>\n<p><strong>Die Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Es ist hochriskant, musikalisch so diametral entgegengesetzte Welten wie Debussy und Rachmaninoff in einem Konzert zu kombinieren. Das Risiko liegt dabei nicht nur in der Balance der Pr\u00e4sentation, sondern auch in einer drohenden \u00dcberforderung von Publikum und ausf\u00fchrenden Musikern.<\/p>\n<p>Leider bewahrheiteten sich diese Bef\u00fcrchtungen. <strong>Valery Gergiev<\/strong> und den <strong>M\u00fcnchener Philharmonikern<\/strong> gelang es nicht, den richtigen Ton von Debussys <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un Faune<\/em> zu treffen. Bei aller Meisterschaft der klanglichen Auslotung, der plastischen Tongebung, rhythmischen Pr\u00e4zision und architektonischen Gestaltung, war der Klang von Anfang an viel zu erdverbunden und verfehlte somit den wesentlichen geistigen Inhalt des Werks. Da\u00df der Funke auf das Publikum nicht \u00fcbersprang bemerkte man am h\u00f6flichen Applaus, der recht schnell erstarb.<\/p>\n<p>Danach folgte jedoch eine musikalische Sternstunde, wie es nur wenige gibt! Der junge Pianist <strong>Daniil Trifonov<\/strong> h\u00e4lt was sein Ruf verspricht und meistert das schwierigste unter den klassisch-romantischen Klavierkonzerten nicht nur, er verwandelt es in eine Offenbarung, die einen danken l\u00e4\u00dft, da\u00df diese musikalischen Qualit\u00e4ten im digitalen Zeitalter nicht nur fast beliebiger Reproduzier- sondern auch Verf\u00e4lschbarkeit, immer noch m\u00f6glich sind! Schon bei der kurzen Orchestereinleitung, als Trifonov noch gar nicht spielt, strahlt er bereits eine derartige Versunkenheit und Konzentration aus, da\u00df sp\u00fcrbar wird: gleich wird etwas Besonderes geschehen!<\/p>\n<p>Und als er die H\u00e4nde auf die Tasten legt, geschieht dieses Besondere tats\u00e4chlich! Vom ersten Ton an spricht und singt der Steinway-Fl\u00fcgel in jeder Lautst\u00e4rke mit einer Intensit\u00e4t, die selbst die f\u00fcr den Pianisten widrigen akustischen Bedingungen der K\u00f6lner Philharmonie niederringt. Es ist nur ganz wenige Male, da\u00df Trifonov sich in der Klanggebung etwas versch\u00e4tzt oder ein wenig zu reichlich Pedal nimmt und die Ba\u00dflinie leicht verschmiert. Es ist jedoch nicht nur jener besondere, mit unbegreiflicher Kunst in den Raum hineinprojizierte Klavierklang, der gefangennimmt, sondern auch die bei aller Individualit\u00e4t organische Formgebung seiner Interpretation, die das Werk nicht um einer pers\u00f6nlichen Meinung oder Aussage willen verzerrt, sondern seinen Geist aufgreift und (wenn auch auf pers\u00f6nliche Art und Weise) mit ungeheurer Energie und Kompromi\u00dflosigkeit vermittelt. Er verf\u00e4llt auch nicht dem oft begangenen Fehler, sich allzusehr auf die Oberstimme zu konzentrieren. Trifonov ist der ganze musikalische Satz wichtig, der Ba\u00df und die Mittelstimmen ebenso wie die Oberstimme (hier zeigen sich vielleicht auch die Fr\u00fcchte seiner kompositorischen Arbeit!).<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine ungeheure Fingerfertigkeit und Technik, die selbst in schnellsten Passagen den Klang rein, glockenhell und musikalisch bleiben l\u00e4\u00dft. Und wer um die akustische Problematik der K\u00f6lner Philharmonie Bescheid wei\u00df, wird jene ungeheure Leistung zu w\u00fcrdigen wissen, sich am H\u00f6hepunkt, kurz vor Schlu\u00df mit dem Klavier gegen die m\u00e4chtigen Blechbl\u00e4ser durchzusetzen!<\/p>\n<p>Dieser furiose Schlu\u00df ri\u00df das K\u00f6lner Publikum tats\u00e4chlich wie ein Wirbelwind von den Sitzen! Ein r\u00fcckhaltloser Jubel, der diesmal nichts mit dem nahenden Karneval zu tun hatte, fuhr durch die Reihen der Besucher, die in spontane, einheitlichen stehende Ovationen ausbrachen. Der sichtlich erfreute, ob dieses Beifalls fast schon leicht \u00fcberw\u00e4ltigt wirkende junge Pianist, bedankte sich denn auch mit einer musikalischen Kostbarkeit: dem langsamen Satz aus Rachmaninoffs <em>Erster Klaviersonate d-Moll<\/em> Op. 28, die man hierzulande leider nie im Konzertsaal h\u00f6rt. Nur schade, da\u00df er den Mittelteil auslie\u00df und vom Er\u00f6ffnungsteil direkt in den Schlu\u00df sprang&#8230;<\/p>\n<p>Gegen dieses musikalische Ausnahmeereignis hatte es die zweite H\u00e4lfte nach der Pause schwer. Doch Gergiev und die M\u00fcnchener Philharmoniker erwiesen sich dem gewachsen und zeigten sich ganz in ihrem Element! Selten h\u00f6rte man diese, f\u00fcr Orchester so teuflisch schwer zusammenzuspielbaren St\u00fccke in dieser Qualit\u00e4t! Es gab weder rhythmische Wackler, noch intonatorische Unsicherheiten! Selbst in der Coda des Finales spielte das Orchester wie ein Mann zusammen! Hinzu kam jene offensichtliche Musizierfreude, die im Debussy so schmerzhaft vermi\u00dft wurde. Gergiev brachte sogar das Kunstst\u00fcck fertig, den labyrinthischen, komplexen Mittelsatz \u2013 man hat das Gef\u00fchl, Paul Dukas und Maurice Ravel h\u00e4tten sich darin verschworen, dem Walzer endg\u00fcltig den Todessto\u00df zu versetzen! \u2013 sowohl inhaltlich als auch formal \u00fcberzeugend zu vermitteln und weder Orchester noch Publikum sich darin verlieren zu lassen.<\/p>\n<p>Die Ovationen, die Dirigent und Orchester nach dieser Leistung erhielten, waren mehr als verdient und r\u00fcckten den Abend endg\u00fcltig in die Sph\u00e4re einer musikalischen Sternstunde! Wann erlebt man schon zwei <em>standing ovations<\/em> in einem einzigen Konzert!<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Es war, wie schon geschrieben, ein ebensolches musikalisches Ausnahmeereignis, wie Daniil Trifonov ein absoluter Ausnahmepianist ist, der derzeit vielleicht weltweit beste. Da\u00df er auf grunds\u00e4tzlicher Ebene \u2013 technisch, klanglich, rhythmisch, gestalterisch \u2013 keine Fehler macht, ist leider ebenfalls als Ausnahme anzumerken. Hinzu kommt aber noch eine \u00fcberw\u00e4ltigende Pr\u00e4senz und Konzentration im Spiel, die er nur mit den ganz Gro\u00dfen der Pianisten teilt. Dabei f\u00e4llt auf, wie verschwenderisch er mit seinen Ressourcen umgeht. Ma\u00dfhaltung ist Trifonovs Sache nicht, er geht k\u00f6rperlich aufs Ganze und erreicht damit eine unerh\u00f6rte Bandbreite an Ausdruck, von marmorner Unbeweglichkeit und absoluter Versunkenheit bis hin zum \u201eRumpelstilzchentanz\u201c am Klavier, wo beide H\u00e4nde bis hoch \u00fcber den Kopf geschwungen werden und jeder Akkord ein Sprung vom Sitz bedeutet. Das wahre Wunder dabei ist, da\u00df er trotzdem den musikalisch-architektonischen Bogen nicht nur nicht verliert, sondern immer noch \u00fcberzeugend gestalten kann!<\/p>\n<p>Ein weiteres Wunder ist, wie er sich bei derartigem k\u00f6rperlich-geistigem Einsatz und einem so anstrengenden Konzertprogramm (allein \u00fcber 50 Auftritte weltweit im ersten Halbjahr 2017!) nicht verausgabt! Es bleibt ihm zu w\u00fcnschen, da\u00df er seine Qualit\u00e4ten noch viele Jahre bewahren und verfeinern kann \u2013 \u201everbessern\u201c im landl\u00e4ufigen Sinne scheint nur mehr schwer m\u00f6glich!<\/p>\n<p>Philipp Kronbichler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirigent: Valery Gergiev, M\u00fcnchener Philharmoniker Solist: Daniil Trifonov, Klavier Programm Claude Debussy (1862-1918): Pr\u00e9lude \u00e0 l&#8217;apr\u00e8s-midi d&#8217;un Faune (1893\/94) Sergej Rachmaninoff (1873-1943): Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll Op. 30 (1909), Sinfonische T\u00e4nze Op. 45 (1940) Konzertbesuch: 19. 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