{"id":7019,"date":"2017-02-12T21:03:42","date_gmt":"2017-02-12T20:03:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7019"},"modified":"2025-10-10T17:14:31","modified_gmt":"2025-10-10T16:14:31","slug":"koelner-philharmonie-konzertabend-maurizio-pollini","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7019","title":{"rendered":"Konzert &#8211; K\u00f6lner Philharmonie &#8211; Maurizio Pollini"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Klavierwerke von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin (1810-1849)<\/p>\n<p>Deux Nocturnes cis-Moll, Op. 27, Nr. 1 und Des-Dur Nr. 2, Balladen As-Dur, Op. 47 Nr. 3, f-Moll, Op. 52 Nr. 4, Berceuse Des-Dur Op. 57, Scherzo h-Moll Op. 20; Deux Nocturnes f-Moll, Op. 55, Nr. 1 und Nr. 2 Es-Dur, Sonate h-Moll Op. 58 (Allegro maestoso, Scherzo, Largo, Finale. Presto, ma non tanto<\/p>\n<p>Besuchtes Konzert: 10. Februar 2017<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Chopin \u2013 Pollini<\/em>, dieser Hinweis im Programm der K\u00f6lner Philharmonie, sorgte schon mit den beiden Namen f\u00fcr zahlreiches Publikum. Chopin oder Pollini, schwer zu entscheiden, welcher Name den Ausschlag gab, da\u00df die Massen str\u00f6mten. Der italienische Pianist war vor fast genau zwei Jahren am 18. Februar 2015 in der Philharmonie mit einem bemerkenswerten Programm aufgetreten. Er spielte die selten zu h\u00f6rende <em>Kreisleriana<\/em> von Robert Schumann und die <em>24 Pr\u00e9ludes<\/em> von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin. Das Konzert wurde im OPERAPOINT in Heft 2\/2015 besprochen. Dieses Jahr nun ein Programm, ausschlie\u00dflich mit Kompositionen des gro\u00dfen polnisch-franz\u00f6sischen Komponisten.<\/p>\n<p>Manches erinnerte den Rezensenten an das Konzert im vorvorigen Jahr: Pollinis rascher Gang zu \u201eseinem\u201c Fl\u00fcgel der Marke Angelo Fabbrini, knappes Verbeugen gegen alle Seiten und sofortiger Griff in die Tasten.<\/p>\n<p>Zwei <strong><em>Nocturnes<\/em><\/strong> aus den Jahren 1835, Chopin war damals 25 Jahre alt und lebte seit vier Jahren in Frankreichs Hauptstadt, am Konzertbeginn. Die in die Tiefen des Fl\u00fcgels hinabsinkende Begleitung beim ersten <em>Nocturne<\/em> in cis-Moll r\u00fcckten die runden B\u00e4sse des Fabbrini-Fl\u00fcgels in den Vordergrund. Zum Nocturne-Ende dann die anmutigen Terzen der beiden Oberstimme. Pollinis Klangsinn machte solche Chopinsche Feinheiten h\u00f6rbar. Gleich darauf liebkosten weitere Terzen- und Sexten-Passagen im Des-Dur <em>Nocturne<\/em> unsere Ohren, wobei er aufs Sch\u00f6nste dynamisch abstuft. Die Zusammenstellung dieser beiden Nocturnes mit soviel Terzenseligkeit, die nur Chopins Vornehmheit vom S\u00fc\u00dflichen befreite, zeigt Pollinis Gesp\u00fcr f\u00fcr Programmgestaltung.<\/p>\n<p>Es folgten die <strong><em>Balladen<\/em><\/strong> As-Dur Op. 47, f-Moll Op. 52 aus den Jahren 1841\/43. Am besten traf Pollini den erz\u00e4hlerischen Ton bei der As-Dur-Ballade. Doch es fielen die vielen beschleunigten Passagen auf, mit der leider Unruhe aufkam. Auffallend waren die unvermittelten Beschleunigungen an den Stellen, an denen Chopin das liedhafte Thema verzierte. Dadurch ging die urspr\u00fcngliche Eleganz dieser Stellen verloren. Auch der reichliche Gebrauch des Fortepedals bei schnellen Stellen lie\u00df Konturen verschwinden. Das Trio beim nachfolgenden <strong><em>Scherzo<\/em><\/strong> h-Moll empfand man gegen\u00fcber den beiden Balladen regelrecht als eine Erholung.<\/p>\n<p>Den ersten Konzertteil beendete Pollini mit der <strong><em>Berceuse<\/em><\/strong>, einem genialen St\u00fcck, bei dem in der linken Hand fortw\u00e4hrend die Spielfigur des Wiegens erklingt. Diese Begleitfigur verbleibt ohne Unterbrechung in der Grundtonart Des-Dur. Unter den mannigfaltigsten melodisch und rhythmisch gestalteten Figuren der rechten Hand verschwand aber die scheinbare Eint\u00f6nigkeit der Begleitfigur. Die <em>Berceuse<\/em> und die <em>Sonate<\/em> h-Moll (am Ende des Konzerts) entstanden im Jahr 1844, und beide sind in ihrer harmonischen Anlage erstaunlich avantgardistisch, mit anderen Worten, eine derartige Tonsprache fand sich wohl kaum bei anderen Klavierwerken der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>Wie zu Anfang erklangen nach der Pause zwei <strong><em>Nocturnes<\/em><\/strong>, die Chopin 1843, sechs Jahre vor seinem fr\u00fchen Tod komponierte. Dem zweiten Nocturne in Es-Dur gibt Pollini vollendet seinen pastoralen Charakter. In diesem St\u00fcck schaffte Pollini es, mit expressivem Gesang jeder Note selbst in der belanglosesten Nebenstimme noch musikalischen Sinn und Charakter zu verleihen. Leider gelang ihm dies nicht auch im <em>Nocturne<\/em> f-Moll. Letzteres hat ein schlichtes, einpr\u00e4gsames Thema, das dem St\u00fcck den Charakter von Traurigkeit vermittelt. Permanent beschleunigt Pollini den mittleren Takt des dreitakigen Themas, wodurch eine gro\u00dfe Unruhe entsteht, was dem St\u00fcck den melancholischen Ausdruck raubt. Nun kann der Interpret den traurigen Aspekt nicht ber\u00fccksichtigen, er kann ihn sogar unterbinden. Damit aber vernichtet er die von Chopin festgelegte Eigenheit des f-Moll <em>Nocturnes<\/em>. Sicher wurde die traurig-melancholische Sichtweise fr\u00fcher von Pianisten bei ihrer Darbietung \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>Das gewichtigste Werk des Konzertabends war zweifellos die h-Moll<em> <strong>Sonate<\/strong><\/em>. Chopin hat, abgesehen von seinem Jugendwerk, der <em>Sonate in c-Moll<\/em> Op. 4 (1827\/28), zwei Sonaten geschrieben. Die erste <em>Sonate b-Moll<\/em> Op. 35 (1837\/39) ist durch den Trauermarsch des zweiten Satzes die bekanntere. Doch die hier vorgetragene <em>Sonate<\/em> h-Moll Op. 58 ist \u2013 wie oben schon erw\u00e4hnt \u2013 die harmonisch gewichtigere seiner Sonaten.<\/p>\n<p>Dem Publikum schien der erste Satz so gut gefallen zu haben, da\u00df es spontan applaudierte, etwas, was in fr\u00fcheren Jahren gewisserma\u00dfen zum Platzverweis gef\u00fchrt h\u00e4tte, jetzt aber, in unserer tolerant-relativistischen Zeit geflissentlich \u00fcbersehen wird. Der Beifall \u201eerstarb\u201c dann auch nach etwa drei\u00dfig Sekunden.<\/p>\n<p>Den ungemein \u00fcberraschenden Beginn der <strong><em>Sonate<\/em><\/strong> mit seinem abrupten Wechsel von Akkorden und virtuosen Passagen gestaltete Pollini eindrucksvoll. Aber auch hier bet\u00e4tigte er das Fortepedal etwas zuviel, so da\u00df die kontrapunktischen Melodiestimmf\u00fchrungen im Gewitter der Ba\u00dfchromatik kaum vernehmbar waren. Wohl um das Konzert nicht unn\u00f6tig in die L\u00e4nge zu ziehen, lie\u00df er im ersten Satz auch die Wiederholung weg und ging gleich weiter in den Durchf\u00fchrungsteil.<\/p>\n<p>Den zweiten Satz, das <em>Scherzo<\/em>, dessen Beginn stets ein Bravourst\u00fcck f\u00fcr Klaviervirtuosen war und ist, nimmt er so rasch, da\u00df die von Chopin beabsichtigte Bewegung der Achtelpassagen der rechten Hand durch das Tempo und durch zuviel Pedal nivelliert wurde. \u00c4hnliches widerf\u00e4hrt dem liedhaften zweiten Thema: ihm verleiht Pollini nicht die n\u00f6tige Innerlichkeit.<\/p>\n<p>Das Largo, der dritte Satz, ist ganz lyrisch gehalten. [Das gilt vor allem f\u00fcr den in triolischer Bewegung gehaltenen Mittelteil, der durch Pollinis Temposchwankungen viel von seiner bach&#8217;schen Schlichtheit einb\u00fc\u00dft. Auch hier vermi\u00dft man den anmutigen Charakter der Melodie, der dem zu schnellen Tempo anheimf\u00e4llt. Nat\u00fcrlich ist Pollinis unkonventionelle Behandlung lyrischer Abschnitte bei Chopin bekannt. Kein geringerer als der Kritiker Joachim Kaiser schrieb zu Anfang von Pollinis Karriere (1960), da\u00df <em>er in diese Musik, die so leicht zum Sentimentalen verf\u00fchrt, eine andere Art einf\u00fchrt, die die T\u00f6ne zum Sprechen bringt, nur eben nicht so, wie man es bisher gewohnt war. <\/em>Vielleicht hat sich das Vermeiden des sentimentalen Vortrags heute etwas verfl\u00fcchtigt, da man die sentimentale Attit\u00fcde fr\u00fcherer Pianisten vergessen hat. Vielleicht fehlt uns heutigen Menschen aber auch das Sentimentale?<\/p>\n<p>Mit unerh\u00f6rten Tempo st\u00fcrzt sich Pollini sodann ins <strong><em>Finale<\/em><\/strong>, das Chopin mit <em>Presto, ma non tanto \u2013 schnell, aber nicht allzuschnell. <\/em>Aber \u2013 wie nach dem vorangegangenen erwartet \u2013 nimmt Pollini den letzten Satz zu schnell. Auch dabei diente ihm wieder das Fortepedal des Fl\u00fcgels zum \u201eDahinfliegen\u201c: ein Menge Noten entzogen sich dem H\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das Publikum war begeistert, stand schon nach einer halben Minute Applaus von den Pl\u00e4tzen auf und blieb so lange beim Klatschen, bis der Meister eine Zugabe nach h\u00e4ufigem Hin- und Weggehen servierte: der vollst\u00e4ndigen Wiedergabe der <strong><em>Ballade<\/em><\/strong> g-Moll Op. 23 (1831\/35).<\/p>\n<p>Es bleiben gemischte Gef\u00fchle beim R\u00fcckblick auf das Konzert. Auf der einen Seite hat Pollini bis ins hohe Alter seine fabelhafte Fingertechnik behalten. Auf der anderen Seite verdeckt er mit einer nicht immer gezielt eingesetzten Pedaltechnik vieles der vorgetragenen Musik, \u00fcberzeugt aber immer noch mit seinem Gef\u00fchl f\u00fcr Dynamik und seinem \u00fcberragenden Klangsinn. Durch sein letzten Endes mehr mechanisches als aus innerem Ausdrucksbed\u00fcrfnis gewonnenem Rubato verl\u00e4\u00dft Pollini leider seinen fr\u00fcher eingeschlagenen Weg der Desentimentalisierung Chopins.<\/p>\n<p>Dr. Olaf Zenner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klavierwerke von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin (1810-1849) Deux Nocturnes cis-Moll, Op. 27, Nr. 1 und Des-Dur Nr. 2, Balladen As-Dur, Op. 47 Nr. 3, f-Moll, Op. 52 Nr. 4, Berceuse Des-Dur Op. 57, Scherzo h-Moll Op. 20; Deux Nocturnes f-Moll, Op. 55,<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7019\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,9],"tags":[],"class_list":["post-7019","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-kloster-eberbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7019"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8680,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7019\/revisions\/8680"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}