{"id":7007,"date":"2017-01-24T14:49:33","date_gmt":"2017-01-24T13:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7007"},"modified":"2025-10-10T17:15:41","modified_gmt":"2025-10-10T16:15:41","slug":"konzert-koelner-philharmonie-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7007","title":{"rendered":"Konzert &#8211; K\u00f6lner Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Ingo Metzmacher leitet die Wiener Philharmoniker<\/p>\n<p>Anton von Webern (1883-1945): Sechs St\u00fccke f\u00fcr gro\u00dfes Orchester Op. 6 (1909\/10)<\/p>\n<p>Karl Amadeus Hartmann (1905-1963): Sinfonie Nr. 1 <em>Versuch eines Requiems f\u00fcr Alt und Orchester <\/em>(1935\/36, rev. 1947\/48, 1954\/55)<\/p>\n<p>Dmitri Schostakowitsch (1906-1975): Sinfonie Nr. 11 g-Moll Op. 103 <em>Das Jahr 1905 <\/em>(1956-57)<\/p>\n<p>Konzertbesuch: 21. Januar 2017<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Programm im \u00dcberblick<\/strong><\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet wurde das Konzert mit den sechs Orchesterst\u00fccken Op. 6 von <strong>Anton von Webern<\/strong>. Sofort f\u00e4llt auf, wie unglaublich modern und progressiv die Zweite Wiener Schule um Arnold Sch\u00f6nberg (1874-1951) auch schon in ihrer Fr\u00fchphase war! Weberns Werke geh\u00f6rten damals schon zum Nonplusultra der Avantgarde und haben diese Position \u2013 im Gegensatz zu Sch\u00f6nberg und Alban Berg (1885-1935) \u2013 dank der Radikalit\u00e4t ihrer inneren Haltung bis heute nicht verloren. Denn die 1909\/10 entstandenen Orchesterst\u00fccke besitzen bereits alle f\u00fcr Weberns Stil typische Eigenschaften: K\u00fcrze und Knappheit der Formulierung (keines von ihnen dauert l\u00e4nger als ein paar Minuten), sowie nach innen gerichtete Expressivit\u00e4t, die sich in eher leisen Kl\u00e4ngen und einem sehr sparsamen, lichten, pausendurchsetzten Orchestersatz \u00e4u\u00dfert. Diese radikale Umkehr des Ausdrucks nach innen sollte f\u00fcr die Entwicklung der Neuen Musik, besonders unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, h\u00f6chst bedeutsam werden. Nicht nur radikale Konstruktivisten wie Pierre Boulez (1926-2016) wurden von ihm angeregt, sondern auch Experimentatoren wie John Cage (1912-1992) oder Klangmystiker wie Morton Feldman (1926-1986).<\/p>\n<p>Die 1. Sinfonie des Webern-Sch\u00fclers <strong>Karl Amadeus Hartmann<\/strong> pa\u00dfte trotz ihrer wesentlich gr\u00f6\u00dferen Dimensionen erstaunlich gut zu diesen sinfonischen Miniaturen. Die solistische Altstimme mit Texten von Walt Whitman (1819-1892) zwang auch hier den Komponisten zu einer eher sparsamen Orchesterbehandlung. Im wesentlichen war das Werk 1934\/35 entstanden, wenige Jahre, nachdem in Deutschland die Nationalsozialistische Partei an die Macht gekommen war, gegen deren repressive Politik der Komponist durch den Gang in die innere Emigration rebellierte und bis 1945 Auff\u00fchrungen seiner Musik in Deutschland untersagte. So ist auch die f\u00fcnfs\u00e4tzige 1. Sinfonie im Ausdruck nach innen gerichtet, nachdenklich, mehr klagend\/traurig als aufbegehrend und sch\u00f6pft einen Gro\u00dfteil ihrer nach au\u00dfen gerichteten Botschaft aus den Versen Whitmans (in deutscher \u00dcbersetzung) und der Behandlung der Altstimme. Eine Ausnahme ist der dritte Satz, der rein instrumental ausgef\u00fchrt ist und das mit der Stimme nicht (mehr) sagbare in T\u00f6ne setzt.<\/p>\n<p>Die innerliche Expressivit\u00e4t des Werks korrespondiert mit der inneren Haltung des Komponisten, der nicht anklagt oder mit m\u00f6glichst grellen Effekten schockieren will, sondern sich in die Einsamkeit zur\u00fcckzog und den Wahnsinn des Geschehens der \u00e4u\u00dferen Welt betrauerte. Nach dem Krieg unterzog Hartmann die Sinfonie zweimal einer gr\u00fcndlichen Bearbeitung.<\/p>\n<p>Die 11. Sinfonie von <strong>Dmitri Schostakowitsch<\/strong> nach der Pause brachte dann den gro\u00dfen Gegensatz. Ihr Untertitel <em>1905 god <\/em>(\u201eDas Jahr 1905\u201c) bezieht sich auf ein konkretes historisches Ereignis, n\u00e4mlich den sogenannten \u201ePetersburger Blutsonntag\u201c am 22. Januar 1905, als Soldaten in eine Arbeiterdemonstration vor dem Winterpalast, der Residenz von Zar Nikolaus II., schossen. Eigentlich war das Jahr 1957 Hauptentstehungs- und Urauff\u00fchrungsjahr dieser Sinfonie. Es war auch der 40. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917, f\u00fcr den von seiten des Staates gerade von Schostakowitsch ein gewichtiger Beitrag erwartet worden war, der dann jedoch bis 1961 auf sich warten lie\u00df. Ein anderes Ereignis lie\u00df den Komponisten dann jedoch ein Werk anderer \u00a0Beziehung verwirklichen: der ungarische Volksaufstand 1956, der von der sowjetischen Armee brutal niedergeschlagen wurde. Schostakowitsch konnte damals nicht \u00f6ffentlich dar\u00fcber sprechen, gab in privaten Gespr\u00e4chen jedoch an, da\u00df dies eine der wichtigen Triebfedern bei der Komposition gewesen war.<\/p>\n<p>So wurde die 11. Sinfonie ein Monumentalwerk von gut einer Stunde L\u00e4nge, deren vier S\u00e4tze auch noch ohne Unterbrechung ineinander \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Schostakowitsch verarbeitete darin Melodien von Revolutions- und Volksges\u00e4ngen und zitierte aus dem <em>Boris Godunow <\/em>von Modest Mussorgskij (1839-1881). Er f\u00fchrte darin die Tradition der symphonischen Expressivit\u00e4t von Gustav Mahler (1860-1911) weiter und stellte sie \u2013 anders als von Webern etwa \u2013 nicht in Frage.<\/p>\n<p>So zog sich der rote Faden der Programmgestaltung von der Reaktion eines Komponisten auf den allgemeinen gesellschaftlichen Zustand bis hin zur Reaktion auf ein bestimmtes historisches Ereignis durch das Konzert.<\/p>\n<p><strong>Die Auff\u00fchrung <\/strong><\/p>\n<p>Man mag argw\u00f6hnen, die Wiener Philharmoniker als traditionsverbundenes Orchester w\u00e4ren eher die zweite Wahl f\u00fcr ein Programm mit Instrumenten, die noch dem Klangideal des 19. Jahrhunderts folgen, also mehr auf Klangsch\u00f6nheit als Klangsch\u00e4rfe oder Klangmasse setzen. Das Gegenteil war der Fall! Es mochte an Ingo Metzmacher, dem Dirigenten des Abends gelegen haben, dieses traditionsreiche und -verbundene Orchester in solch ungewohntem Gewand zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Selten h\u00f6rte man <strong>Webern<\/strong> so durchsichtig, klar und pr\u00e4zise interpretiert! Die Feinheit und Subtilit\u00e4t, aber auch die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit seiner Musik wurde eindringlich vermittelt. Hier konnte das Orchester im schwierigen rhythmischen Zusammenspiel und dem Wandern der Stimmen durch die Instrumente seine hohe Qualit\u00e4t zeigen! Gerade letzteres ist eine Spezialit\u00e4t Weberns, der gerne melodische Linien auf mehrere Instrumente verteilt, was besonders bei gro\u00dfen Klangk\u00f6rpern eine enorme Konzentration und ein musikalisches Mitdenken in allen Stimmen erfordert. Die Wiener Philharmoniker meisterten diese H\u00fcrde mit bewunderungsw\u00fcrdiger, selten geh\u00f6rter Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>In der <strong>Hartmann<\/strong>-Sinfonie wurde der Klangk\u00f6rper durch die fantastische Altistin <strong>Gerhild Romberger<\/strong> erg\u00e4nzt, die es m\u00fchelos schaffte, als Haupttr\u00e4gerin des musikalischen Ausdrucks durch das St\u00fcck zu f\u00fchren. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen war ihr Gesang- und Sprechduktus so klar und ihr Vibrato so zur\u00fcckhaltend, da\u00df der Text auch ohne Blick ins Programmheft verst\u00e4ndlich war. Auch vermied sie den oft begangenen Fehler, \u201ein die Noten\u201c, also schr\u00e4g abw\u00e4rts zu singen, was den Klang abgestumpft h\u00e4tte. Gerhild Romberger sang von Anfang an mit Blick nach oben und schaffte damit das gar nicht leichte Kunstst\u00fcck, mit eher dunkler Stimmlage den Klang im Raum der Philharmonie zu projizieren. Einzig im dritten Satz, dem instrumentalen Herzst\u00fcck der Sinfonie, verharrte das Orchester ein wenig zu sehr im \u201eBegleitklang\u201c der anderen S\u00e4tze, wodurch die musikalischen Linien \u2013 besonders in den Holzbl\u00e4sern \u2013 etwas an expressivem Ausdruck einb\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Bei der <strong>Schostakowitsch<\/strong>&#8211;<strong>Sinfonie<\/strong> nach der Pause stimmte jedoch buchst\u00e4blich alles, vom modal angehauchten, zarten Beginn bis hin zum unvers\u00f6hnlich harten Quintquartklang des Schlu\u00dfakkordes. Ingo Metzmacher dirigierte hier mit einer unerh\u00f6rten Dynamik und das Orchester folgte ihm, steigerte sich in den wahnwitzigen H\u00f6hepunkten mit ihren grellen, schneidenden Blechbl\u00e4serdissonanzen und den aufpeitschenden M\u00e4rschen f\u00f6rmlich in ein klangliches Delirium hinein, verlor jedoch nie die Kontrolle oder den \u00dcberblick. Es ist dies ein Zeichen wirklich gro\u00dfer Kunst, sich scheinbar in der Musik zu verlieren und trotzdem nichts aufzugeben.<\/p>\n<p><strong>Ingo Metzmacher<\/strong> dirigierte in jeder Hinsicht souver\u00e4n, bestand auf feinsten klanglichen Spitzen und Sch\u00e4rfen, st\u00fctzte und sch\u00fctzte die Gesangssolistin, setzte stark physisch erlebbare Kontraste und animierte das Orchester sowohl zur Aufmerksamkeit f\u00fcr die Facetten einer Miniatur wie zur gro\u00dfen Geste und Anima, und nahm sich selbst, dem Werk zuliebe, als Person zur\u00fcck. Im Klangk\u00f6rper der <strong>Wiener Philharmoniker<\/strong> fand er einen kongenialen Partner zur Verwirklichung dieser Ideale und nutzte souver\u00e4n diese einmalige Chance. Diese spielten zwar immer noch mit ihrem \u201esch\u00f6nen\u201c Klang, vermochten jedoch gerade dadurch diesem irrwitzigen Werk noch eine Note h\u00f6here Intensit\u00e4t zu verleihen. Es schien kaum noch m\u00f6glich, eindringlicher den Schrecken und Wahn kriegerischer Gewalt mit musikalischen Mitteln darzustellen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem letzten Ton brach die vollbesetzte Philharmonie in einen bei solch schwieriger und fordernder Musik selten geh\u00f6rten, einm\u00fctigen Jubel aus und belohnte Orchester und Dirigent f\u00fcr die musikalische Sternstunde mit mehrmin\u00fctigen, stehenden Ovationen. Die Schostakowitsch-Sinfonie hatte das K\u00f6lner Publikum endg\u00fcltig bezwungen! Hartmanns Sinfonie hatte es in ihrer tragischen Innerlichkeit ernst und traurig gestimmt, Schostakowitsch zerrieb und zermalmte einen f\u00f6rmlich. Jede der beiden Sinfonien wurde dadurch auf ihre Weise zu einer existentiellen Erfahrung.<\/p>\n<p>Insgesamt war es also nicht nur ein sehr gelungener Abend, gezeichnet von einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Qualit\u00e4t der Darbietung, sondern auch eine sehr verdienstvolle Sache, ein solches Programm mit hierzulande selten geh\u00f6rten Werken aufzuf\u00fchren. Dieses Konzert zeigt, da\u00df die sogenannte schwierige neue Musik ihre Wirkung auch beim gro\u00dfen Publikum erzielen kann, wenn sie, dank tiefer Durchdringung der Werke, sowohl in pr\u00e4ziser als auch atmosph\u00e4risch mitrei\u00dfender Gestaltung seitens des Dirigenten sowie einer klanglich und rhythmisch nuancierter Umsetzung seitens des Orchesters aufgef\u00fchrt wird. Hier wurde auch klar, da\u00df die klangliche Verwurzelung in der Tradition des singenden Klangs des 19. Jahrhunderts\u00a0 auch f\u00fcr Werke des 20. Jahrhunderts eine Bereicherung darstellt.<\/p>\n<p>Interessanterweise fiel wieder einmal auf, da\u00df das \u00e4lteste Werk des Abends \u2013 die Orchesterst\u00fccke von Webern \u2013 immer noch das modernste ist &#8230;Webern schuf eine so zarte, eindringlich komprimierte Musik, da\u00df sie zwangsl\u00e4ufig von Anfang an in Kollision mit den g\u00e4ngigen Konzertabenden steht. Der \u201enormale\u201c Konzerth\u00f6rer will gepackt und mitgenommen werden, und genau das versagt ihm Webern. Denn um ihn zu verstehen mu\u00df man zuerst innerlich\u00a0still werden.\u00a0Daher stellt sich die Frage, ob die Form einer \u201enormalen\u201c Konzertauff\u00fchrung dem Werk von Webern (und Komponisten mit \u00e4hnlicher Haltung) \u00fcberhaupt gerecht wird oder ob nicht eine neue, heute so noch nicht existierende, gefunden werden muss.<\/p>\n<p>Philipp Kronbichler und Jovita Z\u00e4hl<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingo Metzmacher leitet die Wiener Philharmoniker Anton von Webern (1883-1945): Sechs St\u00fccke f\u00fcr gro\u00dfes Orchester Op. 6 (1909\/10) Karl Amadeus Hartmann (1905-1963): Sinfonie Nr. 1 Versuch eines Requiems f\u00fcr Alt und Orchester (1935\/36, rev. 1947\/48, 1954\/55) Dmitri Schostakowitsch (1906-1975): Sinfonie<span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=7007\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,37,9],"tags":[],"class_list":["post-7007","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-kolner-philharmonie","category-kloster-eberbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7007","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7007"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7007\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8682,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7007\/revisions\/8682"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.operapoint.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}