{"id":6891,"date":"2016-11-24T08:26:24","date_gmt":"2016-11-24T07:26:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6891"},"modified":"2025-10-10T17:26:20","modified_gmt":"2025-10-10T16:26:20","slug":"konzert-koelner-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6891","title":{"rendered":"KONZERT &#8211; K\u00f6lner Philharmonie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Gy\u00f6rgy Ligeti (1923-2006): <em>Lux Aeterna<\/em><\/p>\n<p>Johannes Brahms (1833-1897): <em>Ein deutsches Requiem<\/em> Op. 45<\/p>\n<p>Dirigent: Fran\u00e7ois-Xavier Roth, G\u00fcrzenich-Orchester,<\/p>\n<p>Vokalensemble <em>Schola Heidelberg<\/em>, Bach-Verein K\u00f6ln<\/p>\n<p>Konzertbesuch: 22. November 2016<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Musikst\u00fccke, die ob ihres Charakters \u2013 und der sich daraus entwickelten Tradition \u2013 mittlerweile fest einen bestimmten Platz im Jahr haben. Das <em>Weihnachtsoratorium<\/em> von Bach ist das wahrscheinlich bekannteste Beispiel. Ein weiteres ist <em>Ein Deutsches Requiem<\/em> von Johannes Brahms, das seit seiner Urauff\u00fchrung am 10. April 1868 h\u00e4ufig in der Fastenzeit oder zu Ostern gespielt wird. Der ernste Inhalt des Werkes \u2013 Leid, Tod und Tr\u00f6stung \u2013 mag nicht so recht etwa in die Weihnachtszeit passen. Der Chefdirigent des G\u00fcrzenich-Orchesters, Fran\u00e7ois-Xavier Roth, ging nun nicht ganz so weit, aber die Auff\u00fchrungen des Brahms-Requiems am 22. November in der K\u00f6lner Philharmonie r\u00fcckten es doch recht nahe an den Beginn der Adventszeit (1. Advent ist am 27. November). Da die ganze Stadt bereits seit mehr als einem Monat vom Vorweihnachtsfieber und der fieberhaften Betriebsamkeit der Vorbereitungen auf den Advent zugepackt ist (in den Superm\u00e4rkten stehen seit Anfang Oktober die Schokoladenweihnachtsm\u00e4nner Hab Acht!) wurde der mahnende Aspekt dieses Werks eher unterstrichen.<\/p>\n<p><em>Denn alles Fleisch es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen. <\/em>(1. Petrus 1.24, nach Jesaja 40.6-8)<\/p>\n<p>Brahms schrieb die Musik zu diesem Text im Fr\u00fchjahr 1854 unmittelbar unter dem Eindruck von Robert Schumanns geistigem Zusammenbruch und Einlieferung in die Endenicher Nervenheilanstalt, wo er schlie\u00dflich am 29. Juli 1856 starb.<\/p>\n<p><strong>Das Programm<\/strong><\/p>\n<p>Trotz dieses ernsten Grundtones und der Erinnerung an existentiellen Fragen unseres Daseins war die Philharmonie am Abend des 22. November gut gef\u00fcllt. Fran\u00e7ois-Xavier Roth lie\u00df dem <em>Requiem<\/em> allerdings noch <em>Lux Aeterna<\/em> von Gy\u00f6rgy Ligeti vorangehen, eine unerh\u00f6rte Kombination, wenn man sich den gewaltigen stilistischen und auch ausdrucksstarken Unterschied der beiden Werke vor Augen (und Ohren!) f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Lux Aeterna<\/em> ist eine <em>a capella<\/em> Komposition, kaum zehn Minuten lang, geschrieben f\u00fcr sechzehnstimmigen gemischten Chor aus dem Jahr 1966. Es enth\u00e4lt keine h\u00f6rbaren Melodien, der polyphone Satz ist so dicht, die Stimmen in ihrer kleinschrittigen, langsamen Bewegung so eng gesetzt, da\u00df der H\u00f6rer nur mehr harmonische Ver\u00e4nderungen im Klang wahrnehmen kann. Auch der lateinische Text kann nicht mehr verstanden werden (nicht nur wegen der Sprachbarriere), weil die Silben lang gedehnt werden und sich meist verschiedene Textpartien in den verschiedenen Stimmen \u00fcberlappen. \u00dcbrig bleibt der Eindruck eines fremdartigen, kaum mehr fa\u00dfbaren, aber in seiner Zartheit trotzdem wundersch\u00f6nen, oszillierenden, sich langsam bewegenden und ver\u00e4ndernden Klanggebildes. Der legend\u00e4re Filmregisseur Stanley Kubrick (1928-1999) unterlegte mit dieser Musik den Flug eines Raumschiffs \u00fcber die silbrig schimmernde Mondoberfl\u00e4che in seinem Film <em>2001 Odyssee im Weltraum<\/em> (1968).<\/p>\n<p>Das siebens\u00e4tzige Deutsche Requiem von Johannes Brahms dauert daf\u00fcr etwa 70 Minuten und ist ein sowohl ungemein expressives als auch innerliches Werk. Es entstand gut 100 Jahre vor <em>Lux Aeterna<\/em>, wobei das Jahr 1866, in dem die S\u00e4tze III, VI und VII entstanden, die Hauptschaffensperiode markiert. Schon 1861 hatte Brahms die ersten beiden S\u00e4tze geschrieben und daf\u00fcr z.T. auf \u00e4lteres Material zur\u00fcckgegriffen, wie etwa das Scherzo aus seiner nie ver\u00f6ffentlichten Sonate f\u00fcr zwei Klaviere. Der vierte Satz des <em>Deutschen Requiems<\/em> entstand 1865, im nahen zeitlichen Abstand zum Tod von Brahms&#8216; Mutter, der f\u00fcnfte Satz mit dem Sopransolo einen Monat nach der Urauff\u00fchrung im Mai 1868.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die Programmidee, ein hochromantisches, von tragischem Lebensgef\u00fchl getragenem Werk aus einer mikropolyphon gestalteten Klangfl\u00e4chenkomposition von geradezu \u201eau\u00dferirdischer Atmosph\u00e4re\u201c herauswachsen zu lassen, war so von jeglicher Norm entfernt, da\u00df sie hohe Erwartungen weckte.<\/p>\n<p>Roth lie\u00df auch tats\u00e4chlich keinen Applaus zwischen den St\u00fccken zu, sondern \u201edirigierte\u201c die letzten Pausentakte von <em>Lux Aeterna<\/em> eisern durch, hielt die Spannung und lie\u00df tats\u00e4chlich sofort das <em>Requiem<\/em> folgen. Das Publikum, um seine wohlverdiente Entspannungs-, R\u00e4usper- und Hustenpause gebracht, untermalte den Beginn denn auch prompt mit einer nerv\u00f6sen Ger\u00e4uschkulisse. Dies verdarb den \u00dcbergang zwischen den beiden Werken nachhaltig und ruinierte auch die Atmosph\u00e4re des Beginns des <em>Requiem<\/em>, der dem sonst so takt- und rhythmussicheren Fran\u00e7ois-Xavier Roth eine Spur zu unruhig geriet.<\/p>\n<p>Auch die Auff\u00fchrung von <em>Lux Aeterna<\/em> konnte nur streckenweise \u2013 in den Ba\u00dfpartien \u2013 die Magie des St\u00fccks entfalten. Das lag zum einen daran, da\u00df die Akustik der Philharmonie mit ihrem geringen Nachhall f\u00fcr diese Musik nur bedingt geeignet ist. Das Vokalensemble <em>Schola Heidelberg<\/em> zeigte sich zwar recht intonationssicher, hatte die Stimmen jedoch nur solistisch besetzt. In einer halligen Akustik ginge es, weil der Klang sich dort freier entfalten kann. Hier h\u00e4tte man jedoch jede Stimme mehrfach besetzen m\u00fcssen, um die Philharmonie damit zu f\u00fcllen. Die B\u00e4sse waren gegen\u00fcber den Sopranen dabei im Vorteil, weil tiefe Frequenzen nat\u00fcrlicherweise weiter tragen. Roth nahm das Tempo des St\u00fccks relativ langsam, was der Entfaltung der Musik hier im Grunde entgegenkommt, die S\u00e4nger jedoch streckenweise in Atemnot brachte und zu klanglichen Pausen f\u00fchrte, die man normalerweise nicht h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Besser gelang die Auff\u00fchrung des <em>Requiems<\/em>, wobei die Interpretation eine interessante romanische F\u00e4rbung aufwies, die teilweise neue, selten geh\u00f6rte Facetten des Werks h\u00f6rbar machte. An manchen Stellen, wie etwa dem zweiten Satz, nahm sie der Musik daf\u00fcr etwas von ihrem holzschnittartigen, eindringlichen Charakter. Roths teilweise mehr elegische, nach innen gerichtete Interpretation r\u00fcckte das Werk manchmal in \u00fcberraschende N\u00e4he zu Schubert. Eine nicht offensichtliche, aber doch zutreffende Parallele, sagte der eine Komponist doch einmal: <em>Ihnen brauche ich wohl nicht zu sagen, da\u00df ich innerlich nie lache<\/em>, w\u00e4hrend vom anderen der Ausspruch \u00fcberliefert ist: <em>Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht.<\/em><\/p>\n<p>Der K\u00f6lner Bach-Verein sang superb und bew\u00e4ltigte auch intonatorisch schwierige Passagen mit selbst auf CD-Aufnahmen kaum geh\u00f6rter Perfektion und dar\u00fcber hinaus mit gro\u00dfer Textverst\u00e4ndlichkeit. Auch bei Kre\u0161imir Stra\u017eanac, der die Solo-Baritonpassagen im dritten und sechsten Satz sang, war der Text gut verst\u00e4ndlich und der Ausdruck von gro\u00dfer Intensit\u00e4t. Nur in den H\u00f6hen zeigte er manchmal etwas Druck. Das G\u00fcrzenich-Orchester K\u00f6ln hielt dem die Stange, auch die heiklen Bl\u00e4serschlu\u00dfakkorde waren sauber und rein.<\/p>\n<p>Fran\u00e7ois-Xavier Roth kam nach dem nicht ganz gegl\u00fcckten Beginn gut hinein und dirigierte besonders die klanglichen H\u00f6hepunkte mit mitrei\u00dfendem Feuer. Auch die nicht ganz leichte Verschr\u00e4nkung von Anfang und Ende, die innere Br\u00fccke \u00fcber das ganze Werk zu dehnen, gelang hervorragend, wie auch die klangliche Ausleuchtung der Orchesterstimmen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>War das Experiment gegl\u00fcckt, die k\u00fcnstlerische Idee des Abends verwirklicht worden? Auf jeden Fall teilweise! Die Auff\u00fchrung des <em>Deutschen Requiems<\/em> mu\u00df (abgesehen vom Sopransolo im f\u00fcnften Satz und dem Beginn) als gelungen angesehen werden! Freundlicher, wenn auch nicht zu lange andauernder Applaus am Ende bezeugte das.<\/p>\n<p>Als problematisch erwies sich ausgerechnet die Schl\u00fcsselstelle der k\u00fcnstlerischen Konzeption dieses Abends: die Kombination dieser beiden diversen Kompositionen und der \u00dcbergang von der einen zur anderen, wobei erkennbar war, da\u00df es funktionieren <em>kann<\/em>, rein k\u00fcnstlerisch und ohne Beschr\u00e4nkungen von au\u00dfen. Es ist m\u00f6glich, das <em>Deutsche Requiem<\/em> aus dem Pausenende von <em>Lux Aeterna<\/em> herauswachsen zu lassen, die Sph\u00e4re der Immaterialit\u00e4t quasi zu \u201eerden\u201c und damit metaphorisch Himmel und Erde zu verbinden. Wenn die Schl\u00fcsselkomponente, der Mensch, mitspielt!<\/p>\n<p>Philipp Kronbichler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gy\u00f6rgy Ligeti (1923-2006): Lux Aeterna Johannes Brahms (1833-1897): Ein deutsches Requiem Op. 45 Dirigent: Fran\u00e7ois-Xavier Roth, G\u00fcrzenich-Orchester, Vokalensemble Schola Heidelberg, Bach-Verein K\u00f6ln Konzertbesuch: 22. 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