{"id":6813,"date":"2016-08-02T14:08:49","date_gmt":"2016-08-02T13:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6813"},"modified":"2016-09-25T14:26:41","modified_gmt":"2016-09-25T13:26:41","slug":"bregenzer-festspiele-2016","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6813","title":{"rendered":"Bregenzer Festspiele 2016"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong><em><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bregenz-2016.bmp\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6817\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bregenz-2016.bmp\" alt=\"bregenz-2016\" width=\"614\" height=\"366\" \/><\/a>Amleto \u2013 Hamlet<\/em><\/strong><\/p>\n<p>von Franco Faccio, Lyrische Trag\u00f6die in vier Akten, Libretto: Arrigo Boito, UA: 30. Mai 1865 Genua, Teatro Carlo Felice<\/p>\n<p>Regie: Olivier Tambosi, B\u00fchne: Frank Philipp Schl\u00f6\u00dfmann, Kost\u00fcme: Gesine V\u00f6llm<\/p>\n<p>Dirigent: Paolo Carignani, \u00a0Wiener Symphoniker, Prager Philharmonischer Chor, Choreinstudierung: Lukas Vasilek<\/p>\n<p>Solisten: Pavel Cernoch (Amleto), Claudio Sgura (Claudio), Eduard Tsanga (Polonio), Sebastien Soules (Orazio), Bartosz Urbanowicz (Marcello\/Priester), Paul Schweinester (Laerte), Iulia Maria Dan (Ofelia), Dshamilja Kaiser (Gertrude), Mika Kares (Geist), Jonathan Winell (Gonzaga\/Herold), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 28. Juli 2016 im Festspielhaus<\/p>\n<p><strong><em>Turandot<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Musik von Giacomo Puccini (1868-1924), Dramma lirico in drei Akten, Partitur vervollst\u00e4ndigt von Franco Alfano, Libretto: Giuseppe Adami und Renato Simoni, UA: 25. April 1926 Mailand, Teatro alla Scala<\/p>\n<p>Regie: Marco Arturo Marelli, Kost\u00fcme: Constance Hoffmann, Licht: Davy Cunningham, Video: Aron Kitzig, Choreographie: Ran Arthur Braun<\/p>\n<p>Dirigent: Paolo Carignani, Wiener Symphoniker, Prager Philharmonischer Chor, Bregenzer Festspielchor, Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt, Choreinstudierung: Lukas Vasilek , Benjamin Lack und Wolfgang Schwendinger.<\/p>\n<p>Solisten: Katrin Kapplusch (Turandot), Manuel von Senden (Altoum), Mika Kares (Timur), Arnold Rawls (Calaf), Yitian Luan (Li\u00f9), Mattia Olivieri (Ping), Peter Marsh (Pang), Martin Fournier (Pong), Grigory Shkarupa (Mandarin), u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 29. Juli 2016 auf der Seeb\u00fchne<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Bregenz liegt an der Nahtstelle zwischen Deutschland und der Schweiz, zwischen Bodensee und den Alpen. Jahr f\u00fcr Jahr leidet die Region Bregenzer Wald unter dem Fernverkehr, der sich durch den Pf\u00e4ndertunnel oder \u2013 viel schlimmer \u2013 durch die Stadt Bregenz qu\u00e4lt. Nichtsdestotrotz ist diese Ferienregion wegen ihrer kulinarischen Angebote, Wanderausfl\u00fcgen (z.B. auf der K\u00e4sestra\u00dfe), den Bade- und Schiffsm\u00f6glichkeiten, der herrlichen Natur (Mainau, Reichenau) sehr begehrt \u2013 sind die Bregenzer Seefestspiele das T\u00fcpfelchen auf dem I. Am bekanntesten ist die Seeb\u00fchne f\u00fcr 7.000 Personen, \u00fcber die schon James Bond Toscas Auge jagte. Dar\u00fcber hinaus gibt es kleinere Schaupl\u00e4tze wie das Festspielhaus (1.650 Pl\u00e4tze) und das Theater am Kornmarkt (550 Pl\u00e4tze). Unter der Intendantin <strong>Elisabeth Sobotka<\/strong> hat sich neben der Mainstream Produktion auf der Seeb\u00fchne eine neue Produktpalette etabliert: Neben einer zweiten Opernproduktion im Festspielhaus, das sonst nur als Ausweichspielst\u00e4dte f\u00fcr die Seeb\u00fchne dienen w\u00fcrde, befinden sich im Angebot noch kleinere Produktionen oder ein Opernstudio, um Nachwuchss\u00e4ngern B\u00fchnenpraxis zu vermitteln \u2013 oder besser \u2013 mit Regietheatereinf\u00e4llen vertraut zu machen.<\/p>\n<p><strong><em>Amleto \u2013 Hamlet<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p><em>Hamlet<\/em> kennt man eigentlich nur als Schauspiel von Shakespeare. Da\u00df es auch eine Oper dazu gibt, noch dazu von dem bekannten Librettisten Arrigo Boito, das mu\u00df mit dem v\u00f6llig unbekannten italienischen Komponisten Franco Faccio zu tun haben. Zwar handelt es sich um ein Fr\u00fchwerk der beiden. Musikgeschichte schrieben sie erst sp\u00e4ter in Ihrer Zusammenarbeit mit Verdi: 1887 dirigierte Faccio die <em>Otello<\/em>-Premiere, das Libretto stammte von Boito.<br \/>\nDie Handlung des <em>Amleto<\/em> orientiert sich vollst\u00e4ndig an Shakespeares <em>Hamlet<\/em>, lediglich einige Szenen sind gek\u00fcrzt oder entfallen. F\u00fcr wirkliche Schauspieler ist die Rolle des Hamlet eine Herausforderung. Diese Rolle verlangt eine zweischneidige Darstellung: Hamlet agiert immer zwischen Wahnsinn und Rachegel\u00fcsten. Ist der Mord an seinem Vater real oder nur ein Traumgespenst?<br \/>\nMusikalisch orientiert sich Faccio an Verdi. Kurz vor der Premiere des <em>Amleto<\/em> 1865 hatte Verdis <em>Macbeth<\/em>-Neufassung in Paris Premiere. Er kopiert seine Klangbilder, seinen Komponierstil, erreicht aber nie Verdis Brillanz oder kompositorische Kraft, geschweige denn einen eigenen Kompositionsstil. Man kann sagen,<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p><strong>Pavel Cernoch<\/strong> singt dem Amleto immer am Rand der Ekstase, immer mit Kraft und im Forte, die wenigen Momente der Nachdenklichkeit sind kostbar und fragil. Im zweiten Akt ist es das gro\u00dfe Duett mit Ofelia, wenn sie ihn den Schmuck zur\u00fcckgeben will: <em>Sein oder nicht sein?<\/em> <em>Das ist hier die Frage!<\/em><\/p>\n<p><strong>Iulia Maria Dan<\/strong> leiht der Ofelia ihre jugendlich leichte Stimme. <strong>Mika Kares <\/strong>ist auch stimmlich der alte Mann, um als Geist des Vaters Hamlets die entsprechenden dramatischen Momente zu verleihen. Er ist kurzfristig eingesprungen, ansonsten singt er den Timur in der Turandot. Auch die \u00fcbrigen zahlreichen Rollen konnten entsprechend besetzt werden, so da\u00df es sich durchaus gelohnt h\u00e4tte eine Aufnahme dieser Produktion zu ver\u00f6ffentlichen. <strong>Paolo Carignani<\/strong> macht alles was m\u00f6glich ist: er versteht es, Sch\u00f6nheiten, Dramatik oder Tobsuchtsanf\u00e4llen aus der Partitur herauszukitzeln und die Wiener Symphoniker folgen ihm hier bereitwilligst und kongenial. Es erreicht nicht ein Werk wie Verdis Macbeth. Jedoch ist es das einzige Opernwerk von Rang, das sich mit Hamlet besch\u00e4ftigt. Schon deshalb hat das Werk eine weitere Besch\u00e4ftigung in Europas Opernh\u00e4usern verdient. Das sieht auch das Publikum so: St\u00fcrmischer Applaus.<\/p>\n<p><strong><em>Turandot<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung <\/strong><\/p>\n<p>Auch im zweiten Jahr ist das beherrschende Element des riesigen <em>Turandot<\/em>-B\u00fchnenbildes einer riesigen <em>Chinesische Mauer<\/em>, die sich bis zu 27 Meter \u00fcber den Wasserspiegel schlangengleich auf und ab windet. Es stammt von Marco Arturo Marelli. Zwei T\u00fcrme bilden rechts und links den Abschlu\u00df der B\u00fchnenplattform, die somit von Booten auf dem See umfahren werden kann. Der h\u00f6chste Punkt wird im rechten Turm noch von einem roten Pavillon gekr\u00f6nt, vom linken Turm wird der gek\u00f6pfte Prinz von Persien profan ins Wasser geworfen. Flankiert wird die Mauer von 205 Terrakotta-Kriegern, die der ber\u00fchmten Grabbeigabe des ersten chinesischen Kaisers in Xi\u2018an nachempfunden sind. Eine Gruppe steht oberhalb der Mauer, die erst richtig sichtbar wird, wenn das mittlere Mauersegment nach den ersten Takten der Musik martialisch einst\u00fcrzt. Die zweite Gruppe steht ins Wasser rund um eine B\u00fchnenplattform absteigend vor der Mauer. Diese B\u00fchnenplattform enth\u00e4lt einen verfahrbaren Zylinder, der ein zentrales Element des B\u00fchnenbildes wird und auch wichtige Funktionen der Inszenierung \u00fcbernimmt. Wird der Deckel des Zylinders ge\u00f6ffnet sieht man eine riesige zehn Meter gro\u00dfe Projektionsfl\u00e4che, auf der der Auftritt Turandots und ihre R\u00e4tselfragen mit Videoprojektionen begleitet wird. Anhand einer steinernen Maske der Turandot werden eindrucksvolle, k\u00fcnstlerisch hochstehende Assoziationen zu den Fragen projiziert, die aber genauso r\u00e4tselhaft sind, wie die Fragen selbst. Dreht sich der Zylinder, sieht man aufgrund des Neigungswinkels der B\u00fchne einen zus\u00e4tzlichen Raum, in dem im ersten Akt die Schwerter f\u00fcr die Opfer Turandots geschmiedet werden. Im zweiten Akt ist eine Bibliothek f\u00fcr die drei Minister Ping, Pang und Pong zu sehen \u2013 in der allerdings auch die K\u00f6pfe der gescheiterten Bewerber in Konservengl\u00e4sern eingelagert werden. Auf der Fl\u00e4che vor dem Zylinder ist der Auftrittsraum f\u00fcr das graue Volk (\u00c4hnlichkeit mit Mao nicht ausgeschlossen), Solisten und Chor, die in teils farbenfrohen Auftritten und pr\u00e4chtigen Choreographien dem chinesischem Staatszirkus Konkurrenz machen. Halblinks befindet sich noch in einer Art Anh\u00e4ngsel an die B\u00fchne ein blauer Salon, in dem Puccini (dargestellt von Calaf) einige Randnotizen zu seiner Lebensgeschichte abgibt.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Musikalisch ist ein Urteil schwierig, da man eigentlich S\u00e4nger und Musiker nicht direkt h\u00f6rt, sondern immer eine \u201ebearbeitete\u201c \u00dcbertragung aus zahllosen Lautsprechern. Insgesamt aber stand der Abend in Sachen Auff\u00fchrungsqualit\u00e4t einer Repertoire-Vorstellung einer Staatsoper in nichts nach. Zu einer Sternstunde kam es jedoch nicht, dazu h\u00e4tte <strong>Paolo Carignani<\/strong> etwas mehr Feuer bei den Wiener Symphonikern entfachen m\u00fcssen, die etwas zu beh\u00e4big das Liebesdrama befeuern. Daf\u00fcr gelingt es ihm, die dramatischen Momente mit den typischen italienischen Klangbildern Puccinis zu zelebrieren. Die Spannung bei den R\u00e4tselfragen Turandots \u2013 eiskalt und mit viel H\u00e4rte im st\u00e4hlernen Sopran vorgetragen von <strong>Katrin Kapplusch<\/strong> \u2013 erreicht ungeahnte H\u00f6hen. Eine Jubelarie hingegen wird das <em>Nessun dorma \u2013 Keiner schlafe<\/em> von <strong>Arnold Rawls<\/strong> als Calaf. Mit viel tenoralen Strahlglanz in der H\u00f6he gelingt ihm die vom Publikum gefeierte bekannteste Arie der Oper. Die perfekt aufeinander eingestimmten Stimmen von <strong>Mattia Olivieri<\/strong> (Ping), <strong>Peter Marsh<\/strong> (Pang) und <strong>Martin Fournier<\/strong> (Pong) ergeben ein sehr stimmiges Trio der drei Staatsdiener, die \u00fcber das Leben nachsinnen. <strong>Yitian Luan<\/strong> \u00fcberzeugt mit jugendlich hell strahlender Stimme als \u201ePuccinis und Timurs Krankenschwester\u201c Li\u00f9, w\u00e4hrend <strong>Manuel von Senden<\/strong> als Altoum und <strong>Mika Kares<\/strong> als Timur wirklich nur alte M\u00e4nner sind. Insgesamt eine allgemein verst\u00e4ndliche Produktion, farbenfroh in Szene gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p><em>Turandot<\/em> bleibt technisch ein wenig unter der M\u00f6glichkeiten, die die bisherigen Produktionen auf der Seeb\u00fchne zeigten, ist aber nichtsdestotrotz mit der beweglichen Hubplatte, den Videoprojektionen darauf und dem bunten Treiben des Chores und der Statisterie (funkenspr\u00fchende Schwertschleifer!) sehr spektakul\u00e4r. Der Unterhaltungswert f\u00fcr das Publikum ist hoch. <strong>Marco Arturo Marelli <\/strong>war es jedoch genauso wichtig, das St\u00fcck mit szenischem Tiefgang zu zeigen. Auch wurde der Auftritt Puccinis (durch den Darsteller des Calaf deutlich reduziert und der Focus mehr auf die handelnden Personen und deren Beziehungen zueinander gerichtet. So hat das Publikum die Turandot relativ kurz und schmerzlos gefeiert, w\u00e4hrend die <em>Amleto <\/em>Vorstellung deutliche mit mehr Enthusiasmus aufgenommen wurde. Vielleicht liegt das auch daran, da\u00df man diesen <em>Amleto <\/em>bildgewaltig und werkgetreu auf die B\u00fchne gebracht hat \u2013 also genauso, wie man es sich anhand fr\u00fcherer Auff\u00fchrungen und der Anweisungen im Libretto vorstellen w\u00fcrde. So allgemein verst\u00e4ndlich hat man <em>Hamlet<\/em> schon lange nicht mehr gesehen. Auch deswegen ist dieses Werk <em>die<\/em> Entdeckung im Jahre 2016 \u2013 und man sollte ihn bitte genauso nachspielen! Im n\u00e4chsten Jahr steht eine neue <em>Carmen<\/em> Oper auf der Seeb\u00fchne (Regie: Kaspar Holten) und <em>Moses in \u00c4gypten<\/em>. Letztere eine Rossini Oper, die auch nicht oft in den Spielpl\u00e4nen zu finden ist.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Karl Forster<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Pavel Cernoch (Hamlet) und Iulia Maria Dan (Ofelia)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amleto \u2013 Hamlet von Franco Faccio, Lyrische Trag\u00f6die in vier Akten, Libretto: Arrigo Boito, UA: 30. 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