{"id":6648,"date":"2016-03-15T10:59:26","date_gmt":"2016-03-15T09:59:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6648"},"modified":"2016-03-25T11:02:39","modified_gmt":"2016-03-25T10:02:39","slug":"aus-einem-totenhaus-nuernberg-staatstheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6648","title":{"rendered":"AUS EINEM TOTENHAUS &#8211; N\u00fcrnberg, Staatstheater"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek (1854-1928), Oper in drei Akten, Libretto: Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek nach Fjodor M. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, in tschechischer Sprache mit deutschen und englischen \u00dcbertiteln, UA: 12. April 1930 Br\u00fcnn.<\/p>\n<p>Regie: Calixto Bieito, B\u00fchne: Calixto Bieito und Philipp Berweger, Kost\u00fcme: Ingo Kr\u00fcgler<\/p>\n<p>Dirigent: Marcus Bosch, Staatsphilharmonie N\u00fcrnberg, Herrenchor und Chorg\u00e4ste des Staatstheaters N\u00fcrnberg, Choreinstudierung: Tarmo Vaask<\/p>\n<p>Solisten: Tilman Unger (Luka Kuzmic bzw. Filka Morozov), Edward Mout (Skuratov), Hans Kittelmann (Sapkin\/Kedril), Antonio Yang (Siskov), Kay Stiefermann (Alexandr Petrovic Gorjancikov), Cameron Becker (Aljeja), Marcell Bakonyi (der Platzkommandant) u.a.<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 12. M\u00e4rz 2016 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/N\u00fcrnberg-Totenhaus-06.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6649\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/N\u00fcrnberg-Totenhaus-06.jpg\" alt=\"N\u00fcrnberg Totenhaus 06\" width=\"562\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/N\u00fcrnberg-Totenhaus-06.jpg 562w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/N\u00fcrnberg-Totenhaus-06-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 562px) 100vw, 562px\" \/><\/a>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Alexandr Petrovic Gorjancikov wird als Str\u00e4fling in ein Gefangenenlager gebracht. Zwischen den beiden Gefangenen Luka Kuzmic (alias Filka Morozov) und Skuratov bricht ein Streit aus, und Luka erz\u00e4hlt Aljeja, warum er den Mord begangen hat, f\u00fcr den er nun seiner Strafe verb\u00fc\u00dft. Skuratov berichtet von seiner gro\u00dfen Liebe Luisa, die aber mit einem reichen Verwandten verheiratet wurde, den er aus purer Verzweiflung erschossen hat. Die Str\u00e4flinge improvisieren zwei Theaterst\u00fccke: Ein St\u00fcck \u00fcber Don Juan und seinen Diener Kedril sowie eine Pantomime \u00fcber eine untreue M\u00fcllerin. Das Fest endet im Streit: Gorjancikov wird von Gefangenen provoziert und Aljeja verletzt. Nun erz\u00e4hlt Siskov von seinem Verbrechen: Akulina war Filka Morozov zur Ehe versprochen, der wollte sie aber nicht mehr heiraten da er schon mit ihr geschlafen hatte. Siskov heiratet sie, doch sie gesteht ihm, noch immer Filka zu lieben und wird deshalb von ihm ermordet. Siskov erkennt im sterbenden Luka seinen Feind Filka Morozov. Gorjancikov wird begnadigt.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Diese Produktion ist eine Neubearbeitung der Baseler Premiere vom 8.November 2009. Regie, Kost\u00fcme und B\u00fchnenbild ist weitgehend identisch, wurde aber in N\u00fcrnberg neu erstellt. Der in Merseburg gekaufte Doppeldecker Antonow An-2 wurde mit viel Aufwand als zentrale Kulisse hergerichtet. Calixto Bieitos Lesart des Sujets raubt jedem Charakter den letzten Funken Menschlichkeit und W\u00fcrde, den er vielleicht noch ins Lager gerettet hat. Eine nahezu pornographische Darstellung brutaler Gewalt, Erniedrigung und triebhafter Sexualit\u00e4t dominiert die Szenerie. Auf die Pflege eines kranken Adlers (eigentlich Bestandteil der Handlung), Sinnbild f\u00fcr menschliches Verhalten, wird hier verzichtet; daf\u00fcr wird ein Flugzeug auf die B\u00fchne gestellt, ein Symbol f\u00fcr Freiheit, um das man die Gefangenen tanzen l\u00e4\u00dft wie um das goldene Kalb. Die \u00fcbrige Kulisse bilden kalte, abweisende Wellblechw\u00e4nde. Die beiden Theaterst\u00fccke innerhalb der Oper werden grotesk verzerrt: Don Juan wird zum Triebt\u00e4ter, der Humor der Handlung kippt ins Morbide und Gewaltt\u00e4tige, \u00fcbergro\u00dfe Genitalien aus Gummi schm\u00fccken die Kost\u00fcme der M\u00e4nner, und alles wirkt wie eine einzige gro\u00dfe Travestieshow, die in der (nicht in der Originalhandlung vorkommenden) Vergewaltigung Aljejas m\u00fcndet. Einige Gefangene werden hingerichtet und bleiben in Leichens\u00e4cken inmitten des Geschehens liegen. Sprichw\u00f6rtlich wird hier von der Regie \u00fcber Leichen gegangen. Die abschlie\u00dfende Begnadigung von Alexandr Petrovic Gorjancikov, die vom Aufsteigen des Flugzeugs begleitet wird, das bis dahin in der Mitte der B\u00fchne steht, wird umgedeutet: Auch er wird am Ende erschossen.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Das einzige Individuelle, was den Inhaftierten noch bleibt, ist ihr jeweiliges pers\u00f6nliches Schicksal. Die S\u00e4nger interpretieren ihre Rollen eindrucksvoll und mit viel Sensibilit\u00e4t f\u00fcr den psychischen Zwiespalt und f\u00fcr die Frage nach Schuld und Rechtfertigung ihrer Verbrechen. Da es keine wirkliche Gesangsrolle in dieser Oper gibt, in der in gro\u00dfen Soloabschnitten brilliert werden kann, ist die schauspielerische Ensemble-Leistung aller Akteure enorm wichtig. Mit Eindringlichkeit meistern sie ihre Partien. Besonders zu erw\u00e4hnen sind <strong>Cameron Becker<\/strong> (Aljeja), dessen schlanker Tenor seiner Figur jederzeit gerecht wird, aber auch <strong>Antonio Yang<\/strong> (Siskov) mit seinem volumin\u00f6sen Bariton, dem ein reiches Nuancenspektrum abverlangt wird. Eine b\u00fchnenbeherrschende Vorstellung mit schwerem Ba\u00df gibt <strong>Marcell Bakonyi<\/strong> als der Platzkommandant. Der M\u00e4nnerchor des Staatstheaters N\u00fcrnberg agieren im perfekten Zusammenspiel mit dem guten Solistenensemble. Marcus Bosch leitet ein zupackend aufspielendes Orchester: Die Balance zwischen den musikalischen Gegens\u00e4tzen vermag er zwar herzustellen und findet f\u00fcr die verschiedenen Stimmungen, die diese nicht einfach zu spielende Musik transportiert, eine entsprechende klangliche Vielfalt. Allerdings bleibt er \u00fcber weite Strecken viel zu sehr im Fortissimo, dabei gehen volksliedhafte Nuancen verloren, die genau wie in der Inszenierung nicht zum Zug kommen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcblicherweise wird im Magazin OPERAPOINT nur wenig die Regie beurteilt. Meist gen\u00fcgt das auch. Bei der vorliegenden Auff\u00fchrung machen wir eine Ausnahme, da der Calixto Bieito ist ein spanischer Regisseur auf fast allen deutschen Opernb\u00fchnen Regie gef\u00fchrt hat. Mit seinen meist gewaltt\u00e4tigen und bewu\u00dft sexualisierten Inszenierungen nennt man ihn einen \u00a0Skandalregisseurs. Diese Inszenierung ist definitiv Geschmackssache und auf Schockwirkung hin angelegt. Man sieht eine oberfl\u00e4chliche Deutung der Handlung, die ohne jegliche R\u00fccksichtnahme auf die Vorlage \u2013 eine Handlung, die trotz aller Unmenschlichkeit den Glauben an das Humane zum Thema hat \u2013 aus der Oper Jan\u00e1\u010deks eine blutr\u00fcnstige und vor Gewalt strotzende Show macht. Im Gegensatz dazu bem\u00fchten sich S\u00e4nger, der Musik den angemessenen Tiefgang zu geben, indem sie feinsinnig die unterschiedlichsten Nuancen herausarbeiteten und ihre Partien konstruktiv interpretierten. Heftige Buh-Rufe f\u00fcr die Regie-Team und ein Paar Buh-Rufe f\u00fcr Marcus Bosch. Heftiger Jubel f\u00fcr die Solisten, besonders f\u00fcr Publikumsliebling <strong>Antonio Yang<\/strong> wegen seiner Rollengestaltung des Siskov.<\/p>\n<p>Oliver Hohlbach<\/p>\n<p>Bild: Ludwig Olah<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Kleines Flugzeug, Cameron Becker und Chor<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek (1854-1928), Oper in drei Akten, Libretto: Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek nach Fjodor M. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, in tschechischer Sprache mit deutschen und englischen \u00dcbertiteln, UA: 12. April 1930 Br\u00fcnn. 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