{"id":6611,"date":"2016-02-28T21:12:09","date_gmt":"2016-02-28T20:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6611"},"modified":"2025-10-10T17:36:53","modified_gmt":"2025-10-10T16:36:53","slug":"city-life-koeln-wassermannhalle-koeln-ehrenfeld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6611","title":{"rendered":"City life &#8211; K\u00f6ln &#8211; Wassermannhalle (K\u00f6ln Ehrenfeld)"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>City life<\/em><\/strong><strong>, ein Konzertprojekt des GMD Francois-Xavier Roth (G\u00fcrzenichorchester)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Besuchte Auff\u00fchrung: 27. Februar 2016<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Das Konzertprojekt das am Abend des 27. Februar um 21 Uhr in der Wassermannhalle (einer ehemaligen Fabrikhalle) in K\u00f6ln-Ehrenfeld aufgef\u00fchrt wurde, darf in jeder Hinsicht als ungew\u00f6hnlich bezeichnet werden. Es handelte sich um einen der vielen Versuche, Elektronische Musik mit solcher f\u00fcr traditionelle Instrumente zu kombinieren. Bemerkenswert war, da\u00df dieser Versuch in weiten Teilen als gelungen angesehen werden kann, geistige Offenheit und eine gewisse \u00e4sthetische Flexibilit\u00e4t vorausgesetzt. Das Publikum, das die gut 400 Pl\u00e4tze des Konzertraums nahezu restlos ausf\u00fcllte, reagierte auf jeden Fall mit frenetischem Applaus und belohnte den GMD des G\u00fcrzenich-Orchesters Fran\u00e7ois-Xavier Roth f\u00fcr seine vorbildliche Leistung als Dirigent teilweise hoch anspruchsvoller St\u00fccke in jeder Hinsicht angemessen.<\/p>\n<p><strong>Das Programm<\/strong><\/p>\n<p>Das G\u00fcrzenich-Orchester selbst kam in reduzierter Form als ca. zwanzigk\u00f6pfiges Kammerorchester zum Einsatz mit \u201eKlassikern\u201c der Moderne wie <em>Octandre<\/em> von Edgard Var\u00e8se (1883-1965), dem ersten Satz des Kammerkonzerts von Gy\u00f6rgy Ligeti (1923-2006), sowie Roadrunner, dem dritte Satz der Kammersymphonie von John Adams (*1947).<\/p>\n<p>Der andere Teil des Programms umfa\u00dfte Werke f\u00fcr reine Elektronik wie\u00a0 <em>Param<\/em> von Marcus Schmickler (*1968), \u201e<em>Koze&#8217;s<\/em> <em>Room<\/em> 303\u201c von Gregor Schwellenbach (*1971) und <em>KONSTRAKT 1<\/em> von Wolfgang Voigt (*1961). Die letzte Werkgruppe kombinierte elektronische Kl\u00e4nge mit traditionellen Instrumenten und bestand aus <em>Geduld-Ungeduld<\/em> von Gregor Schwellenbach, <em>And Death<\/em> von Pierre Charvet (*1968) und <em>City Life<\/em> von Steve Reich (*1936).<\/p>\n<p>Schon allein an dieser Aufz\u00e4hlung offenbart sich eine kluge Konzeption hinter dem Programmaufbau, der nicht nur jede Werkgruppe gleicherma\u00dfen ber\u00fccksichtigt, sondern auch zwischen die Extrempositionen reiner Instrumentalmusik und reiner Elektronischer Musik eine vermittelnde Kombinationsgruppe setzt. Darin spiegelt sich auch die Kooperation zwischen dem G\u00fcrzenich-Orchester und dem K\u00f6lner Elektroniklabel KOMPAKT, resp. seiner beiden Chefs\u00a0 Fran\u00e7ois-Xavier Roth und Wolfgang Voigt wider.<\/p>\n<p>Das Programm wurde durch eine Pause in zwei H\u00e4lften gegliedert, die St\u00fccke in jeder der Konzerth\u00e4lften folgten jedoch l\u00fcckenlos aufeinander (<em>attacca<\/em>, wie der Musiker zu sagen pflegt). Dies war mit einer der st\u00e4rksten Unterschiede zu einem traditionellen Konzert, wo zwischen den Werken geklatscht wird. Durch den Wegfall dieses gliedernden Beifalls erhielt jede der Konzerth\u00e4lften eine viel st\u00e4rker wirkende dramaturgische Gliederung, welche vor allem im ersten Teil in h\u00f6chstem Grade \u00fcberzeugend war.<\/p>\n<p>Hier umfa\u00dften die beiden Kammerorchesterwerke <strong><em>Octandre<\/em><\/strong> (1923) und <strong><em>Roadrunner<\/em><\/strong> (1992) zwei rein elektronische Kompositionen <strong><em>Param<\/em><\/strong> und <strong><em>Koze&#8217;s Room 303<\/em><\/strong>\u201c, die ihrerseits wieder <strong><em>And Death<\/em><\/strong> f\u00fcr Viola und Elektronik (2005) in ihre Mitte nahmen. Graphisch sieht diese Gliederung folgenderma\u00dfen aus:<\/p>\n<p>\u250c\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2510<\/p>\n<p>Octandre \u2013 Param \u2013 And Death \u2013 Koze&#8217;s Room 303 \u2013 Roadrunner<\/p>\n<p>\u2514\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2500\u2518<\/p>\n<p>Dem Zuh\u00f6rer teilte sich die damit verbundene Dramaturgie zwingend und unmittelbar mit. Sie machte die <em>attaca<\/em>-\u00dcberg\u00e4nge zwischen den verschiedenen St\u00fccken nicht zu einem interessanten Konzept oder Experiment, sondern zu einer k\u00fcnstlerischen Notwendigkeit. Und welche ungeheuren klanglichen Spannungen lie\u00dfen sich auf diese Weise schl\u00fcssig zusammenf\u00fcgen!<\/p>\n<p>Die reinen Instrumentalwerke waren von einer so unglaublichen Klarheit und Plastizit\u00e4t vorgetragen und gleichzeitig so enorm pr\u00e4zise und packend im Rhythmus, da\u00df sie schon die Qualit\u00e4t einer Studioaufnahme erreichten. Fran\u00e7ois-Xavier Roth dirigierte mit einer suggestiven K\u00f6rpersprache, die sich Musikern und Zuh\u00f6rern gleicherma\u00dfen unmittelbar mitteilte und \u2013 wie \u00fcblich \u2013 ohne Taktstock. Die starke Pr\u00e4senz des Klanges im Raum, noch im leisesten Pianissimo, verriet, da\u00df die Instrumente mit Mikrophonen verst\u00e4rkt und \u00fcber die vier riesigen, in den Ecken aufgeh\u00e4ngten Lautsprechert\u00fcrmen \u00fcbertragen wurden. Dies geschah jedoch subtil und relativ unaufdringlich, auch um keinen klanglichen Bruch zu den Elektronikkompositionen zu riskieren.<\/p>\n<p><strong><em>Param<\/em><\/strong> war von allen Elektronikkompositionen die Packendste dieses Abends, <strong><em>Koze&#8217;s Room <\/em><\/strong>\u00a0die schw\u00e4chste. In <strong><em>Param<\/em><\/strong> sah der Zuh\u00f6rer sich einem (einfach ausgedr\u00fcckt) an- und abschwellenden Heulen konfrontiert, das manchmal in seiner archaischen Unmittelbarkeit an Ligeti erinnerte und auf seinen H\u00f6hepunkten fast schon die Gewalt eines D\u00fcsenj\u00e4gertriebwerks erreichte. Tats\u00e4chlich \u00fcberlappten sich mehrere solcher Prozesse, das Ergebnis war jedoch von einer fast schon unmenschlichen k\u00f6rperhaften Intensit\u00e4t. Illuminationen der gro\u00dfen Diskokugel riefen Assoziationen an den Weltraum hervor. <strong><em>Koze&#8217;s Room<\/em><\/strong> hingegen erinnerte mehr an Hintergrundmusik, war jedoch sehr kurz. Auch schuf es den n\u00f6tigen Gegensatz zum darauf folgenden <strong><em>Roadrunner<\/em><\/strong>, dessen z\u00fcndende rhythmische Energie und ungeheurer musikalischer Witz dadurch umso st\u00e4rker wirkten.<\/p>\n<p>Vielgestaltig und variantenreich pr\u00e4sentierte sich <strong><em>And Death<\/em><\/strong>, welches dem Bratschisten <strong>Florian Peelman<\/strong> sein ganzes technisches K\u00f6nnen abverlangte. Zeitweise verschlangen die elektronischen Kl\u00e4nge die Bratsche f\u00f6rmlich. Peelmans Spiel bekam in solchen Momenten pantomimische Qualit\u00e4ten und gewann zus\u00e4tzlichen dramatischen Effekt durch gerissene Bogenhaare, die nicht selten in krampfhaften Zuckungen wild durch die Luft flogen.<\/p>\n<p>Der zweite Teil konnte leider das Niveau des ersten nicht ganz halten, da die Gesamtanlage und damit auch die Dramaturgie nicht die Stringenz und das Packend-Zwingende des ersten Teils hatten. Zwar gab es auch hier eine Art Rahmen, n\u00e4mlich Werke mit Elektronik-Instrumentalkombination, jedoch wirkte das Finalst\u00fcck, das namengebende <strong><em>City life<\/em><\/strong> (1995) zu lang und auch zu heterogen im Vergleich zum schlichteren, k\u00fcrzeren <strong><em>Geduld-Ungeduld<\/em><\/strong> f\u00fcr Soloklavier und Elektronik, welches diese zweite Konzerth\u00e4lfte er\u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Der erste Satz des <strong>Kammerkonzerts<\/strong> von <strong>Ligeti<\/strong> konnte erneut sowohl von der Mikrophon\u00fcbertragung wie auch vom pr\u00e4zisen Dirigat von <strong>Fran\u00e7ois-Xavier Roth<\/strong> und der deutlich \u00fcberdurchschnittlichen Leistung der Instrumentalisten profitieren. Gegen\u00fcber den St\u00fccken der ersten H\u00e4lfte schlichen sich ein paar minimale Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten ein, die von den Mikrophonen nat\u00fcrlich genauso unbarmherzig \u00fcbertragen wurden wie all die sauberen, pr\u00e4zisen T\u00f6ne und Rhythmen, die jedoch nicht weiter ins Gewicht fielen und nur deshalb auffielen, weil sie in der ersten H\u00e4lfte eben gefehlt hatten.<\/p>\n<p><strong><em>KONSTRAKT 1<\/em><\/strong> geh\u00f6rt (wie auch die anderen Elektronikkompositionen des Abends) zu jenen positiven Beispielen Neuer Musik, die einen guten architektonischen Aufbau und eine schl\u00fcssige Dramaturgie besitzen. Die einzelnen Phasen drohten manchmal zu lange zu dauern, die Wechsel und \u00dcberg\u00e4nge erfolgten jedoch im richtigen Timing.<\/p>\n<p><strong>Fazit\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><em>Darf&#8217;s ein bi\u00dfchen mehr sein?<\/em><\/p>\n<p>Was dieser Abend durch die Gegen\u00fcberstellung von Elektronik- und Instrumentalmusik, sowie ihre Kombination schl\u00fcssig zeigen konnte, war die Tatsache, da\u00df die St\u00e4rken der Elektronik genau dort liegt, wo die Schw\u00e4che der Instrumentalmusik liegt und umgekehrt;\u00a0 und da\u00df eine gl\u00fcckliche Kombination beim derzeitigen Stand der Dinge eine \u00e4u\u00dferst schwierige, aber ebenso lohnende Herausforderung darstellt.<\/p>\n<p>Trotz ihrer rein technisch, viel gr\u00f6\u00dferen M\u00f6glichkeiten gegen\u00fcber traditionellen Instrumenten hat die Elektronik ihre gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke in der rein k\u00f6rperlichen Wirkung auf das vegetative Nervensystem. Egal ob es ein h\u00e4mmernder Ba\u00dfbeat ist oder ein brausendes D\u00fcsenj\u00e4gerjetheulen, eine solch elementare, direkte, archaische Wirkung k\u00f6nnen traditionelle Instrumente kaum hervorbringen (der Anfang des Orgelst\u00fccks \u201e<em>Volumina<\/em>\u201c von Ligeti ist eine der wenigen Ausnahmen). Paradoxerweise n\u00e4hert sie sich damit trotz ihrer hochgez\u00fcchteten Technologie der elementaren Musik von Naturv\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist die Elektronik (noch?) nicht imstande, \u00e4hnlich differenzierte Wirkungen auf die \u201eh\u00f6heren Hirnwindungen des Geistes\u201c hervorzubringen wie analoge Instrumente. Sie ist mehr der naturhaften Einfachheit\/Komplexit\u00e4t verhaftet, die \u00fcber den gesch\u00fctzten Rahmen des abendl\u00e4ndischen Kunstverst\u00e4ndnisses hinausgeht.<\/p>\n<p>Insofern liegt es nahe, das beste aus beiden Welten zu kombinieren, um auf diese Weise einen weiteren Fortschritt in der Musik zu erreichen. Oder nicht? Die vorgestellten Werke dieses Abends zeigten die Herausforderung und Problematik dieses Unterfangens. Um nicht wie \u00d6l und Wasser nebeneinander getrennt zu bleiben mu\u00df das traditionelle Instrument sich durch elektronische Verst\u00e4rkung dem neueren Medium anpassen und b\u00fc\u00dft dadurch einige seiner Vorteile ein, ohne wesentliche neue hinzuzugewinnen (gr\u00f6\u00dfere Klarheit durch Mikrophonierung wird erkauft durch einen Wegfall des nat\u00fcrlichen Raumklangs). Andererseits wurde auch deutlich, da\u00df die Elektronik \u2013 besonders auf dem Gebiet der Lautst\u00e4rke \u2013 \u00a0einige Konzessionen an das traditionelle Instrumentarium zu leisten h\u00e4tte, um eine tats\u00e4chliche Synthese zu erreichen und nicht in Vereinnahmung zu verfallen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne m\u00f6gen noch interessante Zeiten der Klangentdeckung vor uns liegen!<\/p>\n<p>Christian Christoph Krause<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>City life, ein Konzertprojekt des GMD Francois-Xavier Roth (G\u00fcrzenichorchester) Besuchte Auff\u00fchrung: 27. Februar 2016 Vorbemerkung Das Konzertprojekt das am Abend des 27. 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