{"id":6549,"date":"2015-12-13T13:49:45","date_gmt":"2015-12-13T12:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6549"},"modified":"2015-12-15T15:43:11","modified_gmt":"2015-12-15T14:43:11","slug":"la-damnation-de-faust-paris-opera-bastille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.operapoint.com\/?p=6549","title":{"rendered":"LA DAMNATION DE FAUST &#8211; Paris, Op\u00e9ra Bastille"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>von H\u00e9ctor Berlioz. Eine dramatische Legende in vier Teilen, Textbuch: H\u00e9ctor Berlioz und Almire Gandonni\u00e8re, nach J.W. von Goethe (\u00dcbersetzung G\u00e9rard de Nerval)<\/p>\n<p>UA: 6. Dezember 1846 Paris, Op\u00e9ra Comique, (konzertant); 18. Februar 1893 Op\u00e9ra de Monte Carlo,<\/p>\n<p>Regie und B\u00fchne: Alvis Hermanis , Kost\u00fcme: Christine Neumeister, Beleuchtung: Gleb Filshtinsky, Video: Katrina Neiburg, Choreographie: Alla Sigalova, Dramaturgie: Christian Longchamps<\/p>\n<p>Dirigent: Philippe Jordan, Chor, Kinderchor und Orchester der Op\u00e9ra National de Paris, Ma\u00eetrise des Hauts-de-Seine, Choreinstudierung: Jos\u00e9 Luis Basso<\/p>\n<p>Solisten: Sophie Koch (Marguerite), Jonas Kaufmann (Faust), Bryan Terfel (M\u00e9phistof\u00e9l\u00e8s), Edwin Crossley-Mercer (Brander), Sophie Claisse (Voix c\u00e9leste), Dominique Mercy (stumme Tanzrolle)<\/p>\n<p>Besuchte Auff\u00fchrung: 11. Dezember 2015 (Premiere)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Man hat immer mehr den Eindruck, da\u00df die Oper als Kunstgattung langsam Opfer einer neuen Gilde von Regisseuren wird,<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Paris-Faust.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6552 alignright\" src=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Paris-Faust.jpg\" alt=\"Du Samedi 05 D\u00e9cembre 2015 Au Mardi 29 D\u00e9cembre 2015\" width=\"567\" height=\"378\" srcset=\"http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Paris-Faust.jpg 567w, http:\/\/www.operapoint.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Paris-Faust-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 567px) 100vw, 567px\" \/><\/a>welche die ihnen anvertrauten Werke nicht mehr interpretieren, sondern rekreieren wollen. Mag sein, da\u00df sie frustriert sind, weil sie als kleine Meister die Werke viel gr\u00f6\u00dferer Meister darstellen sollen, und nun den Anspruch geltend machen wollen, selbst Schaffende zu sein. Um sich Notoriet\u00e4t (juristische Gewi\u00dfheit) oder was immer zu erwerben, \u201eschaffen\u201c sie dann auch bedenkenlos und ohne R\u00fccksicht auf Verluste \u2013 Verluste f\u00fcr die Oper, f\u00fcr die ausf\u00fchrenden S\u00e4nger und Musiker \u2013 und ohne R\u00fccksicht auf das Publikum, das vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Diese Tendenz geht meist schon \u00fcber die postbrecht\u2019sche Theater-Ideologie hinaus. Unter dem Deckmantel der Modernit\u00e4t ist hier jeder Einfall recht. Je provozierender, je absurder, je politisch get\u00f6nter er ist, desto besser, selbst wenn diese Interpretations-Einf\u00e4lle nur noch wenig oder gar nichts mehr mit der zu Grunde liegenden Oper zu tun haben. Und nat\u00fcrlich darf niemand dagegen sprechen, das w\u00e4re fast schon politically incorrect. Manchmal kommt man sich vor, wie in einer Diktatur, manchmal wie in Andersens M\u00e4rchen von <em>Des Kaisers neuen Kleidern<\/em>. Ob die Oper auf diese Weise \u00fcberleben wird? Ich bin nicht sicher!<\/p>\n<p><strong>Kurzinhalt<\/strong><\/p>\n<p>Nach einer kurzen Episode in Ungarn, trifft der lebensm\u00fcde Faust auf Mephisto, der ihm alle Freuden des Lebens verspricht. Er bringt ihn zuerst in Auerbachs Keller und dann zu einem magischen Fest der Naturwesen. Dort sieht er im Traum Margarete, und begehrt sie. Mephisto schleust ihn ins Schlafzimmer des jungen M\u00e4dchens ein, wo Faust sie belauscht und dann verf\u00fchrt. Mephisto unterh\u00e4lt das Paar mit Ges\u00e4ngen und T\u00e4nzen der Erotik und der Leidenschaft. Margaretes Mutter stirbt an dem \u201eSchlafttrunk\u201c, den Mephisto ihr bereitet hat und Margarete wird f\u00fcr diesen Mord zum Tode verurteilt. Um sie zu retten unterschreibt Faust den Pakt mit dem Teufel. Sie kommt in den Himmel, er wird verdammt.<\/p>\n<p><strong>Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Unter den Regisseuren der Pariser Oper ist die Raumfahrt momentan Mode. Schon bei Sch\u00f6nbergs <em>Moses und Aaron<\/em> landete ein Sputnik auf der B\u00fchne und tat Wunder. <strong>Alvis Hermanis<\/strong> und sein Team gingen in ihrem Raumfahrt-Delirium noch viel weiter. Der Regisseur stellt bildlich zu Beginn der Auff\u00fchrung den gel\u00e4hmten Cambridge Professor und Star Treck Freak Stephen Hawking als den Faust des 21. Jahrhunderts vor und verkoppelt im weiteren dessen Aufforderung, die Menschheit solle Mond und Mars kolonisieren, um zu \u00fcberleben, mit dem <em>Faust<\/em>-Drama. Auf der B\u00fchne wird der Professor tetraplegig in einem elektrischen Rollstuhl von einem von Pina Bauschs Start\u00e4nzern dargestellt. Er verfolgt stumm und bewegungslos das Geschehen wie ein krankhafter Schatten.<\/p>\n<p>Im ersten Teil ist die Menschheit noch menschlich, der Chor in Stra\u00dfenkleidern hinter Gittern. Doch ab dem zweiten Teil sieht man nur noch ein fast nacktes Ballet, das sich frei auf der B\u00fchne oder in gro\u00dfen durchsichtigen Retortengl\u00e4sern oder in dreist\u00f6ckigen Glash\u00e4usern verrenkt, umschlingt, kratzt (beim Lied von <em>K\u00f6nig mit seinem Floh<\/em>) oder sich in Zeitlupen-Orgien liebt. Sicherlich, sie sollen die erotischen Phantasietr\u00e4ume bedeuten, mit denen Mephisto Margarete und Faust einschl\u00e4fert, aber eine Erotik ist kaum sp\u00fcrbar, von einer Sinnlichkeit ganz zu schweigen. Vielleicht soll es eher die Retorten-Aufarbeitung der Menschheit sein, die f\u00fcr ihre Auswanderung nach Mond und Mars konditioniert wird?<\/p>\n<p>Dazu singt Chor weiterhin brav den Text der Oper, spielt nun aber in wei\u00dfen Laborantenkitteln die Rolle einer Vielzahl von Dr. Jekylls und Mr. Hydes oder Frankensteins, die alles \u00fcberwachen, dazu als Hintergrund ein Video mit wei\u00dfen Laborm\u00e4usen. Im Finale der Oper singt der Chor in hellblauen Astronautenanz\u00fcgen immer noch den Fausttext, aber spielt die Einschiffung in Raumschiffe, die zu fernen Planeten fliegen. Margaretes Seele schwebt zum Klange der <em>Laus! Laus! Hosanna! Hosanna!,<\/em> von Video Raumraketen begleitet, gen Himmel, w\u00e4hrend Faust in den elektrischen Rollstuhl verdammt wird, Nachdem der verkr\u00fcppelte, gel\u00e4hmte Professor pl\u00f6tzlich zum Leben auferstanden ist.<\/p>\n<p><strong>S\u00e4nger und Orchester<\/strong><\/p>\n<p>Mit Jonas Kaufmann, Bryan Terfel und Sophie Koch h\u00e4tte man sich kaum ein idealeres Ensemble f\u00fcr diese Oper w\u00fcnschen k\u00f6nnen. Dazu ein gut einstudierter Chor, ein ausgezeichnetes Orchester und Philippe Jordan als Dirigent. Es h\u00e4tte eine brillante Auff\u00fchrung sein k\u00f6nnen. Und musikalisch war sie es auch, dar\u00fcber braucht man gar nicht mehr diskutieren. Hin und wieder gab es sogar ein paar Momente, in denen man halbwegs zum Sinn der Oper zur\u00fcckfand. So in Fausts Arie <em>Le vieil hiver a fait place au printemps \u2013 der alte Winter macht dem Fr\u00fchling Platz\u00a0 <\/em>(1. Teil, 1. Szene) mit dem sehr sch\u00f6nen Video einer riesigen Klatschmohnwiese als Hintergrund. Dann wieder in der stimmungsvollen Romanze der Margarete (4. Teil, 15. Szene) <em>D\u2019amour l\u2019ardente flamme \u2013 die gl\u00fchende Flamme der Liebe<\/em>, auf leerer, dunkler B\u00fchne nur rechts und links ein kleines von innen beleuchtetes Gew\u00e4chshaus und das Video einer Wiese, aber auch hier der unvermeidliche, st\u00f6rende, stumme Begleiter in seinem Rollstuhl (den Margarete zu Abschied k\u00fc\u00dft!?). Gleich darauffolgend Fausts Monolog <em>Nature immense<\/em>, <em>imp\u00e9n\u00e9trable et fi\u00e8re<\/em> <em>\u2013 unendliche Natur, undurchdringlich und stolz<\/em> mit dem eindrucksvollen Video eines Vulkanausbruchs. Der enorme <strong>Chor<\/strong> war besonders eindrucksvoll in der <em>Amen<\/em>-Fuge (2. Teil, 5. Szene).<\/p>\n<p><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p>Objektiv gesehen werden in diesem Regie-Klamauk eine Reihe von interessanten, wenn auch oft sich widersprechenden Ideen und von sch\u00f6nen Bildern (vor allem Videobildern) geboten, aber mit <em>Faust<\/em> hat es herzlich wenig zu tun. Die Choreographie des modernen Ballets ist recht gut und der Anblick der jungen, athletischen K\u00f6rper \u00e4sthetisch. Auch Maurice B\u00e9jard hat 1964 <em>Damnation<\/em><em> de Faust <\/em>in einer damals recht gewagten Tanzregie auf die Pariser Opern B\u00fchne gebracht, doch seine T\u00e4nze waren menschlich-warm und sinnlich, und sie untermalten der Oper. Hier hingegen wirkt das Ballet bei Neonbeleuchtung klinisch k\u00fchl und steril und hat mit der Oper eigentlich nicht viel zu tun. Alle Magie, alle Poesie der Legende geht verloren. Man mu\u00df hingegen einr\u00e4umen: die Hintergrundvideos sind meist von gro\u00dfer farblicher und inhaltlicher Qualit\u00e4t. Zum Teil auch witzig, wie das Video des wilden Wettlaufs der Spermazoide hin zu den geduldig wartenden Eizellen und weiter bis zu den Bildern des werdenden Embryos. Und dennoch, trotz dieser sicherlich positiven Elemente, lenkt die Regie vom Wesentlichen, von Berlioz\u2019 gewaltigem Werk ab und zwar derart, da\u00df es st\u00f6rend wirkt.<\/p>\n<p>Die musikalischen Seite der Auff\u00fchrung wurde begeistert gefeiert, die Regie durch Buh- oder andere Zwischenrufe weitgehend verworfen. Der Regisseur und sein Team haben es dann auch vorgezogen, nicht zum Endapplaus auf der B\u00fchne zu erscheinen.<\/p>\n<p>Alexander Jordis-Lohausen<\/p>\n<p>Bild: Felipe Sanguinetti<\/p>\n<p>Das Bild zeigt: Dominique Mercy (stumme Tanzrolle), Sophie Koch (Marguerite), Jonas Kaufmann (Faust)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von H\u00e9ctor Berlioz. 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